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Papst Franziskus diesen Mittwoch bei der Generalaudienz im Damasushof Papst Franziskus diesen Mittwoch bei der Generalaudienz im Damasushof  (Vatican Media) Leitartikel

Leitartikel: Eine Enzyklika für alle Brüder und Schwestern

In einigen Ländern ist über den Titel des neuen Papstdokuments diskutiert worden und darüber, wie dieser in einem alle einschließenden Sinn übersetzt werden kann. Doch eine Enzyklika ist ja schon an sich eine universelle Botschaft - und Papst Franziskus will mit ihr das Herz jedes einzelnen Menschen erreichen. Das Schreiben wird am 4. Oktober veröffentlicht, wie das vatikanische Presseamt an diesen Mittwoch mitteilte.

ANDREA TORNIELLI

„Fratelli tutti“ lautet der Titel, den Papst Franziskus für seine neue Enzyklika gewählt hat. Das Schreiben widmet sich, wie im Untertitel zu lesen ist, der „fraternita“ (Brüderlichkeit/Geschwisterlichkeit) und der „amicizia sociale“ (sozialen Freundschaft). Der italienisch sprachige Titel wird genauso bleiben und also nicht übersetzt werden – das gilt für alle Sprachen in denen das Dokument veröffentlicht wird. Bekanntlicherweise sind die ersten Worte des „Rundschreibens“ (genau dies bedeutet das Wort „Enzyklika“) inspiriert vom heiligen Franz von Assisi, nachdem der Papst seinen Namen wählte.

Ein Zitat - logischerweise unverändert

Und während wir noch alle darauf warten, worum es inhaltlich in diesem Schreiben geht, das der Nachfolger Petri an die ganze Menschheit richten will und welches er am kommenden 3. Oktober am Grab des Heiligen unterzeichnen will - währenddessen sind wir in den vergangenen Tagen Zeugen von Diskussionen geworden. Und zwar Diksussionen über das einzige, was schon bekannt ist – nämlich der Titel des Schreibens und seine Bedeutung. Da es sich hier um ein Zitat des heiligen Franziskus handelt (zu finden in seinen Ermahnungen, 6, 1: FF 155) hat der Papst daran logischerweise nichts verändert. Mal ganz abgesehen davon wäre es auch absurd, zu glauben, dass der Titel in seiner Formulierung irgendeine Absicht hätte, mehr als die Hälfte der Menschlichkeit – nämlich die Frauen – als Adressaten auszuschließen.

Ausgrenzend? Im Gegenteil!

Das Gegenteil ist der Fall: Franziskus hat die Worte des Heiligen aus Assisi gewählt, um zum Nachdenken über ein Thema anzuregen, das ihm sehr am Herzen liegt: Nämlich die Geschwisterlichkeit aller und die soziale Freundschaft. Das richtet sich natürlich an alle Schwestern und auch Brüder, an alle Männer und Frauen guten Willens, die die Erde bevölkern.

„Das richtet sich natürlich an alle Schwestern und Brüder, an alle Männer und Frauen guten Willens, die die Erde bevölkern“

Es ist eine Botschaft für alle, die alle angeht und alle einbezieht und keinen ausschließt. Wir leben in Zeiten, die von Kriegen, Armut, Migration, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und einer Pandemie geprägt sind: Uns als Brüder und Schwestern zu erkennen und in allen, die uns begegnen einen Bruder oder eine Schwester zu sehen, das bedeutet für Christen immer auch, im Leid anderer das Antlitz Jesu zu sehen. Es ist eine Art die unveräußerliche Würde jedes menschlichen Lebewesens als Abbild Gottes zu bezeugen. Es ist außerdem eine Art, uns daran zu erinnern, dass wir uns aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten niemals alleine befreien können, eine gegen den anderen, die Norhalbkugel der Welt gegen den Süden, die Reichen gegen die Armen, oder entzweit durch jegliche andere ausgrenzenden Unterschiede.

„gesegnete gemeinsame Zugehörigkeit“

Am vergangenen 27. März, in der Hochphase der Pandemie, hat der Bischof von Rom für eine Errettung aller auf dem leeren Petersplatz gebetet. Unter prasselnden Regenfällen, begleitet nur vom leidenden Blick des Gekreuzigten auf dem Pest-Kruzifix aus der Kirche San Marcello und vom liebenden Blick Marias, Salus populi Romani (bezogen auf das Marienbildnis Salus Populi Romani -„Heil des römischen Volkes“).

„Mit dem Sturm“ - sagte Franziskus - „sind auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser „Ego“ in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene (gesegnete) gemeinsame Zugehörigkeit offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle Brüder und Schwestern sind“.

Genau das ist das zentrale Thema des Papstschreibens, diese „gesegnete gemeinsame Zugehörigkeit“, die uns Brüder und Schwestern sein lässt.

Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft, die im Untertitel genannten Themen, deuten auf das, was Männer und Frauen vereint: eine Zuneigung zwischen Menschen, die nicht Blutsverwandt sind und die sich in wohlwollenden Taten äußert – etwa in Form von großzügigen Taten in Notsituationen. Es ist diese von Interessen unabhängige Zuneigung gegenüber den anderen menschlichen Wesen, unabhängig von jeglichen Unterschieden und Zugehörigkeiten. Aus diesem Grund kann es keine Missverständnisse oder eine partielle Lesart der universellen und alle einbeziehenden Botschaft der Worte „Fratelli tutti“ geben.

Andrea Tornielli ist Chefredakteur der vatikanischen Medien. Übersetzung aus dem Italienischen: Stefanie Stahlhofen.

(vatican news)

16 September 2020, 16:10