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Vatican News
Italienische Kampfflieger über der Peterskuppel in Rom am Nationalfeiertag Italienische Kampfflieger über der Peterskuppel in Rom am Nationalfeiertag  (Vatican Media)

Der Vatikan und die Londoner Immobilie: Einblicke in den Skandal

Schwerer Betrug und Erpressung: Im Skandal um den Kauf einer Luxus-Immobilie in London durch das vatikanische Staatssekretariat lassen sich die Konturen des Geschehens immer klarer erkennen. Ein Finanzmanager sitzt in Untersuchungshaft, die vatikanische Gendarmerie ermittelt auf Hochtouren.

Der Vatikan stellt nun zwei Tage nach der Verhaftung des Investment-Brokers Gianluigi Torzi erstmals ausführlich seine Sicht der Dinge dar. Die Untersuchung rund um die Immobilie in der schicken Sloane Avenue begann nach diesen Angaben im Juli und August letzten Jahres – mit zwei Anzeigen, die von der „Vatikanbank“ IOR und dem vatikanischen Rechnungsprüfer erhoben wurden. Vor allem in der Anzeige des Rechnungsprüfers war von schweren Straftaten die Rede. Im Vatikan starteten die Ermittlungen.

Im Fokus zunächst: Die Zeichnung des Fonds „Athena Capital Global Opportunities Fund“ durch das Staatssekretariat im Jahr 2014. Der Fonds wird von einem Investment-Unternehmen unter der Leitung von Raffaele Mincione verwaltet und ist Eigentümer des Londoner Gebäudes in der Sloane Avenue. Außerdem im Fokus: Die Vorgänge zwischen Ende 2018 und der ersten Hälfte des Jahres 2019. In diesem Zeitraum versucht das Staatssekretariat, durch die Liquidation der Anteile am Mincione-Fonds die angelegte Summe wieder verfügbar zu bekommen, wird aber – so die Darstellung des Vatikans – zum Opfer von Machenschaften von Gianluigi Torzi, der eigentlich als Vermittler eingeschaltet war.

Gianluigi Torzi
Gianluigi Torzi

Die Investition von 2014

Vor sechs Jahren, am 28. Februar 2014, steckte das Staatssekretariat zweihundert Millionen fünfhunderttausend Dollar in den „Athena Capital Global Opportunities Fund“ – eigene Gelder, wie jetzt betont wird, „die der Unterstützung der Aktivitäten des Heiligen Vaters galten“. Diese Mittel wurden durch eine komplexe Finanzarchitektur gewonnen: durch die Gewährung von Kreditlinien des Crédit Suisse und einer weiteren Bank, gegen die Verpfändung von Vermögenswerten in Höhe von 454 Millionen Euro, die sich im Besitz des Staatssekretariats befanden und aus Spenden stammten. Die mehr als 200 Millionen Euro waren zum Teil für den Kauf von 45% des Eigentums und zum Teil für bewegliche Investitionen bestimmt.

Nun war aber das Grundstück in der Sloane Avenue mit einer hohen Hypothek in Höhe von 125 Millionen Pfund belastet. Mincione soll nun die vom Staatssekretariat eingesetzten Mittel entgegen den Anweisungen des Staatssekretariats „für spekulative Initiativen verwendet“ haben. Diese Transaktionen hätten den Erwerb von Unternehmen betroffen, die Zeichnung von Anleihen, die von Mincione-Unternehmen ausgegeben wurden, den Erwerb von Anteilen an börsennotierten Unternehmen des Technologiesektors und auch den Erwerb von Aktien der „Banca Carige e Popolare di Milano“.

Ein Versuch, die Verluste einzudämmen

Die Ermittlungen der vatikanischen Justiz ergaben, dass die Anteile des Fonds im September 2018 einen Wert von 137 Millionen Euro hatten, mit einem Verlust von mehr als 18 Millionen Euro im Vergleich zum Anfangswert der Wertpapieranlage. Im November 2018 beschloss das Staatssekretariat, zu versuchen, die enormen Verluste der Investition in den Fonds einzudämmen. Dazu gehörte es, die Beziehung zu Mincione zu beenden, und zwar durch eine Operation, die zum einen die Übernahme der Immobilie in London und zum anderen den Verkauf der Fondsanteile vorsah.

Ein Mitarbeiter des Staatssekretariats namens Fabrizio Tirabassi, Leiter des Verwaltungsbüros (auch gegen ihn wird jetzt ermittelt), suchte in dieser Zeit nach jemandem, der in der Lage war, Verhandlungen mit Mincione aufzunehmen, und kam über einen Anwalt an Gianluigi Torzi. Dieser erklärte, er kenne Mincione und sei bereit, als Vermittler zu fungieren. Die Einigung kam ohne Schwierigkeiten in wenigen Stunden bei einem Treffen in London zustande.

Kardinal Pietro Parolin - hier mit dem italienischen Präsidenten Mattarella - leitet das vatikanische Staatssekretariat
Kardinal Pietro Parolin - hier mit dem italienischen Präsidenten Mattarella - leitet das vatikanische Staatssekretariat

 

Aus 129 Millionen wurden 350 Millionen

Tirabassi erklärte sich bereit, Mincione 40 Millionen Euro als Ausgleichszahlung zu zahlen. Diese Phase des Skandals wird noch untersucht, da sich ein enormes Missverhältnis zwischen dem Wert der Immobilie (zudem belastet durch ein Darlehen von 125 Millionen Pfund) und dem gezahlten Preis zeigt. Die Auszahlung von 40 Millionen erhöhte den vom Staatssekretariat gezahlten Preis auf 350 Millionen, um das Gebäude in der Sloane Avenue zur Verfügung zu haben - ein Grundstück, das im Dezember 2012 von einem Unternehmen Minciones zu einem Preis von 129 Millionen Pfund gekauft worden war.

Leider ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Um die Immobilie in London zu übernehmen, beschloss das Staatssekretariat, vertreten durch Fabrizio Tirabassi und Enrico Crasso (letzterer wurde autorisiert, mit seiner Firma „Sogenel Capital Holding“ auf die Konten des Staatssekretariats zuzugreifen), den Kauf aus noch zu klärenden Gründen über die „Gutt Sa“ unter Leitung von Torzi zu „triangulieren“ – und nicht über die „60 Sa Limited“, die auf Jersey ansässig und über eine Kette von Unternehmen der eigentliche Besitzer war. Über einen Rahmenvertrag erwarb „Gutt Sa“ die gesamte Kette von Unternehmen, die das Londoner Eigentum besitzen; 40 Millionen werden als Anpassung an den Mincione-Fonds gezahlt, und alle vom Staatssekretariat gehaltenen Anteile wurden an den Fonds verkauft.

Durch ein geschicktes Manöver behielt Torzi die Kontrolle über die Immobilie

Am 22. November wurde dann ein zweiter Vertrag (Aktienkaufvertrag) unterzeichnet, wonach das Staatssekretariat von Torzi 30.000 Aktien der „Gutt Sa“ zum symbolischen Wert von einem Euro erwarb. Die entsprechenden Zahlungen wurden geleistet. Doch am 22. November desselben Jahres änderte Torzi, ohne dass das Staatssekretariat davon erfuhr, das Kapital der Gesellschaft „Gutt Sa“, indem er neben den 30.000 Aktien ohne Stimmrecht 1.000 Aktien mit Stimmrecht einführte, die nicht Teil der Verpflichtung zur Übertragung waren. Auf diese Weise hatte der Finanzmanager weiterhin die volle Kontrolle über die Immobilie.

Aus den bisherigen Ermittlungen, Dokumenten und Zeugenaussagen geht hervor, dass Gianluigi Torzi ab Dezember 2018 „völlig ungerechtfertigte und unverhältnismäßige wirtschaftliche Forderungen zu stellen begann“, so der Vatikan, um die Aktien der „Gutt Sa“ (oder jedenfalls der Kette von Unternehmen, die das Grundstück in London besaßen,) zu übertragen und um die Verfügbarkeit des Gebäudes an das Staatssekretariat zurückzugeben. Torzi verlangte nach Angaben des Vatikans sehr hohe Beträge für die Übertragung der Anteile, obwohl die Vereinbarung vorsah, dass das Staatssekretariat sie jederzeit zum Preis von 1 Euro übernehmen konnte. Der Vatikan beschuldigt Torzi jetzt, die 1.000 Anteile, denen er absprachewidrig Stimmrecht zugesprochen hatte, zwischen April und Mai letzten Jahres ausgenutzt zu haben.

„Geld, das tatsächlich ohne jede wirtschaftliche oder rechtliche Rechtfertigung gezahlt wurde“

Der heute im Vatikan in Untersuchungshaft sitzende Broker habe sich nach ausgiebigen Verhandlungen, die von verschiedenen Finanzexperten im Auftrag des Staatssekretariats geführt worden seien, bereiterklärt, die Aktien der Gesellschaft, die die Immobilie in London hält, gegen die Zahlung von 15 Millionen Euro zu verkaufen. „Geld, das tatsächlich ohne jede wirtschaftliche oder rechtliche Rechtfertigung gezahlt wurde“, wie der Vatikan heute einräumt. Die beiden Zahlungen seien am 1. und 2. Mai 2019 gegen zwei Rechnungen über 10 und 5 Millionen Euro „für nicht existierende Dienstleistungen“ erfolgt.

Nach Angaben der vatikanischen Justiz habe Torzi in Absprache mit anderen Verdächtigen alles getan, um die Kette von Unternehmen, die das Eigentum in London halten, nicht an das Staatssekretariat zurückzugeben. Im Staatssekretariat aber ging allmählich „Angst vor einer ernsthaften Schädigung des Vermögens“ um, es ließ sich auf langwierige Verhandlungen durch verschiedene Emissäre ein – und zahlte schließlich weitere 15 Millionen Euro.

(vatican news – sk)
 

07 Juni 2020, 10:18