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Der Papst unterschreibt das Dokument von Abu Dhabi Der Papst unterschreibt das Dokument von Abu Dhabi 

Ein Meilenstein: Das Dokument von Abu Dhabi

Es gilt als neuer Meilenstein im katholisch-islamischen Miteinander: das „Dokument von Abu Dhabi“. Papst Franziskus und der Großscheich der Kairoer al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tayyeb, haben es im Februar in den Vereinigten Arabischen Emiraten unterzeichnet.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Jetzt beschäftigte sich ein Kongress an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom mit der „Erklärung zur Geschwisterlichkeit unter den Menschen“. Dabei schälte sich der Eindruck heraus, dass der Text tatsächlich alte Frontstellungen hinter sich lässt und einen Ton anschlägt, der ihn zu einem „Text für alle“ macht. Das sagt zumindest der muslimische Theologe Adnane Mokrani. Der Ausgangspunkt sei islamisch-christlich, doch dann werde es zu einem „Dokument für die ganze Menschheit“.

Mokrani lobt an der Erklärung, dass sie auf die Jugend setzt. „Junge Leute sind der Motor von Veränderung, die Hoffnung auf Zukunft; sie wollen Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, volle staatsbürgerliche Rechte. Da entsteht ein neues Bewusstsein. Dagegen sehen wir vor allem in der arabischen Welt zerbrechliche, konservative Regierungen, die sich nur mühsam etwas nach außen öffnen… Die Völker wollen Veränderung.“

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Gehorsam und Nächstenliebe zusammendenken

Am „Dokument von Abu Dhabi“ lobt Mokrani vor allem, dass es den Gehorsam gegenüber Gott – zentral im islamischen Denken – eng mit der Nächstenliebe, wie Christen sie betonen, zusammenbringt. „Gott dienen bedeutet, den Menschen dienen, vor allem den Schwachen; den Menschen dienen bedeutet, die grundlegenden Werte lebendig zu machen. Das ist also komplementär. Gott braucht nämlich unseren Dienst eigentlich nicht, man dient ihm daher am besten in den Schwachen, und der Dienst an den Schwachen ist der reale Ausdruck gelebter Werte.“

Was den künftigen interreligiösen Dialog betrifft, rät der Muslim dazu, vor allem nach Möglichkeiten gemeinsamen Engagements zu suchen. „Nicht fragen, was die anderen so machen. Die eigentliche Frage ist: Was können wir zusammen tun, was ist unsere gemeinsame Verantwortung? Von anderen keine Wunder erwarten. Der Text sollte unser Programm, unsere Vision sein – ein Programm für die Zukunft. Das Thema der Freiheit, der Überwindung des Minderheiten-Denkens zugunsten einer vollen Staatsbürgerschaft – das ist ein Zukunftsthema für Orient wie Okzident.“

„Antwort auf These vom Zusammenprall der Zivilisationen“

Die Erklärung ist aus Mokranis Sicht eine späte, doch gültige Antwort auf die These Samuel Huntingtons vom „Zusammenprall der Zivilisationen“. „Ein Mensch, der an die göttliche Barmherzigkeit und Weisheit glaubt, kann nicht glauben, dass das Geschick der Menschheit darin besteht, nur Krieg zu führen. Das ist antireligiös und antimenschlich.“

Auch Pater Laurent Basanese würdigt das „Dokument von Abu Dhabi“: Der Leiter eines interreligiösen Studienzentrums in Rom weist darauf hin, dass zum ersten Mal ein christlich-mulimischer Text dieser Größenordnung ausdrücklich von „Glaubensfreiheit“ spricht.

„Und es ist kein im engen Sinn interreligiöses Dokument über gutes Zusammenleben von Christen und Muslimen, weil das Wort ,interreligiöser Dialog' oder ,islamisch-christlicher Dialog' nicht einmal im Text auftaucht. Stattdessen ist von einem Dialog der Kulturen die Rede. Das ist eine Einladung, sich zu begegnen und an einen Tisch zu setzen – alle, Glaubende wie Nichtglaubende und Menschen guten Willens.“

Ein origineller Text

Basanese nennt das Dokument von Abu Dhabi „sehr originell“. Früher sei in solchen Texten nur von „Kultfreiheit“ die Rede gewesen – dass also Christen in einem mehrheitlich islamischen Land doch ihren Kult feiern dürften. „Jetzt gehen wir darüber hinaus: Da ist die Rede von Glaubens- und von Gedankenfreiheit, das ist also etwas Wichtigeres.“ Für die islamische Welt stelle das in dieser Ausdrücklichkeit „ein Novum“ dar.

Es war, so sagt Pater Basanese, ein weiter Weg bis zu diesem Punkt, wo der „Dialog der Freundschaft“ beginnt. Sein interreligiöses Studienzentrum – das Päpstliche Institut für arabische und islamische Studien Pisai – wird in den nächsten Jahren verstärkt zum „Dokument von Abu Dhabi“ forschen.

„In einem Monat beginnt eine Gruppe von elf Professoren von der Gregoriana und dem Pisai mit der Arbeit, in zwei Jahren sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden. Jeder wird das Dokument von seinem Standpunkt aus untersuchen: Theologie, Spiritualität, Islamkunde, Soziologie.“

(vatican news)
 

09 April 2019, 11:55