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Das Buch von Stefan Heid und Karl-Joseph Hummel, Päpstlichkeit und Patriotismus. Der Campo Santo Teutonico Das Buch von Stefan Heid und Karl-Joseph Hummel, Päpstlichkeit und Patriotismus. Der Campo Santo Teutonico 

Vatikan: Der deutsche Friedhof vor 100 Jahren

Ein kleiner Flecken deutscher Sprache hinter Vatikanmauern: das ist der Camposanto Teutonico, der Friedhof der Deutschen. Der „Campo“, wie er im Vatikanjargon auch heißt, hat eine altehrwürdige Geschichte. Ein Kongress nahm die Einrichtung in der Zeit zwischen 1870 und Erstem Weltkrieg in den Blick.

Gudrun Sailer - Vatikanstadt 

Der Tagungsband wird an diesem Sonntag im Camposanto vorgestellt. Wir sprachen vorab mit einem der beiden Herausgeber, dem Historiker Stefan Heid. Der deutsche Priester wirkt als Direktor des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, das am Camposanto ansässig ist.

Vatican News: Was bedeutete für diese altehrwürdige deutsche Institution hinter Vatikanmauern das Ende des Kirchenstaates 1870? Was für eine Zeit bricht da an?

Stefan Heid: „1870 war für den Campo Santo Teutonico sehr einschneidend, weil er zur italienisch besetzten Zone gehörte, obwohl er direkt am Petersdom, genauer gesehen südlich neben ihm liegt. Genau dieses Gebiet war italienisch besetzt. Es gehörte also gerade nicht zum ,Restvatikan´, in dem der Papst als Gefangener wohnte, sondern musste sich dem neuen Regime beugen. Das führte sofort zu Konflikten und starken Spannungen, die sich erst Jahrzehnte später dann etwas gelöst haben.“

Hier zum Hören:

Vatican News: Worum ging es bei diesen Konflikten?

Stefan Heid: „Zum Beispiel, dass man nun der italienischen Bauaufsicht unterlag und dass man keine Prozessionen mehr machen durfte. Außerdem waren religiöse und öffentliche Manifestationen strikt verboten. Man war also auf das Haus beschränkt. Man durfte es nicht mehr mit der päpstlichen Flagge beflaggen. All solche Schikanen, die sich die Italiener da geleistet haben.”

Vatican News: Wie hat sich diese Lage dann bis zum ersten Weltkrieg, während des ersten Weltkriegs und bis zum Ende des ersten Weltkriegs entwickelt?

Heid: „Nun, es war ja natürlich immer noch die römische Frage offen [der Konflikt mit Italien um Status und Territorium des Vatikans, Anm.]. Das heißt, dieser juristische Schwebezustand herrschte weiterhin. Man muss bedenken, dass der Campo Santo natürlich auch noch Immobilien in der Stadt hatte. Das war alles schwierig und in Frage gestellt. Die Bruderschaft wusste nicht, wie es weitergeht. Die meisten Bruderschaften sind ja vom neuen Staat aufgelöst und unterdrückt worden.”

Vatican News: Kirchenpolitisch war die Zeit zwischen 1870 und 1918 ganz besonders delikat. Stichwort Ultramontanismus, also der papsttreue und streitbare politische Katholizismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein gewichtiger Rektor des Campo Santo, Anton de Waal, spielte da eine Rolle – welche?

Heid: „Anton de Waal war eben der entscheidende Rektor über 40 Jahre lang, genau zu diesem schwierigen Zeitpunkt. Er selbst war ein Ultramontaner. Was man ein bisschen korrigieren muss, denn er war ja nicht jenseits der Berge - er war Cismontaner. Die Ultramontaner haben ja im Grunde in Deutschland gesessen und sich ganz stark an das Papsttum gebunden; die Katholiken, die päpstlicher waren als der Papst. Vor allen Dingen, weil der Papst gefangen war, wollten sie ihn unbedingt unterstützen. Die starke Bewegung für den Papst in Deutschland wurde von Anton De Waal in Rom unterstützt. Er war eigentlich der Vertreter des deutschen Ultramontanismus in Rom selbst. So hat er sich mit Sicherheit auch selbst verstanden.”

Vatican News: Wie kann man sich eigentlich die Deutsch-Römer zu jener Zeit vorstellen? Was war das für eine Population, die, sofern katholisch, im Campo Santo eine ganz wichtige Anlaufstelle hatte?

Heid: „Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Der Mitherausgeber des Bandes, Karl-Joseph Hummel, hat genau das untersucht und festgestellt: Den Deutsch-Römer gibt es eigentlich gar nicht, obwohl man dieses Wort so oft benutzt. Ja, wie ist das? Es gibt ja die Deutsch-Österreicher, die Deutsch-Deutschen, die Reichsdeutschen, die Kulturdeutschen in Südtirol oder die Schlesier. Das heißt, alle diese Gruppen waren ja auch in Rom vertreten und sie haben sich dann unter diesem einen Stichwort der Deutschen vereint und verbunden: Zur so genannten Deutschen Kolonie in Rom, wo dann sogar die Konfession keine Rolle spielte. Das waren dann natürlich auch die Protestanten, die es in ganz kleiner Zahl gab. Die hatte man natürlich aus katholischer Perspektive nicht so auf dem Bildschirm, wollten aber auch noch in dieses Boot, in dieses nationale Boot der Deutschen in Rom, hinein.”

Vatican News: 1888 entstand das Römische Institut der Görres-Gesellschaft am Campo Santo - so etwas wie katholische Parallelinstitution zum gleichzeitig entstandenen Deutschen Historischen Institut, das eher evangelischen Zuschnitts war. Mit welchem Auftrag, mit welchem Ziel wurde das Institut der Görres-Gesellschaft hier gegründet und angesiedelt?

Heid: „Das Institut kam an den Campo Santo in unmittelbarer Nähe des Vatikanarchivs – gerade wegen des Archivs. All diese Institute, diese historischen Institute wurden gegründet, weil Leo XIII. 1881 endgültig das Geheimarchiv der Öffentlichkeit, der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, geöffnet hatte. Alle wollten an diesem „Goldrausch“ teilhaben, wollten die Akten ausbeuten, wie man ja immer so schön sagte, und das war ein Rennen auf die Akten. Die Katholiken wollten da nicht zurückstehen und haben seitens der Görres-Gesellschaft das Historische Institut am Campo Santo gegründet, während der protestantische Schwerpunkt beim Deutschen Historischen Institut bestand - wenn gleich von Anfang an zwischen beiden Instituten, trotz aller Konkurrenz, eine Zusammenarbeit bestand.”

Hier die Angaben zum Tagungsband: Päpstlichkeit und Patriotismus. Der Campo Santo Teutonico. Ort der Deutschen in Rom zwischen Risorgimento und Erstem Weltkrieg. Herausgegeben von Stefan Heid und Karl-Joseph Hummel. Verlag Herder. 

(vatican news)

08 Dezember 2018, 07:48