Suche

Weihnachtsansprache an die Römische Kurie: ein wichtiger Adventstermin im Vatikan Weihnachtsansprache an die Römische Kurie: ein wichtiger Adventstermin im Vatikan   (Vatican Media)

Franziskus an die Kurie: Zuhören, unterscheiden, sich bewegen

Papst Franziskus hat seine leitenden Mitarbeiter zur Wachsamkeit gegenüber „ideologischen Fixiertheiten“ eingeladen. Wer in der Kurie arbeite, müsse dem Licht der Frohen Botschaft folgen, das „uns manchmal dazu bringt, unerforschte Pfade zu suchen und neue Wege zu beschreiten“, sagte der Papst bei der Weihnachtsansprache an sein Führungspersonal an diesem Donnerstag.

Franziskus machte seine Überlegungen an drei Verben fest, die er zur Einübung empfahl: zuhören, unterscheiden, sich bewegen. Diesen drei Leitgedanken ordnete er ausgewählte Figuren aus dem Weihnachtsgeschehen zu: Maria, Johannes der Täufer und die Sterndeuter.

Zuhhören statt urteilen

In der Kurie „muss man die Kunst des Hörens lernen“, hob der Papst an, und zwar eines offenen und vorurteilsfreien Hörens auf die anderen. Denn: „Manchmal laufen wir auch in der Kommunikation untereinander Gefahr, uns wie reißende Wölfe zu verhalten: Wir versuchen sofort, die Worte des anderen zu verschlingen, ohne wirklich zuzuhören, und stülpen ihm sofort unsere Eindrücke und Urteile über.“ Um dieses wenig zielführende Kommunikationsverhalten zu überwinden, empfahl der Papst – nach dem Vorbild Marias – eine zentrale Praxis der synodalen Kirche, nämlich Stille: „eine innere Stille, aber auch einen Raum der Stille zwischen dem Hören und dem Antworten. Zuerst hören wir zu, dann nehmen wir in Stille auf, reflektieren, interpretieren und erst dann können wir eine Antwort geben“.

Hier zum Nachhören

Die Demut des Unterscheidens aufbringen

Diese Art des gegenseitigen Hörens helfe in einem zweiten Schritt dabei, „die Unterscheidung zur Methode unseres Handelns zu machen“, so der Papst. Er verwies auf Johannes den Täufer, den harschen Prediger, der seine Vorstellung von Jesus radikal überdenken musste. Johannes habe Jesus zunächst als streng verurteilenden Richter präsentiert, der „die Sünder endlich richten“ werde. Stattdessen zeigte Jesus, als er dann kam, Milde und Barmherzigkeit. „Da spürt der Täufer, dass er unterscheiden muss, um mit neuen Augen sehen zu können”, erklärte der Papst. „Jesus war nicht so, wie er es erwartete, und deshalb muss sich auch der Vorläufer zur neuen Wirklichkeit des Reiches Gottes bekehren und die Demut und den Mut aufbringen zu unterscheiden.“

„Unterscheidung befreit uns von der Anmaßung, schon alles zu wissen“

Unterscheidung habe als Kunst des geistlichen Lebens eine geradezu befreiende Funktion, fuhr Franziskus fort. Sie befreie „uns von der Anmaßung, schon alles zu wissen, von der Gefahr, zu glauben, es reiche aus, die Regeln anzuwenden; von der Versuchung, auch im Leben der Kurie, einfach nach den immer selben Mustern vorzugehen, ohne zu bedenken, dass das Geheimnis Gottes uns immer übersteigt“, so der Papst, der in dieser Woche zur Überraschung vieler seiner leitenden Mitarbeiter die Segnung homosexueller Paare unter Auflagen erlaubt hatte.

Franziskus hielt in seiner Weihnachtsansprache fest, „dass das Leben der Menschen und die Wirklichkeit, die uns umgibt, den Ideen und Theorien immer überlegen sind und bleiben.“ Deshalb helfe die Unterscheidung auch den Kurienleuten, „dem Heiligen Geist zu folgen, so dass wir in der Lage sind, Wege zu wählen und Entscheidungen zu treffen, die nicht weltlichen Kriterien folgen oder einfach nur auf der Anwendung von Vorschriften beruhen, sondern dem Evangelium entsprechen.“

„Wenn Gott ruft, setzt er immer in Bewegung“

Zum dritten Punkt – sich bewegen – verwies Franziskus auf die Sterndeuter, die sich auf den Weg machten und freudig dem Herrn begegnen wollten. Diesen Aufbruch schilderte der Papst als ein Herausgehen aus den eigenen Gewissheiten. „Der christliche Glaube – denken wir daran – möchte uns nicht in unseren Sicherheiten bestärken”, so Franziskus, „er möchte uns auch keine schnellen Antworten auf die komplexen Probleme des Lebens geben. Im Gegenteil, wenn Gott ruft, setzt er immer in Bewegung.”

Deshalb müsse auch das Führungspersonal der Kurie in der Mitte der Weltkirche immer in Bewegung sein. Es gebe da die Versuchung, „stehen zu bleiben und innerhalb unserer umhegten Bereiche und Ängste ,herumzuirren´, so Franziskus wörtlich. „Ängste, Starrheit und schablonenhafte Wiederholung erzeugen eine Unbeweglichkeit, die den scheinbaren Vorteil hat, keine Probleme zu schaffen”.

„Bleiben wir wachsam gegenüber einer ideologischen Fixiertheit, die uns oft unter dem Deckmantel guter Absichten von der Wirklichkeit trennt“

Das lateinische Leitwort „quieta non movere“, frei übersetzt: keine schlafenden Hunde wecken, führe aber zu nichts anderem, als „dass wir uns in unseren Labyrinthen im Kreis drehen, worunter dann der Dienst für die Kirche und die ganze Welt leidet, zu dem wir berufen sind. Und bleiben wir wachsam gegenüber einer ideologischen Fixiertheit, die uns oft unter dem Deckmantel guter Absichten von der Wirklichkeit trennt und an der Bewegung hindert.” Wie die Sterndeuter sollten deshalb leitende Kirchenmitarbeiter aufbrechen und dem Licht folgen, „das uns manchmal dazu bringt, unerforschte Pfade zu suchen und neue Wege zu beschreiten“ – „mit Demut und Staunen.“

Progressive und Konservative? Besser: Verliebte und Gewöhnte 

Franziskus flocht noch eine neaurtige Überlegung zum Thema konservativ und progressiv ein, eine Gegenüberstellung, die die Reformdebatten der katholischen Kirche in westlichen Ländern seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil prägt. „Das Weitergehen erfordert Mut“, schickte der Papst voran, aber alles sei letztlich „eine Frage der Liebe“, der „Glut unter der Asche der Kirche“. Aus Sicht von Franziskus zählt heute nicht die Unterscheidung zwischen Progressiven und Konservativen, also zwischen Reformern und Bewahrern. Der zentrale Unterschied sei vielmehr der zwischen „Verliebten“ und „Gewöhnten“. „Dies ist der Unterschied. Nur wer liebt, geht weiter.“

Abschließend dankte Franziskus in seiner Weihnachtsansprache, die im Vergleich zu früheren Ausgaben eher milde Töne anschlug, seinen leitenden Mitarbeitern für ihr Engagement und für ihre Arbeit, „vor allem für eure Arbeit, die ihr im Stillen verrichtet”. Er empfahl sich mit zwei Bitten: den Sinn für Humor nicht zu verlieren und vor der Krippe ein Gebet für ihn zu sprechen.

(vatican news – gs)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

21. Dezember 2023, 09:35