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Therese von Lisieux Therese von Lisieux  (Caroline Dreier)

Wortlaut: Apostolisches Schreiben über Therese von Lisieux

Hier die Übersetzung des neuen Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus über die heilige Therese von Lisieux, das der Vatikan an diesem Sonntag veröffentlichte.

„Das Vertrauen und nichts als das Vertrauen soll uns zur Liebe führen!“

Diese eindrücklichen Worte der heiligen Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz sagen alles, sie fassen die Besonderheit ihrer Spiritualität zusammen und würden bereits genügen, um ihre Erhebung zur Kirchenlehrerin zu rechtfertigen. Allein das Vertrauen, „nichts anderes”, kein anderer Weg führt zu jener Liebe, die alles schenkt. Mit dem Vertrauen fließt die Quelle der Gnade in unserem Leben über, das Evangelium wird in uns Fleisch und verwandelt uns in Kanäle der Barmherzigkeit für unsere Brüder und Schwestern.

Es ist das Vertrauen, das uns jeden Tag trägt und das uns im Angesicht des Herrn bestehen lässt, wenn er uns zu sich rufen wird: „Am Abend dieses Lebens werde ich vor Dir mit leeren Händen erscheinen. Denn ich bitte Dich nicht, Herr, meine Werke zu zählen, ist doch unsere ganze Gerechtigkeit in Deinen Augen wie ein schmutziges Kleid. So will ich mich mit Deiner eigenen Gerechtigkeit bekleiden und Dich selbst von Deiner Liebe zu ewigem Besitz empfangen.“

Die kleine Therese ist eine der bekanntesten und beliebtesten Heiligen in der ganzen Welt. So wie der heilige Franz von Assisi wird sie selbst von Nicht-Christen und Nicht-Gläubigen geliebt. Sie wurde auch von der UNESCO als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten für die Menschheit unserer Zeit anerkannt. Es wird uns guttun, ihre Botschaft zu vertiefen, wenn wir den 150. Jahrestag ihrer Geburt am 2. Januar 1873 in Alençon und den hundertsten Jahrestag ihrer Seligsprechung begehen. Aber ich wollte dieses Schreiben weder an einem dieser beiden Termine noch an ihrem Gedenktag veröffentlichen, damit die Botschaft über diese Anlässe hinausgeht und als Teil des geistlichen Schatzes der Kirche angesehen wird. Das Datum dieser Veröffentlichung, der Gedenktag der heiligen Theresia von Ávila, möchte die heilige Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz als eine reife Frucht der Reform des Karmels und der Spiritualität der großen spanischen Heiligen ausweisen.

Ihr irdisches Leben war von kurzer Dauer, gerade einmal vierundzwanzig Jahre, und schlicht wie jedes andere – zuerst lebte sie in ihrer Familie und dann im Karmel von Lisieux. Die außergewöhnliche Kraft an Licht und an Liebe, die ihre Person ausstrahlte, zeigte sich unmittelbar nach ihrem Tod mit der Veröffentlichung ihrer Schriften und durch die unzähligen Gnaden, die die Gläubigen erhielten, die sie anriefen.

Die Kirche erkannte schnell den außerordentlichen Wert ihres Zeugnisses und die Besonderheit ihrer im Evangelium verwurzelten Spiritualität. Theresia begegnete Papst Leo XIII. anlässlich der Pilgerreise nach Rom im Jahr 1887 und bat ihn um die Erlaubnis, im Alter von fünfzehn Jahren in den Karmel einzutreten. Kurz nach ihrem Tod wurde sich der heilige Pius X.  ihrer gewaltigen geistlichen Bedeutung bewusst, so dass er sogar die Aussage traf, sie würde die größte Heilige der Moderne werden. Im Jahr 1921 wurde sie von Benedikt XV. für verehrungswürdig erklärt; er lobte ihre Tugenden, die er im „kleinen Weg“ der geistlichen Kindschaft ausmachte. Vor einhundert Jahren wurde sie seliggesprochen und später, am 17. Mai 1925, von Pius XI. heiliggesprochen, der dem Herrn dafür dankte, dass Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz die erste Selige war, die er zu den Ehren der Altäre erhob, und die erste von ihm kanonisierte Heilige. Derselbe Papst erklärte sie 1927 zur Patronin der Missionen. 1944 wurde sie vom verehrungswürdigen Pius XII. unter die Patroninnen Frankreichs aufgenommen.  Dieser vertiefte bei mehreren Gelegenheiten das Thema der geistlichen Kindschaft. Der heilige Paul VI. erinnerte gern daran, dass er selbst die Taufe am 30. September 1897 empfangen hatte, dem Todestag der heiligen kleinen Therese, und zum hundertsten Jahrestag ihrer Geburt richtete er ein Schreiben über ihre Lehre an den Bischof von Bayeux und Lisieux. Auf seiner ersten apostolischen Reise nach Frankreich im Juni 1980 besuchte der heilige Johannes Paul II. die ihr geweihte Basilika; er erklärte sie 1997 zur Kirchenlehrerin und dann auch zur „Expertin der scientia amoris“. Benedikt XVI. griff das Thema ihrer „Wissenschaft der Liebe“ wieder auf und schlug sie als „Wegweiser für alle vor, insbesondere für diejenigen, die im Volk Gottes den Dienst der Theologen ausüben.“ Schließlich hatte ich die Freude, ihre Eltern Louis und Zélie 2015 während der Synode über die Familie heiligzusprechen, und kürzlich habe ich ihr eine eigene Katechese in der Reihe über den apostolischen Eifer gewidmet

 Jesus für die anderen

In dem Namen, den sie als Ordensfrau wählte, steht Jesus im Vordergrund: Das „Kind“, das das Geheimnis der Menschwerdung anzeigt, und das „Heilige Antlitz“, das heißt, das Antlitz Christi, der sich bis zu seinem Ende am Kreuz hingibt. Sie ist die „heilige Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz“.

Als Akt der Liebe „hauchte“ Theresia bis zu ihrem letzten Atemzug beständig den Namen Jesu. Sie hatte diese Worte auch in ihre Zelle eingraviert: „Jesus ist meine einzige Liebe“. Das war ihre Interpretation der wichtigsten Aussage des Neuen Testaments: »Gott ist Liebe« (1 Joh 4,8.16).

Missionarische Seele

Wie es bei jeder authentischen Begegnung mit Christus geschieht, rief diese Glaubenserfahrung sie zur Mission. Theresia konnte ihre Sendung mit diesen Worten beschreiben: „Ich werde nämlich im Himmel denselben Wunsch haben wie auf der Erde: Jesus zu lieben und zu bewirken, dass er geliebt wird.“ Sie schrieb, dass sie in den Karmel eingetreten war, „um die Seelen zu retten“. Mit anderen Worten, sie verstand ihre Weihe an Gott nicht ohne die Suche nach dem Wohl ihrer Brüder und Schwestern. Sie teilte die barmherzige Liebe des Vaters für den sündigen Sohn und die des Guten Hirten für die verlorenen, fernstehenden und verletzten Schafe. Deshalb ist sie die Patronin der Missionen, eine Lehrmeisterin der Evangelisierung.

10. Die letzten Seiten der Geschichte einer Seele sind ein missionarisches Testament, sie bringen ihr Verständnis von Evangelisierung zum Ausdruck, die durch Anziehung und nicht etwa durch Druck oder Proselytismus geschieht. Es lohnt sich zu lesen, wie sie selbst es zusammenfasst: „Ziehe mich an Dich, wir werden dem Duft deiner Wohlgerüche nachlaufen“. Jesus, ich brauche also nicht einmal zu sprechen: „Indem Du mich anziehst, ziehe auch die Seelen an, die ich liebe.“ Das einfache „Ziehe mich an Dich!“ reicht aus. Herr, ich verstehe, wenn eine Seele sich „vom betörenden Duft Deiner Wohlgerüche“ hat gefangen nehmen lassen, dann kann sie nicht alleine laufen. Alle Seelen, die sie liebt, werden in ihrem Gefolge mitgezogen. Das geschieht ohne Zwang und ohne Anstrengung; es ist vielmehr eine natürliche Folge ihres Angezogenseins von Dir. Wie ein Wildbach, der sich mit ungestümer Macht ins Meer stürzt, alles mit sich reißt, was er unterwegs angetroffen hat, so nimmt die Seele, die in das uferlose Meer deiner Liebe eintaucht, mein Jesus, alle Schätze mit sich, die sie besitzt ... Herr, Du weißt, keine anderen Schätze habe ich als die Seelen, die Du mit der meinen vereinen wolltest.

Hier zitiert sie die Worte, die die Braut im Hohelied (1,3-4) an den Bräutigam richtet, gemäß der tiefgründigen Auslegung der beiden Kirchenlehrer des Karmels, der heiligen Theresia von Ávila und des heiligen Johannes vom Kreuz. Der Bräutigam ist Jesus, der Sohn Gottes, der unsere menschliche Natur angenommen und sie am Kreuz erlöst hat. Dort brachte er aus seiner offenen Seite die Kirche hervor, seine geliebte Braut, für die er sein Leben hingab (vgl. Eph 5,25). Es ist beeindruckend, wie die kleine Therese, die weiß, dass sie dem Tod nahe ist, dieses Geheimnis nicht in sich selbst verschlossen lebt, lediglich im Sinne einer Tröstung, sondern mit einer glühenden apostolischen Gesinnung.

Die Gnade, die uns von der Selbstbezogenheit befreit

Etwas Ähnliches geschieht, wenn sie sich auf das Wirken des Heiligen Geistes bezieht, das sofort eine missionarische Bedeutung annimmt: „Das ist mein Gebet: Ich bitte Jesus, mich in die Flammen seiner Liebe hineinzuziehen und mich so eng mit sich zu vereinigen, dass er in mir lebt und handelt. Ich weiß genau, je mehr das Feuer der Liebe mein Herz entflammt, umso mehr werde ich sagen: „Ziehe mich an dich!“, umso mehr werden auch die Seelen, die mir nahe kommen (mir, die ich doch nur ein armes kleines Stück unnützen Eisenschrotts wäre, wenn ich mich aus dem göttlichen Glutofen entfernen würde), eilig laufen im Duft der Wohlgerüche ihres Geliebten. Denn eine von der Liebe entflammte Seele kann nicht untätig bleiben.“

Im Herzen der kleinen Therese hat sich die Gnade der Taufe in diesen reißenden Strom verwandelt, der in den Ozean der Liebe Christi mündet und dabei eine Vielzahl von Schwestern und Brüdern mit sich zieht, was sich besonders nach ihrem Tod ereignete. Das war ihr versprochener »Rosenregen.“

Der kleine Weg des Vertrauens und der Liebe

Eine der wichtigsten Entdeckungen der kleinen Therese zum Wohle des ganzen Gottesvolks ist ihr „kleiner Weg“, der Weg des Vertrauens und der Liebe, auch bekannt als der Weg der geistlichen Kindschaft. Alle können ihm folgen, in jedem Lebensstand, in jedem Augenblick des Daseins. Es ist der Weg, den der himmlische Vater den Kleinen offenbart (vgl. Mt 11,25).

Die kleine Therese erzählt in der Geschichte einer Seele von der Entdeckung des kleinen Weges: „Ich kann mir also trotz meiner Kleinheit Hoffnung auf Heiligkeit machen. Größer machen kann ich mich nicht. Ich muss mich also so ertragen, wie ich bin, mit all meinen Unvollkommenheiten. Aber ich will ein Mittel finden, um auf einem kleinen, ganz direkten, ganz kurzen Weg in den Himmel zu kommen, einem kleinen, ganz neuen Weg.“

Um das zu beschreiben, verwendet sie das Bild des Aufzugs: „Der Aufzug, der mich bis zum Himmel emporheben soll, das sind deine Arme, o Jesus! Dafür brauche ich nicht größer zu werden. Im Gegenteil, ich muss klein bleiben, ja es immer mehr werden.“ Klein und nicht in der Lage sich auf sich selbst zu verlassen, aber fest geborgen in der liebenden Kraft der Arme des Herrn.

Es ist der „süße Weg der Liebe“, den Jesus für die Kleinen und die Armen, für alle eröffnet hat. Es ist der Weg der wahren Freude. Gegenüber einer pelagianischen Vorstellung von Heiligkeit, die individualistisch und elitär ist, mehr asketisch als mystisch, und die den Schwerpunkt hauptsächlich auf die menschliche Anstrengung legt, betont die kleine Therese stets den Vorrang des Handelns Gottes, seiner Gnade. Das bringt sie dazu zu sagen: „Dennoch fühle ich weiterhin dieselbe unbeirrbare Zuversicht, eine große Heilige zu werden. Denn ich setze nicht auf meine Verdienste, habe ich doch kein einziges, sondern ich hoffe auf den, der die Tugend, die Heiligkeit selbst ist. Er gibt sich mit meinen schwachen Bemühungen zufrieden, und er allein ist es, der mich bis zu sich erheben und mich zur Heiligen machen wird, indem er mich mit seinen unendlichen Verdiensten umgibt.“

Jenseits aller Verdienste

Diese Denkweise steht nicht im Widerspruch zur traditionellen katholischen Lehre über das Wachstum der Gnade, dass wir also durch die heiligmachende Gnade ohne unser eigenes Verdienst gerechtfertigt, verwandelt und dazu befähigt werden, mit unseren guten Taten auf einem Weg des Wachsens in der Heiligkeit mitzuwirken. Auf diese Weise werden wir erhoben, so dass wir echte Verdienste erlangen und so die empfangene Gnade weiter entfalten können.

Die kleine Therese zieht es jedoch vor, den Primat des göttlichen Handelns zu betonen und mit Blick auf die Liebe Christi, der sich ganz für uns hingegeben hat, zu vollkommenem Vertrauen einzuladen. Im Grunde besagt ihre Lehre: Da wir keinerlei Gewissheit haben können, wenn wir auf uns selbst schauen können wir auch nicht sicher sein, eigene Verdienste zu haben. Daher ist es nicht möglich, auf diese Anstrengungen oder Leistungen zu vertrauen. Der Katechismus wollte die Worte der heiligen kleinen Therese zitieren, die sie an den Herrn richtete: „Ich werde mit leeren Händen vor Dir erscheinen“ um damit zum Ausdruck zu bringen, dass “die Heiligen sich stets lebhaft bewusst waren, dass ihre Verdienste reine Gnade sind“. Diese Überzeugung bewirkt eine freudige und liebevolle Dankbarkeit.

Die angemessenste Haltung ist daher, das Vertrauen unseres Herzens außerhalb von uns selbst zu verankern: in der unendlichen Barmherzigkeit eines Gottes, der grenzenlos liebt und der am Kreuz Jesu Christi alles gegeben hat. Aus diesem Grund verwendet Theresia nie die zu ihrer Zeit gebräuchliche Formulierung „Ich mache mich zu einer Heiligen“.

Doch ihr grenzenloses Vertrauen ermutigt diejenigen, die sich schwach, begrenzt und schuldig fühlen, sich tragen und verwandeln zu lassen, um nach oben zu gelangen: „Ach, wenn alle schwachen und unvollkommenen Seelen sich das vor Augen halten würden, was die kleinste von allen Seelen, die Seele Ihrer kleinen Theresia, erfährt, würde keine einzige die Hoffnung aufgeben, dass sie den Gipfel des Berges der Liebe erreichen kann. Denn Jesus verlangt keine großen Taten, sondern allein Ergebung in seinen Willen und Dankbarkeit.“

Eben dieses Beharren der kleinen Therese auf der göttlichen Initiative hat zur Folge, dass sie, wenn sie von der Eucharistie spricht, nicht ihren Wunsch in den Vordergrund rückt, Jesus in der heiligen Kommunion zu empfangen, sondern den Wunsch Jesu, der sich mit uns vereinen und in unseren Herzen wohnen will. Im Akt der Hingabe an die barmherzige Liebe, sagt sie, die darunter leidet, dass sie nicht jeden Tag die Kommunion empfangen kann, zu Jesus: „Bleib in mir wie im Tabernakel.“ Die Mitte und der Gegenstand ihres Betrachtens ist nicht sie selbst mit ihren Bedürfnissen, sondern Christus, der liebt, der sucht, der sich sehnt, der in der Seele wohnt.

Die tägliche Hingabe

Das Vertrauen, das die kleine Therese bewirbt, ist nicht nur in Bezug auf die eigene Heiligung und Erlösung zu verstehen. Es hat einen ganzheitlichen Sinn, der die Gesamtheit des konkreten Daseins umfasst und sich auf unser ganzes Leben erstreckt, in dem wir oft von Ängsten, dem Wunsch nach menschlichen Sicherheiten und dem Bedürfnis, alles unter unserer Kontrolle zu haben, überwältigt werden. Hier ergeht die Einladung zur heiligen „Hingabe“.

Das vollkommene Vertrauen, das sich immer mehr der Liebe anheimgibt, befreit uns von zwanghaftem Kalkül, von der ständigen Sorge um die Zukunft, von Ängsten, die uns den Frieden nehmen. In ihren letzten Tagen bestand Theresia darauf: „Ich finde, dass wir, die wir den Weg der Liebe gehen, nicht an das denken dürfen, was die Zukunft uns an Schmerzlichem bringen kann, denn dann fehlt es uns an Vertrauen.“ Wenn wir uns in den Händen eines Vaters befinden, der uns grenzenlos liebt, dann wird dies unter allen Umständen wahr bleiben, wir werden weitergehen können, was auch immer geschieht, und auf die ein oder andere Weise wird sich in unserem Leben sein Plan der Liebe und der Fülle verwirklichen.

Ein Feuer mitten in der Nacht

Theresia erlebte im Dunkel der Nacht und sogar in der Finsternis des Leidens den stärksten und sichersten Glauben. Ihr Zeugnis erreichte den Höhepunkt im letzten Abschnitt des Lebens, in der großen „Prüfung gegen den Glauben“ die an Ostern 1896 begann. In ihrem Bericht bringt sie diese Prüfung in direkten Zusammenhang mit der schmerzhaften Wirklichkeit des Atheismus ihrer Zeit. Sie lebte nämlich am Ende des 19. Jahrhunderts, dem „goldenen Zeitalter“ des modernen Atheismus im Sinne eines philosophischen und ideologischen Systems. Als sie schrieb, dass Jesus es zuließ, dass „dichteste Finsternis in meine Seele einzog und sie erfüllte“, meinte sie damit die Finsternis des Atheismus und die Ablehnung des christlichen Glaubens. Vereint mit Jesus, der die ganze Dunkelheit der Sünde der Welt in sich aufnahm, als er den Kelch des Leidens zu trinken bereit war, begreift die kleine Therese in dieser düsteren Finsternis die Verzweiflung, die Leere des Nichts.

Aber die Finsternis kann das Licht nicht auslöschen: Sie wurde von demjenigen besiegt, der als Licht in die Welt gekommen ist (vgl. Joh 12,46). Der Bericht der kleinen Therese offenbart den heroischen Charakter ihres Glaubens, ihren Sieg im geistlichen Kampf angesichts der stärksten Versuchungen. Sie fühlt sich als Schwester der Atheisten und als jemand, der wie Jesus mit den Sündern am Tisch sitzt (vgl. Mt 9,10-13). Sie legt für sie Fürsprache ein, während sie ihren Glaubensakt beständig erneuert, immer in liebender Gemeinschaft mit dem Herrn: „Ich laufe zu meinem Jesus und sage ihm, ich bin bereit, mein Blut bis zum letzten Tropfen für das Bekenntnis zu vergießen, dass es einen Himmel gibt. Ich sage ihm auch, dass ich glücklich bin, diesen schönen Himmel nicht auf der Erde zu genießen, damit er ihn den armen Ungläubigen für die Ewigkeit auftun möge:“

Zusammen mit dem Glauben lebt Theresia auf intensive Weise ein unbegrenztes Vertrauen in die unendliche Barmherzigkeit Gottes: ein „Vertrauen, das zur Liebe führt.“ Sie lebt auch in der Dunkelheit das totale Vertrauen des Kindes, das sich ohne Angst den Armen seines Vaters und seiner Mutter überlässt. Für die kleine Therese zeigt sich Gott besonders klar durch seine Barmherzigkeit, die der Schlüssel zum Verständnis aller anderen Aussagen über ihn ist: „Mir hat er seine unendliche Barmherzigkeit gegeben, durch sie hindurch beschaue ich alle anderen göttlichen Vollkommenheiten und bete sie an ... Da erhalten für mich alle den Glanz der Liebe. Sogar die Gerechtigkeit (und vielleicht sie sogar mehr als alle anderen) erscheint mir wie mit Liebe bekleidet.“ Dies ist eine der wichtigsten Entdeckungen von Theresia, einer ihrer bedeutendsten Beiträge für das ganze Volk Gottes. Auf außergewöhnliche Weise tauchte sie ein in die Tiefen der göttlichen Barmherzigkeit und schöpfte daraus das Licht ihrer grenzenlosen Hoffnung.

Eine ganz feste Hoffnung

Vor ihrem Eintritt in den Karmel hatte Theresia eine einzigartige geistliche Nähe zu einem der unglücklichsten Menschen erlebt, dem Verbrecher Henri Pranzini, der wegen dreifachen Mordes zum Tode verurteilt worden war und keine Reue zeigte. Indem sie die Messe für ihn aufopfert und voller Vertrauen für seine Rettung betet, ist sie sich gewiss, ihn mit dem Blut Jesu in Berührung zu bringen und sie sagt zu Gott, sie sei ganz sicher, dass er ihm im letzten Augenblick vergeben werde, und dass sie daran glaube, »auch wenn er nicht beichten und keinerlei Anzeichen der Reue geben würde«. Sie nennt den Grund für ihre Gewissheit: „Mein Vertrauen auf die unendliche Barmherzigkeit Jesu ist so groß.“ Welch unbeschreibliches Gefühl, als sie dann erfährt, dass Pranzini noch auf dem Schafott „mit einem Mal, von einer plötzlichen Eingebung erfasst, sich umdreht, ein Kreuz ergreift, das ihm der Priester hinhält, und drei Mal seine heiligen Wunden küsst!“ Diese so intensive Erfahrung des Hoffens gegen alle Hoffnung war für sie von grundlegender Bedeutung: „Ah, nach diesem einzigartigen Gnadenerweis nahm mein Verlangen, Seelen zu retten, von Tag zu Tag zu.“

Theresia ist sich des Dramas der Sünde bewusst, auch wenn wir sie immer eingetaucht in das Geheimnis Christi sehen, mit der Gewissheit, dass „wo […] die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist“ (vgl. Röm 5,20). Die Sünde der Welt ist riesig, aber nicht unendlich. Die barmherzige Liebe des Erlösers hingegen ist wahrhaft unendlich. Theresia ist Zeugin des endgültigen Sieges Jesu über alle Mächte des Bösen durch sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung. Vom Vertrauen bewegt, wagt sie zu sagen: „Jesus, mach, dass ich viele Seelen rette, dass es heute keinen einzigen Verdammten gibt [...] Jesus, verzeih mir, wenn ich Dinge sage, die sich nicht gehören, ich will Dir doch nur Freude machen und Dich trösten.“ Damit kommen wir zu einem weiteren Aspekt dieser frischen Luft der Botschaft der heiligen Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz.

Ich werde die Liebe sein

Da sie „größer“ als der Glaube und die Hoffnung ist, wird die Liebe niemals vergehen (vgl. 1 Kor 13,8-13). Sie ist das größte Geschenk des Heiligen Geistes und „die Mutter und Wurzel aller Tugenden.“

Die Liebe als persönliche Haltung

Die Geschichte einer Seele ist ein Zeugnis der Liebe, in der die kleine Therese uns einen Kommentar zu Jesu neuem Gebot gibt, das darin besteht „dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe« (Joh 15,12). Jesus dürstet nach dieser Antwort auf seine Liebe. »Denn derselbe Gott, der erklärt, er habe es nicht nötig, uns zu sagen, wenn er Hunger hat, hat sich nicht gescheut, bei der Samariterin um ein wenig Wasser zu betteln. Er hatte Durst ... Doch mit dem Wort „Gib mir zu trinken!“ verlangte der Schöpfer des Alls nach der Liebe seines armen Geschöpfes. Er hatte Durst nach Liebe …“ Die kleine Therese möchte der Liebe Jesu entsprechen, ihm Liebe für Liebe zurückgeben.

Die Symbolik der ehelichen Liebe drückt die Gegenseitigkeit der Selbsthingabe zwischen dem Bräutigam und der Braut aus. So schreibt sie, inspiriert vom Hohelied (2,16): „Ich denke, das Herz meines Bräutigams ist ganz mein und das meine ganz sein, und ich spreche zu ihm in dieser köstlichen Einsamkeit von Herz zu Herz, bis ich ihn dann einmal von Angesicht zu Angesicht schauen darf“ Obwohl der Herr uns gemeinsam als Volk liebt, vollzieht sich die Liebe zugleich auf eine sehr persönliche Weise „von Herz zu Herz“.

Die kleine Therese hat die lebendige Gewissheit, dass Jesus sie in seinem Leiden persönlich liebte und vor Augen hatte: Er hat „mich geliebt und sich für mich hingegeben“ (Gal 2,20). Bei der Betrachtung des Todeskampfes Jesu sagt sie zu ihm: „Jesus, dass du mich erblicken wolltest.“ Auf die gleiche Weise sagte sie zum Jesuskind in den Armen seiner Mutter: »Mit deiner kleinen Hand, die Maria liebkoste, hieltest du die Welt und gabst ihr das Leben. Und du dachtest an mich.“ So betrachtet sie auch zu Beginn der Geschichte einer Seele die Liebe Jesu zu allen und zu jedem einzelnen Menschen, als sei er der einzige auf der ganzen Welt.

Der Akt der Liebe „Jesus, ich liebe dich“, der Theresia so beständig begleitete wie der Atem, ist der Schlüssel zu ihrer Lektüre des Evangeliums. Mit dieser Liebe taucht sie in alle Geheimnisse des Lebens Christi ein, die sie als Zeitgenossin miterlebt, indem sie sich im Evangelium zu Maria und Josef, Maria von Magdala und den Aposteln gesellt. Gemeinsam mit ihnen dringt sie in die Tiefen der Liebe des Herzens Jesu ein. Sehen wir uns ein Beispiel an: „Wenn ich Magdalena betrachte, wie sie in Gegenwart der zahlreichen Geladenen vorgeht, um die Füße ihres angebeteten Meisters, den sie zum ersten Mal berührt, mit ihren Tränen zu netzen; ich fühle, dass ihr Herz die Abgründe der Liebe und des Erbarmens des Herzens Jesu begriffen hat, und dass dieses Herz der Liebe nicht nur bereit ist, ihr, der Sünderin, zu vergeben, sondern auch ihr die Wohltat seiner göttlichen Nähe zu erweisen, sie zu den höchsten Gipfeln der Kontemplation zu erheben.“

Die größte Liebe in der größten Einfachheit

Am Ende der Geschichte einer Seele beschenkt Theresia uns mit ihrer Weihe als Ganz-Brandopfer an die barmherzige Liebe Gottes. Als sie sich voll und ganz dem Wirken des Heiligen Geistes überließ, empfing sie ohne Aufsehen oder auffällige Zeichen die Überfülle des lebendigen Wassers: „die Ströme, ja die Ozeane an Gnaden, die daraufhin in meine Seele eingeströmt sind.“ Es ist das mystische Leben, das sich, auch ohne außerordentliche Phänomene, allen Gläubigen als eine alltägliche Erfahrung der Liebe anbietet.

Die kleine Therese lebt die Liebe im Kleinen, in den einfachsten Dingen des täglichen Lebens, und sie tut dies in der Gesellschaft der Jungfrau Maria, von der sie lernt, dass „lieben heißt, alles hergeben und dazu noch sich selbst schenken.“ Während die Prediger ihrer Zeit nämlich oft triumphalistisch von der Größe Marias sprachen, so als sei sie uns fern, zeigt die kleine Therese, ausgehend vom Evangelium, dass Maria die Größte im Himmelreich ist, weil sie die Kleinste ist (vgl. Mt 18,4), diejenige, die Jesus in seiner Erniedrigung am nächsten ist. Sie sieht, dass die Erzählungen der Apokryphen zwar voller beeindruckender und wunderbarer Vorkommnisse sind, die Evangelien uns aber ein demütiges und armes Leben in der Einfachheit des Glaubens zeigen. Jesus selbst möchte, dass Maria das Beispiel für die Seele ist, die ihn mit bloßem Glauben sucht. Maria war die erste, die den „kleinen Weg“ in reinem Glauben und Demut gelebt hat. Deshalb scheut sich Theresia auch nicht zu schreiben:

„Ich weiß, Jungfrau voll der Gnaden, dass du ganz arm in Nazaret lebtest und nichts weiter verlangtest: keinerlei Verzückungen, Wunder oder Ekstasen verschönten dein Leben, Du Königin der Auserwählten! Die Zahl der Kleinen ist ja so groß auf Erden; sie können ohne Zittern zu dir die Augen erheben, weil es dir gefiel, du unvergleichliche Mutter, auf dem gewöhnlichen Weg zu gehen, um sie zum Himmel zu führen!“

Die kleine Therese hat uns auch Erzählungen von einigen Momenten der Gnade hinterlassen, die sie inmitten des einfachen Alltags erlebte, wie etwa ihre plötzliche Eingebung, als sie eine kranke Schwester mit schwierigem Charakter begleitete. Aber es handelt sich immer um Erfahrungen intensivster Liebe inmitten ganz gewöhnlicher Situationen: „Eines Winterabends – es war kalt, es war dunkel – verrichtete ich wie gewöhnlich meine kleine klösterliche Arbeit. … Plötzlich drang aus der Ferne der Wohlklang eines Musikinstruments an mein Ohr. Da stand ein lichterfüllter Salon vor meinem inneren Auge, mit herrlichen goldenen Verzierungen versehen, und fein gekleidete junge Damen sagten sich gegenseitig weltliche Komplimente und Artigkeiten. Dann richtete sich mein Blick auf die arme Kranke, die ich stützte. Anstelle einer Melodie hörte ich von Zeit zu Zeit ihre Klagelaute, und anstelle der goldenen Verzierungen hatte ich die Backsteine unseres nüchternen Kreuzgangs vor Augen, den kaum ein Schimmer erhellte. Unmöglich kann ich beschreiben, was da in meiner Seele vorging. Ich weiß nur, dass der Herr sie mit den Strahlen der Wahrheit erleuchtete, welche den dunklen Glanz irdischer Feste dermaßen überstrahlten, dass ich mein Glück kaum fassen konnte ... Oh, um in den Genuss von tausend Jahren weltlicher Feste zu kommen, hätte ich keine zehn Minuten meines unscheinbaren Dienstes der Nächstenliebe hergegeben“.

Im Herzen der Kirche

Die kleine Therese hatte von der heiligen Theresia von Ávila eine große Liebe für die Kirche geerbt und sie war in der Lage in die Tiefe dieses Geheimnisses vorzudringen. Dies zeigt sich in ihrer Entdeckung des „Herzens der Kirche“. In einem langen Gebet zu Jesus, das am 8. September 1896, dem sechsten Jahrestag ihrer Ordensprofess, geschrieben wurde, vertraute die Heilige dem Herrn an, dass sie von einem gewaltigen Verlangen beseelt war, von einer Leidenschaft für das Evangelium, der eine einzelne Berufung nicht Genüge leisten konnte. Und so las sie auf der Suche nach ihrem „Platz“ in der Kirche noch einmal die Kapitel 12 und 13 des Ersten Briefs des Apostels Paulus an die Korinther.

In Kapitel 12 verwendet der Apostel das Bild des Leibes und seiner Glieder, um zu erklären, dass die Kirche eine große Vielfalt von Charismen umfasst, die gemäß einer hierarchischen Ordnung verbunden sind. Aber diese Beschreibung genügt der kleinen Therese nicht. Sie setzte ihre Nachforschungen fort, las das „Hohelied der Liebe“ in Kapitel 13, fand dort die große Antwort und schrieb diese denkwürdigen Worte: „Als ich den mystischen Leib der Kirche betrachtete, hatte ich mich in keinem seiner Glieder wiedergefunden, wie sie der heilige Paulus beschreibt, oder besser gesagt, ich wollte mich in allen wiederfinden ... Die selbstlose Liebe gab mir den Schlüssel zu meiner Berufung. Ich begriff, wenn die Kirche einen Leib hat, der aus verschiedenen Gliedern besteht, dann fehlt diesem Leib auch nicht das notwendigste, edelste von allen. Ich begriff, die Kirche hat ein Herz, und dieses Herz brennt vor Liebe. Ich begriff, allein die Liebe lässt die Glieder der Kirche wirken, und wenn die Liebe erlöschen würde, würden die Apostel nicht mehr das Evangelium verkünden und die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen ... Ich begriff, die Liebe schließt alle Berufungen in sich ein, die Liebe ist alles, sie umfasst alle Zeiten und alle Orte ... mit einem Wort, sie ist ewig! ... Da rief ich in meiner überschäumenden Freude aus: O Jesus, meine Liebe ... Endlich habe ich meine Berufung gefunden. Meine Berufung ist die Liebe! ... Ja, ich habe meinen Platz gefunden, den Platz in der Kirche, und diesen Platz hast du, mein Gott, mir gegeben ... Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein ... so werde ich alles sein ... so wird mein Traum Wirklichkeit werden!“.

Hier ist nicht die Rede vom Herz einer triumphalistischen Kirche, sondern vom Herz einer liebenden, demütigen und barmherzigen Kirche. Die kleine Therese stellt sich nie über die anderen, sondern sie begibt sich mit dem Sohn Gottes an die letzte Stelle, mit ihm, der um unseretwillen zum Diener wurde, sich selbst erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7-8).

Diese Entdeckung des Herzens der Kirche ist auch für uns heute sehr erhellend, damit wir uns nicht an den Grenzen und Schwächen der kirchlichen Institution stoßen, die von Dunkelheit und Sünden gezeichnet ist, sondern uns hineinbegeben in ihr „aus Liebe brennendes Herz“, das zu Pfingsten dank der Gabe des Heiligen Geistes entzündet wurde. Es ist dieses Herz, dessen Feuer durch jeden unserer Akte der Liebe weiter angefacht wird. „Ich werde die Liebe sein“: Das ist die radikale Option der kleinen Therese, das ist ihre abschließende Zusammenfassung, das ist ihre ureigene geistliche Identität.

Ein Regen von Rosen

Nach vielen Jahrhunderten, in denen so viele Heilige mit großer Inbrunst und Schönheit ihren Wunsch „in den Himmel zu kommen“ zum Ausdruck brachten, gab die heilige kleine Therese mit großer Aufrichtigkeit zu: „Damals hatte ich schwere innere Anfechtungen aller Art (bis dazu hin, dass ich mich manchmal fragte, ob es überhaupt einen Himmel gibt).“ Ein anderes Mal sagte sie: »Wenn ich die Wonnen des Himmels besinge, den ewigen Besitz Gottes, dann fühle ich keinerlei Freude, denn ich besinge einfach, was ich glauben will“. Was war geschehen? Dass sie mehr auf Gottes Ruf hörte, Feuer im Herzen der Kirche zu entfachen, als vom eigenen Glück zu träumen.

Die Verwandlung, die sich in ihr vollzog, ermöglichte es ihr, von der leidenschaftlichen Sehnsucht nach dem Himmel zu einem beständigen und glühenden Wunsch nach dem Wohl aller überzugehen, der in dem Traum gipfelte, im Himmel ihre Mission fortzusetzen, Jesus zu lieben und zu bewirken, dass er geliebt wird. In diesem Sinne schrieb sie in einem der letzten Briefe: „Ich rechne bestimmt damit, im Himmel nicht untätig zu bleiben. Mein Wunsch ist, weiter für die Kirche und die Seelen zu arbeiten.“ Und in denselben Tagen sagte sie noch direkter: „Ich werde meinen Himmel bis zum Ende der Welt auf Erden verbringen. Ja, ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun.“

So brachte die kleine Therese ihre ganz bewusste Antwort auf die einzigartige Gabe zum Ausdruck, die der Herr ihr zuteilwerden ließ, auf dieses erstaunliche Licht, das Gott in sie eingoss. Auf diese Weise gelangte sie zu ihrer abschließenden persönlichen Zusammenfassung des Evangeliums, die bei dem vollkommenen Vertrauen ihren Ausgang nahm, um in der vollständigen Hingabe für die anderen ihren Höhepunkt zu finden. Sie zweifelte nicht an der Fruchtbarkeit dieser Hingabe: »Ich denke an all das Gute, das ich nach meinem Tod tun möchte.“ „Gott würde mir den Wunsch, nach meinem Tod auf Erden Gutes zu tun, gar nicht eingeben, wenn er ihn nicht verwirklichen wollte.“ „Es wird sein wie ein Regen von Rosen“.

Der Kreis schließt sich. „C’est la confiance“. Es ist das Vertrauen, das uns zur Liebe führt und uns so von der Angst befreit, es ist das Vertrauen, das uns hilft, den Blick von uns selbst abzuwenden, es ist das Vertrauen, das uns erlaubt, das, was nur Gott tun kann, in seine Hände zu legen. Daraus erwächst uns ein riesiger Strom an Liebe und Energie, die wir zur Verfügung haben, um das Wohl unserer Brüder und Schwestern zu suchen. Und so konnte Theresia inmitten des Leids ihrer letzten Tage sagen: „Ich verlasse mich nur noch auf die Liebe.“ Am Ende zählt allein die Liebe. Das Vertrauen lässt die Rosen erblühen und verteilt sie gleich einem Überfließen der Fülle der göttlichen Liebe. Bitten wir um dieses ungeschuldete Geschenk, diese kostbare Gnadengabe, damit sich die Wege des Evangeliums in unserem Leben auftun.

Im Herzen des Evangeliums

In Evangelii Gaudium habe ich nachdrücklich dazu eingeladen, zur Frische der Quelle zurückzukehren, um das Wesentliche und das Unverzichtbare hervorzuheben. Ich glaube, es ist angebracht, diese Einladung wieder aufzugreifen und zu erneuern.

Die Lehrmeisterin der Synthese

Dieses Schreiben über die kleine heilige Therese erlaubt es mir, an Folgendes zu erinnern: In einer missionarischen Kirche „konzentriert sich die Verkündigung auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist. Die Aussage vereinfacht sich, ohne dadurch Tiefe und Wahrheit einzubüßen, und wird so überzeugender und strahlender.“ Der leuchtende Kern ist „die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat“

Nicht alles ist gleichermaßen zentral, denn es gibt eine Ordnung oder Hierarchie unter den Wahrheiten der Kirche, und „das gilt sowohl für die Glaubensdogmen als auch für das Ganze der Lehre der Kirche, einschließlich der Morallehre.“ Das Zentrum der christlichen Moral ist die Liebe, die Antwort auf die bedingungslose Liebe der Dreifaltigkeit ist, so dass „die Werke der Nächstenliebe die vollkommenste äußere Manifestation der inneren Gnade des Geistes sind“. Am Ende zählt nur die Liebe.

Der spezifische Beitrag, den uns die kleine Therese als Heilige und als Kirchenlehrerin schenkt, ist nicht analytisch, wie etwa derjenige des heiligen Thomas von Aquin. Ihr Beitrag ist vielmehr synthetisch, denn ihre besondere Fähigkeit ist es, uns zum Zentrum zu führen, zum Wesentlichen, zum Unverzichtbaren. Sie zeigt mit ihren Worten und mit ihrer eigenen persönlichen Entwicklung, dass, obwohl alle Lehren und Normen der Kirche ihre Bedeutung, ihren Wert, ihr Licht haben, einige dringlicher und grundlegender für das christliche Leben sind. Eben darauf hält Theresia ihren Blick und ihr Herz gerichtet.

Als Theologen, Moraltheologen, Gelehrte der Spiritualität, als Hirten und als Gläubige, müssen wir, jeder in seinem Bereich, diese geniale Einsicht der kleinen Therese noch mehr aufgreifen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, theoretisch wie praktisch, lehrmäßig wie pastoral, persönlich wie gemeinschaftlich. Dazu braucht es Mut und innere Freiheit.

Manchmal werden nur sekundäre Äußerungen dieser Heiligen zitiert oder es werden Aspekte erwähnt, die sie mit jedem anderen Heiligen gemeinsam hat, wie etwa das Gebet, das Opfer, die eucharistische Frömmigkeit und viele andere schöne Zeugnisse, aber auf diese Weise könnte es passieren, dass uns die ganz besonderen Aspekte ihres Geschenks an die Kirche entgehen, da wir vergessen, dass „jeder Heilige eine Sendung [ist]; er ist ein Entwurf des Vaters, um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen Aspekt des Evangeliums widerzuspiegeln.“ Denn »um zu erkennen, welches Wort der Herr durch einen Heiligen sagen will, ist es nicht ratsam, sich mit Details aufzuhalten […]. Was wir betrachten müssen, ist die Gesamtheit seines Lebens, sein ganzer Weg der Heiligung, jene Gestalt, die etwas von Jesus Christus widerspiegelt und die zum Vorschein kommt, wenn es gelingt, den Sinn der Gesamtheit seiner Person auszumachen.“ Dies gilt umso mehr für die heilige kleine Therese, da sie eine „Lehrmeisterin der Synthese“ ist.

Vom Himmel bis zur Erde bleibt die Aktualität der heiligen Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz in ihrer ganzen „kleinen Größe“ erhalten.

In einer Zeit, die uns dazu bringen will, uns in unsere eigenen Interessen zu verschließen, zeigt uns die kleine Therese, wie schön es ist, das eigene Leben zu einem Geschenk zu machen.

In einem Augenblick, in dem es vornehmlich um oberflächlichste Bedürfnisse geht, ist sie Zeugin der Radikalität des Evangeliums.

In einer Zeit des Individualismus lässt sie uns den Wert der Liebe entdecken, die zur Fürsprache wird.

In einem Augenblick, in dem der Mensch von der Größe und von neuen Formen der Macht besessen ist, zeigt sie uns den Weg der Kleinheit.

In einer Zeit, in der viele Menschen ausgesondert werden, lehrt sie uns die Schönheit der Fürsorge und des Daseins für die Anderen.

In einem komplexen Augenblick kann sie uns helfen, die Einfachheit, den absoluten Vorrang der Liebe, des Vertrauens und der Hingabe wiederzuentdecken und eine gesetzes- oder ethikzentrierte Logik zu überwinden, die das christliche Leben mit Pflichten und Vorschriften füllt und die Freude des Evangeliums einfriert.

In einer Zeit des Rückzugs und der Abschottung lädt die kleine Therese uns, die wir von der Anziehungskraft Jesu Christi und seines Evangeliums erfasst wurden, zum missionarischen Aufbruch ein.

Eineinhalb Jahrhunderte nach ihrer Geburt ist die kleine Therese lebendiger denn je inmitten der pilgernden Kirche, im Herzen des Volkes Gottes. Sie geht mit uns und tut Gutes auf Erden, wie sie es sich so sehr gewünscht hat. Das schönste Zeichen ihrer geistlichen Lebendigkeit sind die zahllosen „Rosen“, die Theresia verbreitet, das heißt, die Gnaden, die Gott uns auf ihre liebevolle Fürsprache hin schenkt, um uns auf dem Weg des Lebens beizustehen.

Liebe heilige kleine Therese,

die Kirche ist darauf angewiesen, dass die Farbe, der Duft und die Freude des Evangeliums in ihr erstrahlen. Schick uns deine Rosen! Hilf uns, so, wie du es getan hast, stets auf die große Liebe zu vertrauen, die Gott für uns hegt, auf dass wir jeden Tag deinen kleinen Weg der Heiligkeit nachahmen können.

Amen.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Johannes im Lateran, am 15. Oktober, dem Gedenktag der heiligen Theresia von Ávila, im Jahr 2023, dem elften meines Pontifikats.

(vatican – news)

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14. Oktober 2023, 18:30