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Papst Franziskus beim Rückflug aus Kanada Papst Franziskus beim Rückflug aus Kanada 

Fliegende PK: Papst nennt Unrecht an Indigenen „Völkermord“

Auf dem Rückflug aus Kanada hat Franziskus über die gerade beendete Reise und über alten und neuen Kolonialismus gesprochen. An Amtsverzicht habe er noch nicht konkret gedacht, allerdings: „Päpste können wechseln, kein Problem“. Auch sprach er über den deutschen Synodalen Weg, die Entwicklung der Lehre und die Bedeutung der Frauen für die Weitergabe des Glaubens.

VATICAN NEWS

Der Mord an den Eingeborenen war ein Völkermord. Auf die Frage einer kanadischen Journalistin hin sprach Papst Franziskus auf dem Rückflug von Iqaluit nach Rom über die Themen der gerade zu Ende gegangenen Reise und den alten und neuen Kolonialismus. Er sprach aber auch das Thema des Verzichts auf das Papsttum an, zu dem er durch die Fragen der Journalisten mehrfach gedrängt wurde, und erklärte, er denke im Moment nicht an einen Rücktritt, obwohl er dies als Möglichkeit sehe. Zu Beginn der Pressekonferenz bedankte sich Franziskus bei den Medienschaffenden, die mit ihm geflogen waren: „Guten Abend und danke für Ihre Begleitung, für Ihre Arbeit hier, ich weiß, dass Sie hart gearbeitet haben, und danke für die Begleitung, danke".

Er habe zwar bei seinen Ansprachen in Kanada das Wort „Genozid" nicht genutzt, ihn aber beschrieben, erklärte der Papst seinen Mitreisenden. Zudem habe er um Vergebung gebeten für diese „Operation, die völkermörderisch ist", und die das Verschleppen von Kindern und die gewaltsame Unterdrückung der Kultur dieser Völker beinhaltete, so Franziskus.

Krankes Knie und Reisepläne

Angesprochen auf sein krankes Knie und seine Reisepläne, sagte Franziskus, er könne den bisherigen Reiserhythmus wohl nicht fortsetzen, wolle aber an seiner Kasachstan-Visite im September festhalten. Auch die Ukraine wolle er besuchen und darüber hinaus, wie für Juli geplant aber abgesagt, den Südsudan und den Kongo. Ein Eingriff am Knie sei bei ihm nicht möglich wegen der Anästhesie, er leide immer noch an den Folgen der Anästhesie von seiner Darm-Operation im vergangenen Sommer. Franziskus hatte seine Kanada-Reise großteils im Rollstuhl bestritten. Künftige Reisen müssten wohl auch kürzer ausfallen, sagte er.

„Päpste können wechseln, kein Problem.“

Einen Amtsverzicht zu einem späteren Zeitpunkt schloss der 85-jährige Papst neuerlich nicht aus. „Ich glaube, dass ich in meinem Alter und mit dieser Einschränkung ein wenig haushalten muss, um der Kirche dienen zu können, oder, im Gegenteil, über die Möglichkeit eines Rücktritts nachdenken muss“, erklärte Franziskus. „Dies mit aller Ehrlichkeit: es ist keine Katastrophe, Päpste können wechseln, kein Problem.“ Es sei Gott, der das entscheide. Wie jeder Jesuit erforsche er täglich sein Gewissen und versuche die Pläne Gottes zu verstehen, das sei die Spiritualität des Ordens.

Eine „päpstliche Spiritualität“ hingegen existiere nicht, jeder Papst bringe seine eigene mit. „Das Papstamt ist keine Spiritualität, es ist eine Arbeit, eine Funktion, ein Dienst”, erklärte Franziskus. „Jeder füllt es aus mit seiner eigenen Spiritualität, den eigenen Gnaden, der eigenen Treue und auch den eigenen Sünden.“

„Die Doktrin der Entdeckung: Es stimmt, sie ist böse, sie ist ungerecht“

Gleich die erste Frage bei der fliegenden Pressekonferenz, die stets ein Journalist oder eine Journalistin aus dem Gastland stellt, galt der „doctrine of discovery" („Doktrin der Entdeckung“, ein Ausdruck, den die katholische Kirche nie benutzt hat). Gemeint ist eine kolonialistische Haltung, die sich auf einige päpstliche Bullen aus dem 15. Jahrhundert beruft. Diese gestanden den europäischen Kolonisatoren die Unterwerfung der nichtchristlichen Bevölkerung zu. Indigene wünschen sich vom Heiligen Stuhl eine Rücknahme der „Doktrin der Entdeckung“. Vor der Heiligen Messe in der Kirche St. Anne de Beaupré in Québec hielten einige Indigene sogar ein Banner hoch, das dieser Forderung Ausdruck verlieh.

 

„Die Doktrin der Entdeckung: Es stimmt, sie ist böse, sie ist ungerecht“, sagte Franziskus vor den Medienschaffenden. Und sie werde auch heute noch verwendet, „vielleicht mit Samthandschuhen“, aber doch, etwa bei der Vergabe von Krediten an arme Länder, die den Menschen dort einen anderen Lebensstil aufzwingen. Mit Blick auf die historische Kolonisierung der Welt durch England, Frankreich, Spanien und Portugal sagte der Papst, die Abwertung der Indigenen und das Überlegenheitsbewusstsein der Europäer seien „schwerwiegend“. „Deshalb müssen wir zurückgehen und sozusagen sanieren, was falsch gemacht wurde, in dem Wissen, dass es heute den gleichen Kolonialismus gibt“, erklärte Franziskus. Zuvor hatte der Papst bei seiner Begegnung mit 22 Indigenen im Sitz des Erzbistums Québec neuerlich eingeräumt, dass die katholische Kirche „eine unterdrückerische und ungerechte Politik“ gegen die Ureinwohner des Landes unterstützt habe.

Fortentwicklung der katholischen Lehre

Dogma und Moral seien in der katholischen Kirche „immer auf einem Weg der Entwicklung“, antwortete der Papst auf eine Frage über die mögliche Fortentwicklung des kirchlichen Neins zur künstlichen Empfängnisverhütung, die er aber in den größeren Zusammenhang hob. Aufgabe der Theologie sei die Forschung, das theologische Nachdenken, „man kann nicht Theologie treiben mit einem ,Nein´ am Anfang“, erklärte Franziskus. Das Lehramt müsse aber dabei helfen, die Grenzen zu verstehen. Er verwies auf den mittelalterlichen Kirchenlehrer Vinzenz von Lérins aus Gallien, der geschrieben habe, die sich entwickelnde Lehre festige sich mit der Zeit und dehne sich aus, sie konsolidiere sich, „aber immer im Voranschreiten“.

„Dann wird das Lehramt sagen, ja, in Ordnung, oder: nicht in Ordnung“

Zur Empfängnisverhütung sei ein Kongressband erschienen, und die Gelehrten seien in ihren Beiträgen ihrer Pflicht nachgekommen, „weil sie versucht haben, in der Doktrin voranzugehen, aber im kirchlichen Sinn, nicht außerhalb“, unterstrich der Papst. „Dann wird das Lehramt sagen, ja, in Ordnung, oder: nicht in Ordnung.“ Franziskus verwies auf zwei katholische Lehren, die sich in jüngerer Zeit weiterentwickelt haben, die (heutige) Einstufung von Atomwaffen als unmoralisch und das ausnahmslose Nein zur Todesstrafe. In diesen Fällen habe sich „das moralische Gewissen gut entwickelt“.

 

Synodaler Weg: „Es steht alles in meinem Brief"

Zum Synodalen Weg der Kirche in Deutschland sagte der Papst, er werde seinem diesbezüglichen Brief an die pilgernde Kirche in Deutschland von 2019 nichts hinzufügen. In diesem Schreiben, das er selbst und ohne Einbeziehung der Kurie verfasst habe, „steht alles“, der Brief sei „das päpstliche Lehramt über den Synodalen Weg.“ Die jüngste Erklärung des Heiligen Stuhles, die die Kirche in Deutschland zum gemeinsamen Gehen mit der Universalkirche einlädt, kam vom Staatssekretariat, wie Franziskus bei der fliegenden Pressekonferenz präzisierte. Es sei ein „Amtsfehler“ und „keine böse Absicht“ gewesen, das Schreiben nicht mit diesem Hinweis zu versehen. Die Erklärung war bei ihrem Erscheinen als Erklärung des Heiligen Stuhles deklariert, veröffentlicht vom vatikanischen Pressesaal. Dass ein genauerer Absender fehlte, hatte in der katholischen Kirche in Deutschland für Irritationen gesorgt.

„Eher von Harmonie als von Einheit sprechen"

Welche Merkmale wünscht sich Franziskus von seinem Nachfolger im Papstamt? Das sei eine Sache des Heiligen Geistes, der wisse es besser, antwortete Franziskus. Der Heilige Geist sei in der Kirche lebendig und sorge für Harmonie. „Es ist wichtig, eher von Harmonie als von Einheit zu sprechen“, so der Papst. „Einheit ja, aber Harmonie – das ist nichts Festgelegtes.“ Der Heilige Geist verleihe „eine fortschreitende Harmonie, die vorangeht.“

„Der Glaube muss im Dialekt vermittelt werden. Und dieser Dialekt wird von Frauen gesprochen“

Zum Ende der fliegenden Pressekonferenz sprach der Papst über etwas, das ihm am Herzen lag, etwas, wonach ihn niemand der Medienschaffenden gefragt hatte: über die Aufgabe der Frauen bei der Weitergabe des Glaubens. Seine Kanada-Reise sei sehr an die Figur der heiligen Anna, der Mutter Marias, geknüpft gewesen, erinnerte der Papst. „Eine Sache ist klar: der Glaube wird im Dialekt weitergegeben, und zwar im mütterlichen Dialekt, im Dialekt der Großmütter. Wir haben den Glauben in dieser dialektalen, weiblichen Form empfangen“, so Franziskus. Theologisch sei das mit dem Frau-Sein der Kirche zu erklären. „Wir müssen uns einlassen auf diesen Gedanken der weiblichen Kirche, der Mutterkirche, der wichtiger ist als jede Macho-Minister-Phantasie oder jede Macho-Macht.“ Ihm selbst sei die Sache mit dem mütterlichen Dialekt im Glauben beim Lesen des Martyriums der Makkabäer aufgegangen, der biblische Text verweise mehrfach darauf, dass die Mutter den Männern in ihrem Dialekt Mut zusprach. „Der Glaube muss im Dialekt vermittelt werden. Und dieser Dialekt wird von Frauen gesprochen“, fasst Franziskus zusammen. „Das ist die große Freude der Kirche, denn die Kirche ist Frau, die Kirche ist Braut.“

(vatican news)

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30. Juli 2022, 09:45