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Modi mit Papst Franziskus Modi mit Papst Franziskus  (AFP or licensors)

Indiens Premier beim Papst: „Ungeheuer wichtiges Treffen“

Papst Franziskus hat an diesem Samstag den indischen Premierminister Narendra Modi im Vatikan empfangen. Die beiden unterhielten sich etwa eine Stunde lang, zu den genauen Themen der Unterredung schweigt das Vatikan-Statement sich aus. Doch der Indien-Länderreferent des Hilfwerkes MISEREOR, Anselm Meyer-Antz, spricht in einem Interview, das wir noch vor der Audienz aufgezeichnet haben, von einem „ungeheuer wichtigen Treffen“.

Anne Preckel – Vatikanstadt

Es war das erste Mal in seiner Amtszeit, dass der hinduistische Premierminister des zweitgrößten Landes der Welt Papst Franziskus besuchte. Narendra Modi nimmt auf dem Weg zur Klimakonferenz in Glasgow am Wochenende am G20-Gipfel in Rom teil und machte einen Abstecher in den Vatikan. Dabei unterhielt er sich nicht nur mit dem Papst, sondern auch kurz mit den Spitzenvertretern des Staatssekretariats, und zwar über die herzlichen Beziehungen zwischen Indien und dem Vatikan - das einzige Detail, das sich aus dem Vatikan-Statement nach der Audienz ergibt.

Immerhin wurde auch bekannt, welche Geschenke der Papst und der Premier ausgetauscht haben. Modi hatte Franziskus einen Silberleuchter und ein Buch zum Thema Umwelt-Engagement mitgebracht; der Papst revanchierte sich mit einem bronzenen Kunstwerk und seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2021. Ein Foto von der Audienz zeigt eine herzliche Umarmung der beiden.

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„Spannende, aber sicher auch schwierige Begegnung“

Ihn habe es überrascht, dass das Treffen zustande komme, so Meyer-Antz im Vorfeld der Audienz; es handle sich um eine „spannende, aber sicher auch schwierige“ Begegnung, urteilte der MISEREOR-Referent mit Blick auf die problematische Lage der Katholiken und anderer religiöser Minderheiten in Indien. Modi setze mit seinem Vatikanbesuch einen anderen Schwerpunkt, so Meyer-Antz:

„Dem indischen Premier geht es augenscheinlich nicht um das Potential, über Menschenrechte zu sprechen oder die Situation von Minderheiten in seinem Land. Ich denke, dem indischen Premier geht es schlicht und einfach darum, auf internationaler Bühne sichtbar zu werden. Ich sage das mal in die koloniale Vergangenheit Indiens hinein: Ihm wird’s vor allen darum gehen, eben wahrgenommen zu werden als der Premierminister eines Landes mit 1,2 und demnächst 1,3 Milliarden Einwohnern.“

Beliebte Christen-Vertreter

„Der sehr hinduistisch geprägte Premierminister hat durchaus einen Zugang zum Katholizismus.“

Was nicht bedeutet, dass die hinduistisch-christliche Begegnung im Vatikan kein Potential habe, macht der MISEREOR-Referent zugleich deutlich. Premier Modi habe, obwohl überzeugter Hindu, „durchaus einen Zugang zum Katholizismus“, so Meyer-Antz. Und er erläutert dazu verschiedene Punkte, etwa die große Popularität des Papstes weit über seine Funktion als Oberhaupt aller Katholiken hinaus:

„Der Papst ist in Indien weit über die Grenzen der christlichen Milieus hinaus nicht nur bekannt, sondern auch sehr beliebt. Eine Sache, die in bestimmten Milieus stark kursierte, war seine Äußerung im Flugzeug, als er mit Blick auf die Homosexuellen antwortete: ,Wer bin ich denn, sie zu verurteilen?‘ Diese Äußerung von Papst Franziskus ist in Indien viral gegangen. Er wurde dann als der einzige Religionsführer der Welt gefeiert, der zu einer demütigen Toleranz gegenüber den verschiedenen Lebensformen in der Lage ist. Das ist ein sehr interessantes Phänomen.“

Papstbesuch in Indien?

Auch Mutter Teresa sei in Indien „eine Ikone weit über die christlichen Milieus hinaus“, nennt Meyer-Antz einen zweiten Aspekt. Dass Papst Franziskus und Mutter Teresa in Indien Bezugspunkte seien, und zwar über das Christentum hinaus, birgt im Blick der Regierung freilich auch so manches Problem. Die Strahlkraft soll bitteschön nicht allzu überbordend werden. Ist es deshalb bislang nicht zu einem Besuch von Papst Franziskus in Indien gekommen? Dazu Meyer-Antz:

„Die indische Regierung will nicht, dass der Papst nach Indien kommt und dort Messen feiert, bei denen nur die Hälfte der Anwesenden Christen sind. Also, die indische Regierung will die Popularität des Papstes in Indien nicht in dieser Art und Weise inszenieren. Ich kann mir aber vorstellen, dass wenn das Gespräch zwischen Heiligem Vater und indischem Premierminister konstruktiv verläuft, dass sich da was bewegt, so würde ich das formulieren.“

Das könnte sein, denn: Nach der Audienz bei Papst Franziskus teilte Modi über Twitter mit, er habe seinen Gastgeber zu einem Besuch in Indien eingeladen. Damit wären rein formal die Bedingungen für einen Papstbesuch auf dem Subkontinent erfüllt; Indiens Bischöfe hatten Franziskus bereits vor längerer Zeit eingeladen.

Was Anknüpfungspunkte zum Christentum in Indien betrifft, ergänzt MISEREOR-Referent Meyer-Antz im Interview mit Radio Vatikan, dass inzwischen immer mehr Hindus Weihnachten feierten - Inder und Inderinnen können mit Josef, Maria und dem Jesuskind offenbar viel anfangen: „Weihnachten und die Weihnachtsgeschichte sind in der gesamten indischen Gesellschaft präsent und stark. Die indischen Kirchen müssen rund um Weihnachten den Besuch von Hindufamilien in der Kirche organisieren.“

Narration mit schwerwiegenden Folgen

Hindus, die Weihnachten feiern und beliebte Vertreter des Christentums: Indien-Kenner Meyer-Antz sieht vor diesem Hintergrund schon auch Chancen im Austausch der zwei ungleichen Personen Modi und Franziskus im Vatikan. „Ein vorsichtiges Beharren von Franziskus auf den anhängigen Fragen ist sicher angebracht und in der Lage, mehr zu bewegen, als man das jetzt von außen einschätzen würde in einem Land, in dem gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung Katholiken sind.“

Zu diesen „anhängigen Fragen“ zählt etwa die schwere Lage der religiösen Minderheiten in Indien und ein von der Regierung propagierter Hindu-Nationalismus, der der Diskriminierung und Verfolgung der Minderheiten Vorschub leistet.  So gilt die hindunationalische Indische Volkspartei (BJP) Narendra Modis als politischer Arm solcher Extremisten. Aus Sicht des Vatikans gebe es wohl „hier viel zu besprechen“, formuliert Meyer-Antz.

„Eine postkoloniale, hinduistische Selbstbewusstseinsbildung“

Erst in diesen Tagen noch hatten sich in Indien mehrere katholische Bischöfe an die Regierung in Neu Delhi und die einzelnen Bundesstaaten gewandt und „wirksame Schritte" zur Eindämmung der Gewalt gegen Christen verlangt. Zuvor hatten Bürgerrechtsorganisationen in einem Bericht einen sprunghaften Anstieg von Verfolgung und Gewalt gegen Christen in diesem Jahr verzeichnet, die in 21 der 28 Bundesstaaten Verfolgung durch hindunationalistische Gruppen ausgesetzt seien (Bericht der Bürgerrechtsorganisationen ,Association for the Protection of Civil Rights' - APCR - und ,United Against Hate and United Christian Forum' - UCF). Die meisten dieser Staaten werden demnach von der BJP regiert, die auch die Bundesregierung in Neu Delhi stellt. 

Die derzeitige indische Regierung weise „intolerante Tendenzen“ auf und vertiefe diese, merkt MISEREOR-Referent Meyer-Antz dazu kritisch an. Indiens derzeitige Führung treibe eine Erzählung voran, in der Muslime und Christen keinen Platz hätten. Meyer-Antz nennt Beispiele: „Wir erleben in Indien seit 2014, seit Premier Modi das erste Mal gewählt worden ist, eine postkoloniale, hinduistische Selbstbewusstseinsbildung. Dass Menschen, die keine Hindus sind, zunehmend zu Bürgerinnern und Bürgern zweiter Klasse deklassiert werden. Am deutlichsten wird das eigentlich dabei, dass die indischen Nationalregierung versucht hat und dabei teilweise auch erfolgreich war, muslimische und christliche Helden des Befreiungskampfes oder auch Helden der Geschichte aus den Geschichtsbüchern zu verbannen.“

Dem Image nicht zuträglich

Indien werde in diesem Narrativ zum Land einzig der Hindus und der hinduistischen Tradition, Muslime und Christen würden zu „Bürgerinnen zweiter Klasse“ degradiert, so Meyer-Antz. Formell würden Hilferufe von Minderheiten-Vertretern wie etwa der Appell der katholischen Bischöfe von dieser Woche zwar von der Politik gehört. Die Realität vor Ort sehe aber oft ganz anders aus, macht er klar. So würden Vergehen gegen Minderheiten je nach Bundesstaat und lokaler Polizei ganz unterschiedlich behandelt:

„Die lokale Polizei wird von Provinzfürsten, sage ich mal abfällig, oder von den Innenministern der über 20 Bundesstaaten befehligt, die dann jeweils wieder ihre eigenen Interessen verfolgen. In Kerala zum Beispiel, wo wir einen hohen Anteil christlicher Bevölkerung haben, wird das sicher eher den Staat auf den Plan rufen, wenn solche Diskriminierungen und solche Gewalttaten passieren. In Uttar Pradesh, da sieht das ganz ganz anders aus. Dort ist ein sehr nationalistischer Hindu-Priester Ministerpräsident, der die Politik entsprechend stark prägt.“

„Wenn Modi zum Papst kommt, dann ist er zwar der Premierminister des zweitgrößten Volkes der Welt, aber er ist auch unter Druck. Er muss aus diesem Treffen auch mit einem Achtungserfolg hervorkommen.“

Hinsichtlich des Umgangs der Zentralregierung mit solch problematischen Vorgängen lenkt Meyer-Antz den Blick auf Indiens multilaterale Interessen: Premierminister Modi, der in diesen Tagen auf dem G20 in Rom und dem Weltklimagipfel in Glasgow mit den mächtigsten Vertretern der Weltpolitik zusammenkommt, ziele auf internationale Anerkennung, im Ausland präsentiere sich Indien gerne als „größte Demokratie der Welt“.. Insofern sei ihm daran gelegen, dass intolerante Tendenzen nicht allzu sichtbar würden, so Meyer-Antz von MISEREOR: 

„Die Bekanntheit einer solchen Tendenz in der indischen Gesellschaft geht ganz stark gegen die Interessen des Premierministers Modi, der sein Land als weltoffenes Land darstellen muss, der sein Land als Wirtschaftsplatz der Zukunft darstellen muss, der jeden Monat eine Million neue Jobs schaffen muss, wenn er sich weiter im Amt behaupten will, weil so viele junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. In dieser Spannung bewegt sich Premierminister Modi, und in dieser Spannung trifft auch der Papst auf ihn. Wenn Modi zum Papst kommt, dann ist er zwar der Premierminister des zweitgrößten Volkes der Welt, aber er ist auch unter Druck. Er muss aus diesem Treffen auch mit einem Achtungserfolg hervorkommen."

 

- Update um 13.30, aktualisiert mit Tweet von Modi nach der Audienz - 

(vatican news -pr)

30 Oktober 2021, 11:08