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Der Papst bei der Fliegenden Pressekonferenz: Der Rückflug aus Abu Dhabi Der Papst bei der Fliegenden Pressekonferenz: Der Rückflug aus Abu Dhabi  (ANSA)

Papst im Flieger: Interreligiöser Dialog, Venezuela und Missbrauch von Ordensfrauen

In seinem Gespräch mit den mitreisenden Journalisten nahm Papst Franziskus beim Rückflug aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wie üblich kein Blatt vor den Mund. Es ging um die historische Erklärung zur Geschwisterlichkeit zwischen den Menschen, aber auch um die Anfrage Maduros nach Vermittlung in der Venezuela-Krise und den Missbrauch von Ordensfrauen durch Kleriker.

Christine Seuss - Vatikanstadt

Eine kurze, aber bereits jetzt historische Reise des Papstes, die nicht nur aufgrund des gemeinsamen Dokumentes zur Geschwisterlichkeit unter den Menschen im Gedächtnis bleiben wird. Für ihn, so der Papst zu den Journalisten, seien Hass und Krieg die drängenden Probleme unserer Zeit, auf die dringend eine Antwort gefunden werden müsse: „Wenn wir Gläubige nicht fähig sind, uns die Hand zu reichen, uns zu küssen und auch zu beten, dann wird unser Glaube besiegt werden.“

Das gemeinsame Dokument sei im Gebet und in langer Vorarbeit entstanden, „auch ein bisschen im Geheimen, um das Kind nicht frühzeitig zur Welt zu bringen“, scherzte Franziskus, der jedoch von dem bisweilen vorgebrachte Vorwurf, er lasse sich von Muslimen für ihre Zwecke instrumentalisieren, nichts wissen wollte: „Ich werde beschuldigt, dass ich mich instrumentalisieren lasse, aber nicht nur von den Muslimen! Von allen, auch von den Journalisten! Das ist Teil der Arbeit. Aber eines will ich klar wiederholen: von katholischer Seite aus ist das Dokument keinen Millimeter über das II. Vatikanische Konzil hinausgegangen.“

Ein langsamer und gründlicher Reifungsprozess

Immer und immer wieder habe er das Dokument auch durch Vatikantheologen gegenlesen lassen, bevor er es für unterschriftsreif erklärt habe. Ein Konzil brauche 100 Jahre, bis es in der Kirche Wirkung zeige, sagten Historiker: „Und wir sind jetzt auf halbem Weg.“ Er selbst habe bei einem Satz in dem Dokument Zweifel angemeldet – und musste sich schließlich belehren lassen, dass es sich bei der beanstandeten Passage um eine Aussage des Zweiten Vaticanums handelte, gestand Franziskus ein. Das Dokument müsse nun beispielsweise in Schulen und Universitäten studiert, „nicht aufgedrängt“ werden, wiederholte Franziskus die Überlegungen islamischer Gesprächspartner.

Berufung zum Frieden

Der Islam, dem er bei seiner Reise begegnet sei, sei ein offener, dialogbereiter Islam gewesen, so der Papst mit Blick auf seine interreligiösen Gespräche. Insbesondere die Begegnung mit dem Ältestenrat habe ihn beeindruckt, betonte er: „Ich unterstreiche die Berufung zum Frieden, die ich gespürt habe, auch wenn es das Problem einiger Kriege in der Region gibt. Für mich sehr berührend war das Treffen mit dem Ältestenrat“; es sei eine „sehr tiefschürfende Begegnung“ mit den Gelehrten gewesen, die aus verschiedenen Ländern und Kulturen kamen: „Das deutet auch auf die Öffnung dieses Landes zu einem gewissen regionalen, universalen und religiösen Dialog hin.“

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Insgesamt habe er in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine offene und gastfreundschaftliche Kultur vorgefunden, mit einem klaren Verständnis davon, dass auch das Öl nicht ewig reichen werde und neue Wege zur Wasserversorgung gefunden werden müssten. Was den Willen betreffe, kriegerische Auseinandersetzungen zu beenden, erläuterte der Papst auf die Frage eines Journalisten nach dem Jemen, so sei es schwierig, nach nur zwei Tagen Besuch und wenigen Gesprächen eine Aussage zu treffen. „Ich würde sagen, dass ich einen guten Willen zur Förderung von Friedensprozessen vorgefunden habe. Das war ein allgemeiner Nenner, wenn es in den Gesprächen um kriegerische Situationen ging.“

Folgen weitere Reisen in die Region?

Weitere Einladungen in den arabischen Raum lägen ihm vor, so Franziskus, entweder er selbst „oder ein anderer Petrus“ würden diesen sicher bald Folge leisten, versicherte er. Dass die Marokko-Reise, zu der er Ende März aufbricht, zeitlich so nah liege, sei jedoch Zufall, betonte Franziskus. Er habe ursprünglich zur UN-Konferenz zum Migrationspakt nach Marrakesch reisen wollen, dies sei jedoch aus diplomatischem Takt nicht möglich gewesen, ohne eine derartige Reise mit einem Staatsbesuch zu verbinden. Deshalb sei letztlich Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zur Konferenz nach Marrakesch gereist.

Vermittlung im Venezuelakonflikt: Nur wenn beide Parteien das wollen

Doch nicht nur die arabische Halbinsel und der interreligiöse Dialog, sondern auch die Situation in Lateinamerika war Thema auf dem Rückflug nach Rom. Franziskus bestätigte, dass per Diplomatenpost ein Brief von Venezuelas Präsidenten Maduro eingetroffen sei, in dem dieser um die Vermittlung des Papstes bittet. Er selbst habe den Brief noch nicht gelesen, aber „für eine Vermittlung braucht es den Willen beider beteiligter Parteien“, stellte Franziskus mit Blick auf die bislang eher mäßigen Vermittlungserfolge in Venezuela klar. „Der Heilige Stuhl war in Venezuela im Moment des Dialogs, als [Spaniens Premier] Zapatero und Nuntius Tscherrig und später Erzbischof Celli dort waren, anwesend. Und das hat ein mageres Ergebnis gebracht. Jetzt werde ich diesen Brief lesen und sehen, was man tun kann. Aber unter der Bedingung, dass das beide Seiten wollen. Ich bin immer bereit.“

Missbrauch an Ordensfrauen: Nicht erst seit heute ein Problem

In seiner aktuellen Februarausgabe hatte sich das Frauenmagazin der Vatikanzeitung Osservatore Romano einem unbequemen Thema gewidmet: dem Missbrauch von Ordensfrauen durch Kleriker. Dem Phänomen liege zunächst einmal ein kulturelles Problem zugrunde, gab der Papst auf Nachfrage eines Journalisten zu bedenken: „Die Misshandlung von Frauen ist ein Problem. Ich würde zu sagen wagen, dass die Menschheit das noch nicht eingehend ausgereift hat: die Frau wird als zweitklassig angesehen.“ Und das führe bis hin zum Frauenmord. Die verschiedenen Kulturen seien davon auf unterschiedliche Weise betroffen.

“ Muss man mehr dagegen tun? Ja. Haben wir den Willen dazu? Ja. ”

„Es ist wahr, innerhalb der Kirche gibt es auch Bischöfe und Kleriker, die so etwas tun“, so der Papst mit Blick auf Vergewaltigungen hinter Klostermauern. Ein Problem verschwinde nicht, wenn man sich dessen bewusst werde, doch hinter den Kulissen arbeite man daran, den Anzeigen nachzugehen und habe bereits Kleriker vom Dienst suspendiert – einige weibliche Kongregationen stünden wegen des Phänomens kurz vor der Auflösung, ließ der Papst durchblicken. „Muss man mehr dagegen tun? Ja. Haben wir den Willen dazu? Ja.”

“ Bring mir das Dossier aus dem Archiv ”

Er könne bei seinen Anstrengungen auf der Arbeit seines Vorgängers aufbauen, würdigte Franziskus den Mut Benedikts XVI., ähnliche schwerwiegende Entscheidungen zu treffen und mit Hartnäckigkeit zu verfolgen: „Man erzählt sich eine Anekdote: er hatte alle Informationen über eine religiöse Kongregation, in der sexuelle und wirtschaftliche Verderbtheit herrschte. Er versuchte, darüber [mit dem Papst Johannes Paul II., Anm.] zu sprechen aber es gab Filter und er konnte nicht an ihn herankommen. Am Ende hat der Papst, der klar sehen wollte, eine Sitzung einberufen und Joseph Ratzinger ist mit all seinen Unterlagen dorthin gegangen. Als er zurückkam, hat er zu seinem Sekretär gesagt: leg das ins Archiv, die andere Seite hat gewonnen. Wir dürfen nicht allzu entrüstet sein darüber, das sind Schritte eines Prozesses. Aber sobald er Papst geworden ist, war das erste, was er gesagt hat: Bring mir das Dossier aus dem Archiv.“

Auch wenn manch einer versuche, seinen Vorgänger als schwach darzustellen, habe dieser nichts Schwaches an sich, fuhr Franziskus fort: „Er ist ein guter Mann, ein Stück Brot ist böser als er, aber er ist ein starker Mann. Was dieses Problem betrifft: Beten Sie darum, dass wir vorwärts gehen können. Ich will vorwärts gehen. Diese Fälle gibt es und wir arbeiten daran.“

(vatican news)

05 Februar 2019, 18:56