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Philip Pullella von Reuters interviewt den Papst Philip Pullella von Reuters interviewt den Papst  (Vatican Media)

Flüchtlinge, China und Chile: Der Papst im Gespräch

Papst Franziskus hat in einem Interview mit dem Reuters-Korrespondenten Philip Pullela erneut über die heißen Eisen der Tagespolitik und seines Pontifikates gesprochen. Dabei ging er auf politische wie auf innerkirchliche Fragestellungen ein.

Christine Seuss - Vatikanstadt

In der Frage der Flüchtlinge, über die Europa sich zu spalten drohe, könne Populismus nicht die Lösung sein, mahnte der Papst in dem Interview, das er am Welttag des Flüchtlings gewährte. Bei der Aufnahme der Schutzsuchenden sei ganz Europa gefordert, seine Pflicht zu erfüllen. Gleichzeitig müsse man in die Entwicklung von Staaten investieren, aus denen die Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft flöhen.

Einig mit Merkel

 

In dieser Frage sei er vollständig einer Meinung mit der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, betonte Franziskus. Denn wenn man in Afrika nur den eigenen Vorteil suche und nicht zu einer gesunden Entwicklung beitrage, sei es kaum verwunderlich, so das Beispiel, das Franziskus wählte, dass hungernde Menschen nach Europa strömten. Hier sei es nötig, das Problem an der Wurzel anzupacken, so dass die Menschen gar nicht erst ihre Heimat verlassen müssten.

Der US-Immigrationspolitik, die in diesen Tagen weltweit für Negativ-Schlagzeilen sorgt, erteilte auch der Papst eine klare Absage. Er stehe „voll und ganz auf Seiten der Bischofskonferenz“, so Franziskus mit Blick auf die Kritik, die die Bischöfe an den Trennungen von Kindern illegaler Einwanderer von ihren Eltern übten. Er sei „traurig“ über die Entscheidung Trumps, den Dialog mit Kuba wieder zurückzufahren, doch er wolle die Entscheidung nicht kritisieren, da der US-Präsident „sicher gute Gründe“ dafür gehabt habe.

Kritik an Trump

 

Anders stehe es jedoch mit dem Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen: hier gehe es um „die Zukunft der Menschheit“, so dass er hoffe, dass Trump den Ausstieg nochmals überdenken werde. Grundsätzlich richte er sich bei seinen Bewertungen nach den Aussagen der örtlichen Bischöfe, „nicht, um mich aus der Verantwortung zu ziehen“, so der Papst, „sondern weil ich die Dinge vor Ort nicht so kenne.“

Er habe erst nach und nach die Tragweite des Falles „Barros“ begriffen, der während seiner Chile-Reise für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte, antwortet Franziskus auf die Frage des Reuters-Korrespondenten nach der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in Chile. Barros sei einer von vier Bischöfen gewesen, die aus dem Seminar des Geistlichen und Missbrauchs-Täters Karadima hervorgegangen seien, und die Informationen, die im Vatikan über ihn vorlagen, hätten keinen Anlass zu einer Intervention erkennen lassen, gibt der Papst Einblick in seine Entscheidungsfindung.

Missbrauch: Da hatte das Böse seine Hand im Spiel

 

Doch nachdem die Entrüstung weit über ein erklärbares Maß hinausgegangen sei, habe er seinen Sonderermittler Scicluna nach Chile gesandt – der mit einem 2.300 Seiten starken und bedrückenden Bericht, der auf 64 Zeugenaussagen basierte, zurückgekommen sei. Teile des Berichtes habe er den Bischöfen, die er in den Vatikan einberufen habe, zum Lesen gegeben – und diese hätten vollkommen richtig reagiert, ihm geschlossen ihren Rücktritt anzubieten, würdigt er die Entscheidung des Episkopates.

Es sei noch nicht klar, wie viele Rücktritte er noch annehmen werde – in mindestens einem Falle wolle er dem Betroffenen die Möglichkeit geben, sich zu konkreten Vorwürfen äußern zu können, unterstrich er. Die Rücktritte, die er angenommen habe, seien jedoch in engem Zusammenhang mit Problemen in den Diözesen erfolgt, ungeachtet des Alters der Bischöfe, von denen zwei bereits die Altersgrenze erreicht hatten. Sicher sei jedoch, dass „das Böse“ seine Hand im Spiel habe.

China: Nobelpreis für Geduld

 

Auf die Fortschritte im Dialog mit China angesprochen, betonte der Papst, dass dieser auf einem guten Weg sei. Es gebe zwei Dialogebenen, die offizielle und die inoffizielle, die man beide wertschätze, so Franziskus. Von beiden Seiten, dem Vatikan und China, bestehe „guter Wille“ zum Dialog. Doch der wichtigste Kanal, so die Einschätzung des Papstes, sei der Dialog auf kultureller Ebene.

Die Chinesen hätten einen „Nobelpreis der Geduld“ auf dem mühsamen Weg des Dialoges verdient, betonte er. Gleichzeitig äußerte er Verständnis für die Sorgen des betagten Kardinals Zen, der einen Dialog zulasten der „Untergrundkirche“ ablehnt. Der Dialog sei ein Risiko, so der Papst, doch er ziehe es vor, ein Risiko einzugehen, als die sichere Niederlage eines Nicht-Dialoges hinzunehmen.

Mehr Frauen in Kurienämter? Kein Problem

 

Er habe keine Probleme damit, mehr Frauen in wichtigen Kurienämtern unterzubringen, wenn sie die nötigen Kompetenzen mitbringen, betonte Franziskus auf eine entsprechende Frage des Reporters. Wichtig sei dabei nur, dass das Dikasterium keine Jurisdiktion besitze – wie dies beispielsweise bei der Bischofskongregation der Fall sei. Doch auch für das Amt des Präfekten des Kommunikationssekretariats sei eine Frau im Rennen gewesen – die aber wegen anderer Verpflichtungen letztlich nicht zur Verfügung stand, ließ der Papst durchblicken.

Noch hat der Vatikan den Nachfolger für den zurück getretenen Dario Viganò nicht bekannt gegeben. Doch auch für die Spitze wichtiger Dikasterien wie dem Wirtschaftssekretariat könne er sich eine Frau vorstellen, betonte Franziskus: „Wir sind spät dran, das ist wahr, müssen aber weiter gehen“.

Bei der Wahl einer Frau für einen Posten sei es unerheblich, ob sie Laiin sei oder dem geweihten Leben angehöre, so der Papst. Seine Erfahrung sei es jedenfalls, dass Frauen Konflikte besser lösen könnten, eine Qualität, die auch in der Kurie helfen könnte.

Nein zu einem Machogehabe im Rock

 

Einer Priesterweihe für Frauen erteilte er jedoch zum wiederholten Mal eine Absage. Diese Tür habe Johannes Paul II. geschlossen, und er werde nicht daran rütteln, betonte Franziskus. Die Rolle der Frau in der Kirche gehe jedoch weit über die Funktionsfrage hinaus. Man dürfe nicht in ein „Machogehabe im Rock“ verfallen, indem man die Bedeutung der Frau für die Kirche nur an der Frage der Priesterweihe festmache. Vielmehr müsse man daran arbeiten, die einzigartige Rolle der Frau für die Kirche - der Papst führt hier das Beispiel der Kirche als Braut Christi an sowie die große Bedeutung, die Maria selbst im Vergleich mit den Aposteln hat - weiter mit Leben zu füllen. 

Die Zukunft der Kirche sei „auf der Straße“ zu finden, betonte der Papst unter anderem mit Blick auf die Werke der Barmherzigkeit, in denen sich „Signale für die Anwesenheit Gottes“ ausmachen ließen. Es sei nötig, „herauszugehen“, griff der Papst ein gern von ihm genutztes Bild wieder auf. Heute, so Franziskus, habe er manchmal den Eindruck, dass der Herr an der Tür klopfe, nicht weil er hinein-, sondern weil er hinausgelassen werden wolle: „eine Kirche die hinausgeht, ja, die könnte Unfälle haben, aber eine Kirche die geschlossen ist, wird krank.“ Hinausgehen sei also die Devise, mit der Botschaft: „Das ist die Zukunft.“

20 Juni 2018, 14:41