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Benedikt XVI. Benedikt XVI. 

Missbrauchsskandale: Als Benedikt an die irische Kirche schrieb

Der erste Papst, der angesichts von kirchlichen Missbrauchsskandalen einen ausführlichen Brief an eine Ortskirche geschrieben hat, war Benedikt XVI. Vor acht Jahren wandte er sich mit einem langen Schreiben an die Katholiken in Irland.

Der Text war ein Meilenstein für den mentalen Wandel im Vatikan und der Kirche allgemein, was den Umgang mit Missbrauchsfällen betrifft. Noch heute liest sich Benedikts Brief ausgesprochen aktuell. Der deutsche Papst wandte sich in aller Deutlichkeit an die Täter: „Gebt offen zu, dass Ihr schuldig seid.“ Die Bischöfe wies er an, „mit den staatlichen Behörden in ihrem Zuständigkeitsbereich zusammenzuarbeiten“.

Hier lesen Sie einige Auszüge aus dem Papstbrief vom 19. März 2010.

„Wie viele in Eurem Land betont haben, ist es wahr, dass das Problem des Missbrauchs von Kindern weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist. Dennoch ist es nun Eure Aufgabe, das Problem des Missbrauchs aufzuarbeiten, der in der katholischen Gemeinschaft von Irland geschehen ist, und dies mit Mut und Entschlossenheit zu tun. Niemand erwartet, dass sich diese schmerzhafte Situation schnell lösen lässt. Es sind positive Schritte getan worden, aber es bleibt noch viel zu tun. Durchhaltevermögen und Gebet sind nötig, mit großem Vertrauen in die heilende Kraft der Gnade Gottes.

Zugleich muss ich aber auch meine Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass die Kirche in Irland, um von dieser tiefen Wunde zu genesen, die schwere Sünde gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen offen zugeben muss. Ein solches Eingeständnis, das von aufrichtiger Reue über die Verletzung dieser Opfer und ihrer Familien begleitet ist, muss zu einer gemeinsamen Anstrengung führen, um in Zukunft den Schutz von Kindern vor ähnlichen Verbrechen zu gewährleisten. (…)

“ Wirkungsvolle Gegenmaßnahmen finden ”

Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden. Zu den beitragenden Faktoren sind sicherlich zu zählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminaren und Noviziaten; eine gesellschaftliche Tendenz, den Klerus und andere Autoritäten zu begünstigen; sowie eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muss dringend gehandelt werden, um diese Faktoren anzugehen, die zu so tragischen Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien geführt und das Licht des Evangeliums dermaßen verdunkelt haben, wie es nicht einmal in Jahrhunderten der Verfolgung geschehen ist.

An die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien

 

Ihr habt schrecklich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das von Euch Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde missbraucht und Eure Würde wurde verletzt. Viele von Euch mussten erfahren, dass Euch niemand zugehört hat, als Ihr den Mut gefunden habt, über das zu sprechen, was Euch zugestoßen ist. Diejenigen von Euch, die in Heimen und Internaten missbraucht wurden, müssen gefühlt haben, dass es kein Entkommen aus Eurem Leid gab. Es ist verständlich, dass es schwer für Euch ist zu vergeben oder sich mit der Kirche zu versöhnen. Im Namen der Kirche drücke ich offen die Scham und die Reue aus, die wir alle empfinden. Zugleich bitte ich Euch, die Hoffnung nicht aufzugeben. In der Gemeinschaft der Kirche begegnen wir der Person Jesu Christi, der selbst ein Opfer von Ungerechtigkeit und Sünde war. Wie Ihr trägt er immer noch die Wunden seines eigenen ungerechten Leidens an sich. Er versteht die Tiefe Eures Leides und die fortdauernden Auswirkungen auf Euer Leben und Eure eigenen Beziehungen, einschließlich Eurer Beziehung zur Kirche. Ich weiß, dass es einigen von Euch schwerfällt, eine Kirche zu betreten, nach all dem, was geschehen ist. Aber Christi eigene Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind der Weg, durch den die Macht des Bösen gebrochen wird und wir zu Leben und Hoffnung wiedergeboren werden. Ich glaube zutiefst, dass diese heilende Kraft der aufopfernden Liebe Befreiung und die Verheißung eines Neuanfangs bringt – sogar in den dunkelsten und hoffnungslosesten Situationen.

Ich spreche zu Euch als Hirte, der sich um das Wohl aller Kinder Gottes sorgt, und bitte Euch demütig zu bedenken, was ich gesagt habe. Ich bete, dass Ihr durch die Nähe zu Christus und durch die Teilnahme am Leben seiner Kirche – einer durch Buße geläuterten und in der Nächstenliebe erneuerten Kirche – die unermessliche Liebe Christi für jeden von Euch wiederentdecken könnt. Ich bin zuversichtlich, dass Ihr auf diese Weise Versöhnung, tiefe innere Heilung und Frieden finden könnt.

An die Priester und Ordensleute, die Kinder missbraucht haben

 

Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, missbraucht, und Ihr müsst Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. Die Priester unter Euch haben die Heiligkeit des Weihesakraments verletzt, in dem Christus sich selbst in uns und unseren Handlungen vergegenwärtigt. Mit dem immensen Leid, das Ihr den Opfern angetan habt, wurde auch der Kirche und der öffentlichen Wahrnehmung des Priestertums und des Ordenslebens großer Schaden zugefügt.

Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. Ehrliche Reue öffnet die Tür zu Gottes Vergebung und die Gnade wahrhafter Besserung. Durch Gebet und Buße für die, denen Ihr Unrecht getan habt, sollt Ihr persönlich für Euer Handeln Sühne leisten. Christi erlösendes Opfer hat die Kraft, sogar die größte Sünde zu vergeben und sogar aus dem schlimmsten Übel Gutes erwachsen zu lassen. Zugleich ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Gebt offen zu, dass Ihr schuldig seid. Stellt Euch den Forderungen der Rechtsprechung, aber zweifelt nicht an der Barmherzigkeit Gottes.

An die Eltern

 

Ihr seid zutiefst entsetzt über die furchtbaren Dinge, die in einem Umfeld stattgefunden haben, das eigentlich das sicherste und sorgenfreieste von allem hätte sein sollen. In der heutigen Welt ist es nicht einfach, ein Zuhause zu schaffen und Kinder zu erziehen. Sie verdienen es, in Sicherheit aufzuwachsen sowie geliebt und geschätzt zu werden, indem man ihrer Eigenart und ihrer Bedeutung Rechnung trägt. Sie haben ein Recht darauf, in authentischen moralischen Werten erzogen zu werden, die zutiefst in der Würde der menschlichen Person gründen, wie auch darauf, in der Wahrheit unseres katholischen Glaubens inspiriert zu werden und Verhaltens- und Handelnsweisen zu erlernen, die zu einem gesunden Selbstwert und zu dauerhaftem Glück führen. Diese edle aber auch anspruchsvolle Aufgabe ist zuallererst Euch Eltern anvertraut. Ich bitte Euch dringend, Eure Verantwortung bei der Gewährleistung der bestmöglichen Fürsorge für die Kinder sowohl zu Hause als auch in der Gesellschaft im ganzen zu übernehmen, während die Kirche ihrerseits weiter die Maßnahmen umsetzt, die sie in den letzten Jahren ergriffen hat, um junge Menschen in Pfarreien und Schulen zu schützen. Während Ihr Eure grundlegende Verantwortung wahrnehmt, möchte ich Euch versichern, dass ich Euch nahe bin und Euch meine Unterstützung im Gebet anbiete.

An die Kinder und Jugendlichen Irlands

 

Euch möchte ich ein besonderes Wort der Ermutigung sagen. Eure Erfahrung von der Kirche unterscheidet sich von der Eurer Eltern und Großeltern. Die Welt hat sich seit der Zeit, als sie in Eurem Alter waren, sehr verändert. Dennoch sind alle Menschen jeder Generation dazu berufen, denselben Weg durchs Leben zu gehen, unter welchen Umständen auch immer. Wir sind alle erschüttert von den Sünden und dem Versagen von einigen Gliedern der Kirche, besonders jener, die eigens dazu ausgewählt wurden, junge Menschen anzuleiten und zu betreuen. Aber gerade in der Kirche findet Ihr Christus, der derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit (vgl. Hebr 13,8). Er liebt Euch, und er hat sich am Kreuz für Euch hingegeben. Sucht eine persönliche Beziehung zu ihm in der Gemeinschaft der Kirche, denn er wird nie Euer Vertrauen missbrauchen! Er allein kann Eure tiefsten Sehnsüchte erfüllen und Eurem Leben dadurch den vollen Sinn geben, dass er es zum Dienst am Nächsten lenkt. Haltet Eure Augen auf Jesus und seine Güte gerichtet und bewahrt die Flamme des Glaubens in Euren Herzen. Gemeinsam mit den übrigen Gläubigen in Irland baue ich darauf, dass Ihr treue Jünger unseres Herrn seid und den nötigen Enthusiasmus und Idealismus zum Neuaufbau und zur Erneuerung unserer geliebten Kirche einbringt.

An die Priester und Ordensleute in Irland

 

Wir alle leiden infolge der Sünden unserer Mitbrüder, die ein heiliges Vertrauen missbraucht oder die versagt haben, gerecht und verantwortungsvoll mit den Missbrauchsvorwürfen umzugehen. Hinsichtlich der Wut und Empörung, die all das nicht nur unter den gläubigen Laien, sondern auch unter Euch und in Euren Ordensgemeinschaften hervorgerufen hat, fühlen sich viele von Euch persönlich mutlos, sogar verlassen. Mir ist ebenfalls bewusst, dass Ihr in den Augen mancher durch die Nähe zu den Tätern einen Makel tragt und als irgendwie verantwortlich für die Verbrechen anderer angesehen werdet. In dieser schmerzlichen Zeit möchte ich Eure Hingabe an das Priestertum und das Apostolat würdigen und Euch einladen, Euren Glauben in Christus, Eure Liebe zu seiner Kirche und Euer Vertrauen in die Verheißung des Evangeliums auf Erlösung, Vergebung und innere Erneuerung zu festigen. Auf diese Weise werdet ihr aufzeigen, dass da, wo die Sünde zunahm, die Gnade übergroß geworden ist (vgl. Röm 5,20).

Ich weiß, dass viele von Euch enttäuscht, verwirrt und darüber verärgert sind, wie diese Dinge von einigen Eurer Oberen gehandhabt wurden. Dennoch ist es wesentlich, dass Ihr eng mit den Leitungsverantwortlichen zusammenarbeitet und mit zu gewährleisten sucht, dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise wirklich dem Evangelium gemäß, gerecht und effektiv sind. Vor allem aber bitte ich Euch, immer mehr zu Männern und Frauen des Gebets zu werden, die mutig den Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen. Auf diese Weise wird die Kirche in Irland aus Eurem Zeugnis für Gottes erlösende Kraft, die in Eurem Leben sichtbar wird, neues Leben und neue Dynamik schöpfen.

An meine Mitbrüder im Bischofsamt

 

Es kann nicht geleugnet werden, dass einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Missbrauch von Kindern bisweilen furchtbar versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Aufarbeitung von Vorwürfen gemacht worden. Ich erkenne an, wie schwierig es war, die Komplexität und das Ausmaß des Problems zu erfassen, gesicherte Informationen zu erlangen und die richtigen Entscheidungen bei widersprüchlichen Expertenmeinungen zu treffen. Dennoch muss zugegeben werden, dass schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und dass Versagen in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit untergraben. Ich erkenne Eure Bemühungen an, vergangene Fehler wieder gutzumachen und zu garantieren, dass sie sich nicht wiederholen. Ich rufe Euch auf, neben der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmissbrauch weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Zuständigkeitsbereich zusammenzuarbeiten. Die Ordensoberen sollen natürlich ebenso handeln. Sie haben auch an den jüngsten Beratungen hier in Rom teilgenommen, die darauf abzielten, diese Angelegenheit klar und konsequent anzugehen. Es ist zwingend erforderlich, dass die Normen der Kirche in Irland zum Schutz von Kindern ständig überprüft und aktualisiert werden und dass sie vollständig und unparteiisch in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht angewandt werden.

Nur entschiedenes Vorgehen, das in vollkommener Ehrlichkeit und Transparenz erfolgt, werden den Respekt und das Wohlwollen des irischen Volks gegenüber der Kirche, der wir unser Leben geweiht haben, wiederherstellen. Das muss zuallererst aus Eurer eigenen Gewissenserforschung, aus innerer Reinigung und geistlicher Erneuerung kommen. Die Menschen Irlands erwarten zu Recht, dass Ihr Männer Gottes seid, dass Ihr gottgefällig und einfach lebt und täglich nach persönlicher Umkehr strebt. Für sie seid Ihr – mit den Worten des heiligen Augustinus – Bischof; aber gemeinsam mit ihnen seid Ihr berufen, Christus nachzufolgen (vgl. Sermon 340,1). Ich ermahne Euch deswegen, Euer Verständnis von der Rechenschaftspflicht vor Gott zu erneuern, in der Solidarität mit Eurem Volk zu wachsen und die pastorale Sorge für alle Mitglieder Eurer Herde zu vertiefen.“

(vatican news - sk)

01 Juni 2018, 16:28