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Plaza de Armas in Lima Plaza de Armas in Lima  (Vatican Media)

Die Papstworte beim Treffen mit den Priestern in Peru

Im Priesterseminar „SS. Carlos y Marcelo“, Trujillo, am Samstag, 20. Januar 2018, sprach der Papst zu Priestern, Seminaristen und Personen des geweihten Lebens. Hier die Rede in einer offiziellen deutschen Übersetzung.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend!

Ich danke für die Worte, die Erzbischof José Antonio Eguren Anselmi von Piura im Namen aller Anwesenden an mich gerichtet hat.

Es ist mir wichtig, euch zu treffen, euch kennenzulernen, euch zuzuhören und Liebe für den Herrn und die Sendung zu zeigen, die er uns zugedacht hat. Ich weiß, dass es für euch mit Mühen verbunden war, hierher zu kommen, danke!

Wir werden von diesem Priesterseminar empfangen, einem der ersten, die in Lateinamerika gegründet wurden, in dem nun schon viele Generationen von Verkündern des Evangeliums ausgebildet wurden. Mit euch hier zu sein, lässt einen spüren, dass wir uns in einer jener „Wiegen“ befinden, die so viele Missionare hervorgebracht haben. Und ich vergesse nicht, dass in dieser Gegend der heilige Turibio von Mongrovejo, der Schutzpatron des lateinamerikanischen Episkopats, auf Mission gestorben ist. Alles führt uns dazu, auf unsere Wurzeln zu schauen, auf das, was uns im Laufe der Zeit und der Geschichte unterstützt, um nach oben hin zu wachsen und Früchte zu tragen. Unsere Berufungen werden immer diese zweifache Dimension haben: Wurzeln auf Erden und ein Herz im Himmel. Wenn eine dieser beiden Dimensionen fehlt, geht etwas schief und unser Leben wird langsam aber sicher unfruchtbar (vgl. Lk 13,6-9).

Ich möchte betonen, dass unser Glaube und unsere Berufung reich an Erinnerungen sind, dieser „deuteronomischen“ Dimension des Lebens. Sie sind reich an Erinnerung, weil wir erkennen müssen, dass weder das Leben noch der Glaube noch die Kirche mit der Geburt eines jeden von uns beginnt. Die Erinnerung blickt zurück in die Vergangenheit, um den Lebensstrom zu finden, der die Herzen der Jünger über Jahrhunderte hinweg durchflossen hat, und dabei erkennt sie den Weg Gottes für das Leben seines Volkes. Erinnern wir uns an die Verheißung, die er unseren Vätern gegeben hat und die, wenn sie in unserer Mitte lebendig bleibt, die Ursache unserer Freude ist und uns zum Singen bringt: »Ja, groß hat der Herr an uns gehandelt. Da waren wir voll Freude« (Ps 126,3).

Ich möchte mit euch einige Wirkungen dieses Schatzes der Erinnerung bedenken.

1.  Freude an der Selbsterkenntnis

Das Evangelium, das wir gehört haben, wird gewöhnlich unter dem Gesichtspunkt der Berufung gelesen, und wir bleiben bei der Begegnung der Jünger mit Jesus stehen. Ich möchte zunächst auf Johannes den Täufer blicken. Er war mit zwei seiner Jünger zusammen, und als er Jesus vorbeigehen sah, sagte er zu ihnen: »Seht, das Lamm Gottes!« (Joh 1,36). Als sie das hörten, verließen sie Johannes und folgten Jesus (vgl. V. 37). Das ist etwas überraschend: sie waren mit Johannes zusammen gewesen, sie wussten, dass er ein guter Mann war, ja, der Größte von denen, die von einer Frau geboren wurden, wie Jesus über ihn sagt (vgl. Mt 11,11), aber er war nicht derjenige, der kommen sollte. Auch Johannes wartete auf einen anderen, der größer war als er selbst. Johannes war sich darüber im Klaren, dass er nicht der Messias war, sondern einfach derjenige, der ihn ankündigte. Johannes war ein Mann, der reich war in seiner Erinnerung an die Verheißung und im Rückblick auf seine eigene Geschichte.

Johannes zeigt das Bewusstsein eines Jüngers, der weiß, dass er nicht selbst der Messias ist und niemals der Messias sein wird, er weiß, dass er nur dazu berufen ist, den Weg des Herrn im Leben seines Volkes aufzuzeigen. Wir geweihten Männer und Frauen sind nicht dazu berufen, den Herrn zu verdrängen, weder mit unseren Werken, noch mit unseren Missionen, noch mit den unzähligen Aktivitäten, die wir zu tun haben. Von uns ist einfach nur verlangt, Seite an Seite mit dem Herrn zu arbeiten, ohne dabei je zu vergessen, dass wir nicht seinen Platz einnehmen. Das macht uns nicht etwa „nachlässiger“ in der Aufgabe der Evangelisierung, im Gegenteil, es treibt uns an und verlangt von uns, dass wir arbeiten und uns daran erinnern, dass wir Jünger des einen Meisters sind. Der Schüler weiß, dass er eine Hilfskraft des Meisters ist und immer eine Hilfskraft sein wird. Das ist die Quelle unserer Freude.

Es tut uns gut zu wissen, dass wir nicht der Messias sind! Es befreit uns davon, dass wir uns für zu wichtig und für zu beschäftigt halten (es ist typisch, dass man immer wieder hört: „Nein, geh nicht in diese Pfarrei, der Priester dort hat immer sehr viel zu tun“). Johannes der Täufer wusste, dass seine Mission darin bestand, Wege aufzuzeigen, Prozesse zu initiieren, Freiräume zu eröffnen und zu verkünden, dass der Andere der Träger des Geistes Gottes war. Der Reichtum der Erinnerung befreit uns von der Versuchung eines wie auch immer gearteten Messianismus.

Diese Versuchung bekämpft man mit vielerlei Mitteln, jedoch auch mit Humor. Ja, wenn wir lernen, über uns selbst zu lachen, erlangen wir die geistige Fähigkeit, mit unseren eigenen Grenzen, Fehlern und Sünden, aber auch mit unseren Erfolgen und mit der Freude darüber, ihn an unserer Seite zu wissen, vor dem Herrn zu stehen. Eine schöne spirituelle Prüfung ist die Frage nach unserer Fähigkeit, über uns selbst zu lachen. Das Lachen rettet uns vor dem selbstbezogenen und prometheischen Neopelagianismus derer, »die sich letztlich einzig auf ihre eigenen Kräften verlassen und sich den anderen überlegen fühlen«[1]. Brüder und Schwestern, lacht in der Gemeinschaft, und nicht über die Gemeinschaft oder über die anderen! Hüten wir uns vor den Menschen, die sich für so wichtig halten, dass sie im Lauf ihres Lebens vergessen haben, wie man lächelt.

2.  Die Stunde der Berufung

Johannes der Evangelist berichtet in seinem Evangelium sogar die Uhrzeit dieses Ereignisses, das sein Leben veränderte: »Es war um die zehnte Stunde« (Joh 1,39). Die Begegnung mit Jesus verändert das Leben, sie schafft ein Vorher und Nachher. Es ist gut, sich immer an diese Stunde zu erinnern, an dieses Schlüsselereignis für jeden von uns, als wir erkannten, dass der Herr mehr von uns erwartet. Die Erinnerung an jene Stunde, als wir von seinem Blick berührt wurden.

Wenn wir diese Stunde vergessen, vergessen wir unsere Ursprünge, unsere Wurzeln; und wenn wir diese grundlegenden Koordinaten verlieren, lassen wir das Wertvollste beiseite, was eine Person des gottgeweihten Lebens haben kann: den Blick des Herrn. Vielleicht bist du unzufrieden mit dem Ort, an dem der Herr dir begegnet ist, vielleicht entspricht er nicht einer Idealvorstellung von Berufung, die dir „besser gefallen hätte“. Aber dort hat er dich gefunden und deine Wunden geheilt. Jeder von uns weiß, wo und wann: vielleicht in einer Zeit komplexer, schmerzhafter Situationen, ja, kann sein; aber dort hat der Gott des Lebens dich getroffen, um dich zum Zeugen seines Lebens zu machen, dich zu einem Teil seiner Sendung zu machen, um mit ihm Gottes Liebkosung für viele zu sein. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass unsere Berufungen ein liebevoller Ruf sind, zu lieben und zu dienen. Wenn der Herr sich in euch verliebt und euch erwählt hat, dann nicht, weil ihr zahlreicher wart als andere, denn ihr seid das kleinste Volk, sondern aus reiner Liebe! (vgl. Dtn 7,7-8). Es ist eine leidenschaftliche Liebe, eine barmherzige Liebe, die unser Innerstes dazu bewegt, uns aufzumachen und den anderen nach dem Beispiel Jesu Christi zu dienen.

Ich möchte hier auf einen Aspekt eingehen, den ich für wichtig halte. Wir waren beim Eintritt ins Seminar oder Ausbildungshaus meist geprägt vom Glauben unserer Familien und derer, die uns nahestehen. Auf diese Weise haben wir unsere ersten Schritte unternommen, nicht selten auch gestützt auf die Ausdrucksweisen der Volksfrömmigkeit, die in Peru die erlesensten Formen angenommen haben und tief im einfachen und gläubigen Volk verwurzelt sind. Euer Volk hat in vielen Frömmigkeitsformen – die ich aus Angst, eine zu vergessen, gar nicht aufzählen möchte – eine enorme Zuneigung zu Jesus Christus, zur Muttergottes, den Heiligen und Seligen entfaltet. In den Wallfahrtsorten »treffen viele Pilgerinnen und Pilger Entscheidungen, die ihr gesamtes Leben prägen. Auf den Wänden von Wallfahrtsorten liest man viele Geschichten von Umkehr, Vergebung und Gnadengaben, die Millionen Menschen erzählen könnten.«[2] Auch viele eurer Berufungen könnten auf diesen Wänden eingraviert sein. Ich fordere euch auf, den treuen und einfachen Glauben eures Volkes nicht zu vergessen, geschweige denn zu verachten. Versteht es, die Begegnung mit dem Herrn anzunehmen, zu begleiten und anzuregen. Werdet nicht zu Profis des Heiligen, die ihr Volk vergessen, aus dem der Herr sie berufen hat. Verliert nicht die Erinnerung an diejenigen, die euch das Beten beigebracht haben und habt immer Respekt vor ihnen.

Wenn wir uns an die Stunde unserer Berufung erinnern und freudig an diese Begegnung mit Jesus Christus zurückdenken, werden wir das schöne Gebet des heiligen Francisco Solano, des großen Predigers und Freundes der Armen, sprechen können: »Mein guter Jesus, mein Erlöser und Freund. Was besitze ich, was nicht du mir gegeben hast? Was weiß ich, was nicht du mir beigebracht hast?«.

Auf diese Weise ist der Ordensmann, der Priester, jeder gottgeweihte Mensch eine freudige, dankbare Person, reich an Erinnerung: Prägt euch diese drei Dinge als „Waffen“ gegen jede „Karikatur“ der Berufung ein! Ein dankbares Bewusstsein weitet das Herz und regt uns zum Dienen an. Ohne Dankbarkeit können wir gute Vollstrecker des Heiligen sein, aber es wird uns an der Salbung des Geistes mangeln, um Diener unserer Brüder, besonders der Ärmsten, zu werden. Das gläubige Volk Gottes hat ein feines Gespür und weiß zwischen einem Funktionär des Heiligen und dem dankbaren Diener zu unterscheiden. Es erkennt den Unterschied zwischen dem, der reich ist an Erinnerung und dem, der vergessen hat. Das Volk Gottes kann vieles ertragen, aber es erkennt denjenigen, der ihm dient und es mit dem Öl der Freude und Dankbarkeit versorgt.

3.  Ansteckende Freude

Andreas war einer der Jünger Johannes des Täufers, der Jesus an diesem Tag gefolgt war. Nachdem er bei ihm war und gesehen hatte, wo er wohnte, kehrte er zum Haus seines Bruders Simon Petrus zurück und sagte zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41). Das ist die bedeutendste Nachricht, die er ihm überbringen konnte, und er führte ihn zu Jesus. Der Glaube an Jesus ist ansteckend, er kann nicht eingeengt oder eingeschlossen werden. Hier wird die Fruchtbarkeit des Zeugnisses sichtbar: Die neu berufenen Jünger ziehen durch ihr Glaubenszeugnis ihrerseits andere an, und auf die gleiche Weise wie in diesem Abschnitt des Evangeliums ruft Jesus uns durch andere. Die Sendung entspringt spontan aus der Begegnung mit Christus. Andreas begann sein Apostolat mit denen, die ihm am nächsten standen, seinem Bruder Simon, und zwar ganz natürlich, indem er Freude ausstrahlte. Das ist das beste Zeichen dafür, dass wir den Messias „entdeckt“ haben. Die Freude ist eine Konstante in den Herzen der Apostel, und wir sehen sie in der Überzeugungskraft, mit der Andreas seinem Bruder anvertraut: „Wir haben ihn gefunden!“ Also: »Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von Ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude«.[3]

Diese Freude öffnet uns für andere, es ist eine Freude, die weitergegeben werden will. In der zersplitterten Welt, in der wir leben und die uns dazu drängt, uns selbst zu isolieren, sind wir herausgefordert, Gestalter und Propheten der Gemeinschaft zu sein – weil sich niemand selbst rettet. Und hier möchte ich klarstellen: Fragmentierung oder Isolation ist nicht etwas, was „draußen“ geschieht, als wäre es nur ein Problem der „Welt“. Brüder und Schwestern, Spaltungen, Kriege und Isolierung erleben wir auch in unseren Gemeinschaften, und wie sehr schaden sie uns! Jesus sendet uns aus, Gemeinschaft und Einheit zu bringen, aber oft scheint es, dass wir dabei uneins sind und – noch schlimmer – uns gegenseitig ein Bein stellen. Wir sind aufgefordert, Gestalter von Gemeinschaft und Einheit zu sein, was aber nicht meint, dass wir alle das Gleiche denken und tun müssen. Es bedeutet, die einzelnen Beiträge, die Unterschiede, die Gabe der Charismen innerhalb der Kirche zu würdigen, in dem Wissen, dass jeder Einzelne entsprechend seiner Eigenart einen spezifischen Beitrag leistet und umgekehrt aber auch die anderen braucht. Nur der Herr hat die Fülle der Gaben, nur er ist der Messias. Und er wollte seine Gaben so verteilen, dass wir alle das Unsere geben können, und uns gleichzeitig von den Gaben anderer bereichern lassen. Wir müssen uns vor der Versuchung des „Einzelkindes“ hüten, das alles für sich selbst will, weil es niemanden hat, mit dem es teilen kann. Ich bitte diejenigen, die mit einem Leitungsdienst betraut sind, bitte werdet nicht selbstbezogen; versucht euch um eure Brüder und Schwestern zu kümmern, schaut, dass es ihnen gut geht; denn das Gute ist ansteckend. Achten wir darauf, dass aus der Autorität kein Autoritarismus wird, weil man leicht vergisst, dass Leitung ein Dienst ist.

Liebe Brüder und Schwestern, nochmals vielen Dank und möge diese „deuteronomische“ Erinnerung uns freudiger und dankbarer machen, damit wir Diener der Einheit inmitten unseres Volkes sind.

Möge der Herr euch segnen und die Heilige Jungfrau euch beschützen. Und vergesst nicht, für mich zu beten.

 

[1] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 94.

[2] Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik in Aparecida (29.Juni 2007), 260.

[3] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 1.

22 Januar 2018, 13:02