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Kinder im Gazastreifen Kinder im Gazastreifen  (AFP or licensors)

Heiliges Land: Oase der Nächstenliebe mitten im Krieg

Über das Caritas-Hilfswerk „Kinderhilfe Bethlehem“ konnten 68 Kinder aus dem SOS-Kinderdorf in Rafah ins Westjordanland evakuiert werden. Das Caritas Baby Hospital leistet medizinische Hilfe und psychosoziale Unterstützung. Der Vizepräsident der Kinderhilfe Bethlehem erzählt von seiner Arbeit im palästinensischen Gebiet.

Fabian Freiseis, Vizepräsident der Kinderhilfe Bethlehem, erzählt im „Podcast Himmelklar", wie das Kinderkrankenhaus im Westjordanland Hoffnungszeichen der Nächstenliebe setzt.

Ein Ausschnitt aus dem Interview ist hier wiedergegeben.

Himmelklar: Sie haben erst kürzlich 68 Kinder aus dem Gazastreifen ins Caritas Baby Hospital in Bethlehem holen können. Wie haben Sie das gemacht? 

Dr. Fabian Freiseis (Vizepräsident der Kinderhilfe Bethlehem, die das Caritas Baby Hospital unterhält): Das war im Grunde die Leistung der Mitarbeitenden vor Ort. Das sogenannte Exekutivkomitee, also alle leitenden Angestellten dort, kommen aus Bethlehem oder aus der Region. Sie sind dementsprechend gut vernetzt und fest verwurzelt in der Gemeinschaft dort. Sie sehen ihren Dienst auch als Dienst an der Gemeinschaft, abgesehen von dem Dienst, den sie im Caritas Baby Hospital (CBH) tun. Bei der Extraktion war auch die deutsche Bundesregierung beteiligt und viele Personen im Hintergrund, deren Namen wir vermutlich nie wirklich erfahren werden. Alle haben geholfen, um diesen Kindern, die in Rafah eingekesselt waren und denen eine Offensive, Hunger und Krankheit drohten, zu helfen. 

Das Caritas Baby Hospital war der Partner, um die medizinische Versorgung der Kinder zu gewährleisten, sodass abgesehen vom psychischen Druck wenigstens die physische Gesundheit einigermaßen hergestellt werden kann. Es wird auch beurteilt, ob vielleicht noch eine Nachsorge nötig ist. Gibt es chronische Erkrankungen, auf die man achten muss? Gibt es akute Erkrankungen, auf die man achten muss? Gibt es Mangelernährung?

Das war der Beitrag vom CBH. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Kindern beispielsweise aus dem Gazastreifen helfen. Es ist auch hoffentlich nicht das letzte Mal. Immer wenn die Möglichkeit besteht, zu helfen, macht das CBH das sehr gerne. 

Viele andere hilfsbedürftige Kinder mussten zurückbleiben

Himmelklar: Wie geht es den Kindern heute? Können Sie das sagen? 

Freiseis: Die Kinder sind soweit gesund. Sie haben langsam Abstand gewonnen zur Situation und fangen an, wieder miteinander zu spielen, was in Rafah aufgrund der Umstände undenkbar war.  Sie werden wahrscheinlich ein Jahr, vielleicht sogar länger im SOS-Kinderdorf in Bethlehem bleiben, bis man hoffentlich wieder eine Rückkehr ermöglichen kann - nach Rafah, oder vielleicht kann auch eine andere Lösung gefunden werden. Jedenfalls sind sie dort  zunächst gut aufgehoben. 

Man kann dazu sagen, dass es nicht alle Kinder aus dem SOS-Kinderdorf sind, die jetzt ins Westjordanland überführt worden sind. Denn es gab dort auch Kinder, die noch Familie haben. Die Familien wollten die Kinder nicht aus der Nähe entlassen, so dass es immer noch im und um das SOS-Kinderdorf Kinder gibt.

Ganz abgesehen davon, dass auch der ganze Gazastreifen voller Kinder ist, die medizinischer Behandlung bedürfen, die vor allem aber auch Nahrung benötigen. Für die 68 Kinder, die jetzt in Bethlehem sind, hat man für den Moment einen sicheren Hafen gefunden. Diese Sicherheit wirkt sich auch auf die psychosozialen Verhältnisse der Kinder aus. Sie können durchatmen.

Streng kontrolliertes Gebiet

Himmelklar: Wenn so eine Übersiedlung von knapp 70 Kindern aus einem SOS-Kinderdorf nach Bethlehem schon so eine große logistische Aufgabe ist, denn es ist alles hermetisch abgeriegelt im Moment, wäre das genau meine nächste Frage gewesen: Was ist mit denjenigen Babys und Kleinkindern, die mit ihren Familien mitten im Gazastreifen leben, die hungern, die vielleicht teilweise auch verletzt sind? Können Sie auch denen helfen? 

Freiseis: Wir würden das sehr gerne tun. Das Problem ist aber, dass die israelische Regierung die Grenzübergänge sehr genau kontrolliert und die meisten geschlossen hält. Es ist dementsprechend unglaublich schwierig. Die Menschen sind an einem Ort, der über keine richtige Infrastruktur mehr verfügt und der kaum noch funktionierende Krankenhäuser hat. Im Grunde ist es eine ausweglose Situation, in der es für den Moment keine Hoffnung gibt. Es müssten eigentlich viel mehr Menschen extrahiert werden. Das ist aber Teil des Problems. Denn wo fängt man an und wo hört man auf? Es ist eine ganz komplizierte Lage, ein diplomatischer Drahtseilakt, immer wieder Menschen aus dem Gazastreifen herauszubringen. 

Es war auch für Bürgerinnen und Bürger mit palästinensischem Pass unglaublich schwierig auszureisen. Selbst wenn sie einen US-amerikanischen oder kanadischen oder deutschen oder sonstigen Pass hatten. Die israelische Regierung tut viel dafür, den Gazastreifen unter strenger Kontrolle zu halten – mit allen negativen Folgen. 

Komplizierte Gemengelage

Himmelklar: Sie formulieren das sehr vorsichtig, ich höre aber eine Empörung. Wie gehen Sie damit um? Äußern Sie sich politisch oder sind Sie eher zurückhaltend? Denn die Philosophie des Baby Hospitals ist ja, jedem Kind und jedem Baby zu helfen, egal welcher Herkunft und egal welcher Religion. 

Freiseis: Da gilt, dass wir uns auch bei aller Empörung nicht selbst für so wichtig nehmen dürfen. Unsere persönliche Meinung, die ich zwar habe, dürfen wir nicht über alles stellen. Denn es ist ein Konflikt, der länger währt, als die Staatsgründung Israels zurückliegt. Wir müssten eigentlich mindestens ins Jahr 1917, wenn nicht noch länger, zurückreisen, um einigermaßen umreißen zu können, wie wir an diesen Punkt gelangt sind. Das sind Dinge, die persönliche Meinungen übersteigen. Das hilft niemandem, wenn man besonders nachdrücklich seinem Ärger oder seiner Empörung Luft macht.

Denn Sie haben gesagt, wir sind eine „Oase der Nächstenliebe". Das nehme ich so gerne an. Wir möchten tatsächlich über den Parteiungen stehen, wenngleich wir im CBH vor allem mit der palästinensischen Bevölkerung zu tun haben und deren Leid sehr wohl sehen. Es wäre aber unmenschlich, nicht zu sehen, was am 7. Oktober und am 8. Oktober in Grenznähe des Gazastreifens geschehen ist. Es gilt auch zu sehen, dass die Hamas nicht nur israelische Geiseln hält, sondern sich auch hinter dem eigenen Volk versteckt. So zeigt sich einfach, dass die Dinge sehr kompliziert sind. Es gibt zu viele Menschen, die vielleicht sogar ein Interesse daran haben, dass dieser Konflikt weiter gärt. 

Diejenigen, die darunter leiden, sind die kleinen Männer und Frauen, vor allem die Kinder, die in dieser Region aufwachsen müssen. Es ist keine Freude, als jüdisches oder israelisches Kind unter Raketenalarm aufzuwachsen. Es ist keine Freude, im Gazastreifen aufzuwachsen. Es ist keine Freude, in der Westbank aufzuwachsen und teils auch von Siedlergewalt betroffen zu sein. Das sind alles Dinge, die viel größer sind als meine Meinung und meine Empörung. 

Oase der Nächstenliebe sein

Himmelklar: Mit Sicherheit gibt es schöne Beispiele, bei denen man sagen kann: „Da sieht man, es lohnt sich einfach, dass wir weitermachen"? 

Freiseis: Im Grunde ist jede einzelne Zahl ein positives Beispiel, dass es sich lohnt, weiterzumachen. Jede einzelne Menschenseele, die krank in das Hospital kommt, mit allen Sorgen, die die Eltern sich machen. Das ist noch mal gesteigert in dieser Situation des Kriegs im Gazastreifen und großer Unsicherheit im Westjordanland. Jede einzelne Patientin und jeder einzelne Patient sind ein Grund, weiterzumachen. Insbesondere dann zu sehen, wie glücklich Menschen sind, wenn sie wissen, dass es ihrem Kind gut geht. Das sollte eigentlich unser Anspruch sein. Das habe ich einige Male erleben dürfen, aber das ist nicht notwendig. Man kann das auch gedanklich durchspielen. 

Das Recht auf eine medizinische Behandlung und dieses Recht durchzuhalten und eine Oase der Nächstenliebe zu sein, das ist, glaube ich, etwas, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Dafür lohnt es sich, zu arbeiten und sich einzusetzen. Das machen die Menschen im Caritas Baby Hospital. Das ist der zweite Punkt, zu sehen, welche Freude das zum Teil bringt. 

Himmelklar: Was wünschen Sie sich für das Caritas Baby Hospital?

Freiseis: Es gibt viele Wünsche. Aber aktuell wünsche ich mir, dass es mit unserer Tageschirurgie gut läuft. Es steht damit wirklich ein größeres Projekt an. Denn wir haben durch eine Studie herausgefunden, dass es einen hohen Bedarf von kleineren chirurgischen Eingriffen gibt, beispielsweise einer Mandelentfernung oder einer Leistenoperation. Jetzt steht fest, dass wir mithilfe von Spenden eine Chirurgie bauen werden. Wir nutzen diese Zeiten des Krieges sehr antizyklisch und hoffnungsvoll. Wir investieren in Steine, um dann in Menschen zu investieren. 

Das Interview führte Verena Tröster.

(domradio - fc)

 

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10. April 2024, 14:00