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Markus Stefan Bugnyár Markus Stefan Bugnyár 

Unser Sonntag: Gottferne als Tatsache

Markus Stefan Bugnyár wird in diesem Kommentar sehr deutlich: Es muss die Hölle geben - Alleine schon um der Trauernden willen, der Hungernden, der Missachteten, der Vergewaltigten und Malträtierten. Um der Gefolterten und gemarterten Willen, die in diesem Leben nichts Gutes erfahren haben, im Himmelreich aber zu ihrem Recht kommen sollen.


Markus Stefan Bugnyár

Mt 18,21-35

Das Evangelium ist ein herrliches Wechselbad der Gefühle. Unendlich viele Emotionen und deren Gegenteil: Bitten und Flehen; Mitleid und Erbarmen. Und letztlich Zorn und Qual.

Hier zum Nachhören

Das Verhalten des Knechtes ist ja durchaus verständlich. Stellen Sie sich das vor: Sie sind selber in dieser Situation und jemand, dem Sie Geld schulden, will es plötzlich von Ihnen zurückhaben. Sie geraten in Angst, in Bedrängnis. Sie suchen nach Auswegen, nach Mitteln, mit dem sie die Situation hinauszögern können oder vielleicht sogar lösen. Sie sind in einer emotionalen Ausnahmesituation. Gestresst suchen Sie nach einer Ausflucht.

Die Betrachtung zum Sonntagsevangelium im Video

Unerwartetes Erbarmen

Und dann geschieht das Unerwartete, das Unglaubliche. Ihr Vorgesetzter hat Erbarmen mit Ihnen. Für Sie ist die Situation gelöst; sie können entspannt und glücklich weiter Ihres Weges ziehen. Aber eben noch waren Sie vollkommen gestresst auf dem Boden liegend, auf dem Bauch kriechend. Und dann begegnet Ihnen – auf dem Weg nach draußen – einer, der nun Ihnen Geld schuldet. Ganz normal, ganz menschlich; viele von uns würden hier sofort auch Dampf ablassen.

Der Knecht springt ihn an, er packt ihn, er würgt ihn, schreit ihn an: „Bezahle, was du schuldig bist?“

Unvergleichbare Schuld

Die Höhe der Schuld: 10.000 auf der anderen Seite und 100 Denare auf der einen Seite. Das ist unvergleichbar, unvergleichlich viel und unvergleichlich wenig. Ebenso unvergleichlich das Verhalten der Akteure. „Hab Geduld mit mir, ich werde es dir zurückzahlen“, ist wortwörtlich dasselbe Flehen der beiden Knechte. Bloß die Reaktion, die darauffolgt, könnte unterschiedlicher nicht sein.

Gleichnis für das Himmelreich

Der Vorgesetzte, der Herr, vergibt die Schuld, weil er Erbarmen mit dem Knecht hat. Dieses Erbarmen wiederum fehlt dem Freigesprochenen. Er zeigt seinen Schuldner an, lässt ihn verhaften und ins Gefängnis werfen, bis die Schuld bezahlt ist; will heißen, bis seine Familie und Angehörigen die Summe auftreiben, um ihn loszukaufen aus dem Gefängnis. Was wir hier hören, hat sich natürlich so in dieser Form historisch nicht zugetragen. Es ist ein Gleichnis, ein Gleichnis, mit dem Jesus und seinen Jüngern und damit auch uns erklären möchte, wie es sich mit dem Himmelreich verhält, wie die dortigen Mechanismen sein werden, die so völlig anders sind als das, was wir auf Erden kennen und leben.

Keine Alltagsrealität

Denn der Mensch braucht immer Anhaltspunkte, mit denen er arbeiten kann, Elemente, die ihm bekannt sind, Aspekte, die ihm vertraut sind, um das noch Unbekannte, das Unerfahrene besser verstehen und einordnen zu können. Das Himmelreich ist nicht Teil unserer Alltagsrealität. Das Himmelreich ist etwas, auf das wir alle gemeinsam hinarbeiten sollen. Und in diesem Vergleich zeigt uns Jesus, worauf wir zu achten haben.

Siebenmal Verzeihen erscheint Petrus schon perfekt

Petrus meint ja vollkommen richtig: „Wenn sich mein Bruder, mein Glaubens- und Volksgenosse gegen mich vergeht, wie oft soll ich ihm verzeihen? Petrus Vorschlag: siebenmal. Und Petrus denkt: Das ist bereits perfekt. Vollkommen. Denn die Zahl sieben spielt in den biblischen Schriften eine eminent wichtige Rolle. Sieben als die Zahl der Vollendung und Vollkommenheit rührend aus dem Schöpfungsbericht: Die sieben Tage, die Gott eben brauchte, um das Werk seiner Schöpfung zu vollenden.

Wiederum ein Übermaß an Erbarmen

In der Zahl sieben sollte also alles mit inbegriffen sein. Jesus greift das auf, bestätigt den richtigen Gedanken, übertrifft ihn aber noch einmal, indem er es hochpotenziert: Nicht siebenmal, sondern 70-mal siebenmal, also weitaus mehr, als wir mit unserem überschaubaren Denken für möglich gehalten hätten. Ein Übermaß an Erbarmen mit allem, was uns in unserem unmittelbaren Umfeld an Schwächen, an Fehlern, an Sünden begegnet.

Himmelreich ist das Königreich der Himmel

Oftmals benützt Jesus solche Gleichnisse, um das Himmelreich zu beschreiben und oft genug geht es um einen Herrn, um einen Gutsbesitzer und hier um einen König, der Rechenschaft verlangt. Das ist kein Zufall, das ist Absicht, denn das Himmelreich ist das Königreich der Himmel. Ein Königreich setzt einen König voraus, der wiederum auf seinem Thron sitzt. Ihm gegenüber ein Volk, eine Gemeinschaft von Menschen, die sich unter diesem König versammelt. Der Thron des Königs ist gleichzeitig sein Richterstuhl, denn er wird angerufen bei allen Streitereien und juristischen Problemen, die es innerhalb seines Volkes) das für gewöhnlich in einer Stadt zusammenlebt, in unserem Fall der Stadt Gottes), zu lösen sind.

Beispiellose Ungerechtigkeit

Das ist die Eigenschaft des Königs, des Vaters, der versucht, den Seinen ein Beispiel zu geben dafür, wie sie mit ihresgleichen ebenso umgehen sollen. Der freigesprochene Knecht zeigte sich dem Bruder gegenüber hartherzig; er ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Während der Vater, der König, der Gutsherr, der Herrn gerecht ist, übt sich dieser Mensch in einer beispiellosen Ungerechtigkeit, die im wahrsten Sinne des Wortes himmelschreiend ist.

Mitknechte handeln aus Mitleid

Was seine Mitknechte, die anderen in der Gruppe, die Zeitgenossen, die das gesehen und beobachtet haben, dann tun, ist nur folgerichtig: Sie sind nicht Denunzianten, die jemand anderen anklagen, anzeigen wollen und ihm etwas Böses wollen. Was sie antreibt, ist das Mitleid, das sie von ihrem Herren gerade noch selber erlebt und erfahren haben. Was sie erregt und aufregt, ist die Ungerechtigkeit, die sie in ihren eigenen Reihen erleben, eine Ungerechtigkeit, von der Sie hoffen, dass, wenn schon nicht ihr Mitmensch, so doch der König wiederum für Ausgleich und Gerechtigkeit sorgen wird.

Aus diesem Grund zeigen sie ihn an: aufgrund seiner Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit.

Derselbe Herr, derselbe König, der eben noch ein überfließendes Maß an Erbarmen und Mitleid gezeigt hatte, ändert nun plötzlich schlagartig, nachdem er das erfährt, seine Emotion und Stimmungslage.

Und in seinem Zorn 

„Du elender Knecht, ich habe dir Erbarmen gezeigt, weil du mich angefleht hast. Ich habe es dir geglaubt. Ich habe es dir abgenommen, dass dein Bitten, Winseln und Flehen echt und authentisch gemeint war. Du aber hast mich womöglich hinters Licht geführt. Denn wäre es nicht so, hättest du doch im nächsten Moment auch Erbarmen haben müssen mit deinen Knechten, mit deinen Mitmenschen. Und in seinem Zorn übergab ihm der Herr den Peinigern.“

Das Stichwort „Zorn“ gemahnt biblische Ohren an den Zorn Gottes, an den Tag des Herrn, an jenem Moment, an dem Gott selber zu Gericht sitzen wird und für Ausgleich sorgen wird in all den Ungerechtigkeiten der Menschheit.

Im Himmel gibt es kein Unrechtssystem

Er übergibt ihm diesen schuldig gewordenen Knecht, seinen Peinigern. – Ich weiß schon, mit solchen Vergeltungsmaßnahmen im Jenseits droht man nicht, das ist nichts mehr für unsere heutige Zieit. – Aber sehen wir es doch aus der anderen Perspektive: Wäre es nicht fast schon obszön, dass jener, dem im Leben Unrecht getan wurde, nicht wenigstens im Jenseits besser leben können sollte als der, der ihm zeit seines Lebens böse gesonnen war?

Darum geht es ja. Sollte Gott nicht besser sein als wir Menschen? Warum sollte er dann das Unrechtssystem dieser Welt in seiner himmlischen Welt im Himmelreich fortsetzen und nicht vielmehr umkehren wollen?

Hölle klingt vielen zu hart...

 

Die Altvorderen nannten diesen Mechanismus „Himmel und Hölle“. Von Himmel darf man natürlich immer noch reden, weil es süßlich lieblich klingt. Hölle klingt vielen zu hart. – Nun gut, dann nennen Sie es meinetwegen halt Nicht-Himmel.

...Gottferne bleibt Tatsache

Wie auch immer der Gegensatz benannt werden möchte, es bleibt Tatsache: Es muss diesen Zustand der Gottferne geben: Alleine schon um der Trauernden willen, der Hungernden, der Missachteten, der Vergewaltigten und Malträtierten. Um der Gefolterten und gemarterten Willen, die in diesem Leben nichts Gutes erfahren haben, im Himmelreich aber zu ihrem Recht kommen sollen.

Dem Bruder von Herzen vergeben

Das Evangelium endet mit dem Satz: „Ebenso wie dieser König wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.“ Der Evangelist Matthäus unterscheidet hier offensichtlich: Denn „der Vater im Himmel“ ist primär der Vater Jesu Christi, der euch - Jesus spricht ja zu seinen Jüngern und damit auch zu uns - , so behandeln wird, wenn nicht jeder von euch seinem Bruder, seiner Schwester vergibt.

Christus ähnlich werden

Matthäus führt hier eine Differenzierung der Ebenen ein. Jesus spricht nicht von unserem allen gemeinsamen Vater, sondern in erster Linie von seinem Vater, der ihn als den Sohn zu uns Schwestern und Brüdern geschickt hat. Er ist der Sohn, dem wir uns erst als Menschenkinder angleichen, anähneln müssen, in dem wir sein Verhalten, seine Gedanken nachahmen und in unserem Leben konkrete Gestalt geben.

Erst wenn uns das gelingt, als Menschenkinder dem Sohne Gottes ähnlich zu werden, erst wenn uns das gelingt, dann dürfen wir mit Recht seinen Vater im Himmel auch unseren Vater im Himmel nennen. Davor, dürfen wir es nicht. Davor sind wir eher der cholerische, würgende Knecht, der anderen eher an die Gurgel geht als die Barmherzigkeit Gottes zu bezeugen.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

 

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16. September 2023, 11:00