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Pfarrer Franz Meurer (Foto: wikicommons/nicola) Pfarrer Franz Meurer (Foto: wikicommons/nicola) 

D: „Wir retten die Kirche – aber von unten“

Kirchenkrise und scharenweise Kirchenaustritte: Gefühlt steht die katholische Kirche in Deutschland auf der Roten Liste für vom Aussterben bedrohte Arten.

Anders als bei Franz Meurer, Pfarrer aus Köln. Meurer sagt: „Wir retten die Kirche. Aber von unten.“ Es gehe darum, in einer Pfarrei Solidarität nicht nur zu predigen, sondern wirklich zu leben, erläuterte er in einem Interview mit dem Kölner Domradio.

„Bei uns in der Pfarrei engagieren sich 27 Gruppen – aber jede Gruppe ist ihr eigenes Profitcenter, wie man heute sagt. Das heißt, keine der Gruppen macht es so, wie ich es machen würde! Man kann ja alles anders machen, und vielleicht ist das das Wichtigste. ‚Wer es macht, hat Macht‘, hat mal jemand bei uns erfunden; den Spruch finde ich ziemlich gut.“

587 Menschen haben Schlüssel zur Kirche

In Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat würden „fast alle Entscheidungen, mit ganz geringen Ausnahmen, demokratisch gefällt“, so Meurer. In seiner Pfarrei hätten 587 Menschen einen Schlüssel für die Kirche.

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„Ja klar, den Zugang müssen die haben, die es machen! Interessante Leute würden ja niemals irgendwo bei einer Hausmeisterin und bei einem Küster den Schlüssel abholen – die hast du sofort verloren. Das heißt, wenn du engagierte Leute haben willst, dann müssen die nicht nur einen Schlüssel haben, die müssen auch Verfügung über Geld haben, müssen über Fahrzeuge verfügen können, und die müssen auch selber Entscheidungen fällen können. Das ist ganz wichtig.“

„Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, kann das die Welt verändern“

Sein Prinzip laute: Jeder mache, was er kann. „Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, kann das die Welt verändern!“ Er habe noch nie für Gruppierungen oder für den Kirchenvorstand Leute angesprochen: „Wenn sich die Gruppen nicht selber regenerieren und ergänzen, dann ist es doch nichts.“ Die ganze Kunst bestehe darin, dass man es zulasse, dass die Menschen vor Ort ihre Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen.

Kölner Kirchen
Kölner Kirchen

„Wir sind zwar bei uns sehr arm; 27 Prozent aller Haushalte sind überschuldet, aber die Leute können doch viel. Und wenn die zum Beispiel jetzt die Technik in unserer ‚Kinderstadt‘ stark machen oder wenn die 130 Weihnachtssterne auf LED umbauen; wenn die in der Lage sind, sagen wir mal, unsere ökumenische Familienwerkstatt zu organisieren mit weit über 100 Angeboten, dann zeigt das doch, dass es nicht von oben nach unten (top down), sondern von unten nach oben funktioniert.“

Kirche darf nicht die normalen Leute verlieren

Auf der einen Seite übernehmen nach Pfarrer Meurers Darstellung Förderschüler Verantwortung in seiner Pfarrei, auf der anderen Seite engagieren sich auch „die bürgerlichen Menschen“, also zum Beispiel Ärztinnen, eigenverantwortlich im Firmunterricht.

„Ich finde, wir müssen aufpassen, dass wir nicht die normalen Leute verlieren. Meine These ist ja: Wir Christen müssen nur normal sein. Also nicht kompliziert sein, nicht hinterlistig sein, nicht hinterfotzig sein. Nein, man muss mit Kirche gut aussehen. Das ist der entscheidende Faktor. Und um noch mal die Firm-Katechetinnen zu nehmen: Wenn du jetzt den jungen Frauen sagst, du musst das so und so machen, würden die sagen ‚Weißt du was? Dann mach es doch selbst.‘ Das heißt, wir müssen Orte der Freiheit schaffen. Orte des Engagements schaffen. Orte der Selbstbestimmung schaffen. Oder, soziologisch gesagt: Orte der Resonanz schaffen. Die Leute wollen doch Respekt!“

„Dafür ackern, dass die Leute nicht weglaufen“

Die Kirche – und zwar schon ganz konkret die Pfarrkirche – sollte „der Ort sein, wo Respekt generiert wird“, so Meurer. Durch die Taufe würden wir alle zu „Königen, Propheten und Priestern“; diese Gleichheit und gleiche Würde durch die Taufe seien „das Kapital“ der Kirche. Man müsse „dafür ackern“, dass die Leute nicht wegliefen, sondern Gründe hätten, dabeizubleiben.

Franz Meurer ist Pfarrer in einem Kölner Problemviertel; er hat mehrere Bücher geschrieben, macht häufig mit unkonventionellen Aktionen von sich reden und ist „alternativer Ehrenbürger“ der Domstadt.

(domradio/vatican news – sk)

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16. Januar 2023, 10:31