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ZdK-Präsident Thomas Sternberg kandidiert nach sechs Jahren nicht erneut. Bild/Copyright: ZdK ZdK-Präsident Thomas Sternberg kandidiert nach sechs Jahren nicht erneut. Bild/Copyright: ZdK 

Scheidender ZdK-Präsident Sternberg: „Keine Angst vor Synodalität haben“

„Keine Angst vor Synodalität zu haben“: Dies kann laut ZdK-Präsident Thomas Sternberg eine Botschaft des deutschen Synodalen Weges an den weltweiten synodalen Prozess sein. Im Bilanz-Interview über seine zu Ende gehende Amtszeit spricht er über das Wirken des Zentralkomitees „in die Gesellschaft hinein“, über prägende Kirchentage, die Ökumene, den Synodalen Weg. Und er lobt die „kräftigen Impulse“ des Papstes.

Anne Preckel - Vatikanstadt

Die ZdK-Vollversammlung wählt bei ihrem nächsten Treffen am 19. und 20. November eine Nachfolgerin bzw. einen Nachfolger für Thomas Sternberg. Zur Wahl stellen sich die Vizepräsidentin des Deutschen Caritas-Verbandes, Irme Stetter-Karp, und der Präsident des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Ulrich Hemel. Der promovierte Theologe Sternberg leitete das Zentralkomitee seit 2015 und wird nach Ende seiner Amtszeit als Präsident der Kunststiftung NRW wirken, zu dem er im Juli gewählt wurde. Radio Vatikan wollte in dem Bilanz-Interview von Thomas Sternberg zunächst wissen, was ihn in seiner Amtszeit als ZdK-Präsident am meisten geprägt hat.

Thomas Sternberg im Bilanz-Gespräch. Interview: Anne Preckel (Radio Vatikan)

Katholikentage waren Höhepunkte

Thomas Sternberg (scheidender ZdK-Präsident): Es ist immer schwer zu sagen in einem so knappen Rückblick. Im Grunde genommen steht man ja mitten in den Aktivitäten, die im Moment anliegen. Da ist natürlich vor allen Dingen der Synodale Weg als ganz große Sache, aber auch der Umzug des Generalsekretariats nach 70 Jahren von Bonn nach Berlin, den wir Anfang Januar vollziehen werden. An Höhepunkten sind sicherlich erwartbar geradezu die Katholikentage. Wir hatten den Hundertsten in Leipzig 2016, einen ganz außergewöhnlichen Katholikentag, nicht wegen seiner Größe, sondern weil es ein Ereignis war in einer sehr anderen Gesellschaft als die in Westdeutschland: 80 Prozent der Menschen in Leipzig gehören keiner christlichen Konfession an und das war schon eine ganz eigene, sehr große Erfahrung, ein wunderbarer Katholikentag.  Dann war natürlich 2018 der sehr große, fröhliche Katholikentag in Münster, meiner Heimatstadt - nach 88 Jahren wieder einmal in Münster.

Aber auch der Ökumenische Kirchentag in diesem Jahr in Frankfurt, der so groß geplant war und dann doch hauptsächlich digital ausfallen musste, ist mir sehr, sehr wichtig, weil in meiner Amtszeit nicht zuletzt sehr wichtige Schritte im Bereich der Ökumene gemacht worden sind. Das Reformationsjubiläum 2017 ist in seiner - für mich völlig überraschend - intensiven ökumenischen Ausrichtung auf jeden Fall immer Auftrag geblieben.

Von Lebensschutz bis Lieferkettengesetz

„Dass es in Deutschland überhaupt so etwas gibt wie eine verpflichtende Beratung und was nach dieser Beratung dann auch für das Leben im Sinne des ungeborenen Lebens gemacht wird, das ist ZdK-Politik gewesen.“

Radio Vatikan: Für das ZdK war Ihnen das Engagement in gesellschaftspolitischen Debatten wichtig. Wo hat das ZdK hier wirklich Akzente setzen können? Und was sind die wichtigsten Zukunftsaufgaben, die Sie für das Zentralkomitee heute sehen?

Sternberg: Es ist einfach die zentrale Aufgabe des ZdK immer gewesen, dass das ZdK diejenigen versammelt, die authentisch für die katholische Kirche Stellungnahmen im politischen Bereich äußern. Dass das sich in den letzten Jahrzehnten dann etwas verwischt hat, ist eine andere Frage. Aber unsere Hauptaufgaben als ZdK sind nicht die innerkirchlichen Diskussionen, die wir natürlich auch führen, sondern für uns ist das Wichtigste dieses Hineinwirken in eine Gesellschaft, die zunehmend säkularer wird. Da gelingt auch sehr Vieles!

Wenn ich etwa an den großen Einsatz des ZdK über lange, lange Jahrzehnte in der Frage des Lebensschutzes denke. Dass es in Deutschland überhaupt so etwas gibt wie eine verpflichtende Beratung und was nach dieser Beratung dann auch für das Leben im Sinne des ungeborenen Lebens gemacht wird, das ist ZdK-Politik gewesen. Aber genauso, wenn ich dann an solche Dinge wie in jüngerer Zeit an die Gesetzgebungsdebatten zum geschäftsmäßigen assistierten Suizid denke, auch, wenn das jetzt vom Bundesverfassungsgericht gekippt worden ist. Wir sind nicht nur in der Frage des assistierten Suizids, sondern auch in der Frage nach Suizidprävention in besonderer Weise aktiv. Aber ich denke nicht nur an diese unmittelbaren Lebensschutzfragen, ich denke an so etwas wie das Lieferkettengesetz: Nach welchen sozialen Standards werden eigentlich unsere Produkte produziert, die wir täglich gebrauchen, und wie kann so etwas möglich werden wie Fairtrade? Das sind Dinge, die in unserer Arbeit immer eine riesige Rolle gespielt haben. Dabei habe ich nur zwei Bereich herausgegriffen aus ganz vielen anderen, die ich auch nennen könnte...

Mut machendes katholisches Engagement

„Wunderbare Menschen, die in einer solchen Situation wie jetzt bereit sind, in der Kirche und für diese Kirche zu arbeiten!“

Das hat mir sehr viel Mut gegeben, denn Sie haben Recht: Die Wut, die Verärgerung, auch die Austrittswilligkeit ist mittlerweile nicht mehr eine Frage von Randständigen oder von Leuten, die mit einem Kirchenaustritt den letzten Schritt einer früheren Entfremdung vollziehen. Nein, mittendrin in unseren Kerngemeinden ist dieser Ärger angekommen. Dieser Ärger hat nur zum Teil mit den ja teilweise katastrophalen Fehlern in der Missbrauchsaufarbeitung zu tun oder mit der Tatsache von Missbrauch unter Klerikern überhaupt, was eine gigantische Erschütterung ist und bleibt. Sondern es hat auch damit zu tun, dass es eine große Verärgerung gibt über liegengebliebene Reformen seit den 70er Jahren, wo man den Eindruck hat, seit der Würzburger Synode wäre eigentlich nichts mehr passiert.

Synodaler Weg zeigt starken Reformwillen

Radio Vatikan: Damit sind wir beim Thema Synodaler Weg. Deutschlands Kirche ist in diesen Jahren im Aufruhr, im Umbruch. Seit Dezember 2019 läuft der - von Laien wie Bischöfen gewollte und gestaltete - Synodale Weg, den Sie als Präsident mit Tatkraft und auch Optimismus vertreten haben. An welchem Punkt sehen Sie den Reformdialog aktuell?

Sternberg: Nun bin ich sowieso Optimist und lasse mich auch dann in einer großen deutschen Tageszeitung schelten als selbstzufriedener Vertreter des Gremienkatholizismus, aber lassen wir das einmal dahingestellt. Ich war auf jeden Fall hochzufrieden nach der zweiten Synodalversammlung in Frankfurt, der ersten Synodalversammlung nach schließlich eineinhalb Jahren, in der wir Abstimmungen machten und zwar diesmal nicht über Geschäftsordnungs-Dinge, sondern über Inhalte! Nämlich über so gravierende Inhalte wie den Grundlagentext für den gesamten Prozess, die Präambel und Grundlagentexte zum Beispiel für das Forum „Macht und Partizipation“, Texte, die es weiß Gott in sich haben. Dass diese Texte in erster Lesung, also als Richtungsentscheidung, Mehrheiten zwischen 76 und 92 Prozent bekommen haben, hat mich überrascht und außerordentlich erfreut. Es hat nämlich gezeigt, dass in der katholischen Kirche in Deutschland von Bischöfen bis zu jedem und jeder anderen in dieser Kirche offensichtlich ein ganz starker Wille zu Reformen da ist. Der Wille, hier wirklich ernsthaft die Dinge anzugehen, die uns, dem Synodalen Weg, aufgetragen sind: die Aufarbeitung der Ursachen dafür, dass überhaupt sexualisierte Gewalt von Klerikern möglich wurde. Und zum anderen Vertrauen und Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, die zarte Pflanze Vertrauen behutsam zu pflegen, um vielleicht wieder zu einer Glaubwürdigkeit zu kommen, damit wir dann auch wieder mit dem gehört werden, was wir eigentlich sagen wollen – nämlich einmal als ZdK unsere politischen Äußerungen, aber auch als Christen, wenn wir davon sprechen wollen, was und wer unser Leben trägt.

„Die Fragen, die wir diskutieren, sind Fragen, die weltweit in der Katholischen Kirche und unter den Gläubigen diskutiert werden. Die Vorstellung, hier würde irgendetwas in Deutschland als Sonderweg praktiziert, ist immer schon völlig abgelegen und abstrus gewesen.“

Radio Vatikan: Große Reform-Hoffnungen und Erwartungen sind mit dem Synodalen Weg verknüpft, doch es gab auch Kritik und Zweifel, Stichworte waren hier etwa „Sonderweg“ und „zu wenig Evangelisierung“. Was sagen Sie diesen Skeptikern?

Sternberg: Also zunächst zu der Sache mit dem „Sonderweg“ – die habe ich immer schon für geradezu weltfremd gehalten, denn die katholische Kirche in Deutschland muss nicht beweisen, wie stark sie sich als eine globale Kirche versteht und in einem globalen Zusammenhang steht mit Partnerschaft, mit Hilfsprogrammen, mit so vielen Kontakten. Wir haben jetzt auch gezeigt im Synodalen Weg durch Beobachter, durch Beteiligung, durch internationale Aufmerksamkeit, dass hier alles andere gemacht wird als ein nationaler Sonderweg. Die Fragen, die wir diskutieren, sind Fragen, die weltweit in der Katholischen Kirche und unter den Gläubigen diskutiert werden. Die Vorstellung, hier würde irgendetwas in Deutschland als Sonderweg praktiziert, also irgendetwas Schismatisches, bei dem die alten Reformängste des 16. Jahrhunderts wieder hochkommen könnten, ist immer schon völlig abgelegen und abstrus gewesen. Nein, das ist nicht das Problem. Das zeigt sich jetzt eben auch in der starken internationalen Rezeption, übrigens nicht zuletzt in der Rezeption, die der Papst mit einem Lob-Schlenker in seinem Aufruf zum weltweiten Vorbereitungsprozess für die Bischofssynode 2023 gemacht hat, als er sagte, in den Ländern, wo man in synodaler Form Prozesse gemacht hat, habe das zur Belebung der Kirche beigetragen. Das war ja wohl mit dem Synodalen Weg gemeint.

„Dass uns der Papst selber geschrieben hat, erstaunlicherweise an alle Gläubigen, nicht an die Bischöfe, ist uns Mahnung und Auftrag jeden Tag. Für mich ist dieser Brief von einer außerordentlichen Wichtigkeit.“

Radio Vatikan: Papst Franziskus hat sich ja auch eigens in einem Brief an die deutsche Kirche gerichtet (Papst Franziskus' Brief: An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, Juni 2019).

Sternberg: Dass uns der Papst selber geschrieben hat, erstaunlicherweise an alle Gläubigen, nicht an die Bischöfe, ist uns Mahnung und Auftrag jeden Tag. Für mich ist dieser Brief von einer außerordentlichen Wichtigkeit. Darin sagt er eben, wir leben nicht nur in einer Zeit von Veränderung, wir leben in einer Zeitenwende. Zeitenwende ist ein sehr drastischer Ausdruck. Er sagt, diese Zeitenwende verlangt neue und mutige Antworten und weiter sagt er, auf dem Weg zur Suche nach solchen freimütigen Antworten bin ich bei euch und helfe euch. Dann sagt er, denkt dabei an globale Kirche, das ist ja wirklich seinem Amt geschuldet, und denkt an die Evangelisierung als Zentrum. Völlig richtig, das ist auch sein gesamter Grundansatz, aber auch der Ansatz bei uns. Aber wie wollen wir evangelisieren, wie wollen wir glaubwürdig von dem sprechen, was uns trägt, wenn wir in einer Gesellschaft leben, in der Kirche nur noch abgehandelt wird unter Skandalen und unter Problemsituationen, die wir beherzt anzugehen haben. Das heißt, wenn wir nicht unser eigenes Haus in Ordnung bringen, werden wir diese Glaubwürdigkeit nicht wiedererlangen. Evangelium evangelisiert, das heißt auch die evangeliumsgemäße Umgestaltung von Kirche, Gesellschaft und Welt und nicht zuletzt auch von uns selbst. Wie leben wir eigentlich evangeliumsgemäß? Wenn man das sehr ernst nimmt, dann sind wir bei Evangelisierung weit weg von Missionierung im simplen Verständnis.

Keine Angst haben vor Synodalität

„Die Tatsache, dass es möglich ist, dass wir hier in Frankfurt in alphabetischer Reihenfolge sitzen, dass jede Wortmeldung, jedes Votum eines Kardinals oder einer jungen Frau der Unter-30-Gruppe genau den gleichen Rang, genau den gleichen Platz, genau die gleiche Zeitdauer hat wie die anderen, und gutgeht, ist für mich der wichtigste Beitrag, den wir in diesem Weltprozess einspielen können. Habt keine Angst vor Synodalität, sie ist möglich.“

Radio Vatikan: Nun hat der Papst ja jetzt einen breiter angelegten Synodalen Weg in der Weltkirche auf den Weg gebracht. Was kann der Synodale Weg Ihrer Ansicht nach in die breiter angelegte Weltsynode einbringen?

Sternberg:
Man muss sich trotz des ähnlichen Namens „Synodaler Weg“ klar machen, dass der Synodale Weg in Deutschland einen anderen Anlass hat. Ich habe vorhin darüber gesprochen, es ist der Aufweis der Ursachen für die Möglichkeit von sexualisierter Gewalt unter Klerikern. Diese drei Themen, die da in der MHG-Studie genannt werden von 2018, die haben die Grundlage gebildet für den Synodalen Prozess, den wir jetzt machen. Das ist kein Reformprozess im ganz umfassenden Sinne. Was der Papst wiederum angestoßen hat, ist der Vorbereitungsprozess für eine Bischofssynode 2023 zum Thema Synodalität. Wir haben hier also unterschiedliche Anlässe und auch teilweise unterschiedliche Themen. Aber insbesondere was bei uns auf dem Synodalen Weg im Themenbereich des Forums 1, „Macht und Partizipation“, erarbeitet wird, ist natürlich etwas, was unmittelbar auch den Vorbereitungsprozess der Bischofssynode betrifft. Insofern können wir sehr viel inhaltlich einbringen aus unserer Arbeit aus dem Forum 1 in den Weg. Und ich glaube, was noch wichtiger ist: Wir können hier bei unserem Synodalen Weg in Deutschland zeigen, wie Synodalität geht. Es ist nämlich offensichtlich durchaus möglich, in der Kirche partizipativ zusammenzuarbeiten, ohne dass der Rangunterschied die Wortmeldung entscheidet, sondern nur die Kraft des Arguments. Die Tatsache, dass es möglich ist, dass wir hier in Frankfurt in alphabetischer Reihenfolge sitzen, dass jede Wortmeldung, jedes Votum eines Kardinals oder einer jungen Frau der Unter-30-Gruppe genau den gleichen Rang, genau den gleichen Platz, genau die gleiche Zeitdauer hat wie die anderen, und gutgeht, ist für mich der wichtigste Beitrag, den wir in diesem Weltprozess einspielen können. Habt keine Angst vor Synodalität, sie ist möglich.

Ökumenische Übereinkunft in wichtigen Fragen

„Ich glaube, es gibt kaum ein Land, zumindest in Europa, in dem so viele konfessionsverschiedene Familien und Ehen existieren, wie in Deutschland, weil hier die Mengenverhältnisse in etwa gleich sind zwischen Evangelischen und Katholiken. Was hier in den Familien Tag für Tag und Woche für Woche passiert, was in den Gemeinden längst normalste Praxis ist, das muss in einer theologischen Weise reflektiert werden.“

Radio Vatikan: Das Thema Ökumene, das Sie vorhin schon ansprachen und das ein wesentliches Anliegen war in ihrem Wirken: Wo erhoffen Sie sich noch weitere Schritte in der Ökumene?

Sternberg: Ich denke, die Frage der Ökumene bleibt wichtig, auch wenn natürlich heute die interreligiösen Fragestellungen diese Frage fast zu überlagern drohen und viele meinen, das sei doch alles geklärt. Nein, wir brauchen auch die kirchenamtliche, dogmatische und in Dokumenten festgelegte ökumenische Übereinkunft in wichtigen Fragen, die in der Praxis kaum eine Rolle mehr spielen. Ich gebe ein Beispiel: Wir haben in Frankfurt beim Ökumenischen Kirchentag sehr bewusst konfessionelle Gottesdienste gefeiert und zu diesen konfessionellen Gottesdiensten Menschen anderer Konfession eingeladen unter einem Zeugnis, das wir gemeinsam formuliert hatten. Dabei ging es auch um die Möglichkeit, dort zum Tisch des Herrn zu gehen. Ich glaube, es gibt kaum ein Land, zumindest in Europa, in dem so viele konfessionsverschiedene Familien und Ehen existieren, wie in Deutschland, weil hier die Mengenverhältnisse in etwa gleich sind zwischen Evangelischen und Katholiken. Was hier in den Familien Tag für Tag und Woche für Woche passiert, was in den Gemeinden längst normalste Praxis ist, das muss in einer theologischen Weise reflektiert werden. Bei diesem Thema ist auch die für mich völlig überraschend ökumenische Ausrichtung des Reformationsjubiläum 2017, 500 Jahre Reformation, in jedem Fall Auftrag und Richtungsweisung geblieben. Da hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland in einer Weise ökumenisch offen gezeigt, die uns richtungsweisend bleiben muss.

Radio Vatikan: Sie hatten zu Beginn Ihrer Amtszeit die Vision einer stärkeren gemeinsamen Stimme aller Religionen in Deutschland formuliert – also mit Blick auf interreligiöse Bande mit Judentum und Islam. Was ist daraus geworden? Und warum wäre ein solches Zeugnis vielleicht heute auch besonders wichtig?

Sternberg: Ich habe das formuliert, vor allen Dingen in der Debatte um die Suizidassistenz. Denn gerade in den Fragen des Lebensschutzes sind wir auch in den Religionen sehr nah beieinander. Und ich glaube es wäre sehr gut, wenn man einmal deutlich machte, dass hier nicht Religionen gegeneinanderstehen und Religionen vielleicht sogar die Grundlage für Kriege und Kämpfe oder Auseinandersetzungen sind, sondern im Gegenteil: dass Religiosität Motor des Friedens ist. Das hat der Papst Franziskus in „Frattelli tutti“ und in seinem so wichtigen Treffen mit muslimischen, jüdischen und anderen Religionsvertretern in ganz eindringlicher Weise deutlich gemacht, dass wir uns nicht in die Ecke drängen lassen sollten, als wären wir schon qua Religion gewalttätig. Nein, umgekehrt: religiöse Menschen sind Friedensstifter.

Sternberg sieht „kräftige Impulse“ des Papstes

„Ich glaube, dass dieser Papst angetreten ist, um in dieser Kirche aufzuwirbeln, um frische Luft rein zu lassen, wie es Johannes XXIII. einmal gesagt hat, und dass er dieses Aggiornamento - einen Ausdruck, den er auch in dem Brief an uns zum Synodalen Weg gebraucht hat - ermöglicht, indem er die freie und offene Debatte darüber gewährt.“

Radio Vatikan: Sie sind im Pontifikat von Papst Franziskus zum ZdK-Präsidenten gewählt worden. Was sind für Sie die wichtigsten Impulse dieses Papstes für die katholische Kirche?

Sternberg: Ich glaube, dieser Papst hat vor allen Dingen sehr kräftige und intensive Impulse gesetzt. Das ist einmal die Weiterführung der interreligiösen Thematik, die er ja von Johannes Paul II. schon übernommen hatte, der das auch sehr stark gemacht. Das ist aber auch in der Enzyklika „Laudato Si“ die sehr starke Ausrichtung der internationalen sozialen Frage in Verknüpfung mit dem Klimawandel und internationaler Gerechtigkeit - im vielfachen Sinne eine ganz wichtige Schrift! Auch die Tatsache, dass zum ersten Mal ein Text eines Papstes zum Thema Partnerschaft, Ehe und Familie verfasst wurde, den man tatsächlich, ohne sich dafür zu genieren, weiterreichen kann, mit dem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“, ein wunderbarer Text!

Dieser Papst hat Türen, die nach 1978 mit dem Tod von Paul VI. in der innerkirchlichen Debatte, nicht in der Außendarstellung, zugeschlagen worden waren, mit sehr viel Energie und mit großer Wirkung aufgestoßen. – Sehr viele Katholiken in Deutschland, die so verärgert und wütend waren, weil sie den Eindruck hatten, das von der Würzburger Synode oder der Dresdner Synode parallel in den 70er Jahren nur bedrucktes Papier geblieben ist, das teilweise von Rom nie beantwortet wurde, sind froh, dass sich jetzt etwas bewegt. Ich bin ganz sicher, diese Türen lassen sich nie wieder schließen, die offene Diskussionen um die Weihe der Frauen, zumindest die Diskussion und die Prüfung der Argumente, die Diskussion um Gewaltenteilung in der Kirche. Ich glaube, dass dieser Papst angetreten ist, um in dieser Kirche Staub aufzuwirbeln, um frische Luft rein zu lassen, wie es Johannes XXIII. einmal gesagt hat, und dass er dieses Aggiornamento - einen Ausdruck, den er auch in dem Brief an uns zum Synodalen Weg gebraucht hat - ermöglicht, indem er die freie und offene Debatte darüber gewährt.

Ein ganz wichtiger Punkt im Pontifikat von Franziskus scheinen mir aber auch die Überlegungen zu sein, inwieweit sich eine Kirche, die international vor allen Dingen der Export einer spezifisch europäischen Form der Kirche ist und war, in eine heilsame Dezentralisierung, wie er das nennt, differenzieren kann in verschiedenen kulturellen Situationen. Da ist das nachsynodale Schreiben „Querida Amazonia“ eine ganz wichtige Lektüre.

Neue Aufgaben

Radio Vatikan: Kommen wir zum Abschluss noch einmal zu Ihnen. Was sind Ihre jetzigen Pläne nach dem ZdK-Präsidentenamt?

Sternberg: Dieses Amt ist nicht ganz ohne ziemlichen Arbeitseinsatz und Stress, da bin ich ganz froh, wenn das nicht mehr in der gleichen Weise auch in mein 70. Lebensjahr hineinreicht. Ich glaube, da sind sechs Jahre genug. Aber ich mache jetzt etwas mehr, was ich immer mit besonderer Passion getan habe: Ich kümmere mich um die Kunst. Ich bin Präsident der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen geworden, wo wir Kunstförderung machen, und ich werde mich auch wieder mehr mit Artikeln und Aufsätzen zu kunstgeschichtlichen, historischen und literaturgeschichtlichen Fragen beschäftigen. Ich freue mich auch, dass ich nun etwas mehr Zeit für meine inzwischen sechs Enkel habe.

Radio Vatikan: Vielen Dank für dieses Gespräch

Thomas Sternberg war seit 2015 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Von 2005 bis 2017 war der CDU-Politiker Mitglied des nordrhein-westfälischen Landtags und leitete von 1988 bis zu seinem Ruhestand 2016 als Direktor die Akademie des Bistums Münster, das Franz-Hitze-Haus. Der gebürtige Sauerländer absolvierte zunächst eine Bäckerlehre im elterlichen Betrieb und studierte danach Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie in Münster, Rom und Bonn. Sternberg ist Witwer, hat fünf Kinder und mehrere Enkelkinder.

(vatican news – pr)

 

16 November 2021, 17:00