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Flüchtende in Afghanistan Flüchtende in Afghanistan  (AFP or licensors)

Österreich: Bischof kritisiert „nationalistische Engstirnigkeit"


Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler hat zu mehr Verbundenheit in Europa und einem „Geist der Großherzigkeit" aufgerufen, etwa auch in Fragen des Umgangs mit Flüchtlingen aus Afghanistan. Glettler äußerte sich am Sonntag beim Europäischen Forum Alpbach, einem seit 1945 jährlich in Tirol stattfindenden Gesprächsforum mit Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur.

In den vielfachen Belastungsproben aus politischen Konflikten bis hin zur „galoppierenden" Klimaveränderung helfe „nationalistische Engstirnigkeit" nicht weiter, mahnte der Innsbrucker Diözesanbischof am Sonntag beim Gottesdienst zum traditionellen „Tirol-Tag" des Forums Alpbach. „Europa kann nur in einem verlässlichen 'Wir' überleben", betonte der Bischof bei der Messe in der Alpbacher Pfarrkirche.

Nötig sei vor allen Strukturdebatten im Zusammenhang mit den genannten Krisen ein „neuer Geist", den man etwa aus einer erneuerten Beziehung zu Gott und empfangen könne. „Einen Geist, der uns innerlich nährt und damit belastbarer, großherziger und kreativer macht - für alle Aufgaben im persönlichen Lebensumfeld, aber genauso in den großen Fragestellungen betreffend die Zukunft Europas und der Welt", sagte Glettler.

„Man kann mit einem verzagten oder populistisch motivierten Geist jetzt schon fiktive Abwehrkämpfe ersinnen, um ja nicht noch mehr Flüchtende aufnehmen zu müssen. Aber was ist das angesichts der verzweifelten Lage von Millionen?“

In jedem Fall brauche es einen „Geist der Großherzigkeit", was Glettler am Beispiel Afghanistan und der anhaltenden österreichischen Debatte um Asyl und Abschiebungen konkretisierte. Die Machtübernahme der Taliban habe auch hierzulande Panik ausgelöst, so der Bischof. „Man kann mit einem verzagten oder populistisch motivierten Geist jetzt schon fiktive Abwehrkämpfe ersinnen, um ja nicht noch mehr Flüchtende aufnehmen zu müssen. Aber was ist das angesichts der verzweifelten Lage von Millionen?", fragte Glettler. Auch wer „mit eiferndem Geist" sich seit Jahren in europäischen Ländern aufhaltende Afghanen generell kriminalisiere und sie mit allen Mitteln loswerden wolle, schüre ein „unmenschliches Klima".

Stattdessen müsse man sich „diesen extrem verzweifelten Menschen" gerade jetzt zuwenden, mahnte der Bischof. „Die meisten von ihnen bangen um ihre Angehörigen, die ihr Heimatland nicht mehr rechtzeitig verlassen konnten. Viele von den jungen Leuten sind uns auch in Tirol als integrationswillige und fleißige Lehrlinge bekannt. Es ist doch ein Gebot der Stunde, menschliche Kontakte jetzt zu stärken und therapeutische Beratung anzubieten", sagte Glettler.

Wien will keine weiteren Geflüchteten aus Afghanistan aufnehmen

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz von der konservative Volkspartei wiederholte am Sonntagabend, das Land werde trotz der Machtübernahme der islamistischen Taliban keinen weiteren Flüchtlingen aus Afghanistan Schutz gewähren. „Ich bin nicht der Meinung, dass wir in Österreich mehr Menschen aufnehmen sollten, sondern ganz im Gegenteil“, sagte Kurz im Interview mit dem Fernsehsender Puls 4. Der Regierungschef, der zu Beginn seiner politischen Laufbahn Staatssekretär für Integration gewesen war, verwies auf die in seinen Worten „besonders schwierige Integration“ von Menschen auf Afghanistan. Auch habe Österreich bereits einen unverhältnismäßig großen Beitrag zur Aufnahme von Flüchtlingen aus dem asiatischen Krisenstaat geleistet. Das deckt sich mit Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, denen zufolge Österreich gut 40.000 afghanische Flüchtlinge aufgenommen hat. Das ist die zweithöchste Zahl in Europa nach Deutschland mit 148.000.

Forum Alpbach dieses Jahr teils online

Das Forum Alpbach findet in diesem Jahr in einer hybriden Veranstaltungsform mit maximal 1.000 Teilnehmern vor Ort und zahlreichen Online-Angeboten statt. Bis 3. September geht es dabei unter dem Generalmotto „The Great Transformation" („Die große Veränderung") unter anderem um die Themen Sicherheit in Europa, Klimawandel als Chance und die Finanzierung Europas.

In der Pfarrkirche Alpbach wird für die Konferenz-Teilnehmer auch ein interreligiöses Begleitprogramm mit Morgen- und Abendbetrachtungen angeboten. Impulse geben dabei u.a. der Jesuit Dominik Markl SJ vom Päpstlichen Bibelinstitut in Rom und der Innsbrucker Islam-Theologe Khalid El-Abdaoui.

(kap - gs)

23 August 2021, 10:15