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Vatican News
Ahrweiler nach der Hochwasserkatastrophe Ahrweiler nach der Hochwasserkatastrophe  (AFP or licensors)

D: Ein Priester unterwegs im Notfallgebiet

Knapp zwei Wochen nach dem schlimmen Starkregen kommen in den Hochwassergebieten die Aufräumarbeiten voran. Kirchliche Helfer vor Ort stellen fest, dass der Gesprächsbedarf bei den Betroffenen größer wird. Unsere Kollegen vom Domradio sprachen mit Heiko Marquardsen, einem Priester in der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr/Ahrweiler.

DOMRADIO.DE: Sie sind gerade beinahe 24 Stunden für den Arbeitskreis „Kirche hilft“ im Einsatz. Was ist das für ein Zusammenschluss?

Heiko Marquardsen (Priester in der Pfarreiengemeinschaft Bad Neuenahr/Ahrweiler): Der Zusammenschluss hat sich zwei Tage nach dem Hochwasser gebildet, am Freitagmorgen, aus dem Erleben heraus. Wir als Kirchengemeinde mussten in dieses Chaos ein wenig Struktur und Richtung bringen. Unsere Initiative hat sich aus verschiedenen Menschen gebildet, die meistens selbst nicht akut vom Hochwasser betroffen waren. Mir ging es so, dass ich Glück hatte, dass das Wasser unmittelbar bis kurz vor meine Haustür gekommen ist aber nicht weiter floss. Mein Chef, der leitender Pfarrer ist, war zwar selbst betroffen, er hatte Wasser im Haus, war aber trotzdem mit dabei. Und dann kamen Menschen aus unserem Pastoralteam dazu. Ein Mitglied unserer Aktion hat mal bei der Bundeswehr gearbeitet. Er hat uns als Leistungscoach gut durch die Krise geführt und geholfen, uns ein bisschen Struktur zu geben. Das Ziel war es also einen Zusammenschluss zu bilden und miteinander zu sortieren, was wir angehen müssen. Und es galt auch darauf zu reagieren, was sich täglich, auch stündlich verändert hat.

Hier hören Sie das Interview mit Heiko Marquardsen

DOMRADIO.DE: Wie sieht denn im Moment Ihr Alltag aus?

Marquardsen: Es gibt einen festen Punkt am Tag. Das ist morgens um halb zehn unser Arbeitskreistreffen. Dann regelt sich meistens der Tag ein bisschen von selbst, im Sinne von Aufgaben, die sich aus diesem morgendlichen Gespräch ergeben. Aber was mir tatsächlich ein großes Anliegen ist, was ich jeden Tag irgendwie versuche, mindestens eine Stunde, aber vielleicht doch länger, dass ich in die Stadt zu den Leuten gehe. Da bin ich bei den Menschen, spreche mit ihnen. Dort höre und frage ich. Ich lasse erzählen und versuche präsent zu sein, gerade auch als Priester erkennbar zu sein. Es ist wichtig, dass da jemand ist, der bei den Menschen ist. Alles andere ergibt sich dann je nachdem, was der Tag gerade aktuell mitbringt.

DOMRADIO.DE: Was ist denn Ihr persönlicher Eindruck – wie erschöpft, wie verzweifelt sind die Leute gerade?

Marquardsen: Es ist schwierig. Das ist von den einzelnen Personen abhängig. Ich kann Ihnen Eindrücke vom vergangenen Samstag schildern. Da war Regen vorhergesagt. Das war hier ein riesengroßes Thema für die Leute, was sehr stark mit Angst verbunden war. Es gab die Angst, dass nochmal eine Flutwelle käme. Das war zwar unrealistisch, es zeigt aber auch, dass die Menschen hier schon stark sensibel reagieren und auch teilweise traumatisiert sind. Ich habe auch das Gefühl, dass die Menschen momentan angespannt sind, weil alles nicht so schnell vorangeht. Grundsätzlich glaube ich, ist die Stimmung okay. Das ist aber von den individuellen Umständen, vom Tag und von der aktuellen Lage abhängig.

DOMRADIO.DE: Bestatten und Beerdigen ist im Moment bei ihnen vor Ort gar nicht möglich. Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sind gerade dabei, ein Trauerkonzept für die kommenden Monate zu erarbeiten. Viele Menschen haben jemanden verloren oder vermissen noch jemanden. Was ist da das Wichtigste, was Sie den Menschen mitgeben?

Marquardsen: Ich glaube, es ist das Wichtigste, dass wir versuchen zu zeigen, dass wir zu den Menschen, von denen wir wissen, dass da jemand verstorben ist, möglichst zügig Kontakt aufnehmen wollen. Wir wollen da sein und ein Stück mit den Menschen die Not teilen und wollen einfach zuhören. Wir möchten Raum geben, diese harte Frage nach dem Warum stellen zu lassen. Wir wollen nicht mit klugen Antworten erscheinen, sondern eben Sprachlosigkeit, Wut, Trauer und Entsetzen aushalten. Wir wollen einfach das Gefühl geben, dass da jemand in dieser schweren Situation da ist. Er ist vielleicht genauso hilflos, er kann vielleicht auch genauso wenig beten wie die anderen Menschen momentan. Er findet keine Worte, aber er hält dieses Leid einfach aus. Das ist das, was momentan ist. Und ich glaube, das ist auch viel mit dem Thema Geduld verbunden, gerade wenn es nicht so wirklich voran geht. Da sind Menschen, die in Geduld darauf warten, dass sich hier an manchen Stellen etwas tut. Gerade mit Blick auf Beerdigungen müssen die Menschen gerade diese Ungewissheit aushalten, wann sie sich endlich vernünftig von Verstorbenen verabschieden können.

Das Interview führte Michelle Olion.

(domradio – mg)

28 Juli 2021, 10:13