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Vatican News

Unser Sonntag: Getröstet, geheilt und gerettet

Das Mitgehen und Dasein Jesu - mitten im Getümmel menschlicher Verlorenheit ist ein tröstendes Erlebnis, so Bischof Glettler. Woraus aber besteht der rettende Glaube, von dem Jesus spricht?

Bischof Hermann Glettler

Mk 5, 21-43 

Lesejahr B

Genesen, getestet oder geimpft. In der aktuellen Lockerungsphase der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung haben sich zumindest in Österreich diese drei „ggg“ etabliert. Wer eine der drei Bedingungen erfüllt, darf am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Endlich wieder halbwegs normal leben! Freiheit! Die Freude und Erleichterung ist spürbar.

Hier zum Nachhören

Man ist bescheidener geworden. Im heutigen Evangelium geht es noch intensiver um Leben und Überleben. Zwei ineinander geschobene Erzählungen machen die bedrängende Gleichzeitigkeit unendlich vieler menschlicher Tragödien bewusst. Vielen erscheint ihr Leben und die Welt ohnehin wie ein einziges, großes Friedhofsfeld. Angeregt von den säkularen „ggg“ möchte ich im Folgenden die biblischen „ggg“ entfalten. Was bedeutet es, von Gott „getröstet, geheilt und gerettet“ zu sein?

Getröstet

Die Tochter des Jairus liegt im Sterben – eine Tragik für eine Familie und zugleich sind Millionen Kinder gefährdet, werden Opfer von Hunger, Krankheit, Vertreibung oder Menschenhandel. Wozu sich über eine individuelle Tragödie aufregen? Solange es einen nicht selbst trifft. Jesus lässt sich auf theoretische Relativierungen dieser Art nicht ein. Er ging mit dem Synagogenvorsteher mit. Das Schicksal eines konkreten Menschen bewegt ihn. Jesus geht mit. Allein schon dieses Mitgehen tröstet. Mit dem öffentlichen Niederknien hat der Synagogenvorsteher seine absolute Wertschätzung für Jesus zum Ausdruck gebracht. Das Gedränge und Gerede der Leute interessiert ihn nicht.

„Wirklicher Trost entfaltet sich in einem ernsthaften Mitgehen“

Wirklicher Trost entfaltet sich in einem ernsthaften Mitgehen. Das Gegenteil ist ein oberflächliches Abspeisen mit frommen Floskeln, billige Vertröstungen, die Trauernde noch tiefer verwunden. Am Weg kommt es im Getümmel der Menge nun zu einer weiteren Begegnung. Eine Frau mit einer unvorstellbaren Leidensgeschichte drängt sich in der Menge an Jesus heran. Zwölf Jahre litt sie schon an Blutungen. Ein direkter Zugang war ihr verwehrt, vielleicht war auch ihre Scham zu groß – die peinliche Erkrankung machte sie unrein.

Jesus lässt sich stören

Jesus ließ sich von ihr stören, auf seinem Weg unterbrechen. Eine typische Reaktion, weil er in allem die Nähe zu den Menschen gesucht hat, sich in erfreuliche und unheilvolle Situationen involvieren ließ. Berührungen mit den Ausgestoßenen, öffentlich deklarierten Sündern und religiös Unreinen haben ihn in den Augen der Frommen selbst unrein gemacht. Seine Rede von einem himmlischen Vater, der sich leidenschaftlich auf die Heimkehr der Verlorenen freut, war keine Theorie. Er hat gelebt, was er verkündet hat. Sein Mitgehen und Dasein – mitten im Getümmel menschlicher Verlorenheit ist ein tröstendes Erlebnis. Vor kurzem konnte ich etwas ausführlicher mit Kardinal Vinko Puljic von Sarajewo sprechen. Es ist bekannt, dass er während der vierjährigen Belagerung und Bombardierung in der bosnischen Hauptstadt ausgeharrt hat. Viele haben ihm geraten, den Ort zu verlassen, nicht zuletzt auch aufgrund der Granatenangriffe auf seine bischöfliche Residenz, die ihn zwar nicht getroffen, aber sein Gehör fast gänzlich ruiniert haben. Sein Ausharren ist für unzählige Menschen nachhaltig zum Trost geworden.

Geheilt

Aufgrund der kurzen Berührung mit dem Gewand Jesu kam es zur unerwarteten Heilung der Frau, die nicht nur körperlich, sondern auch finanziell durch das Aufsuchen der Ärzte schon vollkommen ausgeblutet war. Sie „spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.“ Jesus ist Gottes Berührbarkeit in Person. In der konkreten Geschichte fühlte er, „dass eine Kraft von ihm ausströmte“. Diese Sehnsucht nach einer heilenden Kraft, nach einer wundersamen Energie ist in unserer Zeit enorm ausgeprägt. Tatsächlich können wir füreinander Energiespender sein oder einander Energie absaugen – durch permanente Unzufriedenheit, durch das Versteckspiel mit der Masche des Selbstmitleids und vieles mehr. Positive Energie braucht unser Gemüt, unsere Psyche, unser Miteinander, unser Herz.

„Jesus war mit der anonymen, fast magischen Energieübertragung nicht zufrieden“

Aber ist das Alles? Jesus war mit der anonymen, fast magischen Energieübertragung nicht zufrieden. Ganz energisch wollte er wissen, wer ihn berührt habe. Die Jünger antworten recht brüskiert, wie diese genaue Identifizierung in der unüberschaubaren Menge denn möglich sein sollte. Aber Jesus sucht die persönliche Begegnung, er will Beziehung aufbauen.
Schließlich outet sich die Frau und „erzählte ihm die ganze Wahrheit“. Die äußerliche Heilung des physischen Leibes ist das eine, die dahinterstehende Geschichte oft viel komplexer.

Heilung in einer erneuerten Beziehung

Jesus will alle Ebenen unseres Seins berühren, auch die uralten, innerlich blutenden Wunden und Narben wahrnehmen. Heilung gibt es nur in einer erneuerten Beziehung. Wie ein Arzt, der nicht auf eine mechanische Reparatur des Körpers fixiert ist, schaut er sie an – nimmt sie wahr und lässt wahr sein, was sie als Lebenslast mit sich trägt. In diesem heilenden Blick Gottes liegt Befreiung, liegt Versöhnung, liegt Heilung. Jesus spricht ihr in dieser intensiven Begegnung eine gänzlich erneuerte Gottes-Beziehung zu. In der Autorität des himmlischen Vaters nennt er sie „Meine Tochter“, wie heilsam für jemanden, der sich ein Leben lang verstoßen und im Elend allein gelassen fühlte. Wie wunderbar ist dieses Wissen, dass uns keine Katastrophe und kein Leid diese liebevolle Beziehung rauben kann.

Gerettet

Worin besteht nun der rettende Glaube, von dem Jesus spricht? Als er im Haus des Jairus ankam, war das 12-jährige Mädchen schon verstorben. Die übliche Totenklage wird als ein lärmender Tumult beschrieben. Jesus handelt im Gegensatz zu diesem ekstatischen Geschrei in abgeschiedener Stille, diskret nur im Beisein des engsten Familienkreises. Er fasste das Kind an und befahlt ihm aufzustehen: „Talita kum!“ Mädchen steh auf! Ich stelle mir gemäß der Anleitung des Hl. Ignatius diese Szenen sehr plastisch vor. Jesus in Aktion, die Unsicherheit des sich aufrichtenden Mädchens, das Erstaunen der Eltern – und ihre überwältigende Freude.

„Bilder sollten eine Hilfe zum Glauben sein, sodass wir verlässlich vor Augen haben, dass die entscheidende Gabe des Lebens immer ein Geschenk ist.“

Petrus Canisius hat ganz bewusst Bilder des Glaubens gefordert. Er wollte damit seinen Zeitgenossen nicht nur den katholischen Glauben vor Augen stellen, sondern sie innerlich aufrichten. Bilder sollten eine Hilfe zum Glauben sein, sodass wir verlässlich vor Augen haben, dass die entscheidende Gabe des Lebens immer ein Geschenk ist.
Seit Anfang Mai ist auf dem Friedhof von Hall der „Altar“ von Kris Martin aufgerichtet. Der belgische Künstler hat 2014 eine Skulptur geschaffen, die nach prominenten Standorten in Oostende, London, Miami oder New York nun auch in Tirol Menschen fasziniert.

Auf-Schauen - gerade auf dem Friedhof

Auf-Schauen – nicht in der Trauer gefangen bleiben. Gerade auf einem Friedhof braucht es diese Anstiftung zu einem Blick, der sich nicht im Verlust eines Menschen vergräbt. Ein Blick, der suchend und tastend über das unmittelbar Bedrängende hinausgeht. Ein Blick, der mehr erhofft und sieht als die Welt bieten kann. Kris Martin hat mit Formrohren aus Eisen den Rahmen des Genter Altares nachgebaut – detailgetreu und funktionstüchtig. Der zentrale Blick trifft dabei nicht mehr auf die „Anbetung des Lammes“, wie sie der niederländische Renaissancemaler Jan van Eyck dargestellt hat. Man sieht dahinter das Bergmassiv in der Innsbrucker Nordkette oder einfach einen Freiraum. Damit beginnt die Frage nach dem in uns eingeprägten Bild Gottes – und durch eine notwendige Bild-Hygiene hindurch der Blick auf den, der trösten, heilen und retten kann. Jesus selbst ist das in uns eingeschriebene Bild Gottes.
Getröstet, geheilt und gerettet – die drei biblischen „g“ sind Trost, Zusage heilsamer Nähe und Auf-Schau-Hilfe zugleich. Der verheißungsvolle Zuspruch, den Jesus im Moment größter Not an den Synagogenvorsteher gerichtet hat, gilt jedem von uns: „Fürchte dich nicht! Glaube nur!“

(radio vatikan - claudia kaminski)

26 Juni 2021, 09:30