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Kardinal Marx Kardinal Marx  (ANSA)

D: „Was hast du beim Thema Missbrauch falsch gemacht?“

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx ist bestürzt darüber, dass die Bemühungen in der katholischen Kirche Deutschlands gegen sexuellen Missbrauch öffentlich kaum wahrgenommen werden.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung vom Dienstag nannte Marx es „verheerend“, dass die Missbrauchsstudie zum Erzbistum Köln entgegen früheren Ankündigungen nicht veröffentlicht werden soll. „In der Öffentlichkeit wird nun wahrgenommen, dass Juristen über Spitzfindigkeiten auf dem Rücken der Betroffenen streiten“, so Marx.

Zum Nachhören - was Kardinal Marx zur Lage der Kirche in Deutschland sagt

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat unlängst eine Stiftung für Betroffene sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche gegründet und sie mit einer halben Million Euro aus seinem privaten Vermögen ausgestattet. „Ich habe meine Aktion deshalb öffentlich gemacht, damit vielleicht auch andere sagen: Das finden wir gut, wir geben Geld dazu“, erklärte er jetzt.

„Und dann bin ich, etwas pathetisch gesagt, doch meinem Herzen gefolgt“

Er sei auch gewarnt worden, das könne kritisch aufgenommen werden: „Weil dann Fragen kommen können wie die, die Sie eben auch gestellt haben: Wieso hat der so viel Geld? Die Antwort ist ganz einfach: weil er's nicht ausgegeben hat.“

Er habe oft abends über die Stiftungsidee nachgedacht, so der Kardinal. „Und dann bin ich, etwas pathetisch gesagt, doch meinem Herzen gefolgt. Ich bin seit knapp 25 Jahren Bischof, ich brüte ständig in meinem Kopf: Was hast du bei dem Thema falsch gemacht?“

Auslöser war die Frage eines Reporters über seinen Glauben

Marx erwähnte auch, dass er 2012 einen großen Teil der Anerkennungsleistungen des Erzbistums an Missbrauchs-Überlebende aus eigener Tasche gezahlt habe. Auslöser sei 2010 ein Reporter der New York Times gewesen: Dieser habe ihn gefragt, ob die Missbrauchsskandale seinen Glauben verändert hätten. Er habe geantwortet: Ja - und bald darauf mit 97.000 Euro die damaligen Leistungen für die Opfer in der Erzdiözese bezahlt.

Kölns Kardinal Woelki will die Missbrauchsstudie zu seinem Erzbistum nicht veröffentlichen
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Münchner Gutachten soll vollständig veröffentlicht werden

Derzeit wird ein unabhängiges Gutachten über den Umgang des Erzbistums München und Freising mit Missbrauchsfällen im Lauf der letzten Jahrzehnte erstellt. Dieses Gutachten will Marx, sobald es nächstes Jahr vorliegt, vollständig veröffentlichen.

Dabei sollten auch „Verantwortliche benannt werden“, ohne seine Vorgänger oder ihn selbst zu schonen. „Alle wissen, wer in den vergangenen Jahrzehnten Erzbischof von München und Freising war oder andere Verantwortung hier hatte, mich eingeschlossen.“ Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising.

(süddeutsche zeitung/vatican news – sk)
 

15 Dezember 2020, 09:40