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Der Bischof von Aachen, Helmut Dieser Der Bischof von Aachen, Helmut Dieser 

Missbrauch: Bistum Aachen will den „Kulturwandel“

Mit einer Reihe von Maßnahmen reagiert der Aachener Bischof Helmut Dieser auf das unabhängige Gutachten zum Umgang des Bistums mit Missbrauchs-Fällen.

Bei einer Pressekonferenz stellte die Bistumsleitung die ersten Reaktionen auf das unabhängige Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl vor. Es war am letzten Donnerstag öffentlich vorgestellt worden und untersuchte den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt durch Kleriker im Bistum in den Jahren 1965 bis 2019.

Wechsel zur Betroffenenperspektive entscheidend

Bischof Dieser betonte, dass ein grundlegender Perspektivwechsel und „Kulturwandel“ entscheidend sei: Ziel der Aufarbeitung müsse sein, „dass wir helfen können, und zwar im Blick auf die Betroffenen oder, wie sie selber sagen, die Überlebenden des Missbrauchs, dass die systemische Wahrheit, die dazu geführt hat, dass sie sich selbst überlassen blieben, geltend gemacht wird. Sie ist ein Teil der schwer verletzten Biographien der Betroffenen.”

Auf Grundlage dieser Wahrheit könne eine Atmosphäre entstehen, „in der die tiefen Wunden eine Chance haben, heilen zu können. Damit ist das Gutachten nur ein erster Schritt der Aufarbeitung, weitere müssen folgen“, so Bischof Dieser. Die Perspektive der Betroffenen sei in der Vergangenheit „schmerzlich unwirksam“ geblieben.

Aachener Dom
Aachener Dom

„Was wir als Kirche in der Vergangenheit getan haben, um Opfer wirklich zu schützen und für sie zu sorgen, war zu wenig, es war nicht angemessen“, betonte der Aachener Bischof. Auch deshalb wolle er den Dialog mit Betroffenen suchen: „Ich stehe Betroffenen für ein Gespräch zur Verfügung, wenn sie dies möchten.“

Für eine Kultur des Hinsehens

Es gehe um einen Kulturwandel auf verschiedenen Ebenen. Dies beginne damit, die vielfältigen Formen von Klerikalismus zu erkennen und zu überwinden, so Dieser. Fortan dürfe man sich nicht mehr den Priestern enger verbunden fühlen als den Betroffenen: „Die Weihe und das geistliche Amt schützen nicht vor Haftung und vor Ahndung“. Zudem gehe es darum, als Kirche „resonanter“ zu sein, und nicht als erstes zu wissen, was für die Menschen zu gelten habe.

„Ich glaube, dass es auch im gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein noch nicht angekommen ist, dass der Fokus jetzt auf dem Schutz der Betroffenen liegt“, sagte die Leiterin der Hauptabteilung Personal, Margherita Onorato-Simonis, auf der Pressekonferenz. „Mit Bischof und Generalvikar wollen wir eine Kultur des Hinschauens – und zwar ohne Rücksicht auf kirchliche Hierarchien.“

Als Leiter der Verwaltung des Bistums bekam Generalvikar Andreas Frick „nach fünfeinhalb Jahren im Amt schmerzhaft vor Augen geführt, wo ich genauer hätte hinschauen müssen.“ Die Verwaltungsarbeit habe sich seitdem schon geändert; sie solle sich weiter ändern im Sinne einer Kultur der Achtsamkeit.

Aachener Dom
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Weitere Schritte zur Aufarbeitung

Erste Konsequenz soll die Gründung eines Betroffenenbeirats sowie die Einrichtung einer unabhängigen Kommission sein, die der Bistumsleitung auf Augenhöhe gleichberechtigt gegenüberstehen und eine Aufarbeitung im Sinne der Betroffenen aktiv begleiten sollen. Auch die überarbeiteten Richtlinien zur Anerkennung von Leid, basierend auf dem gemeinsamen Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz, sollen ab dem 1. Januar 2021 konsequent im Bistum angewendet werden.

Zudem werde man proaktiv auf Betroffene zugehen, damit diese schnell und unkompliziert die vorgesehenen finanziellen Leistungen erhalten. Auch die Personal- und Aktenführung werde zurzeit auf einen modernen Standard gebracht und Mitarbeitende ausdrücklich dazu aufgefordert, kritische Punkte zu benennen sowie gemeinsam zu besprechen. „Wir gehen jedem Hinweis nach!“, so Frau Onorato-Simonis.

Weitere Hinweise erbete man sich nicht nur von internen Mitarbeitenden, sondern auch von Betroffenen: „Melden Sie uns erfahrenen Missbrauch“, bittet Bischof Dieser. Hierfür habe man zum einen eine eigene Homepage eingerichtet. Unter missbrauch-melden.de erhalten Betroffene die Gelegenheit, Missbrauchsfälle durch Kleriker und kirchliche Mitarbeitende des Bistums zu melden.

Hotline noch bis Freitag

Eine eigens eingerichtete Hotline (0241-452 225) bietet bis Freitag, 20. November, zudem die Möglichkeit, via Telefon Kontakt aufzunehmen. Alle relevanten Informationen zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen stehen der Öffentlichkeit außerdem transparent auf der Homepage des Bistums unter bistum-aachen.de/aufarbeitung zur Verfügung.

Über weitere Schritte und Ergebnisse der nun anstehenden Beratungen in den diözesanen Räten möchte man im Januar 2021 der Öffentlichkeit Rede und Antwort stehen. Bis dahin werde man das Gutachten noch wiederholt lesen. Denn dieses sei „der Anfang einer systematischen Aufarbeitung, nicht deren Ende“, wie Generalvikar Frick betonte.

Das Bistum Aachen hatte im Anschluss an die 2018 veröffentlichte MHG-Studie die Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (München) im Juni 2019 mit der Untersuchung von Fällen sexualisierter Gewalt durch Kleriker im Bistum Aachen beauftragt. Das unabhängige Gutachten „Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker im Bereich des Bistums Aachen im Zeitraum 1965 bis 2019” wurde auf einer Pressekonferenz der Kanzlei am letzten Donnerstag in Aachen veröffentlicht.

(bistum aachen – sk)
 

17 November 2020, 09:23