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Unser Sonntag - Sr. M. Ursula Hertewich Unser Sonntag - Sr. M. Ursula Hertewich  

Unser Sonntag: Vergebung und Versöhnung

Im Rahmen ihrer Arbeit im Gästehaus des Klosters Arenberg, so Ursula Hertewich, nehme sie im Gespräch mit Gästen oft wahr, dass nichts die Lebensfreude und Lebendigkeit eines Menschen derart ruinieren könne wie das Unversöhnte im Herzen.

Sr. Ursula Hertewich, OP

Mt 18, 21-35

Hand aufs Herz: Haben Sie schon einmal jemandem 77 Mal vergeben, der sich 77 Mal gegen Sie versündigt hat? Im Matthäusevangelium wendet sich Petrus mit einer interessanten Frage an Jesus: Wie oft muss ich eigentlich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich gesündigt hat?

 

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Eine Frage, die ich gut nachvollziehen kann: Ist es eigentlich irgendwann mal gut mit der ganzen Vergeberei? Wieviel muss ich mir von meinem Nächsten gefallen lassen, bevor ich endgültig guten Gewissens einen Schlussstrich unter die Beziehung setzen darf? Petrus bietet Jesus eine ganz konkrete Zahl an: Bis zu sieben Mal vergeben, das scheint für ihn machbar und realistisch zu sein.

„Es gibt keine Entschuldigung für Unversöhnlichkeit.“

Die Antwort Jesu allerdings lässt erschrecken: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzig Mal! Wohlgemerkt: siebenundsiebzig Mal vergeben, unabhängig von der Qualität der Sünde, unabhängig von der Höhe der Schuld. Und - wie das darauffolgende Gleichnis zudem ganz unmissverständlich klar macht: es gibt keine Entschuldigung für Unversöhnlichkeit.

Jesus erzählt die Geschichte von einem König, der am Tag der Abrechnung von seinen Dienern Rechenschaft verlangt. Einem der Knechte, der ihm die exorbitant hohe Summe von zehntausend Talenten schuldig ist, erlässt er auf dessen Flehen hin wider Erwarten die ganze Schuld. Er, der eigentlich mit seiner Familie als Sklave verkauft werden sollte, verlässt den König als freier Mann und darf ganz neu beginnen. Neues Leben wird ihm und seiner Familie geschenkt, einfach so, gratis. Eigentlich würde man als Zuhörer an diesem Punkt der Geschichte erwarten, dass die unerwartet geschenkte Gnadenflut das Leben des Knechtes nachhaltig beeinflusst und sich diese Erfahrung, aus einer solch ausweglosen Situation so unerwartet befreit zu worden zu sein, auch auf seine Beziehungen auswirkt.

Erschreckend: Er wollte nicht.

Doch ganz im Gegenteil: Kaum hat der Diener dem König den Rücken gekehrt, trifft er einen Kollegen, der ihm selbst Geld schuldet, allerdings eine unvergleichlich geringere Summe. Statt dass er nun die selbst erfahrene Großzügigkeit weiterfließen lässt, nimmt er ihn in den Würgegriff und schreit ihn an, so als könne er dadurch einen letzten Heller aus ihm herauspressen. „Hab Geduld mit mir, ich werde es dir zurückzahlen“, fleht der andere ihn an. Spätestens in diesem Augenblick hätten dem Knecht doch die Ohren klingeln müssen – befand er sich nicht selbst noch kurz zuvor in der exakt gleichen Situation? Mit dem feinen Unterschied, dass er selbst mit größter Wahrscheinlichkeit niemals in der Lage gewesen wäre, dem König die ganze Schuld zurück zu zahlen? Hat er tatsächlich vergessen, dass genau diese Worte es waren, mit denen er um Geduld gefleht hatte und Erbarmen fand? Doch nein: „Er wollte nicht“, so fährt die Geschichte fort, „ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.“ Erschreckend in diesem Fall: „Er WOLLTE nicht.“ Nicht: „Er KONNTE nicht.“

Es ist klar, dass die anderen Diener betroffen sind über diese Unbarmherzigkeit und Ignoranz eines Menschen, dem von seinem Herrn ALLES geschenkt wurde. Am Ende der Geschichte ist man als Zuhörer fast erleichtert darüber, dass der König für Gerechtigkeit sorgt und das kalte, hartherzige Handeln seines „elenden Dieners“ Konsequenzen hat: „Und in seinem Zorn übergab der Herr ihn den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.“

Gottes Liebe ist absichtslos, pures Geschenk

Wenn wir dieses Gleichnis in unseren konkreten heutigen Alltag übertragen wollen, kann es womöglich hilfreich sein, den Gedanken einer „Geld-Schuld“ einmal durch eine „Liebes-Schuld“ zu ersetzen. Ist es nicht so, dass wir Menschen auf die Liebe GOTTES, der jeden einzelnen von uns staunenswert gestaltet, begnadet und in diese Welt hineingestellt hat, eigentlich mit einer unermesslichen Gegenliebe antworten müssten? Ist es nicht so, dass wir IHM niemals bezahlen können, womit er uns so überreich beschenkt hat? Das Wunderbare in der Beziehung zu ihm ist: Wir müssen es gar nicht, denn seine Liebe ist absichtslos, pures Geschenk. Gott, der sich selbst genügt, steht es völlig fern, uns zu versklaven, ER lässt uns frei. Radikal, ohne Gegenleistung. Statt aus dieser Gnade heraus all unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu gestalten, statt diese Liebesflut selbstverständlich auch überströmen zu lassen zu unseren Mitmenschen, gehen wir oft sehr kleinlich und unbarmherzig miteinander um. Ich selbst ertappe mich manchmal dabei, wie schnell es passieren kann, jemanden, der sich in der Beziehung zu mir etwas zuschulden kommen ließ, auf subtile Art und Weise „in den Würgegriff“ zu nehmen.

Wir reduzieren Personen auf Fehlverhalten

Wie schnell geschieht es, dass wir nach zwischenmenschlichen Fehltritten unser Gegenüber tatsächlich „ins Gefängnis“ werfen, indem wir uns ein beispielsweise Bild von ihm machen, aus dem der Andere so schnell nicht ausbrechen kann. Wenn der andere mir meine geschenkte Liebe nicht „zurückzahlen“ kann, dann muss er dafür büßen. „Das ist der oder die, die mir vor 15 Jahren dies oder das angetan hat.“ So reduziere ich eine Person auf ein Fehlverhalten, statt das zwischenmenschliche Unvermögen gut sein zu lassen und trotzdem die anderen Seiten zu würdigen. Ich mache mir gar nicht mehr die Mühe, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Von außen betrachtet vielleicht kaum wahrnehmbar, können solche Gedanken innerlich ein tödliches Gift verbreiten, welches oft das Ende von Beziehungen bedeutet.

Jesus ruft kompromisslos zur Versöhnung auf

Es ist auffällig, dass Jesus ausgerechnet immer dann, wenn es um das schwierige Thema der Schuld geht, ganz kompromisslos zur Versöhnung aufruft. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Jesus war ein hervorragender Menschenkenner und keineswegs blauäugig. Er selbst wusste, was Vergebung kosten kann, aber er wusste gleichzeitig, dass der Preis eines unversöhnten Lebens noch unendlich viel höher ist.
Im Rahmen meiner Arbeit als Seelsorgerin in unserem Gästehaus Kloster Arenberg nehme ich im Gespräch mit Gästen oft wahr, dass nichts die Lebensfreude und Lebendigkeit eines Menschen derart ruinieren kann wie das Unversöhnte im Herzen. Die Folterknechte, von denen am Ende des Gleichnisses die Rede ist, können ein Bild für die inneren Qualen sein, unter denen Menschen leiden, die keinen Frieden mit anderen bzw. – nach einem eigenen Fehltritt – auch mit sich selbst finden können. Ich weiß, dass viele Menschen extrem darunter leiden, wenn es ihnen auch nach Jahren nicht gelingt, sich mit einem Menschen oder einer Geschichte auszusöhnen.

Anfang eines Versöhnungsweges...

Ich ahne aber gleichzeitig auch, dass der Grund des „Nicht-Verzeihen-Könnens“ häufig darin liegt, dass ihnen selbst Erfahrungen einer bedingungslosen Liebe verwehrt geblieben sind. Beispielweise habe ich über Jahre hinweg eine Frau begleitet, die ich im Rückblick als „zweifelnde Atheistin“ beschreiben möchte. In ihrer Kindheit wurde sie jahrelang schikaniert von einem gewalttätigen, unberechenbaren Vater, der ihr und ihrer Mutter das Leben zur Hölle machte. In einem Gespräch sagte sie mir: „Ich glaube zwar nicht an ein Leben nach dem Tod, aber manchmal wünsche ich, dass dieser böse Mensch, der mein Vater sein sollte, nun in der Hölle schmort – es ist mir zu wenig, dass er einfach nur tot ist.“ Einige Jahre später wurde der gleichen Frau in einer Alltagssituation völlig unerwartet eine sehr tiefe Erfahrung der Liebe Gottes geschenkt, die ihr ganzes Leben und vor allem ihren Atheismus auf den Kopf stellte. Nachdem sie monatelang buchstäblich im siebten Himmel schwebte, neue Lebensqualitäten entdeckte und zudem in einer Kirchengemeinde eine neue Heimat gefunden hatte, kam sie wieder zu mir ins Gespräch. Interessanterweise war auch in diesem Gespräch der gewalttätige Vater wieder Thema, aber es berührte mich tief, als ich spürte, wie sie plötzlich darunter litt, ihm nicht verzeihen zu können. Sie selbst war in Berührung gekommen mit einer Liebe, die all ihr Begreifen überstieg, und sie war (noch) nicht in der Lage, diese Liebe auch in diesen Abgrund an Lieblosigkeit weiterfließen zu lassen. Dennoch weiß ich heute, dass dieser Schmerz über das „Nicht-Verzeihen-Können“ der Anfang ihres Versöhnungsweges war.

„Es kann helfen, Jesus selbst in den Blick zu nehmen, der mit einer Vergebungsbitte auf den Lippen für uns sein Leben hingegeben hat“

Ja, es mag Situationen geben, in denen wir verzweifelt resignieren und uns ein Weg der Vergebung ungangbar zu sein scheint. Und wenn jemand einen solch anspruchsvollen Versöhnungs-Wege unter die Füße nimmt, kann es sich anfühlen, als wäre er der große Verlierer und müsste die ganze Rechnung alleine bezahlen. Dann kann es helfen, Jesus selbst in den Blick zu nehmen, der mit einer Vergebungsbitte auf den Lippen für uns sein Leben hingegeben hat: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Denn – wie der Priester und Schriftsteller Heinrich Spaemann es ausdrückte: "Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Wir kommen, wohin wir schauen." Mögen wir den unermesslichen Wert eines versöhnten Lebens niemals aus dem Blick verlieren, das wünsche ich uns allen an diesem Sonntag.

(radio vatikan - claudia kaminski)
 

12 September 2020, 08:52