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Dr. Norbert Hofmann Dr. Norbert Hofmann 

Unser Sonntag: Du bist der Sohn des lebendigen Gottes

Pater Norbert Johannes Hofmann erläutert in dieser Betrachtung zum Sonntagsevangelium auch die Rolle Jesu in den monotheistischen Religionen. Jesus wurde als Jude geboren und lebte und starb als Jude. Die alles entscheidende Frage aber ist: Wer ist Jesus für mich?

P. Dr. Norbert Johannes Hofmann

Mt 16, 13-20

„Wer ist denn eigentlich dieser Jesus von Nazareth?“ Unter diesem Blickwinkel könnte man alle vier Evangelien lesen, denn immer wieder geht es darum, die wahre Identität Jesu darzustellen, aufzudecken oder sie auch zu verhüllen. Diese Art von Literatur ist einzigartig, denn es geht nicht primär um eine historische Biographie eines bedeutsamen Menschen, sondern um Geschichten, die im christlichen Glauben geschrieben wurden und wiederum zum Glauben an Jesus Christus hinführen wollen. Es handelt sich in diesem Sinne um eine Art von Bekenntnisliteratur im jüdischen Umfeld, die auf bereits vorhandene Denkkategorien und Verhaltensmuster zurückgreift.

Unser Sonntag - zum Nachhören:

Man muss sich die Zeit Jesu so vorstellen: Da waren als Besatzer im Land die Römer, die die Macht ausübten und alles kontrollierten. In den religiösen Dingen konnten die Juden allerdings selbst schalten und walten, wie sie wollten, sofern dadurch keine Unruhen oder Aufstände entfacht wurden. In einer derart bedrängten und bedrängenden Zeit hatte man die Erwartung, vom römischen Joch bald befreit zu werden und zur vorher ausgeübten staatlichen Selbständigkeit zurückzukehren. So gab es auf der einen Seite Leute, die mit der römischen Besatzungsmacht friedlich zusammenarbeiteten, sie zumindest tolerierten, weil sie eben sonst keine Alternative sahen. Auf der anderen Seite aber gab es auch Leute, die verdeckt oder offen Widerstand leisteten, bis hin zu bewaffneten Milizen, die den Römern regelmäßig das Leben schwer machten.

Jesus lebte in einer aufgeheizten Zeit

Es war also eine aufgeheizte und aufgepeitschte Zeit, und das schlug sich natürlich auch im religiösen Leben nieder. So erblühte beispielsweise das Phänomen der Apokalyptik, die Erwartung, dass verborgene Dinge offenbar werden und sich das Ende der Weltenzeit näherte, sich also Gott als Herrscher selbst machtvoll gegen alle Widerstände durchsetzen wird. In diesem Zusammenhang ist eben die Messiaserwartung zu nennen: Am Ende der Tage tritt der von Gott bevollmächtigte Messias auf, um die Stämme Israels zu sammeln und dem Anbruch des endgültigen Reiches Gottes zum Durchbruch zu verhelfen. Diesbezüglich gab es zur Zeit Jesu ganz verschiedene Messiaserwartungen: Manche Gruppen erwarteten einen königlichen oder priesterlichen Messias, andere einen prophetischen, wieder andere, wie die Gemeinde von Qumran, eine jüdische Sektengemeinschaft, die sich am Toten Meer niedergelassen hatte, gingen davon aus, dass sogar mehrere Messiase mit unterschiedlichen Funktionen auftreten werden.

Der Menschensohn und die Erwartung der Endzeit

In diese geschichtliche Situation müssen wir das Messiasbekenntnis des Petrus einordnen, von dem wir im heutigen Evangelium hören. Jesus fragt seine Jünger in Cäsarea Philippi, das ganz im Norden Galiläas gelegen ist, für wen die Leute den „Menschensohn“ halten. Damit meint er offensichtlich sich selbst, denn Jesus spricht in den Evangelien des Öfteren von sich selbst als dem „Menschensohn“, während ihm andere Titel nur von anderen zugeschrieben werden. Im Alten Testament ist „Menschensohn“ in den frühen Schriften eine hebräische Ausdrucksweise, die in poetischer Sprache gern als Umschreibung für „Mensch“ gebraucht wird, häufig im Sinne von kleines und schwaches Wesen. Allerdings spricht das späte Buch Daniel auch von einem wie einen „Menschensohn“, der am Ende der Tage mit den Wolken des Himmels kommt (vgl. Dan 7,13-14). Diese Figur ist natürlich klar mit den Erwartungen der Endzeit verbunden. Ob bei der Frage Jesu an seine Jünger, für wen die Leute den „Menschensohn“ halten, auf diesen endzeitlichen Kontext angespielt werden soll, ist hier nicht ganz klar.

„Nach jüdischer Auffassung wird in der Endzeit ein Prophet wie Mose erstehen“

Offenkundiger ist allerdings, dass die Antwort der Jünger sich daran anlehnt, dass nach jüdischer Auffassung in der Endzeit ein Prophet wie Mose erstehen wird, auf den das Volk hören soll (vgl. Dtn 18,15.18). Die Jünger meinen nämlich, die Leute würden Jesus für einen Propheten halten. Dabei werden drei Namen genannt: Johannes der Täufer gilt als ein unbequemer Mahner, der als Zeichen des nahenden Reiches Gottes zur Busstaufe aufruft und als Scharnier zwischen Altem und Neuem Testament gilt; Elija steht in radikaler Weise für die Verehrung des einen und einzigen Gottes Jahwe und soll am Ende der Tage als Vorläufer des Messias wiederkommen; Jeremia erlebt die Zerstörung des ersten Tempels, den Verlust der politischen Selbständigkeit Israels, den Niedergang des Königtums, verweist aber auch auf hoffnungsvollere Tage. Alle drei Propheten haben irgendwie mit der Endzeit zu tun, so dass die Einordnung der Figur Jesu genau in diesem Horizont geschieht.

Die Evangelien wollen die göttliche Vollmacht Jesu aufweisen

Nun aber wird Jesus sehr direkt und fragt die Jünger selber: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15) Und dann kommt der große Paukenschlag des Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16). Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, qualifiziert Jesus als Messias und endzeitlichen Heilsbringer, der von Gott selbst autorisiert ist, mehr noch, der selbst der „Sohn des lebendigen Gottes“ ist. Diese Einsicht kann keine rein menschliche sein, sie ist durch Offenbarung des himmlischen Vaters vermittelt, denn vor Petrus steht ein Mensch, der aber mehr ist als ein „Menschensohn“. Und um dieses „Mehr“ drehen sich eigentlich alle Evangelien, sie sind Identitätsgeschichten, wollen die göttliche Vollmacht Jesu aufweisen, seine unverbrüchliche Nähe zu Gott, seinem Vater. Als Konsequenz aus dem Messiasbekenntnis bekommt der Fischer Simon, Sohn des Jona, einen neuen Namen: Er wird zu Petrus, dem Felsen, auf den der Herr seine Kirche bauen will. Und so wird ihm die Schlüsselgewalt über diese Kirche verliehen, die seine Vorrangstellung zum Ausdruck bringt. Diese lässt sich in den Evangelien auch daran ablesen, dass er in den Apostellisten immer als erster genannt wird.

„Die berühmte Frage Jesu an seine Jünger „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ hallte durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte“

Die berühmte Frage Jesu an seine Jünger „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ hallte durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte und wurde immer wieder neu im entsprechenden geschichtlichen Kontext beantwortet. In den ersten Jahrhunderten der frühen Kirche gab es ein Ringen um die Person Jesu, das dazu führte, sowohl seine menschlichen als auch göttlichen Qualitäten festzustellen. Eine Person mit zwei Naturen sei der „Sohn Gottes“, einer menschlichen und einer göttlichen, die miteinander „unvermischt und ungetrennt“ im Verhältnis stünden. Man suchte nach dem „historischen Jesus“ und stellte ihm den „auferstandenen und erhöhten Christus“ entgegen. Man sah in ihm einen Sozialreformer, einen Kämpfer für die Armen und Ausgegrenzten.

Das Trennende zwischen Judentum und Christentum

Das Judentum allerdings distanzierte sich immer mehr von seinem vielleicht berühmtesten Sohn, denn Jesus war als Jude geboren, hat als Jude gelebt und ist als Jude gestorben. In ihm den Messias Israels und den Sohn des lebendigen Gottes zu sehen, das war und ist dem Judentum bis heute nicht möglich. Wie die Figur Jesu betrachtet wird, ob als Messias Israels, Mensch gewordener Gott und Sohn Gottes oder als einfacher Sohn Israels und vielleicht als ein jüdischer Rabbiner, das stellt bis heute das grundsätzlich Trennende zwischen Judentum und Christentum dar. Insofern hatte nach Lk 2,34 der greise Simeon bei der Darstellung Jesu im Tempel Recht, als er ausrief: „Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“, während er von ihm zuvor als ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Herrlichkeit des Volkes Israel bezeichnet wird (vgl. Lk 2,32).

Die Rolle Jesu im Koran

Auch im Islam spielt Jesus eine gewisse Rolle, denn im Koran wird er als einer der vielen Propheten erwähnt, wobei natürlich kein Zweifel daran bestehen kann, dass Mohammed als der letzte Prophet Gottes angesehen wird, der den Willen Gottes authentisch wiedergibt. Es wird davon ausgegangen, dass im Koran die Worte Gottes eins zu eins verschriftet wurden, also jedes Wort von Gott direkt eingegeben ist. Jesus ist dort eine rein menschliche Gestalt, auch wenn er als Prophet eng mit Gott in Verbindung steht. Dass Jesus als Messias Israels der Sohn des lebendigen Gottes ist, dieses Bekenntnis ist keinem Moslem abzuringen. Wieder scheiden sich die Geister an der Beurteilung der Gestalt Jesu. So ist Jesus als der Messias das Trennende und Unterscheidende im ehrlichen interreligiösen Dialog.

Wer ist Jesus für mich?

An mich selber wird heute diese Frage herangetragen: „Wer ist dieser Jesus, für wen halte ich ihn?“ Wie jeder von uns seinen Glauben vor den anderen bekennt und ihn lebt, das gibt darüber Aufschluss, was er von Jesus hält, was er für ihn bedeutet. Ist er für mich wirklich der von Gott vollmächtig Gesandte, der dessen Willen für mich offenbart? Ist er für mich der Messias, also der von Gott Autorisierte, der am Ende der Tage auf den Wolken des Himmels wiederkommt, wenn alle Zeit gemessen ist? Ist er für mich der Sohn Gottes, der das Reich Gottes durch sein Auftreten verkündet und mich in Gottes Nähe bringt? Ist er für mich der Heilbringer, der Heiland und Retter, der am Kreuz für mich gestorben ist, um mir ewiges Leben zu erwerben? Ist er meine Liebe, an dem ich mich in den Nöten meiner irdischen Existenz festhalten kann, auf den ich bauen und vertrauen kann? Ist er für mich meine Hoffnung, die mich über den Augenschein des irdischen Alltags hinausträgt und mir den Himmel öffnet?

(radio vatikan - claudia kaminski)

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22. August 2020, 11:00