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Rosmarie Schärer aus der Schweiz Rosmarie Schärer aus der Schweiz 

Schweiz: „Geweihte Jungfrauen weisen auf Gottes Reich hin“

Vor 50 Jahren begründete Papst Paul VI. den neuen Ritus der Weihe für Jungfrauen, der die früheren Einzelberufungen der Jungfrauen wieder aufblühen ließ. Es handelt sich um eine Tradition, die in christlichen Gemeinschaften seit apostolischen Zeiten bezeugt wird. Obwohl die Wiedergeburt des Ordo virginum noch nicht lange zurückliegt, ist diese Berufung in der ganzen Welt bekannt, wo es etwa 5.000 geweihte Frauen gibt. Wir sprachen mit Rosmarie Schärer aus der Schweiz darüber.

Was ist die Bedeutung des Ordo virginum? Welche Bereicherung hat dieser der katholischen Kirche in den vergangenen 50 Jahre gebracht?

Rosmarie Schärer: Gottgeweihte Jungfrauen gibt es schon seit der Frühzeit der Kirche. Es ist eine sehr alte Berufung. Die Kirche ist die Braut Christi. Dieses Geheimnis wird von gottgeweihten Jungfrauen in ganz besonderer Weise gelebt, indem sie sich ganz Gott schenken, sich Christus anvermählen, wie es in der Weiheliturgie heißt. Wir gottgeweihten Jungfrauen versprechen weder Ehelosigkeit noch Keuschheit, sondern ausdrücklich Jungfräulichkeit. Damit wird deutlich, dass es um unsere ganze Existenz geht, nicht nur um einen Teil unseres Lebens. Durch die Weihe wird unser Leben aus dem Privatbereich in die Kirche hineingelegt.

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Eine Bereicherung der Kirche war vermutlich in den letzten 50 Jahren nicht sichtbar, da wir eine eher verborgene Aufgabe haben, wenn wir auch nicht im Verborgenen leben. Unsere Hauptaufgabe besteht einerseits im Gebet für die Kirche, speziell für unsere Ortskirche. Und andererseits in unserem Leben, das ein Zeugnis für die Liebe Gottes sein soll. Dieses Zeugnis hat wiederum zwei Aspekte. Einerseits sollen wir uns in tätiger Nächstenliebe um unsere Mitmenschen kümmern. Andererseits weisen wir mit unserem jungfräulichen Leben auf das kommende Reich hin. Jesus selbst hat gesagt, dass im Himmel die Menschen nicht mehr heiraten werden (Mk 12,25). Dies leben wir schon jetzt und weisen somit mit unserem Leben über das irdische Leben hinaus.

Wie haben Sie diese Berufung erlebt?

Rosmarie Schärer: Als ich zum ersten Mal von der Jungfrauenweihe gehört habe, dachte ich: Das ist weder Fisch noch Vogel. Entweder man heiratet oder geht ins Kloster. Aber als einzelne Frau in der Welt zu leben, da kann man ja einfach eine alleinstehende Frau bleiben. Doch der Ruf Gottes traf mich und ich bin ihm gefolgt. Je mehr ich mich mit dieser Berufung auseinandergesetzt habe, desto deutlicher wurde mir, dass ich eben nicht einfach nur eine unverheiratete Frau bin. Sollte ich mich jemals als eine solche betrachten, dann hätte ich etwas falsch gemacht. Wir leben unser Leben in der Welt und für die Welt, aber immer in inniger Verbundenheit mit Jesus Christus. All unser Sein soll mit IHM verbunden sein. Alles Handeln soll aus dieser Verbundenheit heraus entstehen. Wir gottgeweihten Jungfrauen sind nicht alleinstehend, sondern wirklich dem himmlischen Bräutigam angetraut, auch wenn diese Beziehung erst im Himmel ihre Erfüllung finden wird.

Was heißt es für Sie, in der heutigen Zeit als Geweihte im Dienst der Kirche zu stehen?

Rosmarie Schärer: Die gegenwärtige Zeit leidet meines Erachtens unter zwei Dingen: Erstens haben ganz viele Menschen, selbst regelmäßige Kirchgänger, oft keine persönliche Gottesbeziehung. So kommt es ihnen gar nicht in den Sinn, ihr Leben mit Gott zu gehen und im persönlichen Gespräch mit ihm zu verweilen – außer vielleicht in einer Notsituation. Hier sind wir stillen Beterinnen wichtig. Das Gebet hat eine ungeheure Kraft. Jesus selbst hat ja gesagt: Wer bittet, der empfängt. Ich bin überzeugt, dass ganz vieles in der Kirche kraft des Gebetes geschah und geschieht. Die andere Sache, unter der die Welt leidet, ist die Hoffnungslosigkeit. Wer glaubt noch an das ewige Leben? Wer glaubt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat? Das erleben wir gerade jetzt in der Coronakrise besonders deutlich. Hier setzen wir Geweihten mit unserem Leben einen Gegenpol. Wir verzichten freiwillig auf eine Ehe und auf eine Familie. Das macht nur Sinn, wenn wir davon überzeugt sind, dass unser Leben nach dem Tod weitergeht. Wir können also durch unser Dasein den Menschen helfen, ihren Blick wieder in Richtung Himmel, zur Ewigkeit zu wenden.

Wie sieht der Alltag einer Geweihten aus?

Rosmarie Schärer: Den Alltag gibt es nicht, da es die gottgeweihte Jungfrau nicht gibt. Wir alle sind ganz verschieden und leben deshalb auch ganz unterschiedliche Leben. Manche von uns sind in der Seelsorge oder als Theologinnen tätig, andere arbeiten im sozialen Bereich oder haben sonst eine Anstellung. Es gibt aber auch gottgeweihte Jungfrauen, die ihr Leben ganz dem Gebet widmen und nur von Spenden leben. Uns allen ist gemeinsam, dass wir das Stundengebet pflegen und aus den Sakramenten leben, besonders aus der Eucharistie und dem Bußsakrament.

Gibt es besondere Aktivitäten zum Jubiläum des Ordo virginum?

Rosmarie Schärer: Bei uns in der Schweiz meines Wissens nicht. Das liegt vielleicht daran, dass wir zwischen den Diözesen zurzeit keinen engeren Kontakt haben. Das macht es schwieriger, etwas zu organisieren. Auf der Weltebene hätte ja diese Woche ein internationales Treffen stattfinden sollen, das leider nun nicht durchgeführt werden kann. Dafür wird am 31. Mai eine Vigil stattfinden, die alle gottgeweihten Jungfrauen an ihrem Ort beten können.

Das Gespräch führte Mario Galgano.

(vatican news)

28 Mai 2020, 08:43