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Das war einmal - der Petersplatz mit Gläubigen Das war einmal - der Petersplatz mit Gläubigen  (Vatican Media)

Unser Sonntag: Palmsonntag

Prof. Gerl-Falkovitz greift die unfassbare Stimmung des Palmsonntags auf: Das Volk war großenteils auf der Seite Jesu, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig, aber Jubel bei Jesu Einzug in Jerusalem.

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


Mt 21, 1-11 Palmsonntag


Sechs Tage vor der Tötung Jesu scheint sich noch einmal das Geschehen umzudrehen. Der Verrat durch Judas ist schon eingefädelt, die Anklage vor dem Hohen Rat eine beschlossene Sache. Umso mehr, als die vor wenigen Tagen erfolgte Auferweckung des Lazarus von den Toten in Betfage, vor den Toren der Stadt, die Gemüter wieder erregt hatte. Immer wieder geschah dieses Unheimliche: dass der nicht zu greifende, nicht zu begreifende Mann Dinge tat, die nicht zu leugnen, noch weniger zu erklären waren.

„Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.“

Die Hypothese, er tue dies mit dem Beelzebub, spukte in den Gelehrtenköpfen, andererseits überzeugte das nicht wirklich, und doch: Schon die Behauptung, Sünden zu vergeben, klang wie eine Lästerung, und die Erweckung von den Toten verwies auf - ja, was genau?

Unser Sonntag - zum Nachhören:

Das Volk wiederum war großenteils auf seiner Seite, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Es galt, alles klug einzufädeln und endgültig ein Ende zu machen. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.

Jesus rüstet sich zum Äußersten

Als Jesus nun in die Stadt einzog, jubelte das Volk, es rollte eine Welle der Zustimmung und der Freude an. Vor dem Pessach strömten immer zahlreiche Pilger nach Jerusalem; wie die biblische Forschung herausstellte, holte man häufig Pilgergruppen an den Toren ab und begleitete sie durch die Straßen zum Tempel. Diesmal aber brandet der Jubel ungewöhnlich auf, Jesus wird gehuldigt, tatsächlich wie einem König, mit Kleidern als Teppichen, mit Palmen, mit Rufen: „die ganze Stadt erbebte…“ Mit dem einzigartigen Propheten strömt die immer weiter anwachsende Menge in den Tempel, Kinder rufen den Hosanna-Ruf und springen mit. Es ist eine Stunde, in der das Volk „von einer ungeheuren Erregung“ ergriffen wird; Guardini, der den Einzug in seinem Meisterwerk „Der Herr“ beschreibt, meint, die Stunde sei „voll von Mächten des Geistes… In diesen letzten Tage ist es überhaupt so, als hole Jesus Kraft um Kraft aus sich heraus und rüste sich zum Äußersten“. Es ist die große Stunde des Messias, die Stunde des Geistes, ruach oder pneuma. Erst an Pfingsten wird eine vergleichbare Erregung über das Volk kommen. Als die Tempelbehörden den Jubel eindämmen wollen, wehrt Jesus ab, dann würden die Steine schreien…

In der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation

Was ist in dieser Szene zu sehen? Zutiefst die Bestätigung des Messias durch das Volk; in der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation, sie gilt dem unvergessenen größten König Israels, David, und seinem jetzt als solchen wahrgenommenen späten Sohn. Freilich ist die Kraft der Begeisterung so unstrukturiert, dass sie allein nicht ausreicht, um die spätere Verurteilung abzuwehren. Das hässliche Gesicht der religiösen Autoritäten taucht auf; sie behalten die Oberhand. Daher mischt sich die Schuld eben dieser Autoritäten an der Tötung Jesu, eine unerhörte Schuld, bereits in die Rufe.
Bleiben wir noch beim Volk. Trotz allem ist es wunderbar zu sehen, wie das Volk die Gestalt Jesu erfasst hat. Natürlich nicht als den Sohn Gottes in unserem Sinn, solches ist erst mit der Auferstehung denkbar. Aber doch als einen Großen, ja, den Größten nach dem Verstummen der alten Propheten. In diese Wahrnehmung schimmert bei aller Undeutlichkeit doch schon ein Widerschein des späteren Glaubens. Wie rasch zündet nach Pfingsten das Feuer, diesen Einzigartigen anzunehmen, für den man damals noch keine andere Auslegung hatte als die eines Propheten. Die Apostel tun sich nicht mehr schwer mit der Botschaft vom Sohn Gottes, nicht mehr nur vom Sohn Davids. Nicht Hunderte, sondern Tausende bekehren sich auf ihr Wort hin - da war die Saat schon längst in den Boden gefallen und begann nun zu wachsen; die Drohungen der Behörden rissen die Wurzeln nicht mehr aus. Die vielen, die Jesus geheilt hatte, die vielen, deren Seele durch sein Wort gereinigt, verjüngt, lebendig geworden war, sie alle sind in der Menge, die durch die Straßen Jerusalems ziehen, sie alle hören Wochen später das lösende Wort von seiner lebendigen Begegnung mit den Jüngern, von seiner Zusage, bis ans Ende der Welt zu bleiben, von der verliehenen Macht, weiterhin zu heilen, Sünden abzuwaschen, ja selbst Tote zu erwecken. Und so bleiben die Zeichen der Macht bei seinen Freunden; sie ernten, was von ihm in Tränen gesät worden war.

Die Geheilten leben mitten im Volk

Es ist das Volk, das verstanden hat - nicht weil es klug war, sondern weil es einfach zu sehen gelernt hatte: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige (am Leib wie am Herzen) werden rein… Und diese Geheilten leben mitten unter dem Volk. Wie kann da der gelehrte Zweifel gegen den Augenschein greifen? Wie kann nicht sein, was doch ist? Zum Glauben braucht man nur das Einfachste: sehen, was ist. Und doch scheint es unmöglich, wenn der Geist schon voreingenommen und betäubt ist. „Was ist das Schwerste zu sehen? Was vor den Augen dir liegt“, sagt Goethe.
So ist die Ablehnung Jesu ein Urteilsspruch über eine Gelehrsamkeit, die das Offenkundige nicht mehr sieht und es zurechtbiegen muss. Heute kann solche Wissenschaft darin bestehen, dass sie das offenkundig Zusammengehörige auseinanderpflücken kann: Sie kann Embryonen von ihren leiblichen Eltern trennen, Väter austauschen, mehrere Mütter anbieten: Eimutter, Leihmutter, Bei-Mutter. Was möglich ist, wird auch noch ethisch abgesichert: Es diene dem Wohl der Erwachsenen, dem Kind werde nichts fehlen, da die Erwachsenen es ja gewollt haben. (In Klammer gefragt: Was geschieht, wenn dieses Wollen reißt? Über die Jahre hinweg?)

„Man tötet nie so gut, wie wenn man mit gutem Gewissen tötet, sagte Solschenyzin.“

Ecce Homo

Es gab Menschen, die nicht Gott suchen wollten, sondern die Wahrheit. Nicht selten begriffen sie später, dass der Weg zur Wahrheit immer dieselbe Mündung hat: Gott. Das ist entlastend, denn Wahrheit fordert zunächst nicht Glauben, sondern Verstehen, aus sich selbst heraus Begreifen. Wahrheit ist Offenlegung, Abräumen von Verdecken und Vergessen, lethe. Wahrheit macht frei, sie zwingt nicht. Oder anders: Sie zwingt auf ihre leise Art, durch die Offenbarung der Lüge, durch das Einströmen von Licht = Erkennen. Wer Wahrheit und Gott ineinander münden sieht, kann sich freiwillig öffnen. Kurz nach dem Verhör erhält dieser König seine Krone: aus Dornen. Auch in dieser schauerlichen Krönung liegt Wahrheit: die Wahrheit über uns und die Welt und über ihre Lüge, nämlich dass sie Gott sagt und ihn in Wirklichkeit ausstößt. Ecce homo.
Hosanna ruft die Menge. „Du allein der Herr.“ Das ist kein bloß kultischer Zuruf im Gloria der Liturgie, darin ist überragende Herrschaft sichtbar geworden. Seitdem wissen wir von göttlicher Gerechtigkeit. All das wird im „heiligen Spiel“ der Liturgie gefeiert. Hosanna dem Sohne Davids, Hosanna über alles behördliche, skeptische Besserwissen hinweg. Herodes, Kaiphas, Pilatus - sie verschwinden ins Nichts vor dem Einzug des einzigen Königs.

(radio vatikan - claudia kaminski)
 

04 April 2020, 11:00