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Jesus am Kreuz - Detail aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald Jesus am Kreuz - Detail aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald 

Karfreitag: Das verhüllte Kreuz

Der Karfreitag steht ganz im Zeichen des Leidens und des Todes Christi am Kreuz. Die Liturgie ist dabei eine ganz besondere – einmalig im Kirchenjahr.

Besonders auffallend ist die Verhüllung des Kreuzes in den Kirchen mit einem violetten Tuch. Enthüllt wird das Kreuz dann zur Verehrung. Schon das macht klar, dass das Kreuz als Symbol an diesem Tag im Mittelpunkt steht.

Schon bei Paulus – also in den frühesten Schriften des Christentums – hat das Kreuz eine starke Bedeutung. Darauf macht der Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards in einem Interview mit dem Kölner Domradio aufmerksam.

Das Widerständige am Kreuz

„Paulus sagt den Heiden eine Torheit, den Juden ein Ärgernis und den Christen aber Gottes Kraft, Wahrheit und Weisheit voraus. Hier kommt natürlich auch das Widerständige des Kreuzes heraus, was schon im Symbol des Kreuzes liegt, also ganz außerhalb des Marterinstruments, sondern schon im symbolischen Zeichen des Kreuzes und natürlich in der Kreuzes-Theologie, die jede Art von klassischem Gottesbild, klassischer Religiosität im wahrsten Sinne durchkreuzt.“

Ein wichtiger Ausgangspunkt für die Kreuzverehrung ist das 4. Jahrhundert nach Christus: Kaiser Konstantin lässt das Christentum aus den Katakomben kommen, die Kaiserin Helena birgt, so ihre Überzeugung, die Reste des Kreuzes Jesu in Jerusalem.

Ganz Jerusalem ist liturgischer Raum

„Im 4. Jahrhundert nach der konstantinischen Wende entfaltet sich in Jerusalem die Feier der drei Tage. Man orientiert sich an der Chronologie der Evangelien und geht nun den Leidensweg Jesu buchstäblich nach und feiert zu den Zeiten an den Orten, an denen man sich Jesus besonders nahe fühlt, die besonderen Gegebenheiten des Leidens und der Auferstehung Jesu.“

Ganz Jerusalem, das ganze Stadtgebiet, ist damals liturgischer Raum, so Gerhards. „Das ist schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts ersichtlich geworden. Es gibt eine berühmte Quelle einer spanischen Ordensfrau, einer Nonne, die wohl aus kaiserlichem Haus stammte und alle Privilegien hatte und darum auch im ganzen Heiligen Land herumreisen konnte und sehr ausführlich ihren Mitschwestern in Spanien berichtet, was sie da erlebt hat. Und das war da schon, etwa in den 80er Jahren des 4. Jahrhunderts, eine sehr reich entfaltete Liturgie, in der in der Tat ganz Jerusalem und an Weihnachten auch Bethlehem liturgischer Raum war.“

„Keine Liturgie beginnt so wie an Karfreitag einfach mit einer Stille“

Doch so reich die Liturgie damals auch aufblüht und sich entfaltet – was heute am Karfreitag beeindruckt, ist seine Kargheit. Sein Purismus.

„Das ist ja gerade das Spannende, dass der Karfreitag durch das Fehlen an Prunk, an äußerer Entfaltung seine eigene Prägung, seine eigene Stärke erweist. Keine Liturgie beginnt so wie an Karfreitag einfach mit einer Stille, wobei sich die Priester oder Liturgen niederwerfen und dann in die Stille hinein nur ein Gebet gesprochen wird. Es beginnt mit den Lesungen, und erst nach der ersten Lesung erfolgt ein erster Gesang. Auch die Gesänge sind sehr spärlich und nicht durch Instrumente unterstützt. Es ist eine bewusst karg und asketisch gehaltene Liturgie, die aber auch in ihren Zeichen dadurch besonders stark wirkt.“

Pius XII. reformierte die Karwoche

Bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein waren die drei großen Liturgien dieser Tage – Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht – eingebettet in ein ganzes System von Stundengebets-Liturgien.

„Und diese Stundengebets-Liturgien waren teilweise volkstümlicher, weil etwa - wie das Wort Kar schon sagt - die Trauergesänge speziell da angesiedelt waren. Die Klagegesänge des Jeremiah zum Beispiel, hier klingt der Trauercharakter der Musikgeschichte besonders im Ohr, und die eigentlichen Haupt-Liturgien hatten sich auf den Morgen verschoben und waren für die Leute nicht mehr nachvollziehbar, sondern nur für Kleriker, Messdiener und wer da sonst gerade dazugehörte.“

Darum kam es in den fünfziger Jahren zu einer großen Karwochen-Reform: „Weil Papst Pius XII. zu Recht sagte, diese Herzstücke der Liturgie sollen möglichst allen Gläubigen zugänglich gemacht werden. Daher wurden zuerst die Osternacht und dann alle drei Liturgien so reformiert, dass sie danach auch von den Gläubigen nachvollzogen werden konnten. Durch die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils wurden sie dann in der Muttersprache vollzogen und auch die Gestaltung wurde so reformiert, dass eine tätige Teilnahme möglich wurde.“

Johannes-Passion im Mittelpunkt

Das ist am Karfreitag traditionell um 15 Uhr, in der neunten Stunde, der Sterbestunde Jesu. Die Liturgie vom Leiden und Sterben unseres Herrn beginnt mit einer Stille.

„Dann kommen das Niederwerfen und ein Gebet, und dann beginnt das vierte Lied vom Gottesknecht aus dem Jesaja Buch, die zweite Lesung. Im Anschluss kommt die große Johannes-Passion als zentrales Stück der Wortverkündung. Und dann erfolgt die Kreuzverehrung, die unterschiedlich vollzogen werden kann. Es kann zum Beispiel verhüllt hereingetragen werden, der Gesang ‚Seht das Holz des Kreuzes, an dem der Herr gehangen‘ wird gesungen, und es wird gebetet. Dann wird jeweils ein Teil des Holzes enthüllt oder das Kreuz wird schon enthüllt hereingetragen, es gibt also zwei Möglichkeiten.“

Diesmal ist alles anders - wegen Corona

Eigentlich ist dann eine Prozession vorgesehen – sozusagen das dunkle Gegenstück zur Prozession der Osternacht. Doch dieses Jahr macht Corona der Prozession einen Strich durch die Rechnung: Dieser Teil der Liturgie entfällt auf Anweisung des Vatikans, stattdessen nimmt nur der Priester die Kreuzverehrung vor.

„Dann kommen die großen Fürbitten, es wird für die Kirche gebetet, für die Juden und die anderen Religionen, für alle Menschen und für die Notleidenden und dem schließt sich dann - jedenfalls in der Regel - eine Kommunionfeier an.“ ‚In der Regel‘ – denn auch das macht das Virus diesmal nicht möglich.

„Im Grunde genommen ist das alles eine einzige Liturgie“

Gerhards betont in dem Interview, das schon vor der Corona-Krise aufgezeichnet wurde, die verbindenden Elemente der Liturgien von Gründonnerstag bis zur Osternacht. Eigentlich sei das alles „eine einzige Liturgie“, die nur unterbrochen werde.

„Es gibt sehr viele Bezüge in den Schriften, die gelesen werden, in den Gesängen, die gesungen werden, aber eben auch in den Riten, so dass das im Grunde genommen ein durchgehender Tenor ist. Und es ist eben auch immer alles da: An Karfreitag ist schon ein Stück Ostern da, und an Ostern bleibt ein Stück des Karfreitags erhalten. Es ist also nicht so, dass man etwas hinter sich lässt, sondern es durchdringt sich gegenseitig.“

(domradio/vatican news – sk)
 

10 April 2020, 09:42