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Blick auf den Petersdom Blick auf den Petersdom  (Vatican Media)

Unsere Silvesterbetrachtung von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Die Silvesterbetrachtungen sind für viele unserer Hörer mittlerweile nicht mehr aus unserem Programm wegzudenken. Lange Jahre hatte der am 31. Januar 2019 verstorbene Professor Hans-Bernhard Würmeling diese mit Liebe, Esprit und Wortgewandtheit für uns verfasst. Umso mehr freuen wir uns, dass sich seine Ehefrau Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bereit erklärt hat, diese Tradition für uns wieder aufzunehmen.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist unseren regelmäßigen Hörern bereits durch ihre äußerst geschätzten Sonntagsbetrachtungen ein Begriff, die sie im Monat September für uns verfasst hat. Sie war unter anderem mit Lehraufträgen und Lehrstuhlvertretungen in Bayreuth, Tübingen, Eichstätt und München sowie als Professorin in Dresden tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Religionsphilosophie der Moderne, Phänomenologie und die Anthropologie der Geschlechter.

Blick auf Rom: John Henry Newman (1801-1890) und Gertrud von le Fort (1876-1971)

Liebe Hörerinnen und Hörer!

Der Preis Roms, des „Hauptes der Welt“, caput mundi, ist in vielen Zungen gesungen worden. Zum Überschwang gibt es in der Tat Anlaß genug. Doch stehen neben den einhellig begeisterten Urteilen über die Herrlichkeiten der Stadt auch nachdenkliche Urteile an verborgener Stelle, und das aus nicht geringem Munde. Zwei dieser Blicke auf Rom seien mitvollzogen: der eine von John Henry Newman, dem großen Lehrer und jüngsten Heiligen, und von Gertrud von le Fort, der Autorin - beide übrigens Konvertiten nach der „Hälfte des Lebens“.

Hier zum Nachhören

John Henry Newman, damals noch Anglikaner, empfand 1833 einen schmerzlichen Zwiespalt beim ersten Rom-Besuch. Das widerstrebende Empfinden bezog sich auf die Einbettung des Christentums in die Antike, die triumphale Verwendung römisch-imperialer Formensprache zur Steigerung christlichen Glanzes – während doch „Rom“ die frühen Anhänger des neuen Glaubens marterte, hinrichtete, verscharrte. Auch stand ihm noch das ‚Brandmal in der Einbildungskraft’, der Papst sei der Antichrist.

In bezwingender Sprache schildert Ida Friederike Görres das Doppel-Bild Roms, das John Henry Newman fast zerriß. „Auf der italienischen Reise 1833 hatten Newman und seine Freunde jede Begegnung mit Katholiken geflissentlich vermieden. Die Ewige Stadt vollends stürzte Newman in tiefe Schwermut. Eine gottbegnadete Schönheit in den Krallen des Bösen, herrlich und geschändet, noch umschimmert vom Glanz ihres Ursprungs, aber mit dem satanischen Brandmal auf der Stirne, so erscheint ihm Rom. ‚Hier litten Martyrer, hier liegen Apostel und Martyrer begraben... von dieser Stelle aus erhielt England die Segnung des Evangeliums. Anderseits aber herrscht hier der Aberglaube, und, was noch schlimmer ist, er wird als wesentlicher Bestandteil des Christentums anerkannt. Diese herrlichen, kostbaren Kirchen sind mit Ablaßgeldern bezahlt. Wahrlich, dieser Ort ist grausam und wunderbar. Ich fürchte, ich muß auf Rom wie auf eine Stätte des Fluches blicken.’ (…)Newman ging mit blutendem Herzen den Spuren der Urkirche nach, die er nicht in den barocken Bauten der Oberfläche, sondern tief in der Erde verborgen in den Krypten fand. So blieb ihm Rom zweigeteilt.“

Soweit die Darstellung von Görres. -

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

In dem autobiographisch unterlegten Roman „Loss and Gain“ von 1848, also nach der Konversion Newmans, weht eine wache Erinnerung nach. Die Oxforder Gesprächspartner des jungen Charles Reding (des Selbstporträts Newmans) tauschen sich aus: „In Rom sind die Kirchen so unsauber, so vernachlässigt. Rom ist die Stadt der Ruinen. Die christlichen Tempel stehen auf Ruinen und sind selbst meist schon verfallen. Sie haben statt der Säulen ungeheure Pfeiler, mit Kalk beworfen, weiß getüncht. Sie geben dem Ganzen etwas unbeschreiblich Verlorenes. (...) Es liege etwas Düsteres über der Stadt, all die alten gestaltlosen Steinmassen, der Boden ungeebnet, hohe Mauern rechts und links an den Straßen, hie und da mal ein freundlicher Ausblick, verfallene Paläste, ungepflegte Bäume, Staub und Schmutz und schlechtes Wetter. Nein, Rom sei nur eine Stadt des Glaubens, die Wanderung zu den Heiligtümern sei keine geringe Buße.“ Dann aber der entscheidende Umschlag: „’Die Limina Apostolorum haben eine eigene Anziehungskraft’, sagte Charles. ‚Petrus und Paulus waren nicht umsonst in Rom.’“ Willis, der einzige Katholik unter den Oxforder Freunden, verabschiedet sich von Reding: „Wer weiß, wo wir uns wiedersehen! Hoffentlich in den Vorhöfen des wahren Jerusalem, der Königin der Heiligen, der heiligen Kirche von Rom, unserer Mutter.“ Und Reding/Newman empfindet nach der Konversion ergriffen: „Er fühlte den Felsen unter seinen Füßen, es war die Soliditas Kathedrae Petri.“

Einen anderen Blick auf Rom wirft Gertrud von le Fort (1876-1971), obwohl auch sie in dieser Stadt ein Zweifaches, Widerstreitendes wahrnimmt. Sie begründete ihren Ruf als Dichterin zuerst mit den „Hymnen an die Kirche“ 1924; zwei Jahre später konvertierte sie mit 50 Jahren in der römischen Anima zur katholischen Kirche. Ihr großer Roman „Das Schweißtuch der Veronika“ (1928) spielt gänzlich in der Ewigen Stadt, sowohl in deren heidnischer Tiefe (verkörpert in der Großmutter) als auch in deren christlicher Seite (verkörpert in der frommen Jeannette und der „abgefallenen“ Edelgart). Es ist die ruhige, aber untergründig aufgebrochene Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der Roman beginnt mit dem berühmten Satz: „Das Lied meiner Jugend war das Lied eines kleinen römischen Brunnens, der seinen zarten Strahl in das vergreiste Marmorbecken eines antiken Sarkophages ergoß“ – der Brunnen im Hof-Geviert von Santa Maria sopra Minerva ist gemeint. 

Das Mädchen Veronika, genannt das „Spiegelchen“, nimmt als „Lied ihrer Jugend“ die Gegensätze Roms hingegeben in sich auf. An einer Schlüsselstelle des Romans werden das Heidnische und das Christliche nacheinander durchwandert; Veronika, noch ungetauft, betritt mit dem Freund Enzio das nächtliche Kolosseum. Enzio, deutsch-national gesinnter Atheist, sieht in der Wiederkehr einer machtvollen, im Kolosseum greifbaren Antike – gegen das Christentum – die geistige Zukunft. Veronika jedoch erfährt am Ort der riesenhaften Ruine eine unendliche Trostlosigkeit – diese vertieft sich in einem unwirklichen Gang durch die schlafende, geisterhafte Stadt. Le Fort gelingt damit ein unvergleichliches Porträt eines welteinschließenden, allem Bösen und Guten ausgelieferten Rom. „Wir gingen tief im Geschweige dieser stillen, schwarzen Materie. Von Zeit zu Zeit tauchten, phantastischen Riffen oder Gewächsen gleich, großartige Paläste und Kirchen auf, Portale von schwerer und zugleich überfließender Pracht, wie zusammengerauscht aus dieser dunklen, wogenden Weltmasse. Ich erkannte halb im Traum die majestätischen Fassaden von San Ignatio, San Luigi di Francesi, den Palazzo Madama und das bizarre, wie mit Muscheln bekränzte Haupt der Sapienza. Gleich großen, mattfarbenen Seesternen schwammen die schönen, mondbeglänzten Plätze an uns vorüber, einsam wie Tote, besprüht vom nächtlichen Schwall der Fontänen, als entflössen sie bereits in das unergründliche Ganze.“

Veronika wird hineingezogen in ein „einziges, grandioses Spiel der Wildnis in sich selber“; die Wanderer gehen schweigend „mit dem großen, dumpfen Bewußtsein oder Unbewußtsein dieser schönen, wilden schauerlichen Welttiefe“. Da springt in die blinden Augen ein unerwartetes Licht: 

„Aber plötzlich war es, als würde das dunkle Geström, in das wir verspült waren, von einem Pfeil durchbohrt und stünde still: etwas Strahlenhaftes drang in meine Augen. Eine Monstranz von unbegreiflicher Größe stand wie die Vision eines riesigen Sternes, mitten aus der Nacht emporgestiegen, vor uns. (...) Dann erkannte ich, dass der ungeheure Umfang der Monstranz durch einen Altar gebildet wurde, der, mit Hunderten von Kerzen ihre Umstrahlung fortsetzend, wie ein Feuerherd in einer großen, einsamen Kirche brannte. Ihre Gewölbe schwangen sich ins schier Unermeßliche empor, schattenerfüllt, aber doch voll Festigkeit und Gewissheit. - - - Plötzlich erkannte ich den Baldachin St. Peters. In diesem Augenblick blitzte ein Gefühl in mir auf, als wäre ich durch die ganze Welt gegangen und stünde nun vor ihrem innersten Herzen.“

Der Petersdom als Monstranz gegen die Finsternis, als Herz der Welt, als Überwindung und Erlösung alles Heidnischen – diese Stelle hat noch Edith Stein beim Lesen tief berührt. 

Gertrud von le Fort öffnet Rom zum visionären Ort, in dem sich Welt sammelt: wo das Leid Gottes ausgetragen wird, wo sich Welt-Stunde entscheidet: abgründig verloren und aus dem Abgrund wieder heraufgeholt.

Solche Stunden der Gnade wünschen wir uns gegenseitig, liebe Hörerinnen und Hörer, für das kommende Jahr 2020.

 

31 Dezember 2019, 11:14