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Menschen in der Zeit Menschen in der Zeit - Stephen Hawking 

„Menschen in der Zeit” Stephen Hawking – der gläubige Atheist

Letztlich war das Leben dieses großen Gelehrten, der wegen einer schweren degenerativen Nervenerkrankung seit Jahrzehnten im Rollstuhl saß und nur mühsam mit der Außenwelt kommunizieren konnte, ein wertvoller Beitrag auch für die katholische Kirche. Mit seiner Teilnahme an Sitzungen der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften hat Hawking seiner eigenen These, dassReligion und Wissenschaften nichts miteinander zu tun haben, widersprochen.

Zwar war Stephen ein Agnostiker; er glaubte nicht an Gott, sondern er vertrat die These, das Universum sei ohne Anstoß von außen entstanden. Man prägte dazu den Begriff „Das leere Loch“. Dennoch gehörte Hawking viele Jahre der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften an und hat mehrfach zur Zeit von Papst Johannes-Paul II. Papst Benedikt XVI. emeritus und Papst Franziskus an Konferenzen der Akademie in den Vatikanischen Gärten teilgenommen, zuletzt vor anderthalb Jahren, kurz vor seinem Tod. Der Brite, einer der genialsten Köpfe unserer Zeit, ist im vergangenem Jahr im Alter von 76 Jahren in Cambridge gestorben.

 

Am Mikrophon haben wir heute den englischen Professor Bruce Allen vom Max-Planck-Institut und baten ihn einige Fragen zu beantworten. Vielen Dank Professor Allen, dass Sie sich dazu bereit erklärt haben.

Meine erste Frage an Sie ist folgende: Sind Sie mit unserem Sendetitel „Stephen Hawking- der gläubige Atheist“ einverstanden?

„Ja. Er war ein Atheist, das stimmt. Er hat nicht an Gott geglaubt. Ich meine, das ist richtig. Aber hat auch gesagt, dass Leute, die an Gott glauben, links und rechts schauen, bevor sie über die Strassen gehen. Und wenn man wirklich an Gott glaubt, macht man das!“

 

Sie haben oft den verstorbenen britischen Astrophysiker Stephen Hawking als herausragenden Forscher und als große Bereicherung der Wissenschaft bezeichnet. Welche würden Sie als besondershervorheben?

„Stephen hat viele, viele wichtige Arbeiten gemacht. Über die allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein, zum Beispiel, hat Stephen die Beweise untermauert, dass das Universum mit einem Urknall begonnen hat. Diese Beweise sind ganz wichtig. Aber für mich hat Stephen die beste Leistung vollbracht, mit dem Beweis des „schwarzen Lochs.“ Man denke: das „schwarze Loch“ war eine Einwegstraße, die eine Masse von Materie verschlucken konnte. Und Stephan hat entdeckt, dass das schwarze Loch Strahlenenergie ausstrahlt. Diese Strahlen besitzen eine Temperatur und können Energie verlieren oder verdünnen. Und das war eine große Rntdeckung. Denn es ist ganz wichtig in der Physik aufzuzeigen, dass es zwischen Gravitation,Thermodynamik und den Quoteneigenschaften ganz enge Verbindungen gibt.Das ist die Verdünnung vom „schwarzen Loch“ und das ist meiner Meinung nach die größte Entdeckung von Stephen Hawking.“

Den Prozess der Entstehung der Welt hat Stehen Hawking ja stark eingeengt und nicht ganz klären können. Dass das Weltall keinen Schöpfer brauche, wie Hawking behauptete, bleibt demnach nur eine Hypothese? Stimmt das?

„Nein das ist nie eine Hypothese gewesen. Wir können das Universum beobachten, wir können mit Teleskopen messen und in den Hintergrund des Universums schauen. Diese Strahlung kommt aus einer sehr frühen Zeit , kurz nach der Geburt des Universums. Wir haben jetzt Beweise, dass das Universum klein und sehr heiß war. Das ist ca. 40 Milliarden Jahre her. Der Urknall ist keine Theorie mehr, der Urknall ist ein Fact von Beobachtung.“

Auch glaubengebundene Wissenschaftler hatten Hawking als große Bereicherung im wissenschaftlichen Diskurs über die Ursprünge des Kosmos erfahren. Hat das Max-Planck-Institut die oft gestellten Fragen „Woher kommen wir, wohin gehen wir“ mit dem großen Astrophysiker diskutiert?

 

„Oh, wir hatten viele, viele Diskussionen mit Hawking uüber all die Jahre. Ich war selbst ein Student von Stephen Hawking von 1980 – 1983. Mein letztes Gespräch mit Stephen war einige Monate vor Stephens Tod.Wir hatten viele, viele Diskussionen.über das Universum. Über die Geburt des Universums. Und wir wissen nicht, was wirklich passiert ist.Wir wissen nicht, wie viele Materienstoffe das Universum hat. Und diese Tatsache wird entscheiden, ob das Universum weiter wachsen wird oder ob es schrumpfen wird. Wir wissen es nicht.“

 

Was hat Ihr Institut von Stephen gelernt und umgekehrt, was hat Stephen von Ihrem Institut, eines der angesehendsten der Welt, gelernt?

„Die wichtigste Entdeckung der letzten zehn Jahre ist die Beobachtung von Gravitationsstrahlen. Unser Institut hat sehr wichtige Beiträge geleistet. Das war auch für Stephen ganz wichtig. Die ersten Signale, die wir entdeckt haben, waren die Verschmelzung von zwei schwarzen Löchern. Und Stephen hat genau diesen Prozess über viele Jahre hindurch studiert. Er war ganz fasziniert. Zum Beispiel haben wir diese Entdeckung 2016 veröffentlicht. Und nur vier Tage danach ging ich nach Cambridge und wir haben eine Abendessen und dann am nächsten Tag ein Gespräch gehabt über diese Entdeckung. Und das war für Stephen äußerst wichtig.“

Professor Allen, Hawking hat gezeigt, dass seine Behinderung und körperliche Einschränkung seiner Brillanz im Denken und Weiterentwickeln von Wissenschaft nichts im Wege stand. Welche Botschaft hat diese Ausnahmegestalt für viele Millionen behinderte Menschen auf der ganzen Welt hinterlassen?

„Stephen ist ein ausgezeichnetes Beispiei dafür, was man realisieren kann. Wir haben alle unsere Probleme, aber dennoch können wir Gutes und Wichtiges verwirklichen. Stephen hat einen Weg gefunden. Er konnte ganz wichtige Beiträge liefern für die Wissenschaft und er war auch ein sehr humorvoller und starker Mensch. Er hat nicht nur Großes beigetragen für die Wissenschaft, er war auch ein Beispiel dafür, dass man trotz schwerer Behinderung ganz wichtige Dinge erreichen kann.“

Auch im Vatikan herrschte Trauer über den Tod des britischen Astrophysikers und Bestseller- Autors Stephen Hawking. Religion und Wissenschaft schienen dem Kosmologen nicht miteinander vereinbar zu sein - und dennoch verschloss er sich nicht dem Dialog mit Päpsten und Kirchenleuten. Hawking hat in einem seiner Bücher die Existenz Gottes nicht ausgeschlossen. Seine Weltvorstellung war zwar eine völlig andere als die des Christentums, doch in gewisser Hinsicht hat er sich doch einen Horizont der Offenheit nach der Suche der Wahrheit bewahrt. Wie würden Sie, Professor Allen, diesen „Horizont“ beschreiben?

 

"Das ist nicht einfach für mich. Ich bin auch kein Glaubender an Gott. Für mich ist die Existenz des Universums alles. Das Universum hat mathematische Regeln. Und wir können diese Regeln auch beschreiben. Die Existenz des Universums ist vielleicht ein Beweis von Gott, aber das ist nicht der Gott der klassischen Religionen, das ist etwas anderes für mich."

Wir danken für dieses Gesprach.

 

Wir kommen zum Epilog

Hawking hatte in Cambridge den Lehrstuhl inne, auf dem einst Isaac Newton lehrte. Über seinen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ urteilte der US-Wissenschaftler Carl Sagan, das sei auch ein Buch über Gott…… Hawking hat sich Einsteins berühmter Frage, ob Gott irgendeine Wahl gehabt habe, das Universum zu erschaffen, gestellt. Er hat versucht, „Gottes Plan“ zu verstehen und stellte sich der Frage nach dem Warum des Universums. Letztlich war das Leben dieses Gelehrten, der wegen seiner schweren degenerativen Nervenerkrankung namens ALS seit Jahrzehnten im Rollstuhl saß und nur mühsam mit der Außenwelt kommunizieren konnte, ein Zeugnis für konstruktiven Dialogs. Stephen Hawking antwortete auf viele Fragen, die für die Menschheit von großer Bedeutung sind. Auch für die Universität Cambridge, wo Hawking mehrere Jahrzehnte lehrte und wo er Inhaber des renommierten Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik war, war sein Tod ein großer Verlust. Im Alter von 21 Jahren wurde bei dem jungen Forscher die unheilbare Muskel- und Nervenkrankheit-ALS Amyotrophe Lateralsklerose-diagnostiziert. Seit 1985 konnte er nur noch mit Unterstützung eines Sprachcomputers sprechen, aber auch das hielt Stephen Hawking nicht vom Forschen ab- und auch nicht davon- sich immer wieder zu aktuellen Fragestellungen zu äußern. Obwohl die von der Uni Cambridge veröffentlichte Botschaft vor mehr als zwei Jahren – anlässlich seines 75. Geburtstages – aufgenommen wurde, klingen die Worte wie ein Vermächtnis eines großen Wissenschaftlers. Hawking drückte darin seine Freude darüber aus, dass er mit seiner Arbeit dazu beitragen konnte, unsere Sicht auf das Universum zu verändern. Und schließlich sagte er: „Denken Sie immer daran, nach oben zu den Sternen zu schauen und nicht nach unten auf Ihre Füße“. Hawking rief uns zur Neugier auf und schließt mit den Worten: „Wie schwer das Leben auch scheinen mag, es gibt immer etwas Nützliches, dass Sie tun können. Es ist nur wichtig, niemals aufzugeben!.“

Eine Sendung von Aldo Parmeggiani

Hier zum Nachhören
03 Februar 2019, 18:00