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Wirtschaftwachstum um jeden Preis hat schwerwiegende Folgen Wirtschaftwachstum um jeden Preis hat schwerwiegende Folgen  (AFP or licensors)

D: Studie zu Wirtschaftswachstum und dessen Folgen vorgestellt

Wie lassen sich die Umwelt und die natürlichen Lebensgrundlagen schützen und gleichzeitig Hunger und Armut in der Welt effektiv bekämpfen? Welche Rolle spielt hier das Wirtschaftswachstum? Das sind große Fragen, die alle angehen. Im Auftrag der Kommission Weltkirche der deutschen Bischofskonferenz wurde nun versucht, eine Antwort auf diese Herausforderungen der modernen Welt zu geben.

Stefan von Kempis - Vatikanstadt

Die Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ hat die Zusammenhänge untersucht, analysiert und aus sozialethischer Sicht bewertet. Dabei kamen die Wissenschaftler zu einem alarmierenden Schluss: Die bisherigen politischen Maßnahmen reichten bei Weitem nicht aus, um schwerwiegende Umweltfolgen zu vermeiden. Diese und weitere Ergebnisse hat sie am Freitag in der Hochschule für Philosophie in München vorgestellt. Stefan von Kempis hat mit dem Vorsitzenden der Sachverständigengruppe, Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher gesprochen. Dieser gibt überraschend einfache Handreichungen dafür, wie auch der Einzelne die Ergebnisse der Studie im täglichen Leben umsetzen kann.

Zum Nachhören

Vatican News: Worum geht es denn in der Studie? Die Wachstumsgesellschaft, das ist ja so etwas wie die Ideologie unserer westlichen Gesellschaften – es muss immer weiter wachsen, sonst kracht das ganze System zusammen. Was ist der Ansatz der Studie?

Prof. Wallacher: Na ja, diese Studie setzt sich mit der Frage auseinander, wie wir den Imperativ, den Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si gegeben hat, umsetzen können. Dass die soziale und die ökologische Frage nur gemeinsam gelöst werden können, eben auch im Hinblick auf die Frage von Wachstum. Zu untersuchen ist  einerseits, dass es im westlichen Kontext dieses Mantra gibt. Wir wissen natürlich aber genau, dass für die Bekämpfung der Armut zumindest Wachstum in vielen ärmeren Ländern eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende, Voraussetzung ist. Insofern müssen wir diese Frage differenziert betrachten und schauen, welchen Beitrag Wachstum für eine nachhaltige, integrale Entwicklung im Sinne der Enzyklika Laudato Si spielen kann. Übrigens ist es eine Frage, die ja auch von den globalen Nachhaltigkeitszielen der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen im September 2015 aufgenommen wurde - und die Frage des Wachstums ist in beiden nicht ganz eindeutig geklärt.

Vatican News: Nicht in Laudato Si sondern in einem anderen Papsttext, Evangelii Gaudium, steht der Satz, der sich auch auf dieses Wachstumsmantra münzen lässt, nämlich „diese Wirtschaft tötet“. Sehen Sie das anders?

Prof. Wallacher: Ja, ich glaube, diese Unterscheidung ist sehr wichtig, die der Papst gemacht hat. Er sagt ja nicht, „die“ Wirtschaft tötet, sondern „diese“ Wirtschaft tötet. In Analogie könnte man sagen: Nicht Wachstum tötet oder schafft Probleme, sondern ein Wachstum, das Externalisierung schafft, das eben nicht die ökologische und soziale Wahrheit in diesen Bereichen ausdrückt. Und damit sind wir im Kern auch schon bei der Grundaussage der Studie: Es geht nicht primär darum, Wachstum zu verurteilen oder zu glorifizieren, sondern darum, wirklich ein Wachstum zu schaffen, wie es auch der ökologischen und sozialen Wahrheit in den Bereichen entspricht. Und wo wir dann bestimmte Bereiche haben, die nicht so stark wachsen werden, zukünftig.

Vatican News: Zu welchen Erkenntnissen, zu welchen Schlussfolgerungen kommen Sie in der Studie?

Prof. Wallacher: Es gibt ein ganz klares Plädoyer für ein sozial-ökologisches Modernisierungsprogramm von Wirtschaft und Gesellschaft. Das heißt wir brauchen Effizienzsteigerung, wir brauchen technische Innovationen um die Umwelt zu schützen und Armut bekämpfen zu können. Und ein wichtiges Instrument – und da waren sich die gesamten Gruppen in ihrer breiten Zusammensetzung sehr einig – wir brauchen verursachergerechte Preise für den Umweltverbrauch und für den Schadstoffausstoß. Das ist ein ganz zentraler Aspekt um die angesprochenen Kosten wirklich auch verursachergerecht gestalten zu können. Und der Studie ist es wichtig, auf die beiden zentralen Einwände gegen eine solche Verbreitung einzugehen. Das ist zum einen: Wir brauchen für soziale Härtefälle eine soziale Abfederung, dazu macht die Studie auch Vorschläge, und genauso: Wir brauchen eine internationale Abstimmung um eine solche Verbreitung durchzusetzen. Dann könnten wir zukünftig auch ein Wachstumspfad in bestimmten Bereichen zumindest auch gehen, der dann auch einer integralen, nachhaltigen Entwicklung zuträglich ist.

Vatican News: Stichwort: Schadstoffausstoß. Darf ein Kirchenmensch, ein Bischof, künftig nicht mehr mit gutem Gewissen Diesel fahren?

Prof. Wallacher: Ja, das ist eine – glaube ich – zu einseitige Perspektive. Ich glaube, das Bemühen von Laudato Si und auch unserer Studie ist, dass wir die Probleme nicht isolieren auf, sagen wir mal, in der aktuellen Diskussion, sehr fokussierte Probleme, da bräuchte man einen weiteren Blick. Es gibt ja auch ein Diesel-Privileg, also eine indirekte Subvention für Diesel im Vergleich zu anderen Antrieben, die fordern wir zum Beispiel abzuschaffen. Genauso wie andere Subventionen für fossile Antriebsstoffe, die im Bereich der Kerosinsteuer liegen. Ich glaube, das ist ein erster, wichtiger Schritt, um die Verzerrungen, die wir haben, abzubauen.

Vatican News: Laudato Si hat in einem Teil weiter hinten auch fast rührend klingende sehr konkrete Vorschläge nach dem Stil „Bitte das Licht ausmachen, wenn man das Zimmer verlässt“. Kann man einige ihrer Vorschläge auch ganz ins Konkrete runterbrechen, was man jetzt ändern könnte?

Prof. Wallacher: Ich glaube, ein wichtiger Punkt, über den ich noch nicht gesprochen habe, in diese sozial-ökonomische Modernisierung. Da ist einerseits der Stichpunkt Effizienzsteigerung, durch die genannten Maßnahmen, gleichzeitig brauchen wir auch ein Kulturbewusstsein und einen Wertewandel, der die Bedeutung von Zukunft und Gemeinwohlorientierung durch ganz konkretes Handeln unterstreicht, wie zum Beispiel das Licht auszumachen oder ein anderes Leitbild zu verfolgen, das zum Beispiel den Fleischkonsum betrifft. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt. Das betont auch die Studie und das ist eine wichtige Anregung von uns Wachstumsvertretern, nämlich zu sagen, dass diese Kultur der Effizienz durch entsprechende Infrastruktur, durch eine Bewusstseinsbildung, auch durch politische Rahmenbedingungen, etwa durch Verbraucherschutz oder durch Kennzeichnungspflichten auch wirklich gestärkt werden muss und als wichtige begleitende Maßnahme für eine solche sozial-ökologische Modernisierung auf den Weg zu bringen ist.“

Vatican News: Ich will Sie nicht provozieren, Herr Professor, aber mir gehen die ganze Zeit Schlagzeilen durch den Kopf wie zum Beispiel „Kirchenstudie fordert den Abschied vom Steak“…

Prof. Wallacher: Ich glaube, so weit würden wir nicht gehen, aber wir weisen schon darauf hin. Zum Beispiel ist der Fleischkonsum, der in weiten Teilen unserer Gesellschaft inzwischen Gang und Gebe ist, nicht durchzuhalten. Wir plädieren in diesem Sinn durchaus im Bereich der Individualmobilität, aber auch im Ernährungsverhalten für eine veränderte Verhaltensweise, die letztendlich auch die Voraussetzung ist dafür, dass die Verbraucher bereit sind, für das Steak mehr zu bezahlen. Und wenn das Steak eben entsprechend teurer wird, wenn diese verursachergerechten Preise kommen, dann ist die Konsequenz letztendlich, dass vermutlich auch weniger konsumiert wird. Oder umgekehrt zu sagen, wir brauchen überhaupt eine Bereitschaft für diese Annäherung der Preise, indem eine kritische Marke von Verbrauchern die Bedeutung eines reflektierten Fleischkonsums auch wirklich lebt.

20 April 2018, 14:14