Unser Sonntag: Zeit vergeht nicht, Zeit beginnt

Pfarrer Ferdinand Hempelmann geht es um Gedankenanstöße, das Nachdenken, denn auch das heutige Evangelium will eine Unterbrechung sein. Die Forderungen Jesu sind krass...

Pfarrer Ferdinand Hempelmann

Ev Lk 9, 51–62 Lesejahr C

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

In dem kleinen Ort Strassoldo in der italienischen Region Friaul ist an einer Hauswand eine Sonnenuhr angebracht. Über ihr können wir lesen: „Zeit vergeht nicht, Zeit beginnt.“

Hier zum Nachhören

Unterbrechungen können erlösende Momente sein

Unterbrechungen können erlösende Momente sein, besonders, wenn sie Hoffnungsperspektiven aufzeigen, wie es der Beter im Psalm 25 ausspricht: „Meine Augen schauen stets auf den Herrn, denn er befreit meine Füße aus dem Netz“.
Für ihn bedeutet der Blick auf Gott eine Unterbrechung. Die Perspektive, die Gott ihm schenkt, kommt einer Befreiung gleich.
Dazu Jürgen Werbick: "Man könnte sagen, erlösend ist, dass da eine Hoffnung hineinkommt, eine Hoffnung, mit Gott einen Aufbruch, eine Auferstehung wagen zu können und mit ihm in eine gute Zukunft für mich selbst, aber auch für uns alle hineingehen zu können"
Das heutige Evangelium will eine Unterbrechung sein.
Die Worte der Perikope haben es wahrscheinlich leicht, die Gedanken der Leser / der Leserinnen zu unterbrechen, denn was Jesus hier fordert, ist krass.

Jesu Forderungen

Zwei Menschen sind bereit, ihm auf seinem Weg zu folgen. Der eine bittet darum, vorher noch seinen verstorbenen Vater begraben zu dürfen und der andere möchte sich kurz von seiner Familie verabschieden.
Jesus hat dafür kein Verständnis: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.“
Jesus hat recht. Wer beim Pflügen nach hinten schaut, schafft keine geraden Ackerfurchen. Der Acker wird nicht gut bestellt. Es könnte sein, dass dieser Mensch nicht für die Landwirtschaft taugt.

„Laßt die Toten ihre Toten begraben!“

Aber hier geht es doch um etwas ganz anderes. Gebietet es nicht der Anstand, sich wenigstens kurz von seiner Familie zu verabschieden? Die Bereitschaft der Nachfolge ist doch da. Der andere will seinen Vater begraben… muss dazu noch etwas gesagt werden?
Der Evangelist Lukas will uns unterbrechen und es ist ihm gelungen. „Laßt die Toten ihre Toten begraben!“
Es ist nicht nur eine Frage der Liebe und der Pietät, seinen Vater zu begraben.
Es geht dabei auch um die Erfüllung der Zehn Gebote.
Es geht um die letzte Ehre, die den Eltern zu geben ist, „damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“, wie es im Buch Exodus heißt. (Ex 20,12)

Der Perspektivwechsel Jesu 

Den Vater nicht zu begraben, könnte die Verheißung „damit du lange lebst in dem Land“ aufs Spiel setzen.
Hier nimmt Jesus nun einen Perspektivwechsel vor.
Die Erfüllung der Verheißung hängt von nichts und niemandem ab. Wer mit ihm ist, erbt das Land.

Das erinnert an die Seligpreisungen im Matthäus-Evangelium (Kapitel 5):
5 Selig die Sanftmütigen; / denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; / denn sie werden gesättigt werden.
7 Selig die Barmherzigen; / denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die rein sind im Herzen; / denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Und im Johannesevangelium heißt es: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Die Aufforderung im Tages-Evangelium, jetzt und sofort mitzugehen, ist eine Anfrage an meinen Glauben: traue ich Gott noch mehr zu?

Gott schafft Möglichkeit

„Gott schafft Möglichkeit“ heißt es bei Sören Kierkegaard.
Die beiden Männer im Evangelium haben die Chance, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Ihre Hoffnung wird nicht verloren gehen, wenn sie Jesus jetzt folgen.
Der Weg mit Jesus „führt in eine gute Gotteszukunft hinein. Gott ist der Horizontöffner“, sagt Jürgen Werbick.
Der Weg mit Jesus führt zwar auch nach Golgotha, aber auch am Kreuz zeigt Gott, dass er mit den Menschen noch etwas vorhat.
Er bricht nicht mit den Menschen.
Eindrucksvoll spiegelt Jesus das wider. Anstatt seine Peiniger zu verfluchen bittet er Gott: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lk 23,34)

„Und genau das sollte und muss Kirche sein: Horizontöffner.“

Auch hier zeigt sich: Gott ist ein Horizontöffner.
Und genau das sollte und muss Kirche sein: Horizontöffner.
Sie braucht keine Angst zu haben, die Verheißung zu verlieren, wenn sie sich für Veränderungen öffnet.
Sie sollte Menschen Perspektiven aufzeigen und nicht zu allererst sagen, welche Wege ihnen verschlossen sind.
Sie sollte Hoffnung geben, wie es z.B. das Bistum Erfurt zum Elisabethjahr 2007 in Anlehnung an die 7 Werke der Barmherzigkeit mit einfachen und klaren Worten formuliert hat:

Elisabethjahr 2007 Bistum Erfurt: 
Du gehörst dazu
Ich höre dir zu
Ich rede gut über dich
Ich gehe ein Stück mit dir
Ich teile mit dir
Ich besuche dich
Ich bete für dich


Auch wenn diese Worte fast alle mit Ich anfangen, geht es nicht um mich, sondern um ein Leben für den anderen.
Das ist der entscheidende Perspektivwechsel für den Jesus Christus steht: für den anderen – füreinander. „Du aber geh, und verkünde das Reich Gottes“, sagte Jesus zu dem ersten Mann.
Die Frage an uns Christen bleibt: Und wie verhalte ich mich jetzt?
Wenn wir auf das Evangelium schauen, genügt es nicht, einfach nur an eine gute Perspektive zu glauben. Jesus will, dass wir uns aufmachen, dass wir aufbrechen und die Hoffnung leben.

Heute wird getan oder auch vertan...

„Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Heute wird getan oder auch vertan, worauf es ankommt, wenn er kommt“, heißt es in einem neuzeitlichen Kirchenlied
Füreinander heißt, jetzt den Lebensstil ändern, zum Wohle aller Lebewesen dieser einen Welt.
Füreinander heißt, sich von menschenverachtender Ideologie und dumpfem Nationalismus befreien.
Füreinander heißt, das Leben teilen mit den Notleidenden und mit denen, die neue Perspektiven suchen.
Füreinander heißt, den Nächsten lieben, wie wir uns selbst lieben.
Füreinander heißt auch, Versöhnung leben.
Füreinander ist ein Horizontöffner und somit einer der Namen Gottes.
Oh, Gott, hilf uns, immer wieder mit dir aufzubrechen.

Literatur:
Interview mit Prof. Dr. Jürgen Werbick in Domradio.de am 14.04.2022: „Theologe Werbick wünscht sich Protest-Perspektive zu Ostern“
Perikopen.de

(vatican news - claudia kaminski) 


 

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25. Juni 2022, 11:00