Elisabeth Keilmann Elisabeth Keilmann 

Olympia: „,Gewinnen wollen' und ,Verlieren können' zeigt unsere Haltung“

Das sagt Elisabeth Keilmann, Sportseelsorgerin der Deutschen Bischofskonferenz und Geistliche Bundesbeirätin des katholischen Sportverbandes DJK. Sie ist seit 2018 von katholischer Seite für die Betreuung des deutschen Olympia-Teams zuständig. Wir wollten von ihr wissen, wie das bei diesen Sommerspielen in Tokio funktioniert.

Radio Vatikan: Frau Keilman, am Freitag starten die Olympischen Sommerspiele in Tokio. Sie wurden wegen Corona bereits um ein Jahr verschoben und jetzt dürfen am Ende wegen der immer noch andauernden Pandemie doch keine Zuschauer dabei sein. Einige sprechen in diesem Zusammenhang auch schon von ,traurigen' Spielen, eben weil das Anfeuern des Publikums fehlen wird. Wie schätzen Sie das ein?

Elisabeth Keilmann: Für mich ist das schon auch ein sehr komplexes Thema. Es gelten ja für alle besondere Maßnahmen, ich glaube aber, dass es für die Sportlerinnen und Sportler einfach eine große Chance ist, an Olympischen Spielen teilzunehmen und ein jahrelanger Traum in Erfüllung geht. Lange Zeit haben sie sich vorbereitet, und das jetzt in den letzten Monaten natürlich auch nochmal unter erschwerten Bedingungen. Und mein Eindruck ist, dass die Athletinnen und Athleten die Einschränkungen in Kauf nehmen und Kompromisse eingehen, auch wenn es andere Spiele werden, ohne Zuschauer und in einer ganz anderen Atmosphäre.

Ich hoffe aber sehr, dass der olympische Geist, die Idee der Fairness und des Friedens, trotzdem ein wichtiger Aspekt bleibt. Und ich finde es einfach auch wichtig, dass möglichst alles risikofrei stattfindet und dass die Gesundheit und die Sicherheit aller auch die Grundbedingung sein muss, sowohl für die Japaner als auch für die Sportler, für die Betreuer und Trainer.

Hier können Sie das Gespräch mit Elisabeth Keilmann zu Olympia 2020 in Tokio nachhören
Quartier der deutschen Mannschaft in Tokio
Quartier der deutschen Mannschaft in Tokio

Radio Vatikan: Einer der Kompromisse, die die Sportler natürlich auch eingehen müssen, ist der, dass ihre Seelsorger nicht mitdürfen. Und ausgerechnet jetzt in Japan, wo ja 1972 mit Sapporo eigentlich der Startschuss für die geistliche Olympia-Betreuung des deutschen Teams gegeben wurde, können Sie als Seelsorgerin nun nicht persönlich vor Ort sein…

Keilmann: Ja, ich hätte natürlich sehr gerne die deutsche Mannschaft vor Ort in Tokio begleitet, aber auch wir müssen die besondere Situation im Blick haben. Für uns hätte es als Seelsorger keine Kommunikationsplattformen gegeben, denn es wird kein Deutsches Haus geben. Das ist sozusagen der Ort, wo sich alle treffen, wo wir mit den Sportlern, mit den Freunden, mit der Familie, mit den Betreuern und Trainern zusammenkommen und ins Gespräch kommen können. Das wird es in diesem Jahr alles nicht geben. Wir könnten auch kein Training besuchen. Die Sportler leben in einer Art Blase.

Und ja, die Prämisse lautet einfach, wie ich gerade gesagt hatte, alles auf das Nötigste reduzieren, weil die Gesundheit im Vordergrund steht. Die wichtigen persönlichen Begegnungen und die Kontaktmöglichkeiten vor Ort fehlen natürlich. Aber dennoch werden wir alles dafür tun, das deutsche Team jetzt bei den Olympischen Spielen und auch bei den Paralympics, die ja dann folgen, gut zu begleiten.

Vor dem Olympia-Stadion in Tokio
Vor dem Olympia-Stadion in Tokio

Radio Vatikan: Wie haben Sie sich organisiert, um den Athlethen in gewisser Weise doch zur Seite zu stehen?

Keilmann: Wir sind ja mittlerweile alle auch ein bisschen eingeübt in die digitale Welt. Nach einem Jahr Pandemie haben wir gute Erfahrungen mit virtuellen Angeboten gemacht. Es gab Zoom-Gottesdienste, Videobotschaften, digitale Einzel-Seelsorge über Mails, Ansprachen oder Segen über Videochat und auch Videokonferenzen. Das gehört mittlerweile zu meinem Alltag.

Mit meinen evangelischen Kollegen Thomas Weber, der für Olympia mit an Bord ist, und Christian Bode für die Paralympics, wollen wir in ökumenischer Verbundenheit die deutsche Mannschaft begleiten. Wir werden zum Auftakt am kommenden Sonntag einen Online-Gottesdienst anbieten, wo das Thema Atmen - also durchatmen, Sportler brauchen Atem und so weiter - im Mittelpunkt steht.

Wir haben auch, weil wir ja keine Kontaktmöglichkeiten haben, im Vorfeld einen Tür-Anhänger entwickelt. Den bekommt das deutsche Team vor Ort ausgehändigt, und dieser Anhänger dient sozusagen als unsere Visitenkarte. Dort sind unsere Kontaktdaten verzeichnet, also unsere E-Mail-Adressen und unsere Handynummer. Man hat es schnell griffbereit, wenn man den an die Tür hängt und die deutsche Mannschaft kann uns per Telefon, per WhatsApp, per Mail oder auch per Video ansprechen. Also das Motto lautet: Anklopfen erwünscht. Und gerade am Dienstag waren wir vom Olympia-Seelsorge-Team in einem Olympiastützpunkt in Wattenscheid, um ein Video-Grußwort an das deutsche Team zu richten. Es wird dann noch geistliche Impulse, Segensangebote und ein kleines Wort zum Tag geben.

Das Angebot richtet sich nicht nur an die Sportlerinnen und Sportler, sondern auch an Betreuer, Trainer und Organisatoren. Es gibt in Tokio auch deutsche Gemeinden, eine evangelische und eine katholische, mit denen wir auch sehr gut in Kontakt stehen. Und wenn mal ein Worst Case eintreten sollte - den gab es 2016 in Rio, wo ein Trainer tödlich verunglückt ist (der Kanuten-Trainer Stefan Henze starb an den Folgen eines Autounfalls, Anm.) - haben wir für solche Ausnahmesituationen auch Seelsorger vor Ort.

Immer wieder schwört der Papst Sportler darauf ein, Vorbild für die Jugend zu sein
Immer wieder schwört der Papst Sportler darauf ein, Vorbild für die Jugend zu sein

Radio Vatikan: Papst Franziskus sieht ja im Sport auch eine wichtige Erziehungsfunktion. Er spricht von Mannschaftsgeist, von Fairplay und auch davon, dass Niederlagen fruchtbringender als Siege sein können. Was meint er denn damit - und lässt sich dieser Gedanke auch in der professionellen Welt des Sports vermitteln?

Keilmann: Ich denke, Sie sprechen das vatikanische Dokument aus dem Jahr 2018 an, „Sein Bestes geben“, und das Begleitschreiben, das Papst Franziskus dazu verfasst hat. Ihm ist es ja wichtig, den Sport als einen Bereich zu sehen, in dem der Mensch auch für das Leben lernen kann.

Papst Franziskus und Artisten des Circo Nacional Cuba
Papst Franziskus und Artisten des Circo Nacional Cuba

Der Titel ist „Sein Bestes geben“, und wenn ein Mensch sein Bestes gibt, erfährt er auch Freude und Zufriedenheit an der eigenen Leistung. Dass man dann auch gewinnen will und alles dafür tut, das gehört dazu, allerdings - und das ist wohl das, was Papst Franziskus meint - kann nicht der Sieg um jeden Preis das Ziel sein. Es gilt dann auch gleichzeitig, mit Niederlagen und Grenzerfahrungen umzugehen. Und gerade im „Gewinnen wollen“ und „Verlieren können“ zeigt sich, welche Haltung wir haben. Also es ist eine Aufforderung, nicht nur im Sport, sondern auch im Leben das Beste zu geben, aber nicht um jeden Preis. Das Wichtigste sind die Menschen und das, was wirklich wertvoll ist.

Radio Vatikan: Dann wünschen wir Ihnen und den Athleten und all ihren Betreuern und Begleitern natürlich das Allerbeste für die Sommerspiele und für die Paralympics, die jetzt starten. Vielen Dank, dass Sie uns mit uns gesprochen haben.

Keilmann: Sehr gerne!

Die Fragen stellte Christine Seuss

Die Olympischen Ringe leuchten am Vorabend der Olympiade-Eröffnung auf dem Wasser in Tokyo
Die Olympischen Ringe leuchten am Vorabend der Olympiade-Eröffnung auf dem Wasser in Tokyo

Hintergrund

Der katholische Sportverband DJK hat aus Anlass seines 100. Jubiläums 2020 das Vatikan-Dokument „Sein Bestes geben“ - das auch in einer deutschen Arbeitsübersetzung vorliegt - ausführlich rezipiert und dessen Titel auch zum Jubiläumsmotto erhoben. Darüber hinaus hat der DJK-Sportverband eigens eine Praxishilfe zum Thema entwickelt. Sie entstand in enger Zusammenarbeit mit dem DJK-Diözesanverband Trier.

(vatican news - cs)

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22. Juli 2021, 12:39