Vatican News
Der gute Hirte  - Coemeterium Maius an der Via Nomentana, Rom Der gute Hirte - Coemeterium Maius an der Via Nomentana, Rom 

Unser Sonntag: Hirte und Vorbild

Premiere bei Unser Sonntag: Mit Gesang! An diesem Sonntag erläutert Prof. Dr. Westerhorstmann den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Hirten. Kritisch beleuchtet sie, dass mancher Bischof und Priester vielleicht heute dem „guten Hirt“ nicht entspricht.

Bitte verpassen Sie nicht die Premiere bei "Unser Sonntag" - Eingefügt ist am Ende des Beitrags ein von Prof. Westerhorstmann intonierter, jüdischer Nigun aus Psalm 23, der am Shabbath gesungen wird. Hören Sie rein! (Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht - Gam ki elech)

Prof. Dr. Katharina Westerhorstmann
Joh 10, 11–18

Mein Bruder hat kürzlich mit seiner Familie zwei Schafe gekauft – genauer gesagt zweieinhalb Schafe, da sie sich ein drittes mit einer befreundeten Familie teilen. Obwohl die Menge der zu versorgenden Schafe nun wirklich überschaubar ist, kommen ständig neue Nachrichten – immer gibt es etwas zu berichten.

Hier zum Nachhören

Man erfährt etwas über den Gesundheitszustand der Schafe, über deren Schwangerschaft, – die man fachlich genau wahrscheinlich anders nennt, – oder das mühevolle Scheren. Man bekommt plötzlich Videos von hüpfenden neugeborenen Lämmern und kann nachempfinden, dass die Freude darüber noch einmal größer ist, wenn man ihm evtl. noch auf die Welt geholfen hat... Dass es so viel Aufmerksamkeit und Kenntnisse braucht, zweieinhalb Schafe zu versorgen, hätte ich mir als Nicht-Schafbesitzerin tatsächlich nicht ausmalen können.

Arbeit und Sorge eines Schäfers

Je mehr man sich die echte Arbeit und Sorge eines Schäfers oder Hirten vor Augen führt, je klarer wird, was einen schlechten Hirten ausmacht. Es ist einer, der sich nicht kümmert – zumindest nicht um die Schafe – eher noch um sich selbst. Der den Schwachen und Verletzten nicht hilft und der auch die Starken nicht gut führt. Ähnlich konkret malt der Prophet Ezechiel in seinen Weheworten das Bild der schlechten Hirten, deren größtes Vergehen es ist, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden, weil sie egoistisch sind, nur profitieren möchten oder sich selber weiden.

„Ein schlechter Hirte ist einer, der die Herde als Ganze nicht im Blick hat“

Ein schlechter Hirte ist einer, der die Herde als Ganze nicht im Blick hat, Gefahren entweder gar nicht kommen sieht oder sehenden Auges das Wohl der Herde aufs Spiel setzt – aus Trägheit, Egoismus, falscher Sorglosigkeit oder Selbstgenügsamkeit. Schließlich macht ein Hirte, der die Schafe nicht schützt, die Verletzten nicht verbindet und ruhen lässt oder die Starken nicht richtig führt, seinen Job einfach nicht gut. Den Begriff des „Hirten“ verwenden wir in der Kirche auch für Männer in Leitungsämtern: vor allem Bischöfe, aber auch Priester. In evangelischen Gemeinden gibt es den Pàstor und in katholischen Gemeinden in Gegenden wie in meiner Heimat Westfalen heißt der katholische Pfarrer ebenfalls Pastór, das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Hirte“.

Der Hirte "hirtet" seine Herde

Im Englischen gibt es dazu auch das Verb: Der Hirte „hirtet“ seine Herde – he pastures his flock. Es ist also weniger eine Position, sondern eine Aufgabe, ein Tun. Heute fällt es Katholikinnen und Katholiken vermehrt schwer, mit dem Bild von Hirte und Herde in der Kirche umzugehen. Das Machtgefälle zwischen Leitung und denen, die nicht leiten, erregt Anstoß, vor allem auch das gefühlte Verständnis vom „dummen Schaf“, das den Hirten braucht, um sich überhaupt zurecht zu finden. Der bekannte Benediktinerpater Anselm Grün hat vor einiger Zeit zur innerkirchlichen Debatte um das geistliche Amt eingefordert, es bedürfe einer neuen Theologie der Leitung.

„Es ist kein Zufall, dass viele der großen Patriarchen des Alten Testamentes Hirten waren“

Doch worauf könnte sich diese Theologie stützen? Ich meine, das Bild vom „guten Hirten“ des heutigen Evangeliums hat noch nicht ausgedient. Es ist ein Bild, das sich durch die ganze Bibel zieht und uns auch heute etwas zu sagen hat. Es ist kein Zufall, dass viele der großen Patriarchen des Alten Testamentes Hirten waren. Mose, Abraham und auch David waren Hirten als sie von Gott den Auftrag erhielten, das Volk Israel zu leiten. Offenbar war der Beruf des Hirten eine gute Voraussetzung für dieses Amt.

Zweifel der Patriarchen

Allen dreien ist gemeinsam, dass sie mit Gott einen Weg gingen, der nicht geradlinig war. Nach dem Ruf Gottes und den ersten Erfahrungen damit, auf Gott zu hören, und nach seiner Weisung das Volk zu leiten, kamen Zweifel an Gott, an seinem Auftrag oder an den eigenen Fähigkeiten. Zu den Bedenken kam im Leben dieser drei Männer eine echte Abkehr von Gott und seinen Plänen. Sünden, ja Verbrechen, die den gesamten Auftrag gefährdeten und zum Teil auch Unheil über das Volk brachten. Doch Gott blieb von seiner Seite dem Bund treu, den er mit jedem von ihnen geschlossen hatte, manchmal gab es auch einen neuen Bund. Schließlich aber wurde jeder dieser drei Männer von Gott wieder angenommen, stand erneut in seinem Dienst und wirkte zum Wohl des Volkes. Nach alttestamentlicher Vorstellung übte Gott selbst sein eigenes Hirtenamt gegenüber dem Volk Israel auch dadurch aus, dass er ihm Hirten gab, die das Volk in seinem Sinne führen sollten.

Gott ist der eigentliche Hirte

Letztlich bleibt aber doch Gott selbst der eigentliche Hirt. Der berühmteste Psalm ist daher Psalm 23, der König David zugeschrieben wird und wunderschöne Worte über die göttliche Fürsorge für sein Volk findet: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ Und die neue Übersetzung fügt hinzu: „Dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.“ An unserer Universität hatten wir kürzlich einen geistlichen Abend mit den Studenten. Eine Studentin berichtete, wie die Worte aus dem Psalm für sie in der Pandemie plötzlich lebendig wurden. „Ganz nett“ fand sie den Psalm vorher auch schon, irgendwie rührend das Bild vom Hirten und den Schafen.

„Der Herr kennt mich und sieht mich.“

In einem Moment jedoch wurde ihr bewusst, dass es sich um eine reale Erfahrung handelt, die nicht nur das Volk Israel machen durfte: Dass der Herr mein Hirte ist, dass er sich kümmert, sodass mir nichts fehlt; der den rechten Ort für mich findet und mich dorthin führen wird, wo ich gut sein und leben kann. Für die Studentin bedeutete dies, plötzlich die Gewissheit von Geborgenheit zu erfahren, die nicht nur emotional war, sondern verständig. Alles, was sie über Gott zuvor gewusst hatte, wurde nun für sie konkret und persönlich – Der Herr kennt mich und sieht mich. Ich bin ihm nicht egal und er kümmert sich. Wahrscheinlich ist es diese Gewissheit, die sich in Jesaja 43 ausdrückt: „So spricht der Herr: Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist / und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder.“ (Jes 43,4) Juden verstehen bis heute diese Liebe Gottes vor allem als eine, die dem Volk als Ganzem gilt, heißt es doch einige Verse zuvor: „Israel, fürchte dich nicht.“ (Jes 43,1) Die Liebe Gottes zum Volk soll ihm Gewissheit seiner Hirtensorge sein.

Gott ist treu in der Fürsorge für Israel

Gott ist treu in der Fürsorge für Israel. Meine jüdischen Freunde haben mir gestanden, dass sie uns Christen manchmal um diese ganz persönliche Beziehung zu Gott beneiden, dass wir uns als Individuum, als Ich, von Gott geliebt und angenommen wissen dürfen. An jedem Freitagabend, dem Beginn des jüdischen Shabbath, wird der Psalm 23 über den guten Hirten gebetet und gesungen; manchmal sogar mehrfach. Damit wird die vergangene Woche dem Herrn der Zeit und Geschichte in die Hände zurückgelegt. Die neue Woche beginnt mit dem Bekenntnis: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. … Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“

Gott weiß um uns

Entgegen aller drohenden Ängste und der Unsicherheit wird darin das Vertrauen erneuert, dass Gott um uns weiß und dabei ist. In dieser Tradition stehen die Worte Jesu: „Ich bin der gute Hirte, ich gebe mein Leben für die Schafe. … Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Und noch einmal: „Ich gebe mein Leben hin für die Schafe.“ Jesus beginnt sein Wort mit „Ich bin“ – dieses knüpft an die alttestamentliche Offenbarung des Gottesnamens Jahwe an: Ich bin, der ich bin (Ex 3,14). Wenn Jesus sagt „Ich bin“ – der gute Hirte, das Brot des Lebens, der Weg, die Wahrheit und das Leben, dann stellt er sich in diese Tradition der Selbstoffenbarung Gottes. Dieses „Ich bin“, ἐγώ εἰμι [ego eimi] sagt auch: Ich bin der menschgewordene Gott, der sich dem Volk Israel zuvor schon mit seinem Namen Jahwe offenbart hat. Und gerade in diesen Worten aus dem heutigen Evangelium dürfen wir die Geschichte Gottes mit seinem Volk mithören: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe…“

„Jesu Sterben ging eine Freiwilligkeit, eine aktive Bereitschaft voraus“

Ich gebe „mein Leben hin…, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin.“ (Joh 10,11.14) Die christliche Theologie hat das von Beginn an so verstanden, dass Jesus tatsächlich nicht nur den Römern oder auch den religiösen Führern seiner Zeit im Weg war und deshalb sterben musste; sondern dass seinem Sterben eine Freiwilligkeit, eine aktive Bereitschaft vorausging, das Leben hinzugeben. Für uns. Für mich. Darüber lohnt es sich, noch einmal länger nachzudenken in einer ruhigen Stunde… Jesus verspricht, als der gute Hirte jedes einzelne ihm anvertraute Wesen mit Namen zu kennen (vgl. Joh 10,3). Ihm ist es eigen, dass er jedes einzelne beschützt und verteidigt und keines zurücklässt. Als der gute Hirte darauf achtet, dass die Schafe zusammenbleiben, da sie nur in der Gemeinschaft ausreichend Schutz und Versorgung im Guten haben. Hirtensorge meint rückhaltloses Eintreten für die Verletzten, auch dann, wenn sie aus Schmerz um sich schlagen...

Liebe, die das Leben kostet

Und bereit zu sein, wenn es darauf ankommt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Liebe, die das Leben kostet. Was ist nun mit den menschlichen Hirten in unserer Kirche? Ich meine schon, dass man sie daran messen darf, was nach dem Wort Jesu einen „guten Hirten“ ausmacht. Eine echte Sendung, Uneigennützigkeit, Leidenschaft für das Wohl der anderen und Hingabe, Mut und Mitgefühl. Ein Hirtenherz. Wahrscheinlich liegt ein Grund für das verbreitete Misstrauen und die Enttäuschung dieser Tage, die recht vielen Bischöfen entgegenschlägt, darin, dass man diese Hirtensorge vermisst, die Uneigennützigkeit, die Hingabe, die echte Mühe und Sorge um die Verletzten und Schwachen wie auch das rechte Führen der Starken und Gesunden wie es bei Ezechiel heißt (vgl. Ez 34, 16).

„Seit der Zeit der frühen Kirche war es eine Voraussetzung für das Bischofsamt, dass jemand in gutem Ruf stand, tadellos ist in der Lebensweise und anständig.“

Man wirft ihnen vor allem vor, im Umgang mit den Missbrauchsfällen, eben nicht die Verletzten und Schwachen geschützt und verteidigt, sondern auf der Seite der Feinde gestanden zu haben, die sich in die Gemeinschaft eingeschlichen hatten. Seit der Zeit der frühen Kirche war es eine Voraussetzung für das Bischofsamt, dass jemand in gutem Ruf stand, tadellos ist in der Lebensweise und anständig. Und Männer des Gebetes sollten sie sein, die die Sorgen und Nöte der Gläubigen unermüdlich vor den Herrn tragen in fürbittendem und stellvertretendem Gebet. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die, die sie zu leiten haben, nicht ihr Eigentum sind, dass sie einen anderen Hirten haben, dem auch die Bischöfe selbst dienen sollen und vor dem sie Rechenschaft abzulegen haben über ihre Leitung als Hirten nach dem Herzen Gottes. Das bedeutet, an Seiner Stimme maßzunehmen und auch von Herzen umzukehren, damit die Stimme des einzigen vollkommenen guten Hirten wieder in ihrer Stimme vernommen werden kann. Es bedeutet auch, dass sie in der Nachfolge Jesu immer auf den wahren Hirten verweisen, auf Jesus selbst – und zwar nicht nur in ihren Worten und Predigten, sondern in ihrer Art zu leiten, muss diese Nachfolge sichtbar werden.

Hirte und Vorbild

Nach dem berühmten Wort von Papst Franziskus soll der Bischof „den Geruch seiner Schafe annehmen“ und daran erkennbar sein. Gleichzeitig muss er Hirte bleiben und Vorbild sein, auch wenn der 1. Petrusbrief mahnt, alle in der Kirche mögen einander in Demut begegnen (vgl. 1 Petr 5,5), unabhängig von Amt und Alter. Der bischöfliche Auftrag ist die Verkündigung des Wahren, das Einstehen für das Evangelium des Herrn, der sich selbst die „Wahrheit“ in Person genannt hat. Zusammengefasst lässt sich sagen: Das kirchliche Hirtenamt muss jesuanisch sein, Jesus-ähnlich! Und wo es das nicht mehr ist, muss es wieder jesuanischer werden! Und ein letzter Aspekt noch zum Hirtenamt. Nach einem Wort des Wiener Kardinals Christoph Schönborn handelt „eine Mutter, die ihr Leben einsetzt für ihr Kind … als gute Hirtin. Ein Feuerwehrmann, der sein Leben riskiert, um Menschen aus dem brennenden Haus zu retten, handelt als guter Hirt.“ Wir alle seien zu einem Hirtenamt berufen. Und er fragt, „wie … wir selber für andere gute Hirten sein [können]?“1 Von Jesus das Hirtenamt zu lernen, bedeutet, an ihm Maß zu nehmen.

„Es heißt, die alttestamentliche Frage des Kain „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“ (Gen 4,10) mit „Ja!“ zu beantworten“

Es heißt, die alttestamentliche Frage des Kain „Bin ich denn der Hüter meines Bruders“ (Gen 4,10) mit „Ja!“ zu beantworten. Ich bin eben doch „Hüterin meines Bruders oder meiner Schwester“. Konkret kann dies bedeuten, denjenigen in unserer Umgebung zu sehen, der in Not ist, einsam, unter psychischem Druck leidet oder Depressionen hat. Nicht immer kann man direkt etwas tun, manchmal gibt es nur das Gebet, das dann aber wirkliche Kraft hat. Es muss unter uns Christen sichtbar sein, dass wir uns umeinander sorgen. Das macht an den Grenzen der Kirche selbstverständlich nicht Halt -

"Seht, wie Sie einander lieben"

Aber es muss eben auch innerhalb der Kirche diese gegenseitige Sorge um den oder die je andere erkennbar werden, so wie die Liebe zum Nächsten ein Kennzeichen der frühen Kirche war: „Seht, wie sie einander lieben“ (Tertullian). Besonders herausfordernd stellt sich dies in den gegenwärtigen innerkirchlichen Diskussionen dar: Denjenigen mit anderer Meinung und Position rückhaltlos anzunehmen und – wie Martin Buber es übersetzte – IHM zu lieben, dem anderen also praktisch Liebe zu erweisen, indem man ihn oder sie gut behandelt, nicht verleumdet, niemandem bewusst schadet und damit auch für die ein Herz hat, die anderer Ansicht sind und einen selbst vielleicht in Frage stellen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und mir mit den Worten des Hebräerbriefs: „Der Gott des Friedens…, der Jesus, unseren Herrn, den erhabenen Hirten seiner Schafe, von den Toten heraufgeführt hat … er mache euch tüchtig in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut. Er bewirke in uns, was ihm gefällt“ (Hebr 13,20)

Eine Live Aufnahme - Gam ki elech - Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht

Und hier der Text: 

Gam ki elech b’gay zalmavet lo, lo lo Irah rah

Gam ki elech b’gay zalmavet lo, lo lo Irah rah

Lo lo lo lo lo Irah rah ki atah imadi

Lo lo lo lo lo Irah rah ki atah imadi

Gam ki elech b’gay zalmavet lo,                                                      lo lo Irah rah

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht                              Ich fürchte kein Unheil

Lo - lo lo lo lo - Irah rah ki -               atah imadi

Ich fürchte kein Unheil, denn         du bist bei mir

Lo (nicht)

Atah (du)

(radio vatikan - claudia kaminski)

24 April 2021, 10:42