Papst Franziskus wurde am Sonntag am Flughafen von Edmonton in Kanada empfangen Papst Franziskus wurde am Sonntag am Flughafen von Edmonton in Kanada empfangen 

Kanada vom Kolonialismus bis heute - unser Interview

Am Sonntag ist Papst Franziskus in Kanada eingetroffen. Das Kirchenoberhaupt hat den 6-tägigen Besuch als Pilgerreise der Buße definiert. Im Zentrum steht die Begegnung mit Indigenen und die Traumata, die sie seit der Zeit des Kolonialismus haben. Kerstin Knopf ist Professorin für Nordamerika und Postkoloniale Studien an der Uni Bremen. Im Interview mit Radio Vatikan berichtet sie über das Leben der Indigenen damals und heute.

Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Radio Vatikan: Prof. Kerstin Knopf, wie sieht das Leben der Indigenen in Kanada heute denn überhaupt aus?

Kerstin Knopf (Professorin für Nordamerika und postkoloniale Studien an der Universität Bremen): Die indigenen Menschen in Kanada sind genauso moderne Menschen wie wir in der westlichen Gesellschaft. Sie leben in der kanadischen Siedlergesellschaft. Es gibt auf den Reservaten und auch in den Städten auch viele sehr verarmte indigene Menschen, die nicht so einen regelmäßigen Tagesablauf haben, die teilweise sogar obdachlos sind, joblos sind und die teilweise eben auch sozial sehr unterprivilegiert sind und ein Leben in Armut fristen. Und die haben natürlich einen anderen Tagesablauf als wir.

Radio Vatikan Podcast zur Reise von Papst Franziskus - Kanada vom Kolonialismus bis heute - Interview

Dazu kommt, dass in ländlichen Gebieten, also auf Reservaten oder in der Arktis, ganz viele Menschen traditionell auch noch der Jagd nachgehen, Elche jagen oder Fallen stellen für andere Kleintiere, in der Arktis die Robbenjagd. Wir müssen uns das so vorstellen, dass sie genauso in Häusern wohnen wie wir. Vielleicht sind manche Häuser ärmlicher, auf den Reservaten sind keine guten Häuser von der Qualität her. Da ist der Standard nicht so gut.

Es gibt Häuser, die haben leider auch noch kein fließendes Wasser. Oder es gibt Reservate, die stehen unter einer Boiling Water Restriction, das heißt, die müssen ihr Wasser abkochen, weil das Wasser, was sie in der Leitung haben, schlecht ist.  Aber ansonsten haben sie natürlich Häuser und Wohnungen wie alle anderen Menschen auch.

Radio Vatikan: Zu Zeiten der Kolonialisierung, wie war es damals? Was hat sich seitdem getan und welche Probleme gibt es heute noch?

„Der Siedler-Kolonialismus ist das größte Problem beim Verhältnis zwischen indigenen Menschen und dem Rest von Kanada“

Kerstin Knopf: Der Siedler-Kolonialismus ist das größte Problem beim Verhältnis zwischen indigenen Menschen und dem Rest von Kanada, die Kolonialisierung im 15./16. Jahrhundert in Nordamerika. Das ging in Kanada in Québec los und später kam natürlich auch der britische Siedler-Kolonialismus dazu, also beide, der französische und der britische Siedler-Kolonialismus. Und da wurde das komplette Land enteignet und indigene Menschen nur auf einem Bruchteil ihrer alten traditionellen Gebiete auf Reservaten zusammengefasst.

Indian Act - Kontrolle, aber auch gewisse Rechte

Das hat hauptsächlich stattgefunden im 19. Jahrhundert, und zum Ende des 19. Jahrhunderts waren praktisch alle indigenen Menschen im Bereich von Kanada auf Reservaten und eben auch kontrolliert durch den Indian Act. Das ist ein Gesetz von 1871, das erstmals definierte, welche Person überhaupt als Indigene oder als so genannte ,Indians‘ akzeptiert werden konnte.

Der Indian Act hat definiert, was die indigenen Menschen machen können, ob sie Handel betreiben können oder ob sie jagen gehen können, wo sie Nahrung herbekommen und ganz profane Dinge. Das war natürlich komplette staatliche Kontrolle. Das ist bis heute so. Dieses Gesetz kontrolliert immer noch alle Lebensbereiche der indigenen Menschen und vor allen Dingen auch die Beziehung zwischen indigenen Menschen und Kanada. Und der Indian Act hat eben auch vorgesehen, dass indigene Menschen auf Reservaten oder auf vorgesehenen Gebieten leben müssen.

Radio Vatikan: Ist es nicht so, dass sich die Indigenen da beschränkt fühlen?

Kerstin Knopf: Der Indian Act schützt aber auch die indigenen Menschen, weil er ihren ,Indian Status‘ schützt. Durch diesen Status haben sie auch teilweise Rechte, Jagdrechte zum Beispiel, die andere Menschen, weiße Menschen, nicht haben. Dazu gehören auch Steuererleichterungen, oder es gibt bevorzugte Aufnahme an Universitäten, teilweise werden auch Studiengebühren erlassen und solche Dinge. Und deswegen ist der Indian Act an sich, das Gesetz, noch weiter wichtig. Aber es müsste an vielen Stellen immer wieder nachgebessert werden.

„Es müsste an vielen Stellen immer wieder nachgebessert werden“

Und es gibt ganz viele wichtige indigene Organisationen, die eine starke Lobby in der kanadischen Regierung haben. Die kämpfen natürlich für die Selbstbestimmung der indigenen Menschen auf ganz vielen verschiedenen Gebieten. Und da ist Bildung ganz wichtig. Es gibt auch schon sehr viele indigen geführte Schulen, es gibt auch eine Universität, das ist die First Nations University of Canada in Regina. Insgesamt gibt es also eine Tendenz, dass immer mehr Selbstkontrolle von den Indigenen übernommen wird, trotz des Indian Acts.

Radio Vatikan: Früher war das noch anders, da gab es keine eigenen Schulen, sondern da gab es die sogenannten Residential Schools, an denen auch eine Umerziehung indigener Kinder stattfinden sollte. Und dabei kam es eben auch zu Missbrauch in vielfältiger Art und Weise. Was können Sie dazu sagen?

Gedenken an mehr als 200 Kinder, deren Leichen in der Nähe der früheren Residential School in Kamloops, British Columbia, entdeckt wurden
Gedenken an mehr als 200 Kinder, deren Leichen in der Nähe der früheren Residential School in Kamloops, British Columbia, entdeckt wurden

Das dunkle Kapitel: Residential Schools

Kerstin Knopf: Ja, die Residential Schools seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die späten 90er stellen eigentlich neben dem Siedler-Kolonialismus das traurigste Kapitel in Kanada dar. Die letzte Schule wurde 1996 in Saskatchewan geschlossen. Ganze Generationen von Kindern wurden den Familien entrissen, den Familien und den Gemeinschaften. Das geschah meistens im Alter von fünf bis sechs oder sieben Jahren. Und den Eltern wurde gesagt, wenn eure Kinder auf die Schulen gehen, dann haben sie es besser und kommen besser in der Gesellschaft klar. Viele haben ihre Kinder freiwillig in die Schulen gegeben, weil sie gar nicht wussten, was dort passiert und wie die Kinder dort behandelt werden.

Viele von denen, die schon wussten, was passiert, oder die schlicht ihre Kinder in ihrer eigenen Tradition erziehen wollten, wurden einfach gezwungen. Und das heißt, dass fast alle Kinder in diesen 140 Jahren auf diese Schulen gegangen sind.

Radio Vatikan: Wie muss man sich das vorstellen? Was stand dann tatsächlich bei den Residential Schools auf der Tagesordnung?

Kerstin Knopf: Die Kinder sollten eurozentrische Werte kennenlernen, eurozentrisches Denken und Wissen und natürlich die eurozentrische Religion. Die meisten Schulen wurden von katholischen und evangelischen Institutionen geleitet und es ging um die komplette Unterdrückung der indigenen Kultur. Also jedes Wissens, jedes Denkens in der Richtung, auch die Sprache wurde unterdrückt. Bildung haben die Kinder sehr wenig erfahren. Sie haben etwas rechnen gelernt, ein bisschen schreiben und sie mussten eigentlich die meiste Zeit arbeiten. Das heißt, die Kinder wurden praktisch Leiharbeiter, sie wurden ausgeliehen an umliegende Bauernhöfe, wo sie als Farmarbeiter arbeiten mussten, sie wurden im Straßenbau eingesetzt…

„Bildung ist für diese Schulen eigentlich nicht das richtige Wort, sondern Umerziehung“

Deswegen ist Bildung für diese Schulen eigentlich nicht das richtige Wort, wenn man darüber nachdenkt, sondern Umerziehung. Und es gab ganz harte Strafen. Wenn die Kinder ihre Sprache gesprochen haben, wurde ihnen der Mund mit Seife ausgewaschen, sie wurden geschlagen, mit Stöcken oder mit anderen Gegenständen. Sie können sich vorstellen, was das mit der Psyche von einem kleinen Kind macht. Und natürlich gab es systematischen sexuellen Missbrauch von Mädchen und Jungen, was auch ganz, ganz furchtbare Traumata hervorgerufen hat bei den Menschen, die auf diese Schulen gegangen sind.

Radio Vatikan: Papst Franziskus ist jetzt nach Kanada gereist, um den Weg der Versöhnung, den die katholische Kirche eingeschlagen hat, zu unterstützen. In Kanada wird sich Papst Franziskus auch mit verschiedenen indigenen Vertretern treffen. Die Indigenen in Kanada sind ja extrem vielfältig, auch heute noch…

Indigene Vielfalt - und Errungenschaften

Kerstin Knopf: Es gibt circa 1,4 Millionen Menschen auf kanadischem Territorium, das sind ungefähr 4,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. Es gibt ungefähr 600 verschiedene indigene Kommunen, die sogenannten Bans. Das sind kleine Reservate, oder kleine, auch urbane, Kommunen. Es gibt ungefähr 60 bis 70 verschiedene indigene Sprachen. Teilweise leben noch die letzten zwei, drei Menschen, die die Sprache sprechen können - dann wird sie mit den Menschen aussterben. Es gibt aber auch etwas Tolles: In Nunavut gibt es seit 1999 das erste indigen kontrollierte Territorium und auch das einzige in Kanada. Das ist natürlich auch ein schöner Meilenstein.

Papst Franziskus und Kanadas erste indigene Generalgouverneurin, Mary Simon
Papst Franziskus und Kanadas erste indigene Generalgouverneurin, Mary Simon

„Der Papst wird ja auch auf die Generalgouverneurin treffen, das ist Mary Simon. Sie ist die erste indigene Person, die dieses Amt innehat, eine Inuk“

Und der Papst wird ja auch auf die Generalgouverneurin treffen, das ist Mary Simon. Sie ist die erste indigene Person, die dieses Amt innehat, eine Inuk. Und es ist auch ein schöner Meilenstein, dass jetzt die erste indigene Generalgouverneurin im Amt ist.

Indigene leiden besonders unter Umweltzerstörung

Radio Vatikan: Papst Franziskus sind Natur, Umweltschutz, Bewahrung der Schöpfung sehr wichtig. Da werden sich die beiden sicherlich gut verstehen, oder?

Kerstin Knopf: Ja, das denke ich schon. Der Klimawandel oder die Ausbeutung von Naturressourcen… Der Klimawandel ist natürlich in der Arktis ganz stark zu spüren. Das Packeis taut auf, der Permafrostboden in der Arktis taut auf, das heißt, Häuser und Brücken stürzen ein und ganze Kommunen sind praktisch in Gefahr, dass sie auf einmal auf weichem Boden stehen, wo vorher der Permafrostboden wie ein Betonfundament wirkte. Das Frühjahrs- und das Herbsteis wird dünner, bricht zunehmend mehr ein. Also das ist sehr gefährlich für die Jäger. Und dann wird natürlich immer noch weiter nach Bodenschätzen gesucht; im Wasser mit mit Sonar-Technologie, die Asuwirkungen auf die Lebewesen im Wasser hat, auf Meerestiere wie Wale und Robben.

„Die Zerstörung der Umwelt und der Klimawandel haben sehr starke Auswirkungen auf indigene Menschen“

Im Norden Albertas werden Teersande (tar sands) im Tagebau abgebaut. Das ist eine furchtbare Umweltzerstörung und es ist auch höchst energieaufwändig, Sand und Öl zu trennen. Da kommen auch viele Chemikalien zum Einsatz. Und wer dann am meisten darunter leidet, sind die Menschen, die in diesen Gegenden wohnen und die dann jagen und fischen gehen und auf einmal die Tiere oder die Fische nicht mehr essen sollen, die in diesen Gebieten vorkommen. Aber ganz viele Menschen sind wirklich auf diese angewiesen, um Nahrungsmittel zu haben, weil sie einfach sehr, sehr arm sind und sich Dinge im Supermarkt nicht leisten können.

Die Zerstörung der Umwelt und der Klimawandel haben sehr starke Auswirkungen auf indigene Menschen, weil sie erstens in diesen Gebieten wohnen und weil sie zweitens meistens sozial unterprivilegiert sind und darauf angewiesen sind, dass sie sich Nahrung aus der Natur beschaffen und damit toxischen Dingen in der Nahrung ausgesetzt sind.

Was meiner Meinung nach auch wichtig ist: Wenn der Papst über Klimawandel spricht, dann geht es nicht nur um Überschwemmungen und Wirbelstürme und Hitzewellen. Da geht es eben auch in der Arktis ganz stark um das Auftauen des Eises, des Permafrostbodens und die Auswirkungen davon. Und es geht aber auch um die Ausbeutung von Naturressourcen und die damit einhergehende Zerstörung der Natur, meistens da, wo indigene Menschen wohnen.

„Wenn der Papst über Klimawandel spricht, dann geht es nicht nur um Überschwemmungen und Wirbelstürme und Hitzewellen. Es geht auch um die Ausbeutung von Naturressourcen und die damit einhergehende Zerstörung der Natur - meistens da, wo indigene Menschen wohnen“

(rv-sst)

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25. Juli 2022, 12:40