Sayhua (Peru) am Montag Sayhua (Peru) am Montag 

Peru: Trauriger Corona-Rekord

Peru hat derzeit die höchste Covid-19-Sterblichkeitsrate der Welt: 6.122 Todesfälle pro eine Million Einwohner. In dieses Bild gehören ein schlechtes Schul- und Gesundheitssystem, eine ausufernde Schattenwirtschaft und Straßenkinder.

Eigentlich wollte der Vatikan den 30. Welttag der Kranken am 11. Februar in Arequipa begehen, doch das lässt die dramatische Covid-Lage in dem Andenland nicht zu. Dabei gehen die Menschen im Land mit der Herausforderung durch das Virus eigentlich sehr verantwortlich um, wie uns der Soziologe Angel Gómez Navarro, Professor an der Herz-Jesu-Universität in Lima, in einem Interview sagt.

„Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung sind mit einer doppelten Dosis Impfstoff geimpft worden. Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass die Menschen, aber auch die Regierung engagiert handeln.“ Zum Vergleich: In Deutschland sind knapp 73 Prozent der Bevölkerung komplett geimpft.

Auf einer Corona-Station in Lima
Auf einer Corona-Station in Lima

Fast 100.000 Waisenkinder durch Corona

Für Bestürzung hat in den letzten Tagen die Nachricht gesorgt, dass in den letzten zwei Corona-Jahren bis zum 7. Januar nicht weniger als 98.000 Kinder durch das Virus zu Waisenkindern geworden sind. Was soll einmal aus ihnen werden? „Hier ist die Regierung gefragt – sie sollte Sozialprogramme entwickeln, um diesen Kindern zu helfen. Auch die Kirche sollte eine wichtige Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderung spielen, etwa indem sie über die Pfarreien Adoptionen vermittelt. Wir haben schon seit langer Zeit das ungelöste Problem der Straßenkinder – es hat sich jetzt in Corona-Zeiten noch verkompliziert und verschärft.“

Die Zahl der Kinder, die in den Straßen der Hauptstadt leben oder arbeiten (oder beides), wird auf mehr als 20.000 geschätzt. Diese Kinder, die aus den verschiedensten Gründen keine Familie mehr haben, sind völlig auf sich gestellt; Kriminalität, Drogen und Prostitution gehören zu ihrem Alltag, von Schulbildung können sie nur träumen.

Vor einer Essensausgabe in Comas am Stadtrand von Lima, Februar 2021
Vor einer Essensausgabe in Comas am Stadtrand von Lima, Februar 2021

„Der Staat hat sehr wenig getan“

„Meiner Ansicht nach müssten Staat und Kirche in einer gemeinsamen Anstrengung dieses Problem angehen. NGOs und kirchliche Verbände haben auf diesem Gebiet schon viel geleistet, aber der Staat hat sehr wenig getan. Die Lage ist mittlerweile besonders kritisch geworden, da viele Menschen aus Venezuela nach Lima geflohen sind. Inzwischen sind 30 Prozent der Bevölkerung von extremer Armut betroffen – die haben noch nicht einmal etwas zu essen.“

Schwaches soziales Netz

Bittere Worte findet der peruanische Professor für das überforderte staatliche Gesundheitssystem. „Wir haben so viele Covid-Tote, weil der Staat überhaupt nichts für das Gesundheitssystem tut, er hat es völlig im Stich gelassen. Das Geld wäre da gewesen, aber da wurde nichts investiert, es gab dafür einfach keinen politischen Willen! Das erklärt die vielen Toten…“

Trauriger Corona-Rekord in Peru - ein Interview von Radio Vatikan

Das Gesundheitssystem, die Schulen, die Wirtschaft seien ruiniert, arme Familien wüssten nicht mehr ein und aus.

„Das soziale Netz ist schwach. Überall auf den Straßen, egal in welchem Stadtteil, laufen Kinder herum, die die Schule abgebrochen haben, die um Geld betteln. Viele Menschen, die dringend Hilfe brauchen, versuchen, irgendetwas zu verkaufen, um Geld für Essen zu bekommen. Das hat die Pandemie bewirkt: Sie hat die Ungleichheit in unserem Land offengelegt. Viele Familien können ihren Kindern jetzt, wo die Schulen wegen Corona geschlossen sind, keinen kontinuierlichen Fernunterricht bieten, weil sie nicht für eine Internetverbindung aufkommen können. Sie bekommen alle drei Monate einen staatlichen Zuschuss von etwa hundert Dollar, aber das ist eine lächerliche Hilfe, wie kann man so leben?“

Comas, Februar 2021
Comas, Februar 2021

„Die Leute sind durch die Pandemie keineswegs empathischer geworden“

In Peru sei die Bildung nicht für alle gleich – nur wer Geld habe, kann sich und seinen Kindern eine gute Ausbildung verschaffen. „Tausende und Abertausende von Kindern können nicht zur Grundschule gehen, etwa 70 Prozent von ihnen kommen aus der Andenregion. Die Regierung sagt, dass wir im März den Unterricht wiederaufnehmen können, aber ich glaube nicht, dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind.“

Gómez Navarro, der in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana Missionswissenschaften studiert hat, sieht mit Sorge, dass der Mix aus Corona und Armut langfristige Folgen zu haben droht. Die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen würden zunehmend geschwächt, beobachtet er; wer könne, schotte sich den anderen gegenüber ab.

„Schon vor der Pandemie hatten wir eine individualistische, auf Konsum ausgerichtete Kultur bei diejenigen, die es sich leisten konnten, aber jetzt hat die Pandemie diese Einstellung noch verschärft. Die Leute sind durch die Pandemie keineswegs empathischer geworden, im Gegenteil: Sie verschließen sich in sich selbst. Ich fürchte, dass der Raum für Mitgefühl und Solidarität immer enger wird. Alles dreht sich nur noch um die Wirtschaft.“

Peruanische Bischöfe bei ihrer Vollversammlung im Januar
Peruanische Bischöfe bei ihrer Vollversammlung im Januar

„Kirche sollte auf sozialere Seelsorge setzen“

Auch die Kirche sei von der Pandemie hart getroffen worden. Sie zieht sich, so sagt der Professor, weitgehend auf die Liturgie zurück und hofft, dass ihre Schulen (deren Gebühren sich in der Regel nur Kinder aus wohlhabenden Familien leisten können) bald wieder öffnen. Doch Gómez Navarro hofft, dass sie die Zeichen der Zeit richtig deutet und auf eine „sozialere Seelsorge“ setzt. „Die Kirche hat doch so viele junge Leute in den Gruppen und Bewegungen, das sollte sich die Kirche stärker zunutze machen! Ich sehe nur ein paar Priester und Pfarreien, die dies tun. In den achtziger Jahren hat sich die Kirche auch sozial sehr engagiert, das sieht man heute nicht mehr so. Hoffen wir, dass das möglich wird…“

(vatican news – sk)
 

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

18. Januar 2022, 10:41