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Fünf Jahre nach Papstbesuch in Kuba: Brücken der Freundschaft bauen

Als Papst Franziskus im September 2015 nach Kuba reiste, hatte er gefordert, „Wege der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freiheit“ zu beschreiten und die „soziale Freundschaft zu leben“. Rolando Garrido Garcia ist Leiter der SantʼEgidio-Gemeinschaft in Kuba. Er erzählt im Interview mit Radio Vatikan, was sich seit dem Papstbesuch in dem Karibikstaat getan hat.

Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt

„Der Besuch von Papst Franziskus hat viele Früchte getragen, viele neue Wege erschlossen,“ lässt Dr. Garrido den Besuch des Papstes Revue passieren, der selbst aus Lateinamerika stammt. „Franziskus ist nicht nur für die katholische Welt attraktiv, sondern auch für die Laien. Denken wir nur an seinen Appell an die Jugendlichen: Er hat sie aufgefordert, die soziale Freundschaft zu leben, ihnen gesagt, dass alle am Aufbau der Gesellschaft mitwirken sollen, trotz der Unterschiede im Denken und im Glauben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich durch das Leben des Evangeliums, den Dienst an den Armen tatsächlich vielen Wege der Gerechtigkeit, des Friedens, der Versöhnung und der Freiheit zu öffnen beginnen.“

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Schon mit dem Besuch Johannes Pauls II. 1998 sei der Karibikstaat in eine neue Ära eingetreten. „Seine Prophezeiung begann sich zu erfüllen: dass Kuba sich der Welt öffnen würde und dass die Welt sich Kuba öffnen würde. Und auch für uns von SantʼEgidio begann damit eine neue Phase der Offenheit: damals haben wir mit unseren traditionellen Weihnachtsessen für Hunderte von Armen begonnen. Der Besuch von Johannes Paul II. war für das Wachstum unserer Gemeinschaft in Kuba entscheidend.“

Ein Leben wird wirklich menschlich, wenn man es mit den Ärmsten lebt

Wie Papst Franziskus betont hat, steht SantʼEgidio für eine Mission, die „zeigt, dass ein Leben wirklich menschlich wird, wenn man es mit den Ärmsten lebt.“ Die 1968 von Andrea Riccardi in Rom gegründete Gemeinschaft, die sich inzwischen zu einem mehr als 70 Länder umspannenden Netzwerk mausern konnte, ist seit 1992 auch in Kuba im ehrenamtlichen und unentgeltlichen Einsatz für die Armen und für den Frieden aktiv.

Der Leiter von St`Egidio Kuba, Dr. Rolando Garrido
Der Leiter von St`Egidio Kuba, Dr. Rolando Garrido

„Ich war damals ein 22jähriger Medizinstudent,“ erinnert sich Dr. Garrido an die Anfänge der christlichen Gemeinschaft in seiner Heimat. „SantʼEgidio hatte einem Kinderkrankenhaus in Havanna medizinisches Material gespendet und stellte bei einem Treffen mit jungen Katholiken das Charisma der Gemeinschaft vor. Ich war tief beeindruckt. Der Vorschlag war einfach, aber verlockend: das Evangelium gemeinsam mit den Armen leben – und zwar auch als Laie! Manchmal vergessen wir nämlich, dass der Aufruf der Kirche zum Dienst an den Armen ein Ruf ist, der an uns alle ergeht...“.

Die Sorge um das Fahrrad...

Und so habe er begonnen, mit einer Gruppe von Freunden in ein Peripherie-Viertel zu gehen, in dem die Armut besonders schlimm war. „Wir sind mit dem Fahrrad dorthin gefahren; das war damals so ziemlich das einzige Transportmittel,“ lässt der kubanische Arzt die Anfänge seines Dienstes für die Armen und Ausgegrenzten Revue passieren. „Ich erinnere mich, dass mir meine Eltern abgeraten haben: Es war ja nicht ganz ungefährlich… Sie machten sich Sorgen – vor allem um mein Fahrrad: wie hätte ich zur Uni fahren sollen, wenn man es mir geklaut hätte? In dem Viertel gab es damals viele arme Kinder aus dysfunktionalen Familien. Wir haben uns um sie gekümmert, ihnen bei den Hausaufgaben geholfen. Es war das erste Mal, dass wir das Antlitz Christi tatsächlich in den Kleinsten gesehen haben...“

Heute ist SantʼEgidio auf der Karibikinsel längst eine öffentlich anerkannte Realität, die nicht nur in 4 Städten (Havanna, Santiago de Cuba und Holguin) präsent ist, sondern auch viele Facetten hat: die Freiwilligen – darunter auch viele junge Menschen – stehen im Dienst der Bedürftigen, sind aber auch um Ökumene und interreligiösen Dialog bemüht. „Seit 2014 organisiert die Gemeinschaft in Kuba das interreligiöse Friedenstreffen „Caminos de Paz“ (Wege des Friedens), das ganz im Geist von Assisi steht: die erste große öffentliche Veranstaltung, die die Führer der verschiedenen Religionen Kubas zusammengebracht hat,“ weiß der Leiter von SantʼEgidio Kuba zu berichten. Trotz aller Schwierigkeiten wolle die christliche Gemeinschaft in dem Karibikstaat das umsetzen, was Franziskus „soziale Freundschaft“ nennt: eine Brücke sein zwischen den Menschen.

Geben ist seliger als Nehmen

Das Embargo, das die USA nach der Revolution Anfang der sechziger Jahren über Kuba verhängte, treffe die Kubaner noch immer hart. Viele Menschen hätten nicht einmal das Lebensnotwendige, auch Lehrer und Ärzte würden mit 40 bis 60 Dollar im Monat kaum über die Runden kommen, erzählt Dr. Garrido und erklärt, was in dieser Situation dennoch Hoffnung macht: „Es gibt viele Schwierigkeiten, aber SantʼEgidio hat uns mit großen Lebenswahrheiten konfrontiert. Und dabei waren die Armen unsere besten Lehrer: Von ihnen haben wir gelernt, dass niemand so arm ist, dass er nicht auch etwas für andere tun kann, denen es vielleicht noch schlechter geht. Die wahre Freiheit und Würde des Lebens liegt in der Fähigkeit, anderen zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Oder sagt Jesus in der Apostelgeschichte etwa nicht: Geben ist seliger als Nehmen?“

Der SantʼEgidio-Gemeinschaft gehe es darum, das zu bekämpfen, was Papst Franziskus „Wegwerfkultur“ nennt, beschreibt Dr. Garrido die Arbeit an der kubanischen Front. „SantʼEgidio ist auch eine der wenigen Gruppen, die mit Obdachlosen arbeiten: Eine Realität, die bis vor einigen Jahren geleugnet wurde – und zwar nicht nur von der Regierung, sondern auch innerhalb der Kirche. Obdachlose galten als psychisch krank, alkoholsüchtig oder kriminell. Wir sind nun schon seit über 25 Jahren ihre Freunde. Jede Woche teilen wir mit ihnen unser Brot – auch das geistliche Brot der Freundschaft und das Wort Gottes.“ Und das alles ohne jeden Zwang, betont Garrido. Essen oder Freundschaft seien nicht an die Teilnahme an liturgischen Momenten oder Gebeten gebunden. Und genau das sei dieses „Mehr“, das die Arbeit für die Armen und Bedürftigen so lohnend mache.

Der „Corona-Effekt“: Die Zahl der Freiwilligen ist gestiegen...

Und selbst die Corona-Krise habe eine erfreuliche Entwicklung gezeigt, mit er niemand gerechnet hatte, erzählt der Arzt aus Havanna: „Die Zahl der Freiwilligen ist gestiegen. Wir sind vielen Menschen begegnet, die helfen wollen; die Hoffnung auf eine bessere, menschlichere und friedlichere Zeit mit uns teilen. In Zusammenarbeit mit den Experten aus Rom konnten wir über das Internet eine Schulung zum Thema Covid-19 durchführen. Damit soll den Jugendlichen geholfen werden, die durch die Pandemie verursachte Situation aus der Sicht der Wissenschaft und des christlichen Humanismus besser zu verstehen.“ Und das sei in einer Zeit, in der „falsche Propheten“ Hochkonjunktur hätten und das Internet ein fruchtbarer Boden für Fehlinformation und Panikmache sei, eine wertvolle Orientierungshilfe gewesen.

In Kuba sei der Corona-Notstand inzwischen soweit unter Kontrolle, obwohl man in den letzten Wochen vor allem in Havanna wieder mehr Fälle verzeichnet habe. Seit Beginn der Krise im März habe es etwas weniger als 4.900 Corona-Infektionen und knapp 100 Todesfälle gegeben, beschreibt Dr. Rolando Garrido die aktuelle Situation vor Ort. Während des Lockdowns habe man in Kuba auch zum ersten Mal die Sonntagsmesse im nationalen Fernsehen ausgestrahlt, ja sogar im Radio übertragen. Die Pandemie habe gezeigt, dass auch das Internet für die Evangelisierung eine wichtige Rolle spielen kann. Ihrem Charisma entsprechend, das Papst Franziskus mit den drei „P“s – Gebet, Arme, Frieden (Italienisch: preghiera, poveri, pace) – beschrieben hat, habe die SantʼEgidio-Gemeinschaft versucht, in dieser schwierigen Zeit niemanden allein zu lassen.

Gott oder der Teufel?

Dr. Garrido hat die drei Besuche der Päpste in Kuba persönlich miterlebt, war auch in die Organisation eingebunden. „Ich durfte Papst Franziskus zusammen mit zwei dienstälteren Mitgliedern unserer Gemeinschaft an der Apostolischen Nuntiatur willkommen heißen. Wir hatten gerade ein Altersheim eröffnet. Der Papst machte einen sehr glücklichen, entspannten Eindruck. Und als ich ihm sagte, dass seine Predigten die Welt verändern, antwortete er mir mit der für ihn typischen Mischung aus Demut, Weisheit und argentinischem Humor: „Nur Gott oder der Teufel können die Welt verändern. Die Wahl liegt bei uns.“

Hintergrund

Rolando Garrido Garcia ist ein kubanischer Arzt und Leiter der SantʼEgidio-Gemeinschaft in Kuba. 2016 wurde ihm für seinen Dienst an den Armen und für den Frieden der „Orden des Sterns von Italien“ verliehen.

 

Falls Sie die Arbeit von SantʼEgidio in Kuba unterstützen möchten, können Sie auf das folgende Konto spenden:

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Dirección: Teniente Rey esquina Oficios. Habana Vieja. Cuba
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(vatican news)


 

29 September 2020, 09:58