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Notre-Dame wieder aufbauen: Ein Architekturhistoriker erklärt

Zwei Wochen nach dem Brand kommt man in Paris wieder ganz nahe an die Kathedrale Notre-Dame heran. Und die Debatte, wie man das beschädigte Gotteshaus wiederaufbauen sollte, ist in vollem Gang.

Alles wieder so aufbauen, wie es vorher war? Oder den Bau mit neuzeitlichem Selbstbewusstsein verändern, so wie man etwa in den Hof des Louvre eine Glaspyramide gesetzt hat? Das sind die Fragen, die sich „tout Paris“ jetzt stellt. Schon zirkulieren erste Modelle von einem neuen Vierungsturm für Notre-Dame: aus Glas und Stahl zum Beispiel, für Touristen begehbar.

Premierminister Edouard Philippe hat für den Wiederaufbau dieses Mittelturms – der alte, 93 Meter hohe ist beim Brand eingestürzt – einen internationalen Architektenwettbewerb ausgeschrieben.

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Mathieu Lours ist Architekturhistoriker und lehrt an der Uni Cergy-Pontoise. Der Autor eines „Kathedralen-Wörterbuchs“ rät beim Umgang mit Notre-Dame zu Behutsamkeit.

„Nichts spricht dagegen, 3D-Drucktechnik einzusetzen“

„Es wäre ja schon eine Form des Modernen, Notre-Dame dank der modernen Techniken, über die wir heute verfügen, so aufzubauen, wie es war! Nichts spricht dagegen, etwa die 3D-Drucktechnik einzusetzen, um dem Bau sein früheres Aussehen wiederzugeben. Dann kann man natürlich statt des hölzernen einen Dachstuhl aus Beton oder Eisen konstruieren. Das hat man in Chartres und Reims so gehalten; in Straßburg hingegen ist der Dachstuhl immer noch aus Holz, neugebaut im 19. Jahrhundert. Ein Wiederaufbau bei Notre-Dame muss keine Neuversion des 21. Jahrhunderts sein, schließlich kennen wir ja ihren Zustand vor dem Bau sehr genau.“

Andererseits hat der Wissenschaftler aber auch keine Angst vor Neuem, auch das bekräftigt er im Interview mit uns.

Das Mittelalter, das es so nie gab

„Wenn man Notre-Dame jetzt verändern will, muss man bedenken, dass der Bau schon mehrmals seine Identität verändert hat. Schon im 13. Jahrhundert ging das los; im 18. Jahrhundert hat man sie verstümmelt, weil man farbige Glasfenster nicht mehr sehen wollte und darum alle Fenster außer den Rosetten ausgetauscht hat. Und im 19. Jahrhundert hat man sie im Stil eines erträumten Mittelalters rekonstruiert – eines Mittelalters, das es so nie gegeben hat. Also, man hat Notre-Dame mindestens viermal umgebaut, es gab auch noch nicht die Vorstellung von Kulturerbe, die wir heute haben.“

Hellhörig bei allen Wiederaufbau-Plänen macht, dass Präsident Emmanuel Macron für die Arbeiten nur fünf Jahre veranschlagt. Als müsse die Kathedrale auf der Seine-Insel unbedingt bis zu den Olympischen Spielen von Paris 2024 fertig sein, als zusätzlicher Touristenmagnet.

Die Kraft der Absorbierung

„Als Viollet-le-Duc seine Mittelalter-Phantasie im 19. Jahrhundert an Notre-Dame umsetzt, hat er nicht weiter daran gedacht, dass das vor allem eine Kathedrale ist, also ein Bau, der auf die Transzendenz verweist. Was auch immer man jetzt mit Notre-Dame macht – man darf nicht vergessen, dass die Transzendenz ihre erste Bestimmung ist. Das ist vor allem die Kathedrale der Katholiken von Paris und ein Bau, der für die christliche Identität wichtig ist! Man sollte jetzt nicht versuchen, daraus etwas anderes zu machen. Aber was auch immer man mit ihr jetzt anstellt, es wird dann doch Teil dieser Kathedralen-Bestimmung werden. Sie hat eine starke Kraft, das, was man ihr hinzufügt, zu absorbieren.“

Viele Fährnisse der Geschichte hat Notre-Dame in achthundert Jahren seit seiner Errichtung überlebt, darunter mehrere Revolutionen. Und ausgerechnet jetzt hat es sie auch getroffen.

„Darin steckt etwas sehr Allegorisches...“

„Notre-Dame wird sich in die Reihe der Märtyrer-Kathedralen einfügen, von denen wir in Europa schon viele haben. Sie wird für die Renaissance der Kathedrale, aber auch für die Notwendigkeit des ständigen Weiterbauens stehen. Darin steckt etwas Allegorisches: Mit Notre-Dame ist uns etwas sehr Wertvolles anvertraut, das wir ständig am Leben halten müssen. Das waren schon dramatische Momente: die Karwoche, die brennende Kathedrale… Und das hat eine Dynamik der Frömmigkeit ausgelöst. Ich hatte bisher noch nie gesehen, dass man auf der Straße für ein Gebäude betet! Das hat mich an die Menschenmengen des Mittelalters erinnert, die in Prozession um die Baustellen von Kathedralen herumzogen. Für einen Historiker ist das wirklich etwas Hochinteressantes. Wir sind jetzt die Generation, der der Wiederaufbau eines emblematischen christlichen Baus anvertraut ist – so wie unsere Eltern nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau schultern mussten. Man muss da gar nicht Jahrhunderte zurückgehen.“

„Wir sollten uns Zeit nehmen, um den richtigen Weg zu finden“

Mehr als tausend Kulturerbe-Experten haben Präsident Macron gebeten, beim Wiederaufbau von Notre-Dame nichts zu überstürzen. Ihr Aufruf wurde an diesem Montag von der Zeitung „Le Figaro“ veröffentlicht. Besorgt sind die Experten vor allem darüber, dass das Kabinett die Denkmalschutz-Bestimmungen für die Kathedrale ausgesetzt hat. Wörtlich schreiben sie: „Wir sollten uns Zeit nehmen, um den richtigen Weg zu finden.“

(vatican news – sk)
 

29 April 2019, 11:35