Franziskus zu Besuch in einer Jurte in Ulan Bator Franziskus zu Besuch in einer Jurte in Ulan Bator  (Vatican Media)

Mongolei: Es fing in der Kanalisation an

Er war einer der ersten Missionare, die nach dem demokratischen Übergang des Landes und dem Zusammenbruch des Kommunismus in den 1990er Jahren in die Mongolei kamen. Der Consolata-Pater Ernesto Viscardi beobachtet seit 2003, wie die Kirche im Steppenland aufblüht.

Interview

 

Pater Ernesto, wie hat sich die Kirche in der Mongolei seit der Ankunft der ersten Missionare entwickelt, und welchen Beitrag hat sie in den letzten dreißig Jahren zum sozialen Gefüge des Landes geleistet?

„Die ersten Missionare kamen 1992, als sich das Land nach 70 Jahren Kommunismus der Demokratie öffnete. Es war eine Zeit, in der die Mongolei noch sehr ruhig war – eine Nation, die von Tag zu Tag lebte. Und dann wurden plötzlich die berühmten Minen in der Wüste Gobi und damit große Reichtümer entdeckt. Dies beschleunigte die wirtschaftliche Bewegung und den Fortschritt des Landes, das begann, sich zu organisieren, um wirtschaftlich und politisch unabhängiger zu werden. Dies erforderte einige Anstrengungen, denn der Übergang von einem sozialistischen System zu einem demokratischen System und einer Marktwirtschaft ist ein sehr großer Schritt.
Es waren also schwierige Jahre, parallel zum Abstieg Russlands. Eigentlich hatte man gedacht, dass auch hier alles zusammenbrechen würde. Stattdessen erlebten wir einen Aufschwung; und in diesen Jahren kamen die ersten drei Missionare, darunter Bischof Padilla, der sozusagen der Vater der mongolischen Kirche war. Es handelte sich um die Anfänge dieser Ortskirche: Die Kirche in der Mongolei war in gewisser Weise dabei, auf die Welt zu kommen.“

In Ulaanbaatar
In Ulaanbaatar

„Eigentlich hatte man gedacht, dass hier alles zusammenbrechen würde“

Was tat diese erste Gruppe von Missionaren?

„Sie fragten sich: Womit fangen wir an? Sie begannen, sich umzusehen, und als sie durch die Stadt gingen, sahen sie Jugendliche auf den Straßen und Kinder, die in den Gullydeckeln in der Nähe der städtischen Heizungsrohre hausten, um den Winter zu überleben. Da dachten sie sich: Warum nicht bei ihnen anfangen? Und so ging alles los, von der Kanalisation aus.“

Wie ging es dann weiter?

„Ja, die ersten sozialen Aktivitäten der Kirche begannen sich zu entwickeln. Die Salesianer kamen, koreanische Schwestern, Schulen, Kindergärten und Kinderzentren wurden eröffnet, die Schwestern von Mutter Teresa kümmerten sich um ältere Menschen und so weiter. Die Aktivitäten der Kirche haben sich so weit entwickelt, dass heute von den 77 Missionaren in der Mongolei zwei Drittel hauptberuflich in der Sozialpastoral tätig sind. Kardinal Giorgio Marengo (Apostolischer Präfekt, Anm. d. Red.), unser Mitbruder von den Consolata-Missionaren, betont jedoch einen grundlegenden Punkt: Wir sind der Nächstenliebe verpflichtet, was wichtig ist, sagt er. Aber jetzt ist es noch wichtiger, dass wir uns dem öffnen, was unsere spezifische, pastorale Aufgabe ist, nämlich der Verkündigung des Evangeliums, indem wir uns als eine christliche Gemeinschaft bekannt machen, die an den Herrn gebunden ist und vom Geist geleitet wird. Dies wird, so glaube ich, die Priorität der kommenden Jahre sein.“

„Weniger Missionare und mehr Mongolen“

Sie haben eben gesagt, die Ortskirche in der Mongolei sei sozusagen gerade erst auf die Welt gekommen. Kann man das heute noch so sagen?

„Es ist immer noch eine sehr kleine Gemeinschaft von 1.500 Getauften. Man sollte jedoch nicht auf die Anzahl, sondern auf die Qualität achten. Und in dieser Hinsicht hat es wichtige Fortschritte gegeben, erstens durch die Weihe von zwei einheimischen Priestern, zweitens durch die Erhöhung der Zahl der von der Kirche ausgebildeten Personen, der Zahl der Katechumenen, die die Taufe empfangen haben, und der Zahl der Vollzeitbetreuer in den neun Gemeinden innerhalb und außerhalb der Stadt. Ich selbst arbeite an der Ausbildung der Mongolen, so dass wir heute eine ganze Reihe getaufter, engagierter und ausgebildeter katholischer Christen haben.“

Wie sehen die Aussichten für die nahe Zukunft aus?

„Wie Kardinal Giorgio immer wieder betont, müssen wir den spirituellen Teil unserer Tätigkeit zurückgewinnen. Wir haben viel soziale Arbeit geleistet und sind sehr gute Organisatoren, wie alle Missionare, aber ich denke, dass Asien aufgrund seiner Natur verlangt, dass wir eher Experten für Gott sind als große Organisatoren. Das ist auch das, was Papst Franziskus immer sagt. Die Zukunft wird also sicherlich von einer Wiederaufnahme der Verkündigung, der spirituellen Begleitung und der Bildung christlicher Gemeinschaften geprägt sein… Wenn wir eine Kirche mit mongolischem Antlitz auf die Beine stellen wollen, muss sie von Mongolen getragen werden. Kurz gesagt: weniger Missionare und mehr Mongolen.“

„Das Land hat also versucht, seine Identität durch Symbole zu finden“

Die Mongolei hat Jahrzehnte unter dem kommunistischen Regime gelebt, und im Mittelalter herrschte hier Dschingis Khan. Hat diese Vergangenheit Auswirkungen auf die Entwicklung der religiösen Identität in der Mongolei?

„In siebzig Jahren Kommunismus wurde versucht, das historische und religiöse Gedächtnis auszulöschen, was jedoch nicht gelang. Als die Geschichte der neuen Mongolei in den 1990er Jahren begann, musste man nach Elementen der Identität suchen. Und welche sind das? Zunächst einmal Dschingis Khan, der Gründer der Heimat und ein wenig der Ruhm dieses Landes. Der zweite Aspekt war religiös, weshalb der Buddhismus als Element der nationalen Identität genutzt wurde. Der dritte Aspekt war das Territorium und der vierte Aspekt waren die traditionellen Rituale: von den einfachsten bis zu den großen Feiern, den zahlreichen Liturgien für Geburt und Tod, den Nationalfeiertagen usw. Das Land hat also versucht, seine Identität durch die Symbole zu finden, die es einst definiert haben und auch heute noch definieren.“

Welche Bedeutung hat der Papstbesuch in diesem Zusammenhang?

„Er ist vor allem eine große Überraschung. Wer hätte sich das vorstellen können, dass der Papst, der Hirte von wer weiß wie vielen Millionen Katholiken, eine Kirche mit 1500 Gläubigen besucht? Überraschung, Freude und Dankbarkeit. Ich denke, das sind die Worte, die diese Reise beschreiben. An uns Katholiken in der Mongolei richtet der Papst eine Botschaft: Ihr seid wenige, aber euer Zeugnis, euer Leben ist wichtig.“

Das Interview führte unser Kollege Salvatore Cernuzio in Ulaanbaatar.

(vatican news – sk)

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03. September 2023, 11:39