Blaise Pascal (Clermont-Ferrand, 19.6.1623 – Paris, 19.8.1662) Blaise Pascal (Clermont-Ferrand, 19.6.1623 – Paris, 19.8.1662) 

Wortlaut: Papst-Schreiben über Blaise Pascal

Hier finden Sie das Apostolische Schreiben, das Papst Franziskus über den französischen Denker Blaise Pascal verfasst hat, in seinem offiziellen Wortlaut.

Sämtliche Wortmeldungen des Papstes in ihrer amtlichen Fassung werden auf der Internetseite des Heiligen Stuhls publiziert.

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
»SUBLIMITAS ET MISERIA HOMINIS«
DES HEILIGEN VATERS
PAPST FRANZISKUS
ZUM VIERHUNDERTSTEN JAHRESTAG DER GEBURT
VON BLAISE PASCAL

DIE GRÖßE UND DAS ELEND des Menschen bilden das Paradoxon, das im Mittelpunkt der Überlegungen und der Botschaft von Blaise Pascal steht, der vor vier Jahrhunderten, am 19. Juni 1623, in Clermont in Zentralfrankreich geboren wurde. Von Kindheit an und sein ganzes Leben lang suchte er nach der Wahrheit. Mit der Vernunft spürte er ihren Zeichen nach, insbesondere auf den Gebieten der Mathematik, der Geometrie, der Physik und der Philosophie. Schon sehr früh machte er außergewöhnliche Entdeckungen, die ihm zu einem großen Bekanntheitsgrad verhalfen. Aber er blieb nicht dabei stehen. In einem Jahrhundert großer Fortschritte auf so vielen Gebieten der Wissenschaft, begleitet von einem wachsenden Geist philosophischer und religiöser Skepsis, erwies sich Blaise Pascal als unermüdlicher Wahrheitssucher, der als solcher immer „ruhelos" blieb, angezogen von neuen und weiteren Horizonten.

Gerade diese so scharfe und zugleich offene Vernunft hat in ihm nie die uralte und immer wieder neue Frage verstummen lassen, die in der menschlichen Seele widerhallt: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?« (Ps 8,5). Diese Frage ist in das Herz eines jeden Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort, in jeder Zivilisation und Sprache, in jeder Religion eingeprägt. »Was ist der Mensch in der Natur?« – fragt sich Pascal – »ein Nichts im Vergleich zum Unendlichen, ein Ganzes im Vergleich zum Nichts«. Und gleichzeitig ist die Frage dort, in diesem Psalm, eingebettet in die lebendige Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk, eine Geschichte, die sich im Fleisch des „Menschensohns“ Jesus Christus erfüllt hat, den der Vater bis zur Verlassenheit hingab, um ihn mit Pracht und Herrlichkeit zu krönen und ihn über alle Geschöpfe zu erhöhen (vgl. V. 6). Dieser Frage, die in einer Sprache gestellt wird, die sich so sehr von jener der Mathematik und Geometrie unterscheidet, hat sich Pascal nie verschlossen.

Auf dieser Basis kann man, so scheint mir, in ihm eine Grundhaltung erkennen, die ich als „staunende Offenheit gegenüber der Wirklichkeit“ bezeichnen würde. Offenheit für andere Dimensionen des Wissens und der Existenz, Offenheit für andere, Offenheit für die Gesellschaft. Er stand zum Beispiel 1661 in Paris am Ursprung des ersten öffentlichen Verkehrsnetzes der Geschichte, den sogenannten „Carrosses à cinq sols“. Wenn ich das zu Beginn dieses Schreibens eigens betone, so tue ich das, um zu unterstreichen, dass weder seine Bekehrung zu Christus, insbesondere seit der „Feuernacht“ vom 23. November 1654, noch sein außerordentliches intellektuelles Bemühen um die Verteidigung des christlichen Glaubens ihn zu einem Sonderling in jener Epoche machten. Er war aufmerksam für die Probleme seiner Zeit und für die materiellen Bedürfnisse aller Bestandteile der Gesellschaft, in der er lebte.

Seine Offenheit für die Wirklichkeit führte dazu, dass er sich auch in der Stunde seiner letzten Krankheit nicht vor den anderen verschloss. Aus dieser Zeit, als er neununddreißig Jahre alt war, sind diese Worte überliefert, die den letzten Schritt seines dem Evangelium folgenden Weges zum Ausdruck bringen: »Wenn die Ärzte Recht haben und Gott es zulässt, dass ich von dieser Krankheit genese, bin ich entschlossen, den Rest meines Lebens keine andere Arbeit oder Beschäftigung zu haben als den Dienst an den Armen«. Es ist ergreifend festzustellen, dass ein so brillanter Denker wie Blaise Pascal in den letzten Tagen seines Lebens keine andere Dringlichkeit sah, als seine Kräfte für Werke der Barmherzigkeit einzusetzen: »Der einzige Gegenstand der Heiligen Schrift ist die Liebe«.

Ich freue mich daher, dass die Vorsehung mir an diesem vierhundertsten Jahrestag seiner Geburt die Gelegenheit gibt, ihn zu würdigen und hervorzuheben, was mir in seinem Denken und Leben geeignet erscheint, die Christen unserer Zeit und alle Männer und Frauen guten Willens in ihrem Streben nach wahrem Glück anzuspornen: »Alle Menschen suchen nach dem Glück. Das gilt ohne Ausnahme, wie unterschiedlich auch die Mittel sein mögen, die sie dafür benutzen. Sie streben alle diesem Ziel zu«. Vier Jahrhunderte nach seiner Geburt bleibt Pascal für uns der Weggefährte, der unsere Suche nach dem wahren Glück und, dem Geschenk des Glaubens entsprechend, unser demütiges und freudiges Bekenntnis zum gestorbenen und auferstandenen Herrn begleitet.

Ein in Christus Verliebter, der zu allen spricht

Wenn Blaise Pascal jeden berühren kann, dann vor allem, weil er auf bewundernswerte Weise über die menschliche Verfasstheit gesprochen hat. Es wäre jedoch irreführend, in ihm nur einen Spezialisten der menschlichen Sitten zu sehen, so genial er auch war. Das Monument, das seine Gedanken bilden, und von denen einzelne Formulierungen berühmt geblieben sind, kann nicht wirklich verstanden werden, wenn man verkennt, dass Jesus Christus und die Heilige Schrift sowohl ihren Mittelpunkt als auch ihren Schlüssel bilden. Wenn Pascal es unternahm, über den Menschen und über Gott zu sprechen, so tat er dies, weil er zu der Gewissheit gelangt war: »Wir erkennen nicht allein Gott nur durch Jesus Christus, sondern wir erkennen auch uns selbst nur durch Jesus Christus; wir erkennen Leben und Tod nur durch Jesus Christus. Ohne Jesus Christus wissen wir nicht, was unser Leben und unser Tod, was Gott und wir selbst sind. So erkennen wir nichts ohne die Heilige Schrift, die nur Jesus Christus zum Gegenstand hat, und sehen nur Dunkelheit«. Damit diese Aussage von allen verstanden werden kann, ohne als eine rein lehrmäßige Behauptung betrachtet zu werden, die für diejenigen, die den Glauben der Kirche nicht teilen, unzugänglich ist, und ohne als eine Abwertung der legitimen Fähigkeiten des natürlichen Verstandes angesehen zu werden, verdient eine so extreme Behauptung, erläutert zu werden.

Glaube, Liebe und Freiheit

Als Christen müssen wir uns von der Versuchung fernhalten, unseren Glauben als eine unbestreitbare Gewissheit vor uns herzutragen, die sich allen unmittelbar erschließen würde. Pascal war sicherlich bestrebt, alle Menschen wissen zu lassen, dass »Gott und das Wahre untrennbar sind«. Aber er wusste, dass der Glaubensakt durch die Gnade Gottes ermöglicht wird, die in einem freien Herzen empfangen wird. Er, dem durch den Glauben »der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten« persönlich begegnet war, hatte in Jesus Christus den »Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6) erkannt. Deshalb schlage ich all jenen, die weiterhin nach der Wahrheit suchen wollen – eine Aufgabe, die in diesem Leben kein Ende findet – vor, Blaise Pascal zuzuhören, einem Mann von außergewöhnlicher Intelligenz, der daran erinnern wollte, dass es außerhalb des Horizonts der Liebe keine Wahrheit gibt, die von Wert ist: »Sogar aus der Wahrheit macht man sich einen Götzen, denn die Wahrheit ohne die christliche Liebe ist nicht Gott, und sie ist sein Abbild und ein Götze, den man keineswegs lieben oder anbeten darf«.

Pascal schützt uns so vor falschen Lehren, Aberglaube oder Ausschweifungen, die so viele von uns von dem dauerhaften Frieden und der dauerhaften Freude dessen fernhalten, der will, dass wir »das Leben und das Glück« wählen und nicht »den Tod und das Unglück« (Dtn 30,15.19). Aber die Tragik unseres Lebens ist, dass wir manchmal schlecht sehen und daher schlechte Entscheidungen treffen. Tatsächlich können wir das Glück des Evangeliums nur dann verkosten, »wenn uns der Heilige Geist mit seiner ganzen Kraft durchdringt und uns von der Schwäche des Egoismus, der Bequemlichkeit und des Stolzes befreit«. Außerdem gilt: »Ohne die Weisheit der Unterscheidung können wir leicht zu Marionetten werden, die den augenblicklichen Trends ausgeliefert sind«. Daher können uns die Intelligenz und der lebendige Glaube von Blaise Pascal – der zeigen wollte, die christliche Religion sei »verehrungswürdig, weil sie den Menschen gut erkannt hat« und »liebenswert, weil sie das wahre Glück verheißt« – helfen, durch die Dunkelheiten und Missgeschicke dieser Welt voranzuschreiten.

Ein herausragender wissenschaftlicher Geist

Als seine Mutter 1626 stirbt, ist Blaise Pascal drei Jahre alt. Sein Vater Etienne, ein renommierter Jurist, ist ebenso für seine bemerkenswerten wissenschaftlichen Fähigkeiten bekannt, insbesondere in der Mathematik und Geometrie. Entschlossen, seine drei Kinder Jacqueline, Blaise und Gilberte allein zu erziehen, lässt er sich 1632 in Paris nieder. Schon sehr früh zeigt Blaise einen herausragenden Verstand und einen hohen Anspruch bei der Suche nach dem Wahren, wie seine Schwester Gilberte berichtet: »Von Kindheit an konnte er sich nur dem ergeben, was ihm offensichtlich als wahr erschien; so dass er, wenn man ihm keine guten Gründe gab, selbst nach ihnen suchte«. Eines Tages ertappte der Vater seinen Sohn bei geometrischen Untersuchungen und stellte bald fest, dass der 12-jährige Blaise, ohne zu wissen, dass diese Theoreme in Büchern unter anderen Namen existierten, ganz allein die ersten zweiunddreißig Sätze von Euklid bewiesen hatte, indem er Figuren auf die Erde zeichnete. Gilberte erinnert sich, dass ihr Vater »erschrocken über die Großartigkeit und die Leistung dieses Genies« war.

In den folgenden Jahren wird Blaise Pascal sein enormes Talent mithilfe seiner Arbeitskraft fruchtbar werden lassen. Ab dem Alter von siebzehn Jahren verkehrte er mit den größten Gelehrten seiner Zeit. Schon bald folgte eine Entdeckung und Veröffentlichung auf die nächste. Im Jahre 1642, im Alter von 19 Jahren, erfand er eine Rechenmaschine, den Vorläufer unserer Taschenrechner. Blaise Pascal hat eine derart anregende Wirkung auf uns, da er uns an die Größe der menschlichen Vernunft erinnert und uns auffordert, diese zu nutzen, um die Welt um uns herum zu entschlüsseln. Der Geist der Geometrie, d.h. die Fähigkeit, die Funktionsweise der Dinge im Detail zu verstehen, wird ihm sein ganzes Leben lang von Nutzen sein, wie der herausragende Theologe Hans Urs von Balthasar feststellt: »Durch die der Geometrie und Naturwissenschaft als solcher eignende Präzision [wird er] instandgesetzt […], die ganz anders geartete Präzision etwa im Bereich der Existenz und des Christlichen zu erringen«. Diese auf die natürliche Vernunft vertrauende Praxis, die ihn auch mit all seinen menschlichen Geschwistern auf der Suche nach Wahrheit solidarisch verbindet, sollte ihm helfen, die Grenzen des Verstandes selbst zu erkennen und sich so zugleich für die übernatürlichen Gründe der Offenbarung zu öffnen, gemäß einer Logik des Paradoxen, die sein philosophisches Markenzeichen und den literarischen Reiz seiner Gedanken ausmacht: »Die Kirche hat ebenso viel Mühe darauf verwenden müssen, gegen diejenigen, die es leugneten, zu beweisen, dass Jesus Christus ein Mensch war, wie zu beweisen, dass er Gott war, und die Wahrscheinlichkeit war für beides gleich groß«.

Die Philosophen

Viele von Pascals Schriften gehören großenteils zum philosophischen Themenbereich: Dies gilt insbesondere für seine Gedanken, diese posthum veröffentlichte Sammlung von Fragmenten, die Notizen oder Entwürfe eines von einem theologischen Projekt beseelten Philosophen sind, deren Kohärenz und ursprüngliche Ordnung die Forscher, wenn auch mit Variationen, zu rekonstruieren versuchen. Die leidenschaftliche Liebe zu Christus und der Dienst an den Armen, die ich eingangs erwähnte, waren nicht so sehr das Zeichen eines Bruchs im Geist dieses kühnen Jüngers, als vielmehr das Zeichen einer Vertiefung hin zur Radikalität des Evangeliums, Zeichen eines Fortschritts in Richtung der lebendigen Wahrheit des Herrn mit Hilfe der Gnade. Er, der die übernatürliche Gewissheit des Glaubens besaß und diesen so sehr als mit der Vernunft übereinstimmend betrachtete, obwohl er sie unendlich übersteigt, wollte die Diskussion mit denen, die seine Glaubensüberzeugung nicht teilten, so weit wie möglich vorantreiben, denn »jenen, die sie nicht haben, können wir sie nur durch vernünftige Überlegung geben, solange wir darauf warten, dass Gott sie ihnen durch das Gefühl des Herzens gibt«. Unsere Generation wird gut daran tun, diese von Respekt und Geduld geprägte Verkündigung des Evangeliums nachzuahmen.

Um Pascals Sichtweise des Christentums richtig zu verstehen, muss man daher seiner Philosophie große Bedeutung beimessen. Er bewunderte die Weisheit der antiken griechischen Philosophen, die als Mitglieder einer Polis in ihrer Kunst des guten Lebens zu Einfachheit und Ruhe fähig waren: »Man denkt sich Platon und Aristoteles nur mit langen schulmeisterlichen Gewändern. Das waren umgängliche Leute, die wie die anderen mit ihren Freunden lachten. Und wenn sie daran Vergnügen gefunden haben, ihre Gesetze und ihre Staatslehren zu schaffen, so haben sie es spielend getan. Das war der am wenigsten philosophische und am wenigsten ernsthafte Teil ihres Lebens; der philosophischste war, einfach und ruhig zu leben«. Trotz ihrer Bedeutung und Nützlichkeit erkennt Pascal dennoch die Grenzen dieser Philosophen: Der Stoizismus führt zum Stolz, der Skeptizismus zur Verzweiflung. Die menschliche Vernunft ist zweifellos ein Wunder der Schöpfung, das den Menschen von allen anderen Geschöpfen unterscheidet, denn »der Mensch ist nur ein Schilfrohr, das schwächste der Natur, aber er ist ein denkendes Schilfrohr«. Man versteht also, dass die Grenzen der Philosophen schlichtweg die Grenzen der geschaffenen Vernunft sein werden. Denn Demokrit mag gesagt haben: »Ich spreche jetzt über alles«, aber die Vernunft allein kann die höchsten und dringlichsten Fragen nicht lösen. Welches ist denn, sowohl zu Pascals Zeit als auch heute, das Thema, das für uns am wichtigsten ist? Es ist die Frage nach dem Gesamtsinn unserer Bestimmung, unseres Lebens und unserer Hoffnung auf ein Glück, von dem es uns nicht untersagt ist, es uns als ewig vorzustellen, das aber nur Gott schenken kann: »Nichts ist für den Menschen so wichtig wie sein Zustand; nichts ist ihm so furchtbar wie die Ewigkeit«.

Wenn wir Pascals Gedanken betrachten, finden wir in gewisser Weise dieses Grundprinzip wieder: »Die Realität steht über der Idee«, denn Pascal lehrt uns, uns von den »verschiedene[n] Formen der Verschleierung der Wirklichkeit« fernzuhalten, von den »engelhaften Purismen« bis hin zu den »Intellektualismen ohne Weisheit«. Nichts ist gefährlicher als ein abgehobenes Denken, so dass, wer den Menschen »zum Engel machen möchte, ihn zum Tier macht«. Und die todbringenden Ideologien, unter denen wir weiterhin in wirtschaftlichen, sozialen, anthropologischen oder moralischen Bereichen leiden, halten diejenigen, die ihnen folgen, in Blasen von Meinungen gefangen, in denen die Idee an die Stelle der Wirklichkeit getreten ist.

Die menschliche Verfasstheit

Pascals Philosophie, die voller Paradoxien ist, entspringt einem ebenso bescheidenen wie klaren Blick, der versucht, »die durch die Argumentation erhellte Wirklichkeit« zu erreichen. Er geht von der Feststellung aus, dass der Mensch wie ein Fremder für sich selbst ist, groß und elend. Groß aufgrund seiner Vernunft, aufgrund seiner Fähigkeit, seine Leidenschaften zu zähmen, groß auch dadurch, »dass er sich als elend erkennt«. Insbesondere sehnt er sich nach etwas anderem, als seine Instinkte zu befriedigen oder ihnen zu widerstehen, »denn was Natur bei den Tieren ist, das nennen wir Elend bei dem Menschen«. Es besteht ein unerträgliches Missverhältnis einerseits zwischen unserem unendlichen Wollen, glücklich zu sein und die Wahrheit zu erkennen, und andererseits unserer begrenzten Vernunft und unserer körperlichen Schwäche, die zum Tod führt. Denn Pascals Stärke liegt auch in seinem unerbittlichen Realismus: »Man braucht keine allzu überragende Seele zu haben, um zu verstehen, dass es hier auf Erden keine wahrhaftige und beständige Freude gibt, dass all unsere Vergnügungen nichts weiter als Blendwerk sind, dass unsere Leiden unendlich sind und dass schließlich der Tod, der uns jeden Augenblick bedroht, uns unausbleiblich nach wenigen Jahren in die entsetzliche Notlage bringen muss, auf ewig entweder vernichtet oder unglücklich zu werden. Nichts ist wirklicher und nichts furchtbarer als dies. Geben wir uns für so unerschrocken aus, wie wir wollen: Dieses Ende ist für das schönste Leben der Welt zu erwarten«. In diesem tragischen Zustand kann der Mensch natürlich nicht in sich selbst bleiben, denn sein Elend und die Ungewissheit seines Schicksals sind für ihn unerträglich. Er muss sich also ablenken, was Pascal gern zugibt: »Daher kommt es, dass die Menschen das Getümmel und die Aufregung so gernhaben«. Denn wenn der Mensch sich nicht von seinem Zustand ablenkt – und wir wissen sehr wohl, wie wir uns durch Arbeit, Freizeit, Familien- oder Freundschaftsbeziehungen, aber leider auch durch die Laster, zu denen uns bestimmte Leidenschaften verleiten, zerstreuen können –, dann empfindet seine Menschennatur »seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. [Und es steigen] vom Grunde seiner Seele die Langeweile, der Trübsinn, die Traurigkeit, der Kummer, der Verdruss und die Verzweiflung [auf]«. Und doch befriedigt oder erfüllt die Zerstreuung nicht unsere große Sehnsucht nach Leben und nach Glück. Das ist uns allen wohl bekannt.

In diesem Moment stellt Pascal dann seine große Hypothese auf: »Was rufen uns denn diese Gier und diese Unfähigkeit zu, wenn nicht dies, dass es einst im Menschen ein wahres Glück gegeben hat, von dem ihm jetzt nur das Zeichen und die ganz wesenlose Spur geblieben sind und die er nun vergebens mit allem auszufüllen trachtet, was ihn umgibt, wobei er von den fernen Dingen die Hilfe erwartet, die er von den gegenwärtigen nicht erhält, doch sie alle sind dazu nicht fähig, weil dieser unendliche Abgrund nur durch etwas Unendliches und Unwandelbares ausgefüllt werden kann, das heißt durch Gott selbst«. Wenn der Mensch wie ein »entthronte[r] König« ist, der nur danach strebt, seine verlorene Größe wiederzuerlangen, und sich doch als unfähig dazu ansieht, was ist er dann? »Welches Trugbild ist denn der Mensch? Welches noch nie dagewesene Etwas, welches Monstrum, welches Chaos, welcher Hort von Widersprüchen, welches Wunderding? Ein Richter über alle Dinge, ein schwacher Erdenwurm, ein Hüter der Wahrheit, eine Kloake der Ungewissheit und des Irrtums, Ruhm und Abschaum des Weltalls. Wer löst diese Verwirrung?«. Pascal erkennt als Philosoph: »Je mehr Einsicht man hat, desto mehr Größe und Niedrigkeit entdeckt man im Menschen«, aber diese Gegensätze sind unvereinbar. Denn die menschliche Vernunft kann sie nicht in Einklang bringen und das Rätsel nicht lösen.

Daher stellt Pascal fest: Wenn es einen Gott gibt und der Mensch eine göttliche Offenbarung erhalten hat – wie es verschiedene Religionen behaupten – und wenn diese Offenbarung wahr ist, dann muss darin die Antwort liegen, nach der der Mensch sich sehnt, um die Widersprüche zu lösen, die ihn quälen: »Die Größe und das Elend des Menschen sind so offensichtlich, dass die wahre Religion uns unbedingt unterrichten muss, dass es im Menschen sowohl irgendein Hauptprinzip für seine Größe wie ein Hauptprinzip für sein Elend gibt. Sie muss uns außerdem eine Erklärung für diese erstaunlichen Widersprüchlichkeiten geben«. Nachdem er die großen Religionen studiert hat, kommt Pascal zu dem Schluss, dass »kein Denken und keine aszetisch-mystische Praxis« einen Erlösungsweg bieten kann, es sei denn »durch das höhere Wahrheitskriterium der Gnadeneinstrahlung«. Pascal schreibt, indem er sich vorstellt, was der wahre Gott uns sagen könnte: »Vergebens, o ihr Menschen, sucht ihr in euch selbst die Heilmittel für euer Elend. All eure Einsichten können nur bis zu der Erkenntnis gelangen, dass ihr nicht in euch selbst die Wahrheit und das Glück finden werdet. Die Philosophen haben es euch versprochen, und sie haben es nicht erreichen können. Sie wissen nicht, was euer wahres Glück ist, und auch nicht, was [euer wirklicher Stand] ist«.

An diesem Punkt angelangt, will Pascal, der mit der einzigartigen Kraft seines Verstandes die menschliche Verfasstheit, die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche ergründet hat, sich mit der Einfachheit des kindlichen Geistes als demütiger Zeuge des Evangeliums verstanden wissen. Er ist der Christ, der mit denen über Jesus Christus sprechen will, die etwas voreilig erklären, dass es keinen stichhaltigen Grund dafür gibt, an die Wahrheiten des Christentums zu glauben. Pascal hingegen weiß aus Erfahrung, dass das, was die Offenbarung beinhaltet, sich den Ansprüchen der Vernunft nicht nur nicht widersetzt, sondern die unerhörte Antwort bereithält, zu der keine Philosophie von sich aus hätte gelangen können.

Bekehrung: der Besuch des Herrn

Am 23. November 1654 hatte Pascal ein sehr eindringliches Erlebnis, das man bis heute als seine „Feuernacht“ bezeichnet. Diese mystische Erfahrung, die ihn Freudentränen vergießen ließ, war für ihn so intensiv und bestimmend, dass er sie auf einem mit dem genauen Datum versehenen Stück Papier festhielt, dem „Mémorial“, das er in das Futter seines Mantels gesteckt hatte und das man erst nach seinem Tod entdeckt hat. Auch wenn man unmöglich genau wissen kann, was in jener Nacht in Pascals Seele geschah, scheint es sich um eine Begegnung zu handeln, deren Ähnlichkeit mit der für die gesamte Offenbarungs- und Heilsgeschichte grundlegenden Erfahrung des Mose am brennenden Dornbusch (vgl. Ex 3) er selbst erkannt hat. Der Begriff „Feuer“, den Pascal an den Beginn des „Mémorial“ stellte, lädt uns dazu ein, diese Verbindung – unter Wahrung der entsprechenden Verhältnismäßigkeit – zu sehen. Die Parallele scheint von Pascal selbst angedeutet zu werden, der unmittelbar nach der Erwähnung des Feuers die Bezeichnung aufgriff, die sich der Herr Mose gegenüber gegeben hatte: »Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs« (Ex 3,6.15), und hinzufügte: »nicht der Philosophen und der Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Frieden. Der Gott Jesu Christi«.

Ja, unser Gott ist Freude, und Blaise Pascal bezeugt dies der gesamten Kirche sowie jedem Gottsucher: »Es ist nicht der abstrakte Gott oder der kosmische Gott, nein. Es ist der Gott eines Menschen, eines Rufes, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs; der Gott, der Gewissheit ist, der Empfinden ist, der Freude ist«. Diese Begegnung, die Pascal die »Größe der menschlichen Seele« bestätigte, hat ihn mit dieser lebendigen und unerschöpflichen Freude erfüllt: »Freude, Freude, Freude, Weinen vor Freude«. Und diese göttliche Freude wird für Pascal zum Ort des Bekenntnisses und des Gebets: »Jesus Christus. Ich habe mich von ihm getrennt, ich habe mich ihm entzogen, habe ihn verleugnet und gekreuzigt. Möge ich niemals von ihm getrennt sein«. Die Erfahrung der Liebe dieses personalen Gottes, Jesus Christus, der an unserer Geschichte teilgenommen hat und unaufhörlich an unserem Leben teilnimmt, nimmt Pascal mit auf den Weg einer tiefen Bekehrung und somit zu dieser – weil in der Liebe gelebten – »vollkommenen und süßen Entsagung« von dem »alten Menschen des früheren Lebenswandels, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet« (Eph 4,22).

Der heilige Johannes Paul II. erinnerte in seiner Enzyklika über die Beziehung zwischen Glaube und Vernunft daran, dass Philosophen wie Pascal sich durch die Ablehnung jeglicher Anmaßung und durch die Wahl einer Haltung der Demut und des Mutes auszeichnen. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass »der Glaube die Vernunft von der Anmaßung befreit«. Es ist klar, dass Pascal vor der Nacht des 23. November 1654 »keinerlei Zweifel an der Existenz Gottes hat. Er weiß auch, dass dieser Gott das höchste Gut ist. [...] Was ihm fehlt und was er erwartet, ist kein Wissen, sondern eine Macht, keine Wahrheit, sondern eine Kraft«. Diese Kraft wird ihm aus Gnade geschenkt: Er fühlt sich mit Gewissheit und Freude von Jesus Christus angezogen: »Wir erkennen Gott allein durch Jesus Christus. Ohne diesen Mittler wird jede Gemeinschaft mit Gott aufgehoben«. Jesus Christus zu entdecken bedeutet, den Retter und Befreier zu entdecken, den ich brauche: »Dieser Gott ist nichts anderes als der Heiland unseres Elends. Darum können wir Gott nur richtig erkennen, wenn wir unsere Sünden erkennen«. Wie jede echte Bekehrung spielt sich auch Blaise Pascals Bekehrung in der Demut ab, die uns »von unserer abgeschotteten Geisteshaltung und aus unserer Selbstbezogenheit erlöst«.

Blaise Pascals überragender und unruhiger Verstand, der angesichts der Offenbarung Jesu Christi von Frieden und Freude erfüllt ist, lädt uns gemäß »der Ordnung des Herzens« ein, in der Klarheit »dieser himmlischen Erleuchtung« sicher zu wandeln. Denn wenn unser Gott ein »verborgener Gott« (Jes 45,15) ist, dann deshalb, weil er »sich verbergen wollte«, so dass unsere von der Gnade erleuchtete Vernunft nie damit fertig sein wird, ihn zu entdecken. Durch die Erleuchtung der Gnade also können wir ihn erkennen. Aber die Freiheit des Menschen muss sich öffnen; und so tröstet uns Jesus: »Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest«.

Die Ordnung des Herzens und seine Gründe zu glauben

Nach den Worten Benedikts XVI. hat »die katholische Tradition von Anfang an den sogenannten Fideismus abgelehnt, also den Willen, auch gegen die Vernunft zu glauben«. In diesem Sinne ist Pascal zutiefst der »Vernünftigkeit des Glaubens an Gott« verpflichtet, nicht nur weil »der Verstand nicht gezwungen werden kann, etwas zu glauben, von dem er weiß, dass es falsch ist«, sondern weil, »wenn man gegen die Prinzipien der Vernunft verstößt, unsere Religion absurd und lächerlich sein wird«. Wenn aber der Glaube vernunftgemäß ist, so ist er auch eine Gabe Gottes und drängt sich damit nicht auf: »Man beweist nicht, dass man geliebt werden muss, indem man die Ursachen der Liebe geordnet darlegt; das wäre lächerlich«, stellt Pascal mit seinem feinen Humor fest und zieht eine Parallele zwischen der menschlichen Liebe und der Art und Weise, wie Gott sich uns zeigt. Ebenso wenig wie die Liebe, »die sich anbietet, aber nicht aufdrängt – die Liebe Gottes drängt sich niemals auf«. Jesus hat für die Wahrheit Zeugnis abgelegt (vgl. Joh 18,37), aber er wollte »sie denen, die ihr widersprachen, nicht mit Gewalt aufdrängen«. Deshalb gibt es »genug Licht für jene, die nur zu suchen verlangen, und genug Finsternis für jene, die von gegenteiliger Veranlagung sind«.

Er kommt zu dem Schluss: »Der Glaube unterscheidet sich vom Beweis. Der eine ist menschlich, und der andere ist eine Gottesgabe«. Daher ist es unmöglich zu glauben, »wenn Gott nicht das Herz dazu neigt«. Wenn der Glaube einer höheren Ordnung als der der Vernunft angehört, bedeutet das gewiss nicht, dass er ihr entgegensteht, sondern dass er sie unendlich übersteigt. Pascals Werk zu lesen bedeutet also nicht in erster Linie, die Vernunft zu entdecken, die den Glauben erhellt; es bedeutet, sich in die Schule eines Christen von außergewöhnlichem Verstand zu begeben, der umso besser eine Ordnung zu ergründen wusste, die als Gabe Gottes über die Vernunft gestellt ist: »Der unendliche Abstand der Körper von den Geistern gibt ein Bild von dem unendlich viel unendlicheren Abstand der Geister von der christlichen Liebe, denn diese ist übernatürlich«. Als Wissenschaftler, der in der Geometrie bewandert ist, d.h. in der Wissenschaft der im Raum verorteten Körper, und als Geometriker, der in der Philosophie bewandert ist, d.h. in der Wissenschaft der in der Geschichte verorteten Geister, konnte der von der Gnade des Glaubens erleuchtete Blaise Pascal die Gesamtheit seiner Erfahrung so niederschreiben: »Aus allen Körpern zusammen kann man nicht einen kleinen Gedanken hervorbringen. Das ist unmöglich und gehört zu einer anderen Ordnung. Aus allen Körpern und Geistern kann man keine Regung wahrer christlicher Liebe gewinnen, das ist unmöglich und gehört zu einer anderen, übernatürlichen Ordnung«.

Weder der geometrische Geist noch das philosophische Denken versetzen den Menschen in die Lage, allein zu einem »sehr scharfen Blick« auf die Welt und auf sich selbst zu gelangen. Wer sich auf die Details seiner Berechnungen beschränkt, genießt nicht den Überblick, der es ihm ermöglicht, „alle Prinzipien zu entdecken“. Dies ist das Verdienst des »feinsinnigen Geistes« (esprit de finesse), dessen Verdienste Pascal ebenfalls hervorhebt, denn, wenn man versucht, die Wirklichkeit zu erfassen, »muss man das Problem auf einmal, mit einem einzigen Blick erfassen«. Die Sphäre dieses feinsinnigen Geistes ist mit dem verbunden, was Pascal als „Herz“ bezeichnet: »Wir erkennen die Wahrheit nicht nur mit der Vernunft, sondern auch mit dem Herzen. Gerade auf diese letzte Art erkennen wir die ersten Prinzipien, und vergebens trachtet die vernünftige Überlegung, die nicht daran beteiligt ist, jene zu bekämpfen«. Göttliche Wahrheiten, wie die Tatsache, dass der Gott, der uns erschaffen hat, die Liebe ist, dass er Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, dass er Fleisch geworden ist in Jesus Christus, der zu unserem Heil gestorben und auferstanden ist, sind nicht mit der Vernunft beweisbar, sondern können durch die Gewissheit des Glaubens erkannt werden und gehen dann vom geistlichen Herzen auf den rationalen Verstand über, der sie als wahr erkennt und sie seinerseits darlegen kann: »Darum sind jene, denen Gott die Religion durch das Gefühl des Herzens gegeben hat, glückselig und ganz zu Recht überzeugt«.

Pascal hat sich nie damit abgefunden, dass einige seiner Mitmenschen nicht nur Jesus Christus nicht kennen, sondern es aus Trägheit oder aufgrund ihrer Leidenschaften verschmähen, das Evangelium ernst zu nehmen. Denn an Jesus Christus entscheidet sich ihr Leben: »Die Unsterblichkeit der Seele ist etwas so überaus Wichtiges für uns, das uns so tief berührt, dass man jedes Empfinden verloren haben muss, wenn man ihr gegenüber gleichgültig ist und nicht wissen will, wie es sich mit ihr verhält. [...] Und deshalb mache ich unter denjenigen, die davon nicht überzeugt sind, einen außerordentlich großen Unterschied zwischen denen, die sich mit all ihrer Kraft bemühen, sich darüber zu unterrichten, und denen, die dahinleben, ohne sich darum zu sorgen und ohne daran zu denken«. Wir selbst wissen gut, dass wir oft versuchen, vor dem Tod zu fliehen oder ihn zu beherrschen, indem wir vermeinen, »Gedanken an unsere Endlichkeit fernhalten« oder »dem Tod seine Macht nehmen und die Furcht vertreiben [zu können]. Der christliche Glaube ist jedoch kein Mittel, um die Angst vor dem Tod auszutreiben, sondern er hilft uns vielmehr, ihr zu begegnen. Früher oder später werden wir alle durch jene Tür gehen. Das wahre Licht, das das Geheimnis des Todes erleuchtet, kommt von der Auferstehung Christi«. Nur die Gnade Gottes ermöglicht dem Herzen des Menschen den Zugang zur Ordnung der göttlichen Erkenntnis, zur Liebe. Dies veranlasste einen bedeutenden zeitgenössischen Kommentator Pascals zu schreiben, dass »das Denken nur dann ein christliches sein kann, wenn es zu dem gelangt, was Jesus Christus ins Werk setzt, nämlich die Liebe«.

Pascal, die Kontroverse und die Liebe

Bevor ich zum Schluss komme, muss ich noch auf Pascals Beziehung zum Jansenismus eingehen. Eine seiner Schwestern, Jacqueline, war in Port-Royal in den Ordensstand eingetreten, in eine Kongregation, deren Theologie stark von Cornelius Jansen beeinflusst war. Dieser hatte eine Abhandlung mit dem Titel Augustinus verfasst, die 1640 erschienen ist. Nach seiner „Feuernacht“ war Pascal im Januar 1655 in die Abtei von Port-Royal gekommen, um dort Exerzitien zu machen. In den folgenden Monaten wurde an der Sorbonne, der Universität von Paris, eine bedeutende und schon alte Kontroverse zwischen den Jesuiten und den „Jansenisten“, die am Werk Augustinus festhielten, neu entfacht. Der Streit drehte sich hauptsächlich um die Frage nach der Gnade Gottes und um die Beziehung zwischen der Gnade und der menschlichen Natur, insbesondere ihrem freien Willen. Auch wenn Pascal nicht zur Kongregation von Port-Royal gehörte und kein Parteigänger war – er sollte schreiben: »Ich bin allein [...], ich bin gar nicht aus Port-Royal«, – wurde er von den Jansenisten beauftragt, sie zu verteidigen, insbesondere weil er über eine kraftvolle Rhetorik verfügte. Dies tat er in den Jahren 1656 und 1657, indem er eine Reihe von achtzehn Briefen veröffentlichte, die sogenannten Provinciales.

Obwohl mehrere sogenannte „jansenistische“ Sätze tatsächlich glaubenswidrig waren, was Pascal einräumte, so bestritt er, dass sie im Augustinus enthalten waren und von den Ordensmitgliedern in Port-Royal befolgt wurden. Einige seiner eigenen Behauptungen, zum Beispiel zur Prädestination, die aus der Theologie des späten Augustinus stammen und deren Formeln von Jansenius verschärft worden waren, klingen dennoch nicht richtig. Man muss allerdings verstehen, dass Augustinus im 5. Jahrhundert die Pelagianer bekämpfen wollte, die behaupteten, dass der Mensch aus eigener Kraft und ohne die Gnade Gottes Gutes tun und gerettet werden könne. Pascal glaubte aufrichtig, sich dem Pelagianismus oder dem Semipelagianismus zu widersetzen, den er in den Lehren der molinistischen Jesuiten zu erkennen glaubte (benannt nach dem Theologen Luis de Molina, der 1600 verstarb, dessen Einfluss aber Mitte des 17. Jahrhunderts noch lebendig war). Wir sollten ihm die Unbefangenheit und Aufrichtigkeit seiner Absichten zugutehalten.

Dieses Schreiben ist gewiss nicht der Ort, um diese Diskussion wieder zu eröffnen. Dennoch gilt das, was in Pascals Positionen eine richtige Warnung ist, auch für unsere Zeit: der »Neu-Pelagianismus«, der »alles von der menschlichen Anstrengung, die durch Vorschriften und kirchliche Strukturen gelenkt wird« abhängen lassen möchte, ist daran zu erkennen, dass er »mit der Anmaßung eines durch eigene Anstrengung verdienten Heils berauscht«. Und wir müssen nun feststellen, dass Pascals letzte Position zur Gnade und insbesondere zur Tatsache, dass Gott »will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (1 Tim 2,4), am Ende seines Lebens in gänzlich katholischer Weise Ausdruck gefunden hat.

Wie ich bereits zu Beginn sagte, hatte Blaise Pascal am Ende seines kurzen, aber außerordentlich reichen und fruchtbaren Lebens die Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern an die erste Stelle gesetzt. Er fühlte und wusste sich als Glied eines Leibes, denn »als Gott den Himmel und die Erde geschaffen hatte, die das Glück ihres Daseins nicht empfinden, wollte er Wesen schaffen, die ihn erkennen und gemeinsam einen Leib von denkenden Gliedern bilden sollten«. Als gläubiger Christ hat Pascal die Freude des Evangeliums verkostet, mit welchem der Geist »alle Dimensionen des Menschen« befruchten und heilen und »alle Menschen beim Mahl des Gottesreiches« vereinen will. Als Pascal 1659 sein wunderbares Gebet, um Gott um den guten Gebrauch von Krankheiten zu bitten, verfasste, war er ein Mensch in Frieden, der sich nicht mehr an Kontoversen und nicht einmal mehr an der Apologetik beteiligte. Schwer krank und kurz vor dem Sterben, bat er um die Kommunion, dies geschah aber nicht unmittelbar. Daher bat er seine Schwester: »Da ich nicht im Haupt [Jesus Christus] kommunizieren kann, möchte ich gerne in den Gliedern kommunizieren«. Und er »hatte den großen Wunsch, in der Gesellschaft der Armen zu sterben«. »Er starb in der Einfachheit eines Kindes«, sagte man über ihn kurz vor seinem letzten Atemzug am 19. August 1662. Nachdem er die Sakramente empfangen hatte, waren seine letzten Worte: »Möge Gott mich niemals verlassen«.

Mögen sein großartiges Werk und das Beispiel seines Lebens, das so tief in Jesus Christus eingetaucht war, uns helfen, den Weg der Wahrheit, der Bekehrung und der Liebe bis zum Ende zu gehen. Denn das Leben eines Menschen ist so kurz: »Ewig in der Freude für einen Tag der Übung auf der Erde«.

Rom, Sankt Johannes im Lateran, 19. Juni 2023

FRANZISKUS

(vatican news – sk)
 

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19. Juni 2023, 11:00