Papst im Südsudan: Schützt die Frauen, Schlüssel für die Zukunft

„Ich bitte alle Bewohner dieser Länder: Schützt die Frau, respektiert, schätzt und ehrt sie“. Dies war der Appell von Papst Franziskus bei seinem Treffen mit Binnenvertriebenen im Südsudan an diesem Samstagnachmittag.

Mario Galgano - Vatikanstadt

„Bitte: Schützt, respektiert, schätzt und ehrt jede Frau, jedes Kind, jedes Mädchen, jeden Jugendlichen, jede Erwachsene, jede Mutter, jede Großmutter. Ohne diesen Respekt wird es keine Zukunft geben“, so der Papst in der „Freedom Hall“ im Südsudan. Frauen seien der Schlüssel zur Umgestaltung des Landes, betonte der Pontifex. Wenn man ihnen die richtigen Möglichkeiten gebe, würden sie durch ihren Fleiß und ihre Haltung, das Leben zu schützen, die Fähigkeit haben, das Gesicht des Südsudan zu verändern und ihm eine heitere und kohärente Entwicklung zu geben, fügte Franziskus an.

In der Hauptstadt Juba traf sich das Oberhaupt der katholischen Kirche mit Menschen, die ihre Heimatregionen infolge von Kämpfen und Überfällen verlassen mussten. Der Südsudan steckt seit der Unabhängigkeit vom Sudan 2011 in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise.

Danke!

Er wolle auch ein Wort des Dankes an diejenigen richten, die den Flüchtlingen helfen, „oft unter Bedingungen, die nicht nur schwierig sind, sondern eine Notlage darstellen“. Wir müssten den kirchlichen Gemeinschaften für ihre Arbeit dankbar sein. „Sie verdienen es, unterstützt zu werden“, so Franziskus weiter. Auch seien die Missionare wichtig, sowie die humanitären und internationalen Organisationen und insbesondere die Vereinten Nationen. Er sei auch ihnen dankbar „für die großartige Arbeit, die sie leisten“. So Papst Franziskus in seiner Ansprache an die Binnenvertriebenen in der „Freedom Hall“ in Juba. Angesichts der Leiden durch Ungerechtigkeit und Gewalt könne die Kirche nicht neutral bleiben, sagte der Papst weiter und fügte an:

„Ihr seid die Saat für einen neuen Südsudan, die Saat für ein fruchtbares und blühendes Wachstum des Landes. Ihr seid es, die verschiedenen ethnischen Gruppen, die gelitten haben und leiden, die aber auf das Böse nicht mit noch mehr Bösem antworten wollen. Ihr, die ihr euch für Geschwisterlihckeit und Vergebung entscheidet, sorgt für eine bessere Zukunft. Eine Zukunft, die heute geboren wird, dort, wo Sie sind, aus der Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum Weben von Fäden der Gemeinschaft und von Wegen der Versöhnung mit denen, die, anders als Sie, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer Herkunft, neben Ihnen leben.“

Der Papst im Südsudan
Der Papst im Südsudan

„Seid Samen der Hoffnung“, betonte der Papst weiter. Denn darin verberge sich bereits jener Baum, „der eines hoffentlich nahen Tages Früchte tragen wird“. „Ja, ihr werdet die Bäume sein, die die Verschmutzung durch jahrelange Gewalt absorbieren und den Sauerstoff der Geschwisterlichkeit wiederherstellen werden“, so der Papst weiter. Denn es stimme, sie müssten jetzt dort 'gepflanzt' werden, „wo ihr nicht sein wollt“, fügte er hinzu, „aber gerade in dieser Situation der Not und der Unsicherheit“ könnten sie „den Menschen um euch herum“ die Hand reichen und erfahren, „dass ihr in derselben Menschlichkeit verwurzelt seid“: „Von hier aus müsst ihr wieder anfangen, euch als Brüder und Schwestern, als Kinder des Gottes des Himmels, des Vaters aller, auf Erden neu zu entdecken“, so Franziskus.

Die „Freedom Hall“ war voll, schätzungsweise 2.500 Menschen verfolgten das Treffen, die Blicke der Anwesenden konnten sich nicht vom Papst losreißen. Sie verstanden zwar kein Italienisch, aber sie wussten, dass er zu ihnen und für sie sprach, dass der Papst ihre Stimme sei. Franziskus blickte auf die eindringlichen Bilder eines Videos, das von den Vertriebenenlagern erzählte, und erneuerte dann seinen Appell, den er bereits am Freitag an die südsudanesischen Machthaber richtete, „alle Konflikte zu beenden, den Friedensprozess ernsthaft wieder aufzunehmen, damit die Gewalt ein Ende hat und die Menschen wieder in Würde leben können“:

„Gerade wegen der Verwüstungen, die durch menschliche Gewalt und durch die Überschwemmungen verursacht wurden, mussten Millionen unserer Brüder und Schwestern wie ihr, darunter viele Mütter mit Kindern, ihr Land verlassen und ihre Dörfer, ihre Häuser aufgeben. Leider ist in diesem gequälten Land die Erfahrung, ein Vertriebener oder ein Flüchtling zu sein, zu einer allgemeinen und kollektiven Erfahrung geworden.“

Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit

Nur Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit könnten diesen Menschen „Entwicklung und Wiedereingliederung“ garantieren, „aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, wir können nicht mehr warten“, sagte er, und die Anwesenden applaudieren ihm dafür. Dann erinnerte er an das gegenwärtige Drama:

„Eine enorme Anzahl von Kindern, die in diesen Jahren geboren wurden, haben nur die Realität der Vertriebenenlager kennen gelernt, die Luft der Heimat vergessen, die Verbindung zu ihrem Heimatland, zu ihren Wurzeln, zu ihren Traditionen verloren, die Zukunft kann nicht in den Vertriebenenlagern liegen, denn die Kinder“, so die Antwort des Papstes an Joseph, der ein Zeugnis des Leidens der Jüngsten vorgetragen hat. Sie müssten doch zur Schule gehen und Fußball spielen. Die südsudanesische Gesellschaft müsse sich öffnen, zu einem Volk werden, in allen im Land gesprochenen Sprachen sprechen, lernen, Andersdenkende willkommen zu heißen, eine versöhnte Geschwisterlichkeit wiederentdecken und ihre Zukunft gemeinsam mit der der gesamten Gemeinschaft gestalten, so der Papst:

„Und es ist absolut notwendig, die Ausgrenzung von Gruppen und die Ghettoisierung von Menschen zu vermeiden. Doch für all diese Bedürfnisse braucht es Frieden. Und die Hilfe von vielen, von allen.“

Der Papst im Südsudan
Der Papst im Südsudan

Vier Millionen Vertriebene

Im Südsudan, der „größten Flüchtlingskrise“ in Afrika, zählte Franziskus die Dramen auf, die das Land erschüttern: 4 Millionen Vertriebene, zwei Drittel der Bevölkerung, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung betroffen sind, die Vorhersage einer humanitären Tragödie, die sich zu verschlimmern droht. Dann wendet er sich an Sara Beysolow Nyanti, stellvertretende Sonderbeauftragte für die UN-Mission im Südsudan, und schloss sich ihren Worten an. Franziskus forderte deshalb mit Nachdruck neue Friedensbemühungen im Südsudan, um das Flüchtlingselend in dem ostafrikanischen Land zu beenden. „Die Zukunft kann nicht in Vertriebenenlagern liegen“, sagte er bei der Begegnung mit Binnenflüchtlingen am Samstag in der Hauptstadt Juba. Die Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für die UN-Mission im Südsudan, Sara Beysolow Nyanti, sprach von der „größten Flüchtlingskrise in Afrika“ mit mehr als vier Millionen Vertriebenen außerhalb und innerhalb des Landes.

Mittlerweile sei die Erfahrung, Vertriebener oder Flüchtling zu sein, im Südsudan zu einer „normalen und kollektiven Erfahrung“ geworden, beklagte Franziskus. „Deshalb erneuere ich mit aller Kraft den eindringlichen Aufruf, alle Konflikte zu beenden und den Friedensprozess ernsthaft wiederaufzunehmen, damit die Gewalt ein Ende hat und die Menschen zu einem menschenwürdigen Leben zurückkehren können. Nur mit Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit kann es Entwicklung und soziale Wiedereingliederung geben“, so der Papst.

Unzählige Kinder lernten nichts als Flüchtlingscamps kennen und wüchsen ohne Wurzeln in Heimat, Herkunft und Traditionen auf, so der Papst mit Blick auf die Geburten- und Migrationsrate im Südsudan, die jeweils zu den höchsten der Welt zählen. Franziskus warnte vor Ghettoisierung und einer Vertiefung ethnischer Gräben. An die internationale Gemeinschaft appellierte der Papst, die Menschen im Südsudan nicht alleinzulassen. Neben Nothilfe gehe es auch um Ausbildung und wirtschaftliche Perspektiven.

(vatican news/kna)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

04. Februar 2023, 16:55