Benedikt XVI. 2005 nach seiner Wahl Benedikt XVI. 2005 nach seiner Wahl 

„Zeichen des Widerspruchs“: Benedikts Jahre als Papst

Mit seinem Rückzug aus dem Petrusdienst im Februar 2013 ist Benedikt XVI. in die Kirchengeschichte eingegangen.

Die fast acht Jahre seines Pontifikates nehmen sich dagegen nicht ganz so spektakulär aus. Erst recht, wenn man sie mit dem Vierteljahrhundert (1978–2005) Johannes Pauls II. vergleicht. Der „Professor Papst“ aus Bayern hatte sich nie gewünscht, dem polnischen Giganten im Amt nachzufolgen, er war sich seiner Grenzen bewusst. Aber als ihn das „Fallbeil“ der Papstwahl traf, urteilte er gleichmütig, neben den großen müsse es eben auch „kleine Päpste geben, die das Ihre geben“.

Als so ein kleiner, arbeitsamer Papst sah sich Joseph Ratzinger selbst. Er sei nur „ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“, mit diesen Worten stellte er sich unmittelbar nach seiner Wahl im April 2005 auf der Loggia des Petersdoms den Menschen vor.

Der Papst und das „verunstaltete Gesicht der Kirche“

Das Unglück wollte es nun, dass es gerade in seinem Pontifikat zu allerlei Krisen und dramatischen Momenten kam. Von Übelwollenden wurden die acht Jahre Benedikt geradezu als Pannenserie wahrgenommen: Von einer Rede an der Universität Regensburg, mit der er 2006 ohne Not die muslimische Welt vor den Kopf gestoßen habe, über die Rehabilitierung des traditionalistischen Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson bis hin zu Ungeschicklichkeiten im Umgang mit kirchlichen Missbrauchsskandalen. Nicht zu vergessen der Vatileaks-Skandal von 2012 um nach außen getragene vertrauliche Papiere. Die Affäre, an der Benedikts Kammerdiener beteiligt war, kostete den Papst augenscheinlich viel Kraft.

Bei einer Messe im Petersdom
Bei einer Messe im Petersdom

Benedikt klagte über die „sprungbereite Feindseligkeit“, der er sich mehr als einmal in Medien und öffentlicher Meinung ausgesetzt sah, und tatsächlich ist gerade das Verhalten vieler deutscher Katholiken gegenüber „ihrem“ Papst kein Ruhmesblatt. Hatte die „Bild“-Zeitung am Tag nach seiner Wahl noch „Wir sind Papst!“ getitelt, schlug die Stimmung doch allmählich ins Gegenteil um.

„Tapferkeit besteht nicht im Dreinschlagen, sondern im Sich-schlagen-Lassen und im Standhalten“

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass während Benedikts Pontifikat immer wieder schwere Fehler in der internen und externen Kommunikation des Heiligen Stuhls deutlich wurden. Fehler, die der Papst auch ohne Umschweife einräumte. Gleichzeitig erschien die Kirchenspitze im Laufe dieser Krisen – nicht immer ganz zu Unrecht – wie ein Haufen sich befehdender Interessengruppen. Noch in seiner letzten großen Messe im Petersdom (passenderweise an einem Aschermittwoch und in Anwesenheit hoher Kurienmitglieder) beklagte der scheidende Papst, wie „das Gesicht der Kirche bisweilen verunstaltet“ werde. „Ich denke besonders an die Vergehen gegen die Einheit der Kirche, an die Spaltungen im Leib der Kirche.“ Er mahnte dazu, „in einer intensiveren und sichtbareren Gemeinschaft mit der Kirche zu leben, indem man Individualismen und Rivalitäten überwindet“. Jesus habe „die religiöse Scheinheiligkeit“ angeprangert, „das Verhalten, sich in Szene zu setzen… Der wahre Jünger dient nicht sich selbst oder der ‚Öffentlichkeit’, sondern dem Herrn…“ Heute gelesen, klingen diese Worte nach Franziskus, dem Nachfolger.

Gegen Ablehnung und Unverständnis schien sich der bayerische Papst nicht wehren zu wollen: „Tapferkeit besteht nicht im Dreinschlagen, in der Aggressivität, sondern im Sich-schlagen-Lassen und im Standhalten gegenüber den Maßstäben der herrschenden Meinungen“, sinnierte er Anfang Januar 2013 bei einer anderen Predigt in Sankt Peter. „Die Zustimmung der herrschenden Meinungen ist nicht der Maßstab, dem wir uns unterwerfen. Der Maßstab ist ER selbst: der Herr. Wenn wir für ihn eintreten, werden wir gottlob immer wieder Menschen für den Weg des Evangeliums gewinnen. Aber unweigerlich werden wir auch von denen, die mit ihrem Leben dem Evangelium entgegenstehen, verprügelt.“

Eine leise Botschaft - man musste genau hinhören

Aus dem Blick geriet nicht nur, dass er sich in zäher Kleinarbeit konkreten Verbesserungen und Reformen an der Römischen Kurie verschrieb. Dass er für Transparenz bei Abläufen sorgte, gegen den Geldwäsche-Verdacht bei der Vatikanbank IOR vorging, besondere Sorgfalt bei der Ernennung fähiger Bischöfe walten ließ. Dass er ohne Federlesens unfähige Bischöfe zum Rücktritt aufforderte wie kein anderer Papst vor ihm (der Vatikanbeobachter Marco Tosatti hat 80 Fälle gezählt).

Im Gebet, bei einem Besuch auf der Insel Zypern
Im Gebet, bei einem Besuch auf der Insel Zypern

Nahezu unhörbar wurde angesichts des öffentlichen Getöses vor allem die Botschaft dieses Papstes. Eine leise Botschaft. Man musste genau hinhören, sich darauf einlassen, dann lernte man etwas über die Freude am Glauben. Und über die Sehnsucht nach Gott.

„Wir haben der Liebe geglaubt“

„Die Kirche lebt, und die Kirche ist jung“, sagte Benedikt, der schon bei seiner Amtsübernahme einer der Ältesten in der bisherigen Liste der Petrusnachfolger war. „Glaube ist einfach.“ „Es ist schön, Christ zu sein.“ „Wer Hoffnung hat, kann anders leben.“ „Wer glaubt, ist nie allein.“ „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ „Der Anker des Herzens reicht bis zu Gottes Thron.“ „Wenn du den Frieden willst, bewahre die Schöpfung.“ Der scharfe Denker Ratzinger – einstmals von vielen gefürchteter Glaubenshüter des Vatikans – fand, wenn er wollte, zu einprägsamen Formeln, um das Wesentliche am Glauben auf den Punkt zu bringen.

Davon zeugte vor allem seine erste Enzyklika Deus Caritas est von Weihnachten 2005. „Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken“, schrieb der neue Papst. „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“

„Er stand und stritt für die Vereinbarkeit des scheinbar Gegensätzlichen“

Liebe sei das Zentrum des christlichen Glaubens und Lebens, die „Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht“. „Liebe wächst durch Liebe. Sie ist ‚göttlich’, weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint…“ Der Theologe Wolfgang Beinert hält Deus Caritas est „für ein so großartiges Dokument der Kirche, dass die sich verändern müsste, wenn sie diese Enzyklika ernstnimmt“.

Bei einem Besuch in L'Aquila nach dem dortigen Erdbeben 2009
Bei einem Besuch in L'Aquila nach dem dortigen Erdbeben 2009

Benedikt XVI. war ein Mann des Wortes, zweifellos. Ein Gelehrter in der Tradition der alten Kirchenväter. Er stand und stritt für die Vereinbarkeit des scheinbar Gegensätzlichen: Glaube und Vernunft. Hohe Theologie und kindliches Gottvertrauen. Schärfe und Sanftmut. Festhalten am Dogma und Gespräch mit Zweiflern und Nichtglaubenden. Kampf gegen „Relativismus“ – und Rücktritt, der sein eigenes Amt gewissermaßen relativierte.

Komplexe Persönlichkeit

Er war ja selbst eine komplexe, teilweise wohl sogar widersprüchliche Persönlichkeit: Deutscher in Italien, über 30 Jahre lang Kurienmitarbeiter und doch bis zum Schluss ein Fremder in dieser Kurie. Ein Mann, der gleichzeitig dafür warb, dass die Christen wirklich Salz der Erde seien (so hieß ein Gesprächsbuch, das ihn als Kardinal auf die Bestsellerlisten gebracht hatte) und dass die Kirche sich „entweltlicht“ – ein Begriff aus seiner berühmten Konzerthausrede in Freiburg 2011. Ein Mann, der auf kleinere, sozusagen gesundgeschrumpfte christliche Gemeinschaften setzte – und sich dennoch das von seinem Vorgänger geerbte Projekt einer neuen Evangelisierung in Europa zu eigen machte. Es war, es ist nicht leicht, Joseph Ratzinger auf eine Formel zu bringen.

Er liebte die Liturgie und rehabilitierte die Form der Messfeier, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil die gängige gewesen war. Und doch brachte er die Mängel der von vielen missverständlich so genannten „alten Messe“ noch bei einem seiner letzten Auftritte als Papst klar auf den Punkt: Der „Reichtum und die Tiefe der Liturgie“ seien da doch „im Römischen Messbuch des Priesters gleichsam verschlossen“ gewesen, „während die Leute mit eigenen Gebetbüchern beteten“, so dass daraus „fast zwei parallel laufende Liturgien“ wurden. Erst die liturgische Bewegung habe in den Jahren vor dem Konzil wieder dazu geführt, „dass es wirklich ein Dialog zwischen Priester und Volk sein sollte, dass die Liturgie des Altares und die Liturgie des Volkes eigentlich eine einzige Liturgie sein sollte, eine aktive Teilnahme“.

Gebet in der Moschee

Benedikt hatte von Anfang an schärfer als Johannes Paul II. die Grenzen und Hindernisse für einen Dialog mit dem Islam gesehen; und seine Regensburger Rede war, ob absichtlich oder nicht, eine deutliche Anfrage an Muslime nach dem 11. September, wie sie es denn mit der Gewaltlosigkeit hielten. Dennoch brachte gerade dieser Papst ein neues Gespräch mit islamischen Denkern in Gang, ein katholisch-muslimisches Forum. Mehr noch: Er bewegte Muslime weltweit, als er Ende 2006 in der Blauen Moschee in Istanbul für einen Augenblick im Gebet verharrte. Eine Premiere war, dass er den saudischen König Abdullah, den „Hüter der Heiligen Stätten von Mekka und Medina“, in Privataudienz empfing. In der Folge ließ Abdullah 2012 in Wien ein Zentrum für interreligiösen Dialog einrichten. 

2006 in der Blauen Moschee in Istanbul
2006 in der Blauen Moschee in Istanbul

Keine schlechte Bilanz also für Benedikts Konfrontation mit dem Islam. Er hat in den Dialog einen sehr ehrlichen Ton hineingebracht und die heiklen Punkte nicht umschifft. Das tat auf längere Sicht dem Religionsgespräch gut. In „lebensnahen Themen“ gebe es zwischen Katholiken und Muslimen mittlerweile „rasch Einigkeit“, sagt der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide.

Der bisher evangelischste Papst

Und Benedikts Verhältnis zum Judentum? Das war seit der Debatte um die umstrittene „Karfreitagsfürbitte“ für die Juden nur aus der Optik der Medien gestört. Dieser Papst setzte gegen Widerstände im eigenen Staatssekretariat für seine Polenreise 2006 auch einen Termin im früheren KZ Auschwitz durch: Er wusste um seine spezielle Verantwortung als Papst aus Deutschland. Benedikt sah in den Juden das weiterhin auserwählte, nie von Gott verworfene Volk. Er war mit Rabbinern befreundet, besuchte Synagogen in Köln, Rom oder New York, veröffentlichte noch als emeritierter Papst im Sommer 2018 einen scharfsinnigen Aufsatz über das christlich-jüdische Verhältnis.

In Sachen Ökumene wiederum wurde er von vielen als unbeweglich eingestuft – und doch ist er in großen Schritten auf die orthodoxen Christen zugegangen, war mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. befreundet, ließ diesen einmal vor Bischöfen in der Sixtinischen Kapelle predigen.

Bei einem Treffen mit Religionsführern 2011 in Assisi
Bei einem Treffen mit Religionsführern 2011 in Assisi

Aber da gab es ja noch die Protestanten und Reformierten – von denen sich manche wie die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann von diesem Papst schlichtweg „nichts“ erwarteten. Ratzinger hatte in seiner Zeit an der Spitze der Glaubenskongregation mit der Erklärung Dominus Iesus viele verprellt. Diese Erklärung sprach Protestanten das Kirche-Sein im katholischen Sinne ab (womit er zunächst einmal die evangelische Position bestätigte, haben die Protestanten doch tatsächlich ein anderes Kirchenverständnis). Er wollte aber nur das Etikett „kirchliche Gemeinschaften“ gelten lassen. Von Anfang an fremdelten die Kirchen der Reformation deshalb mit Benedikt, obwohl ausgerechnet er der bis dahin „evangelischste“ Papst war, der je an der Spitze der katholischen Kirche stand.

Dialog ohne Gastgeschenke

Sein ganzes Professoren-, Bischofs- und Papstleben berief Ratzinger-Benedikt sich auf Augustinus, verwies er auf die Bibel als Maßstab des Glaubens und erinnerte er immer wieder daran, dass der Mensch in jeder Hinsicht ganz und gar von Gottes Liebe und Gnade abhängt. So war es wohl auch kein Zufall, dass unter seiner maßgeblichen Mitarbeit mit dem Lutherischen Weltbund die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre erreicht wurde. Dass sie später von zahlreichen evangelischen Theologen abgelehnt wurde, muss Ratzinger tief getroffen haben. Manche sehen einen Zusammenhang zwischen der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 und Dominus Iesus 2000. Noch in einem schriftlich geführten Interview nach seiner Emeritierung würdigte Benedikt die zentrale Bedeutung von Luthers Frage nach dem gnädigen Gott, und er zog von ihr eine direkte Linie zu Papst Franziskus‘ Insistieren auf dem Begriff der Barmherzigkeit.

2011 kam es zu einer symbolträchtigen Begegnung des Papstes mit evangelischen Christen auf den Spuren Luthers im Erfurter Augustinerkloster. Dort sprach der Papst aus Deutschland vielleicht allzu offen aus, dass er kein „ökumenisches Gastgeschenk“ mitgebracht habe, und warnte vor Augenwischerei und Kalkülen. Das führte zu unzufriedenen Mienen bei seinen Gesprächspartnern. Dabei entging vielen allerdings, wie eindringlich Benedikt XVI. Martin Luther als Gottsucher gewürdigt hatte – und wie sehr er um die Christen der Reformation warb: Durch Rückbesinnung auf das Eigentliche sollten alle Christen ihren Glauben doch wieder zum Leuchten bringen in der Welt. Nähmen sie ihr Eigenes wieder ernst und bemühten sich um einen tiefen Glauben, dann brächte das automatisch auch die Ökumene voran, so Benedikt XVI. „Nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube …“

Ein Papst sucht nach Gott

Denn darum ging es diesem „Mitarbeiter der Wahrheit“, wie sein Wahlspruch lautete, am allermeisten: Der Welt von heute den Gott „mit menschlichem Antlitz“ zu verkünden. Nicht irgendein Gott war das, sondern ein Gott, der sich uns gezeigt und sich in Jesus mit uns gemein gemacht hat. „Das eigentliche Problem unserer geschichtlichen Stunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht… Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit.“ Nicht eine Lockerung des Zölibats also, Frauenpriestertum, Interkommunion oder sexualethische Fragen sah Benedikt als die drängendsten Probleme der Zeit, sondern das Leiserwerden der Gottesfrage in den Gesellschaften des Westens.

Ein bisweilen rätselhafter, ja widersprüchlicher Papst – und zugleich ganz biblisch ein „Zeichen des Widerspruchs“. Es gehörte zu den Paradoxien von Papst Benedikt, dass er bei aller Glaubensstärke radikal wie kaum einer seiner Vorgänger auf der Suche blieb nach dem unbekannten Gott. Während ihn innerkirchlich und innerchristlich viele als konservativen Bremser empfanden, bemühte er sich um Kontakt zu Nichtglaubenden, zu Menschen auf der Suche. Eine Vatikan-Initiative mit dem etwas sperrigen Titel Vorhof der Völker suchte auf seine Anregung hin ab 2011 das Gespräch mit Intellektuellen und Künstlern in Paris, Tirana oder Stockholm. Zu einem Religions- und Kirchengipfel für den Frieden in Assisi lud Benedikt erstmals auch eine Delegation von Nichtglaubenden ein (die dann prompt in seinem Beisein einen neuen „Humanismus des 21. Jahrhunderts“ ausrief).

Prozession der Nichtglaubenden

Glaubende wie Nichtglaubende zogen zu Fuß in einer Prozession durch das mittelalterliche Städtchen des heiligen Franziskus. Nicht weit vom Papst marschierte die Pariser Feministin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva. Sie bewunderte an Benedikt „sein Vertrauen zum säkularisierten Humanismus“, „seinen Glauben – im weiteren Sinn – an das säkularisierte Europa“.

Auf irritierende Weise fühlte sich Joseph Ratzinger, immerhin Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft, den Zweiflern und Suchenden wesensverwandt. Den „Ozean der Ungewissheit“ hatte er schon in seiner Zeit als Tübinger Professor „als den allein möglichen Ort seines Glaubens“ identifiziert; jeden noch so fest Glaubenden sah er „stets vom Absturz ins Nichts bedroht“ und „vom Salzwasser des Zweifels gewürgt, das ihm der Ozean fortwährend in den Mund spült“. Der Zweifel also als große Gemeinsamkeit zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, der für ein „Ineinandergeschobensein der menschlichen Schicksale“ sorgt. „Mit einem Wort – es gibt keine Flucht aus dem Dilemma des Menschseins. Wer der Ungewissheit des Glaubens entfliehen will, wird die Ungewissheit des Unglaubens erfahren müssen, der seinerseits doch nie endgültig gewiss sagen kann, ob nicht doch der Glaube die Wahrheit sei.“

Das waren nicht nur ungewöhnliche Gedanken für einen Papst. Es war auch eine neue Blickrichtung, wie Kardinal Gianfranco Ravasi vom Päpstlichen Kulturrat zum Auftakt des Vorhofs der Völker in Paris erläuterte: Glaubende und Nichtglaubende stehen sich nicht feindlich gegenüber, sondern stehen Seite an Seite – und schauen in dieselbe Richtung im Anliegen, den Grundfragen des Lebens nachzugehen und das Leben menschlicher werden zu lassen.

Jesusbücher: Die erste Revolution von Papst Ratzinger

Wohl die bemerkenswerte Hinterlassenschaft des deutschen Pontifikats sind Benedikts drei Bücher über Jesus von Nazareth. Eigentlich ein Projekt, dem sich Kardinal Ratzinger in seinem Ruhestand widmen wollte. Ihm stand ein „Bild Jesu Christi“ vor Augen, „wie er als Mensch auf Erden lebte, aber – ganz Mensch – doch zugleich Gott zu den Menschen trug, mit dem er als Sohn eins war. So wurde durch den Menschen Jesus Gott und von Gott her das Bild des rechten Menschen sichtbar.“ Seit den 1950er-Jahren habe es, bedauerte Ratzinger, eine Reihe von Jesus-„Rekonstruktionen“ gegeben, durch die der „Riss zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens“ immer tiefer wurde: „Beides brach zusehends auseinander.“ Dagegen wollte er anschreiben, wie er 2002 in einem Interview mit Radio Vatikan schon ankündigt hatte.

Joseph Ratzinger in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation
Joseph Ratzinger in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation

Doch dann wurde er Papst. Und hatte ein dichtes Programm zu absolvieren: Reisen, Audienzen, Messfeiern, Ansprachen. Die Zeit zum Weiterschreiben am Jesusbuch nahm er sich trotzdem. Im März 2007 veröffentlichte Benedikt den ersten Band des Werkes, das bis Ende 2012 schließlich eine Trilogie werden sollte: Jesus von Nazareth – von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung. Der Autorenname war ein doppelter: Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Geschrieben war das Buch in seiner „Freizeit“; schon in diesem Wort blitzte ein grundlegend anderes Amtsverständnis auf als das seines Vorgängers Johannes Paul. „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist, sondern einzig Ausdruck meines persönlichen Suchens nach dem Angesicht des Herrn“, so Ratzinger-Benedikt im Vorwort des ersten Bandes. „Es steht daher jedem frei, mir zu widersprechen.“

„Hier zeigt sich ein ganz neuer Stil des Papsttums“

Ein Papst, der Jesus suchte: Das hatte Größe. Viele waren beeindruckt, Ratzinger-Benedikts Jesus von Nazareth erklomm die Bestsellerlisten. „Das gab es noch nie in der Geschichte, dass ein Papst ein wissenschaftliches Jesusbuch schreibt“, sagte der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding. „Hier zeigt sich ein ganz neuer Stil des Papsttums: Der Stellvertreter Christi auf Erden formuliert kein Dogma, sondern sagt ‚Das ist meine Beobachtung als Theologe, lest das kritisch und diskutiert darüber!‘ Das halte ich für revolutionär.“

„Bewunderswert, dass der Papst sich das als Nicht-Exeget zutraut“: So zweischneidig fiel allerdings das Lob von Jesuiten-Kardinal Carlo Maria Martini aus, einem großen Bibelwissenschaftler. Manche fachlich beschlagenen Leser hielten die Literaturangaben für zu dünn. Einwände fand auch, dass Benedikt XVI. zwar die historisch-kritische Bibelauslegung aufgriff, aber zugleich Prinzipien der sogenannten kanonischen Exegese anwenden wollte. Das Argument des Papstes war dieses: Der Jesus, von dem die Evangelien erzählen, ist der Jesus des Glaubens; man kann also, wenn man nach diesem Jesus fragt, den Glauben nicht einfach außer acht lassen. Das Papstbuch war dementsprechend – eine Formulierung des Wiener Kardinals und Ratzinger-Schülers Christoph Schönborn – „zuallererst das Werk eines Glaubenden“. „Dass dieser Glaubende auch ein großer Theologe ist, das spielt natürlich alles mit hinein in dieses Buch, aber es ist zuerst das ganz persönliche Hinschauen des Christen Ratzinger auf seinen Herrn, auf Jesus.“

Wenn man frage, was Jesus eigentlich gebracht habe, sinnierte Benedikt XVI., dann sei die Antwort „ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht… Nun kennen wir sein Antlitz, nun können wir ihn anrufen.“ Das ist es, was Jesus als Messias kennzeichnet. Denn dadurch hat er Hoffnung gebracht, und „wer Hoffnung hat, kann anders leben“. In seiner zweiten Enzyklika Spe salvi legte er dar, dass gerade darin Erlösung besteht: Hoffnung haben zu dürfen.

„Säuberliche Trennung von Amt und Person“

Vier Jahre nach dem ersten Band – da waren schon einige Skandale über den Vatikan hinweggegangen – veröffentlichte der Papst den zweiten Teil der Jesus-Trilogie: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Dass er hier deutlich die These zurückwies, die Juden seien schuld am Tode Jesu, wurde von vielen aufmerksam zur Kenntnis genommen. Und Ende 2012 folgte dann, passend zur Adventszeit, der dritte Band, deutlich dünner als die anderen, Prolog betitelt – eine Reflexion über die Kindheitsgeschichten der Evangelien. Das Buch war, wie die vorhergehenden, noch einmal alles in einem: theologische Detailarbeit am Text, Meditation, persönliche Suche, Einladung zum Gespräch. „Endlich“ könne er das letzte Buch vorlegen, schrieb der Doppel-Autor, das „Endlich“ war das erste Wort des ganzen Buches.

Aus heutiger Sicht ist die Trilogie Jesus von Nazareth auch noch aus anderer Perspektive interessant. Indem er sie unter seinem bürgerlichen Namen Joseph Ratzinger veröffentlichte und sich als Glaubender auf seiner ganz persönlichen „Suche nach dem Angesicht des Herrn“ bekannte, nahm Benedikt XVI. schon jene Trennung von Amt und Person vorweg, die in seinem Rücktritt am 28. Februar 2013 schließlich Eingang in die Geschichtsbücher fand.

Stefan von Kempis

Dieser Text ist eine stark überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Kapitels aus dem Buch „Papst Franziskus – wer er ist, wie er denkt, was ihn erwartet“, Herder Verlag, Freiburg 2013. 
 

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31. Dezember 2022, 12:03