Kanada: Papst nimmt an traditioneller Wallfahrt teil

Nordamerika hat seinen eigenen See Gennesaret: Er liegt in der kanadischen Provinz Alberta und gilt vielen – Kanadiern, aber auch auch US-Amerikanern – als heilig. Jetzt hat ihn auch Franziskus besucht.

Der Papst, der auf seiner 37. Auslandsreise derzeit durch Kanada reist, feierte an diesem Dienstagabend (Ortszeit) einen Wortgottesdienst an den Ufern des „Lac Sainte Anne“, etwa siebzig Kilometer von der Provinzhauptstadt Edmonton entfernt. Dabei fühlte er sich, wie er sagte, im Geist zurückver-setzt in die Zeit, als Jesus am See von Galiläa predigte und Kranke heilte.

Selbst in die Fluten stieg der Papst (der momentan wegen Knieschmerzen im Rollstuhl sitzt) nicht; das besorgen seit über hundert Jahren jährlich Tau-sende von Pilgern vom ganzen Kontinent. Höhepunkt ist immer der Festtag der hl. Anna, der Mutter Mariens und Großmutter Jesu, den die Kirche am 26. Juli begeht. Da kommen Menschen von weither, oft in Tagesmärschen zu Fuß, beten, legen Gelübde ab und tauchen in das (eher flache) Gewässer. See Gennesaret, Jordan, Ganges – die Assoziationen sind vielfältig.

Ein See Gennesaret in der kanadischen Provinz

In der Spiritualität kanadischer Ureinwohner („First Nations“ und „Métis“) spielt der „See Gottes“ („Wakamne“), wie die Nakota-Sioux vom Westufer ihn nennen, schon seit Menschengedenken eine wichtige Rolle: Sie schreiben ihm heilende Kräfte zu. 1842 wurde hier am See die erste permanente katholische Mission in der Provinz Alberta eingerichtet; es war der Missionar Jean-Baptiste Thibault, der den Namen Anna-See (Lac Sainte Anne) prägte.

Papst Franziskus nimmt in Kanada an indigener Wallfahrt teil - ein Bericht von Radio Vatikan

Die Wallfahrten waren seit ihrem offiziellen Start in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark von der Teilnahme von Ureinwohnern geprägt; sie ehren in der hl. Anna vor allem die Figur der Großmutter, welche in ihrer Kultur große Bedeutung hat. An die 40.000 Pilger nehmen jedes Jahr an der Wallfahrt teil.

Heilungstänze, Geigen, Trommeln

Vor dem Eintreffen des Papstes wurde ein buntes Programm geboten, etwa traditionelle Heilungstänze, Inuit-Gesänge und Métis-Geigenspiel. Doch kaum war Franziskus da, wurde es besinnlicher: Er betete zunächst – wie je-der Pilger – vor einer Statue der hl. Anna; dazu gab es Trommelschläge als Ausdruck des Willkommens. Ihn beeindrucke der Klang der Trommeln, sagte der Papst – er scheine ihm „das Echo vieler Herzen zu sein“.

„Hier kann man wirklich den gemeinsamen Herzschlag eines Pilgervolkes wahrnehmen, von Generationen, die sich auf den Weg zum Herrn gemacht haben, um sein heilendes Wirken zu erfahren. Wie viele Menschenherzen sind hierhergekommen, sehnsüchtig und außer Atem, von der Last des Lebens niedergedrückt, und haben an diesem Wasser Trost und Kraft gefun-den, um weiterzugehen!“

„Eine Art von Naturbühne“

Wer sein Auge auf dem Wasser des Sees ruhen lasse, der könne in Gedanken auch „zu den Quellen des Glaubens zurückkehren“, sinnierte der Papst. Zu Jesus, der am See Gennesaret „vor einer Art von Naturbühne - so wie dieser Ort hier“ zu ganz unterschiedlichen Menschen an der Peripherie gesprochen habe. Und der damals „eine Revolution ohne Tote und Verletzte, eine Revolution der Liebe“ ausgelöst habe.

Franziskus stimmte ein Lob der Großmütter an, speziell in ihrer Rolle als Verkünderinnen: „Der Glaube entsteht selten durch das einsame Lesen eines Buches im Wohnzimmer, sondern verbreitet sich in einer familiären Atmosphäre, er wird in der Sprache der Mütter mit dem sanften Gesang im Dialekt der Großmütter vermittelt.“ Die Kirche müsse eine „mütterliche“ werden. Und dann kam der Papst auch auf das Thema Heilung zu sprechen.

„Hilf uns, unsere Wunden zu heilen“

„Herr, so wie die Menschen am Ufer des Sees Gennesaret sich nicht scheuten, mit ihren Nöten zu dir zu rufen, so kommen wir heute Abend mit unserem inneren Schmerz zu dir. Wir bringen dir unsere Trockenheit und Mühsal, die Traumata der Gewalt, die unsere indigenen Brüder und Schwestern erlitten haben. An diesem gesegneten Ort, an dem Einklang und Frieden herrschen, bringen wir dir den Missklang unserer Geschichte, die schrecklichen Auswirkungen der Kolonialisierung, den unauslöschlichen Schmerz so vieler Familien, Großeltern und Kinder. Hilf uns, unsere Wunden zu heilen.“

Eindringlich rief Papst Franziskus seine Kirche dazu auf, sich in erster Linie um die Menschen am Rand zu kümmern. „Zu oft lassen wir uns von den Interessen der Wenigen leiten, denen es gut geht; wir müssen mehr auf die Peripherie schauen und auf den Schrei der Geringsten hören… Was tue ich für diejenigen, die mich brauchen? Wenn ich auf die indigenen Bevölkerungen blicke, über ihre Geschichten und das Leid, das sie erlitten haben, nachdenke, was tue ich für sie? Höre ich mit etwas weltlicher Neugierde zu und bin ich empört über das, was in der Vergangenheit geschehen ist, oder tue ich etwas Konkretes für sie?“

(vatican news – sk)

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27. Juli 2022, 02:30