Dieses Foto entstand noch vor der Corona-Krise: Kardinal Schönborn zu Besuch bei uns in der Redaktion Dieses Foto entstand noch vor der Corona-Krise: Kardinal Schönborn zu Besuch bei uns in der Redaktion 

Schönborn: „Diese Krise wird zu einer großen Besinnung führen“

Das Coronavirus stelle die radikale Globalisierung in Frage und werde zu einer großen Besinnung führen. Davon zeigt sich Kardinal Christoph Schönborn im Interview mit der Kronen Zeitung überzeugt.

Für sehr viele Menschen sei Corona in ihrer Lebenssituation eine Prüfung, so Schönborn: „Corona betrifft uns alle, aber manche betrifft es besonders schwer. Ich denke an jene, die jetzt um ihren Arbeitsplatz bangen, an ihre wirtschaftliche Situation. Prüfungen sind immer auch Momente der Besinnung. Ein kleiner Virus hat die ganze Welt auf den Kopf gestellt.“

„Das Virus stellt die radikale Globalisierung in Frage“, betonte der Kardinal weiter. Es habe früher auch Seuchen gegeben, diese seien aber aufgrund der fehlenden Mobilität lokal begrenzt geblieben. In seiner Lebenszeit habe es so etwas wie Corona nicht gegeben, so Schönborn: „Ich glaube, diese Krise wird zu einer großen Besinnung führen.“

„Muss man über das Wochenende nach London zum Shoppen fliegen?“

Damit meine er den persönlichen und gesellschaftlichen Lebensstil: „Muss man über das Wochenende nach London zum Shoppen fliegen? Muss man Weihnachten auf den Seychellen verbringen? Muss man das? Luxuskreuzfahrten mit 4.000 Menschen auf einem Schiff - ist das wirklich ein Lebensmodell? Ich habe den Himmel über Wien schon lange nicht so klar gesehen, es gibt keine Kondensstreifen der Flugzeuge, die den Himmel verschmieren. Alles durch schmerzliche Einschnitte, aber vielleicht sind sie auf lange Sicht auch heilsam.“

„Gott lenkt, aber nicht ohne uns“

Schönborn zitierte weiters den Wiener Stadtpatron Klemens Maria Hofbauer: „Nur Mut, Gott lenkt alles.“ Und er führte dazu aus: „Gott lenkt, aber nicht ohne uns. Das heißt, er gibt uns Kraft und Inspiration. Wir sehen ja, was für großartige Initiativen im Moment entstehen, Nachbarschafts- und Einkaufshilfe. Die Risikogruppe braucht unsere Unterstützung, aber wie tun wir das? Dieser gute Geist, den wir jetzt spüren, kommt vom Geist Gottes.“ Ebenso überzeugt zeigte sich der Erzbischof von der Kraft des Gebets.

Freilich bestehe aktuell auch die Gefahr, dass durch Corona andere Krisen in Vergessenheit geraten würden. Er denke etwa an Syrien, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung vor Gewalt und terror fliehen musste, viele Menschen alles verloren hätten und der Krieg immer noch nicht zu Ende sei.

Schönborn zeigte sich überzeugt, dass die Corona-Krise überwunden wird. „Wann, das liegt auch sehr an unserer Disziplin, die Regierung sagt uns das jeden Tag und sie hat Recht damit. „

„Keine Angst, aber ich passe auf“

Der Erzbischof erinnerte im Interview auch daran, dass er selbst - mit einer Krebsoperation und einem Lungeninfarkt - zur besonders gefährdeten Personengruppe gehöre. Seit einer Woche „hüte ich das Haus, ab und zu gehe ich im Hof ein bisschen spazieren“, so der Kardinal. Angst habe er zwar keine, „aber ich passe auf und mache alles, was man tun kann. Die Regierung hat es hundertmal wiederholt: Möglichst wenig Kontakt. Möglichst wenig Kontakt. Abstand halten. Und: Händewaschen, Händewaschen, Händewaschen. Angst, oder vielmehr Sorge habe ich um die Menschen, die besonders von den Folgen dieser Ausnahmesituation betroffen sind.“

Weniger erfreulich sei auch, dass Schönborns Mutter ihren 100. Geburtstag am 14. April (sie lebt in Vorarlberg) wohl ohne ihre Kinder wird feiern müssen. Schönborn: „Ich habe erst gestern mit ihr gesprochen. Sie ist geistig ganz frisch. Leider können wir ihren Geburtstag nicht gemeinsam und auch nicht persönlich feiern. Reisen ist derzeit unmöglich. Das ist ein großer Schmerz für uns alle.“

(kap – sk)
 

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22. März 2020, 11:16