P. Karl Wallner OCist P. Karl Wallner OCist 

Unser Sonntag: Jesus, das Lamm Gottes

In seiner Betrachtung zum Johannesevangelium erläutert Pater Karl Wallner, dass das Zeugnis Johannes des Täufers über Jesus das Zentrum der christlichen Offenbarung trifft. Er möchte, dass wir, wenn wir in der Heiligen Messe das Wort vom Lamm Gottes hören, erschrecken, staunen - erschüttert sind.


Prof. P. Dr. Karl Wallner OCist

Joh 1,29-34

Der Heilige Johannes der Täufer wird oft in der Kunst mit einem langen Finger dargestellt – denken wir zum Beispiel an das bekannte Gemälde von Matthias Grünewald. Er deutet auf Christus und spricht die Worte, an die wir schon alle von der Liturgie gewohnt sind: „Seht, das Lamm Gottes.“ Dieses Wort hören wir immer, wenn der Priester uns vor der heiligen Kommunion die gebrochene Hostie zeigt: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“

Unser Sonntag - hier zum Nachhören

Unser Problem ist, dass wir diese Worte – Hand aufs Herz – kam noch verstehen. Dabei trifft dieser Satz des Täufers das Zentrum der christlichen Offenbarung. Schon am Jordan, im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, spricht der Täufer die tiefste und kostbarste Wahrheit aus, die wir haben: „Jesus Christus ist das Sühnelamm für die Sünden der ganzen Welt!“ Durch ihn sind wir erlöst. Doch der Reihe nach:

Das Zeugnis des Johannes

Wir haben von einer Woche die Taufe des Herrn gefeiert – da ist der Heilige Geist wie eine Taube auf Jesus herabgekommen und die Stimme des Vaters im Himmel hat ihn als den eingeborenen, ewigen Sohn offenbart. Diese Herabkunft des Heiligen Geistes ist jetzt für Johannes ein eindeutiges Zeichen der wahren Identität Jesu. Der Täufer weiß, dass Jesus der verheißene Messias ist – vor allem deshalb, weil er das Zeichen gesehen hat, das ihm versprochen wurde: Den Heiligen Geist, der auf ihn kommt und auf ihm bleibt. Johannes ist sich nur sicher: Er ist es. Darin gerade zeigt er sich als ein Weiser. Er hat das verstanden, was noch verborgen lag.

Bitte bedenken wir: am Jordan hatte Jesus hatte noch keine Jünger, er hatte noch keine Zeichen getan, er war völlig unbekannt. Und das erste Zeichen wir hier auch nicht von ihm selbst getan, sondern an ihm: von seinem himmlischen Vater. Das hat Johannes der Täufer verstanden. Daran hat er erkannt, dass Jesus ein Mann ist, der vor ihm gewesen ist, der eher als er war. Allein das ist eine Erkenntnis, die an sich umwerfend ist. Und sie wird noch getoppt von einer viel geheimnisvolleren Wahrheit, die Johannes jetzt ausspricht: Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegträgt!“

Jesu Anspruch war revolutionär

Die Prä-Existenz Jesu hat die Kirche schon bald begriffen, denn Jesus hat selber gesagt, er ist der Messias, der Menschensohn. Jesus hat ja selber den Anspruch erhoben, vom Himmel zu kommen, wahrer Gott und wahrer Mensch zu sein. Sein Anspruch war so revolutionär und für die Juden so blasphemisch, dass sie deshalb seine Kreuzigung als Gotteslästerer gefordert haben. Deshalb formuliert die Kirche schon am Anfang beim Konzil von Nizäa, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, eines Wesens mit dem Vater, wahrer Gott vom wahren Gott. Aus der Ewigkeit in unsere Zeit gestiegen.
Dass Jesus der ewige Sohn Gottes in Menschengestalt ist, ist schon schwer zu glauben. Aber was bedeutet es, dass er das „Lamm Gottes ist, das die Sünden der Welt hinwegnimmt“? Wir hören es, wie gesagt, selbstverständlich bei jeder Messe. Wenn man darüber nachdenkt, wird es aber befremdlich: Jemand als Lamm zu bezeichnen, der noch dazu die Sünde auf sich trägt hört sich eigenartig an. Dazu müssen wir uns erstmals bewusst machen: Ja, es gibt die Sünde. Wir sind nicht unbefleckt, wir machen alle Fehler und viele von denen geschehen bewusst – das nennen wir Sünde. Wenn uns bewusst ist, dass unser Verhalten ein Fehlverhalten ist, dass es gegen unsere Würde als Kinder Gottes verstößt – und wir tun es trotzdem, dann ist es eine Sünde.

„Sünde bedeutet, Gott zu signalisieren: „Du mit Deinem Bund bist für mich gestorben.““

In allen Religionen der Welt gibt es „Schuld“. Aber „Schuld“ ist etwas anderes als „Sünde“. „Schuld“ ist etwas Unpersönliches. Schuld ist eine anonyme Unordnung in uns und an uns. „Schuld“ ist eine abstrakte Unordnung, in die wir – sei durch eigenes Tun oder durch das Tun von anderen – geraten sind. Darum sprechen wir von „Erbschuld“. Darum sprechen wir von der „Schuld“ von uns heutigen Menschen an der Zerstörung der Umwelt. „Sünde“ hingegen ist etwas Persönliches. Sünde setzt eine persönliche Beziehung voraus und resultiert aus einer persönlichen Tat. „Sünde“ gibt es daher nur in der biblischen Religion. Im Buddhismus etwa gibt es nur „Schuld“, aber keine „Sünde“.
Für uns Christen besteht das Wesen der Sünde nicht im Übertreten einer unpersönlichen Weltordnung, sondern in der Verletzung Gottes. Israel verstand Sünde immer vom Bund her: man war ja in einer Beziehung, in einem Bund mit Gott. Dieser Bund wurde von Gott her durch das Gesetz verbürgt. Wenn der Jude dieses Gesetz übertrat, so hat er damit die Beziehung zu Gott verletzt, ja abgebrochen. Aus der positiven Erfahrung des Bundes resultiert die negative Möglichkeit des Bruches, der Sünde, die eine direkte Verletzung des Innersten Gottes ist, seines Herzens. Sünde bedeutet, Gott zu signalisieren: „Du mit Deinem Bund bist für mich gestorben.“ Sünde ist der Tod der Beziehung zu Gott. Darum sprechen wir auch heute noch von „Todsünde“. Der Sünder tötet die Beziehung zu Gott und schneidet sich selbst von Gott, der Quelle des Lebens, ab.

Das Lamm als Sühnopfer

Nun muss man wissen, dass Gott den Juden im Alten Testament gegeben hat, um die einzelnen Sünden loszuwerden: Das war das stellvertretende Opfer, das Sühnopfer, das durch unschuldige makellose Tiere erfolgte. Das beliebteste Opfertier war das Lamm. Der einzige Ort, wo man die Sünden durch ein Sühnopfer loswerden konnte, war der Tempel in Jerusalem. Sündenvergebung gab es nur dort.
Der Mechanismus, den ich jetzt schildere, war zur Zeit Jesu jedem Juden bewusst: Wer gesündigt hatte, wer sich also im „Tod“ befand, weil er den Bund mit Gott durch Gesetzesübertretung getötet hat, musste nach Jerusalem ziehen. Vor dem Tempel übergab er sein Opfertier – meist ein unschuldiges Lamm – dem Priester, legte seine Hände auf das Lamm und beichtete seine Sünden. So übertrug er seinen Tod auf das Lamm. Das Lamm wurde zum stellvertretenden Träger der Sünde. Und dann schnitt der Priester dem Lamm die Kehle durch und tötete es. Da der Leib für die Juden das Vergängliche darstellt, und da dieser Leib nun „zur Sünde“ geworden war, wurde er vollständig verbrannt auf dem Brandopferaltar. Das Blut hingegen gilt den Juden als göttlich. Es ist Sitz des Lebens, es ist heilig und gehört Gott. Dieses Blut nun fing der Priester in einem Gefäß auf und sprengte es an den Vorhang des Allerheiligsten, also an den Ort, über dem der allmächtige Gott thront. So sollte der Bund wiederhergestellt werden.

Gott selbst handelt als erlösendes Lamm

Zurück zu Jesus: Der Evangelist Johannes schildert, wie der Täufer schon am Jordan Jesus als „das Lamm Gottes vorstellt, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“. Im 19. Kapitel lesen wir dann, wie Jesus wie ein Paschalamm am Kreuz erhöht und geschächtet wird. Das Paschafest bzw. Osterfest, war ja das Fest des großen Lämmerschlachtens in Jerusalem. Ich erinnere daran, dass Jerusalem der einzige Ort war, wo Juden die Vergebung der Sünden erlangen konnten. Jesus ist nicht bloß irgendein Lamm für x-beliebige Sünder in einem begrenzten Bereich. Jesus aber ist das Lamm Gottes. Hier schafft nicht ein Mensch Sündenreinigung, sondern hier schafft Gott die Reinigung von Sünden. Gott selbst handelt als erlösendes Lamm, als Lamm Gottes. Und es geht auch nicht um irgendwelche x-beliebige Sünden. Denn der Jude ging nach dem Sühnopfer zwar gereinigt und sündenfrei vom Tempel weg: bis zur nächsten Sünde. Hier geht es um die Sünden der Welt, auf Griechisch heißt Welt „Kosmos“. Es geht um die kosmische Sünde, also um eine allumfassende, universale Versöhnung und Reinigung.

Der Anspruch also, den hier Johannes Jesus zuschreibt, ist: das universale Opfer für die Sünde der Welt zu sein, ein für alle Mal mit dem eigenen Blut für die Sünde der Menschen zu bezahlen, ein für alle Mal die Menschen mit Gott zu versöhnen. Ich möchte, dass Sie das nächste Mal, wenn Sie dieses Wort vom Lamm Gottes bei der Heiligen Messe hören, erschrecken, staunen, erschütternd sind: Es ist unfasslich, dass nicht wir Menschen uns vor Gott erlösen müssen, wie in allen anderen Religionen, sondern dass Gott in Jesus Christus selbst am Kreuz zum Lamm geworden ist, das die Sünden der ganzen Welt hinwegträgt.


(vatican news - claudia kaminski)

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18. Januar 2020, 11:00