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Der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (links) begrüßte den vietnamesischen Präsidenten Vo Van Thuong (rechts) am Donnerstag bei seiner Ankunft im Vatikan Der vatikanische Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (links) begrüßte den vietnamesischen Präsidenten Vo Van Thuong (rechts) am Donnerstag bei seiner Ankunft im Vatikan  (AFP or licensors)

Parolin: „Vatikan-Vietnam-Abkommen ist neuer Anfang“

Das Abkommen über einen residierenden Vatikanvertreter in Vietnam, das am Donnerstag bekannt wurde, bezeichnet Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin als Ergebnis eines fruchtbaren Prozesses, den der Heilige Stuhl und Vietnam seit einigen Jahren gemeinsam gehen.

Im Interview mit den Vatikanmedien erläutert der Vatikanvertreter das gemeinsame „Abkommen über den Status des residierenden Päpstlichen Vertreters und die Einrichtung eines Büros des residierenden Päpstlichen Vertreters in Vietnam“, das am Donnerstag im bekannt geworden war. Das Abkommen sei das Ergebnis guter und respektvoller Beziehungen auf institutioneller Ebene, die auch dank einer Reihe fruchtbarer Arbeitstreffen entstanden seien. Auf kirchlicher Ebene seien die Beziehungen durch die Bereitschaft konsolidiert worden, gute Beziehungen zu den lokalen Gemeinschaften aufzubauen und lokale Traditionen und gemeinsame Werte zu pflegen.

Hier hören Sie das Kollegengespräch

Vatikan News: Eminenz, in den verschiedenen Pressemitteilungen, die dem Meilenstein des gemeinsamen Abkommens vorausgingen, war immer von einem langen Weg die Rede, der von Respekt und aufrichtiger Konfrontation geprägt war. Wie würden Sie diesen Weg beschreiben?

Kardinalstaatssekretär Parolin: Ich denke, die wesentlichen Elemente eines solchen Weges lassen sich in zwei Ausdrücke fassen: den von Papst Johannes XXIII. verwendeten: „einander kennen, um einander zu schätzen“ und den anderen, den uns Papst Franziskus anbietet: „Prozesse anstoßen und nicht Räume besetzen“.

Die Aufnahme von Beziehungen zu den vietnamesischen Behörden geht auf das Jahr 1989 zurück, als Kardinal Roger Etchegaray, damals Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Vietnam einen offiziellen Besuch abstatten konnte. Der Gedanke von Johannes Paul II. war es, Wege des Dialogs über die Themen Gerechtigkeit und Frieden zu eröffnen, die für die Lehre und das tägliche Zeugnis der Kirche charakteristisch sind. So begann die Praxis eines jährlichen Besuchs einer Delegation des Heiligen Stuhls, der zum einen den Kontakten mit der Regierung und zum anderen den Begegnungen mit den diözesanen Gemeinschaften gewidmet war.

Im Jahr 1996 begannen die Gespräche zur Festlegung eines Modus Operandi für die Ernennung von Bischöfen. Ich erinnere mich gerne an diese Besuche, die ich in meiner Eigenschaft als Unterstaatssekretär für die Beziehungen zu den Staaten durchführen durfte.
Im Dezember 2009 kam der vietnamesische Präsident Nguyễn Minh Triết in den Vatikan, um Papst Benedikt XVI. zu treffen. Daraufhin wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen Vietnam und dem Heiligen Stuhl gebildet, die den Weg für die Ernennung eines nicht ortsansässigen Päpstlichen Vertreters mit Sitz in Singapur in der Person von S.E. Erzbischof Leopoldo Girelli am 13. Januar 2011 ebnete.

Vatikan News: Was waren die Konstanten, die den Prozess der Ausarbeitung des Abkommens und die Sitzungen der Gemeinsamen Arbeitsgruppe geleitet haben?

Kardinalstaatssekretär Parolin: Es ist von grundlegender Bedeutung zu betonen, dass die Grundlage dieser Studien- und Arbeitstreffen immer gegenseitiger Respekt und der Wille waren, voranzukommen, ohne die eigenen Positionen zu verstecken, sondern sie und ihre Beweggründe aufrichtig zu diskutieren. Die Bischofskonferenz war stets in diesen Prozess eingebunden war und hat ihre eigenen Überlegungen und Einschätzungen eingebracht. Dies hat im Laufe der Zeit zu einem größeren gegenseitigen Verständnis und zu einer Annäherung bei den von Zeit zu Zeit getroffenen Entscheidungen über den Text geführt, die darauf abzielen, dass der residierende päpstliche Vertreter die Voraussetzungen für die Ausübung seines Gesandtschaftsdienstes bei der Ortskirche und den vietnamesischen Behörden sowie für die Aufrechterhaltung der Beziehungen zu den diplomatischen Vertretungen in Vietnam hat.

Darüber hinaus wurde nie vergessen, wie wichtig es ist, das Evangelium zu leben, um gute Bürger und gute Katholiken zu sein: Es ist ein Grundsatz, der die Soziallehre der Kirche leitete, noch bevor sie im 19. Jahrhundert formuliert wurde, und der bereits im 2. nachchristlichen Jahrhundert darauf hinwies, wie die Christen in ihrer Lebensweise zum Ausdruck bringen, dass sie gleichzeitig Bürger des Himmels und der Erde sind.

Schließlich waren im Dialog das Leben der Ortskirche und die Achtung der Glaubens- und Religionsfreiheit immer präsent, und deshalb wurde versucht, ein Umfeld zu fördern, das den Aktivitäten und der Entwicklung der katholischen Gemeinschaft förderlich ist. Diese Haltung der vietnamesischen Seite wurde bei der Ernennung von Bischöfen festgestellt, bei der in diesen Jahren keine besonderen Schwierigkeiten aufgetreten sind.

Vatikan News: Was können Sie uns über den Text des Abkommens sagen? Was bedeutet „residierender päpstlicher Vertreter“ – diese Bezeichnung scheint nicht in die üblichen Kategorien zu passen.

Kardinalstaatssekretär Parolin: Ich danke Ihnen für diese Frage, denn sie lässt mich erkennen, wie die Zeit, die ich mit dem Studium und der Diskussion verbracht habe, es ermöglicht hat, eine gemeinsame Lösung zu finden, die wir als ,res nova in iure‘ bezeichnen könnten. Der residierende päpstliche Vertreter ist nämlich dazu berufen, die Gemeinschaft zwischen dem Heiligen Stuhl und der Ortskirche zu fördern und letztere in all ihren Bestandteilen zu begleiten und zu unterstützen, indem er sich an ihren Feiern und Initiativen beteiligt. Was die Aspekte betrifft, die man als zivil bezeichnen könnte, hat der päpstliche Vertreter wie die Nuntien die Aufgabe, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der vietnamesischen Regierung zu stärken. Er kann an den ordentlichen Sitzungen des Diplomatischen Corps und an Empfängen teilnehmen sowie persönliche Begegnungen mit Diplomaten haben, immer in Übereinstimmung mit dem Recht des Landes und im Geiste des gegenseitigen Vertrauens und der guten bilateralen Beziehungen, die bisher bestanden haben. All dies soll, wie es in der gemeinsamen Mitteilung heißt, sicherstellen, dass der residierende päpstliche Vertreter eine „Brücke“ zur weiteren Verbesserung der Beziehungen zwischen Vietnam und dem Heiligen Stuhl sein kann.

Vatikan News: Wie sehen Sie die Zukunft der Beziehungen zwischen Vietnam und dem Heiligen Stuhl?

Kardinalstaatssekretär Parolin: Es gibt einen Aspekt, der mir am vietnamesischen Volk immer positiv aufgefallen ist, vielleicht weil es etwas ist, das ich seit meiner Kindheit in meinem Heimatland eingeatmet habe: der bescheidene Fleiß. Bei meinen Kontakten habe ich erlebt, dass die Menschen sehr viel arbeiten, und zwar nicht nur im Sinne manuelle Tätigkeit, sondern mit Hingabe für alles, was sie tun. So etwas könnte Anmaßung hervorrufen, aber die Vietnamesen bewahren im Gegenteil immer eine bescheidene und respektvolle, wenn auch stolze Haltung, die sich jeder Situation anpassen kann. Wie die Bambuspflanze, die sich biegt, die aber nicht bricht. Warum diese Einführung? Weil ich glaube, dass die Zukunft uns zu einem Weg aufruft, den wir gemeinsam weitergehen müssen, ohne Vorwand oder Eile, um ein anderes Ziel zu erreichen, sondern mit der Bereitschaft derjenigen, die sich miteinander auseinandersetzen wollen, um das Beste zu finden. Das Abkommen ist nicht nur eine Ziellinie, sondern ein neuer Anfang im Zeichen der gegenseitigen Achtung und des Vertrauens.


(vatican news)
 

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28. Juli 2023, 13:15