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Ums Haar wäre sie Märtyrerin geworden: Die Laienmissionarin Gertrude (oder Gertruda) Detzel Ums Haar wäre sie Märtyrerin geworden: Die Laienmissionarin Gertrude (oder Gertruda) Detzel 

Dienerin Gottes für Kasachstan: Gertrude Detzel, Laienmissionarin

In der Sowjetunion waren Priester verfolgt und eingesperrt. Die 1971 verstorbene Russlanddeutsche Gertrude Detzel sorgte dafür, dass Generationen katholischer Gläubiger im heutigen Kasachstan trotzdem die Sakramente leben konnten. Papst Franziskus würdigte ihr Beispiel in der Kathedrale von Nur-Sultan. Für Gertrude Detzel läuft seit einem Jahr ein Seligsprechungsverfahren.

Gudrun Sailer - Nur-Sultan

Gertrude Detzel streifte selbst das Martyrium. Sie, die aus einer angesehenen und kinderreichen russisch-deutschen Familie aus dem Nordkaukasus stammte, erlebte wie viele andere Russland-Deutsche 1941 ihre Deportation nach Kasachstan zur Zwangsarbeit. Weil sie mit ihrem Glauben nicht hinter dem Berg hielt, wurde sie 1949 nach einer Denunziation verhaftet und kam in ein kommunistisches Arbeits- und Umerziehungslager namens „Dorf Tschemolgan“ im Gebiet des heutigen Almaty.

„Was ich in Gertruds Leben sehe, ist ein tiefer Glaube – und ein enormer Mut“, sagt Bischof Adelio dell‘ Oro von Karaganda, der den Seligsprechungprozess im vergangenen Herbst eröffnete. „Denn wo auch immer sie sich aufhielt, selbst im Lager, hatte sie keine Angst, den Glauben zu leben und ihn allen zu bezeugen. Oft ärgerte sie die Lagerleiter, weil sie zu allen von Gott und dem Glauben sprach. Am Sonntag organisierte sie gemeinsame Gebete, Katholiken und Lutheraner. Das alles war so anziehend, dass die Leute zu ihr gingen und ihr folgten.“

Gertrude Detzel, rechts, mit zwei weiteren Gläubigen
Gertrude Detzel, rechts, mit zwei weiteren Gläubigen

„Was ich in Gertruds Leben sehe, ist ein tiefer Glaube – und ein enormer Mut“

Bischof dell‘ Oro hat mit vielen Menschen, die Gertrude Detzel kannten, selbst gesprochen und lässt gerade andere befragen, unter anderem in Deutschland – denn dorthin sind viele Deutsch-Kasachen nach 1991 übersiedelt. Sie können über die Dienerin Gottes auch Episoden wie diese bezeugen:

„Als Gertrude nachts geweckt und verhört wurde, hatte sie keine Angst, mit dem Lagerleiter zu sprechen. Das ging so weit, dass der das Ganze irgendwann abbrach, die Wache rief und sagte: Bringt sie zurück ins Lager. Denn ich fange ja fast selbst an zu glauben! Nach Stalins Tod 1953 begann man Gefangene freizulassen. Und da gibt es ein Zeugnis, in dem es heißt, dass Gertrude unter den ersten sein sollte, die gehen. Warum? Damit die, die bleiben, nicht im Lager durch ihr Zeugnis zum Glauben kommen.“

Hier zum Hören:

Wirklich frei kam Gertrude Detzel nicht. Sie wurde in eine deutsche „Sondersiedlung“ bei Semei verbracht, die unter strenger Aufsicht stand, Hinausgehen war verboten. Doch das kümmerte die für ihren Glauben brennende Katholikin nicht. Mit ihrer Schwester Walentina ging sie heimlich in die Nachbardörfer, wo andere Deutsche lebten. Sie gingen von Haus zu Haus, tauften Kinder und Erwachsene, steckten ihnen abgeschriebene Gebete zu, trauten Eheleute. Wären die Schwestern entdeckt worden, hätte das 20 weitere Jahre Zwangsarbeit bedeutet.

Als die Sondersiedlung aufgelassen wurde, zog Gertrude Ende der 1950er Jahre nach Karaganda. Dort wurde sie, die selbst aus Vorsatz unverheiratet geblieben war, Mitglied des Dritten Ordens des heiligen Franziskus. Und sie organisierte das kirchliche Leben der zahlreichen Exilanten.

„In der Sowjetunion wurde der katholische Glaube 60, 70 Jahre lang fast ohne Priester weitergegeben“

„In der Sowjetunion wurde der katholische Glaube 60, 70 Jahre lang fast ohne Priester weitergegeben, denn die waren in die Lager deportiert worden“, erklärt Bischof dell´Oro. „Und somit waren die Gläubigen über Jahrzehnte ohne Sakramente, außer der Taufe, die mutige Frauen den Kindern spendeten.“

Heimlich beten und Messe feiern

Genau das tat Gertrude Detzel. Sie versammelte heimlich die Gläubigen zum Rosenkranzgebet und zur Sonntagsmesse, erklärte ihnen die Bibel und stellte ihnen Heilige vor. Gertrude hatte, wie Zeugen bekräftigen, die Gabe des Predigens. „Ihr ist es zu verdanken, dass ganze Generationen von exilierten Katholiken die Sakramente unter den Bedingungen der Kirchenverfolgung leben konnten“, steht in einer Broschüre zur Seligsprechung, die Bischof dell´Oro geschrieben hat. „In für die Kirche schweren Zeiten ersetzte Gertrude Detzel einen Priester für die Menschen.“

„In für die Kirche schweren Zeiten ersetzte Gertrude Detzel einen Priester für die Menschen“

Genau deshalb liegt dem Bischof von Karaganda – dort starb Gertrude Detzel 1971 und dort ist ihr Grab – so viel an dieser Seligsprechung. Denn er sieht in der entschlossenen und frohen Glaubenszeugin ein Modell für Laien in Kasachstan heute, in einem Land, in dem die Kirche wegen des Wegzugs vieler Gläubiger in den Westen auszubluten droht. In dieser Lage sind es die kasachischen Laien, die heute – so sagt es der Bischof – so wie damals Gertrude Detzel wieder den Auftrag haben, den Glauben weiterzutragen. Auf ihre Weise, anders und in gewisser Weise besser, weil freier als die Priester.

Gertrude Detzel bei ihrem Tod
Gertrude Detzel bei ihrem Tod

Damals wie heute: Laien haben ihre Art, den Glauben weiterzutragen

„Was uns die Figur Gertrudes für heute nahelegt, ist, den Glauben zu leben, offen für alle zu sein, zum Beispiel auch für die Muslime. Denn der Glaube überträgt sich nicht, weil wir ,Jesus, Jesus!´ rufen, sondern durch unser Menschsein. Hier in Kasachstan können wir als Kirche in der Gesellschaft nichts tun; das betrifft alle Religionen. Wir sind nur hinter unseren Kirchenmauern frei. Deshalb sind die Laien wichtig: Niemand hindert die Laien daran, Zeugen zu sein dort, wo sie arbeiten, wo sie studieren. Wir brauchen also Laien, die heute in der Gesellschaft Zeugnis ablegen, um lebendig zu sein und offen zu sein, um allen zu begegnen und alles der Gnade Gottes und der Freiheit des Einzelnen zu überlassen.“

Grabstein
Grabstein

(vatican news – gs)

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15. September 2022, 08:16