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Ukraine: Ein leitender Militärseelsorger erzählt

Der leitende Militärseelsorger der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, ruft zur Solidarität mit der Ukraine auf. Eindringlich fordert Pater Andriy Zelinskyy SJ angesichts der Toten und der Verwüstungen seines Landes eine Rückkehr zur Menschlichkeit.

Von Benedikt Mayaki SJ und Gudrun Sailer - Vatikanstadt

Genau acht Wochen dauert der Krieg in der Ukraine nun. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar 2022 starben abertausende Zivilisten, und von 40 Millionen Menschen sind mehr als fünf Millionen aus der Ukraine geflüchtet. Die ukrainischen Soldaten sind täglich Todesgefahr ausgesetzt.

Pater Andriy Zelinskyy ist seit 2018 leitender Militärseelsorger der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche. Der Jesuit, ein ausgebildeter Politikwissenschaftler, wirkt auch als Dozent an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg und hat mehrere Bücher über Spiritualität in Zeiten des Krieges geschrieben. Seinen Dienst in diesen Wochen muss er so gestalten, dass er den Bedürfnissen der Soldaten in den Schützengräben gerecht wird.

Hier zum Hören:

Ein Krieg, der vor 8 Jahren begann

Für Pater Zelinskyy und die ukrainischen Soldaten, die er betreut, begann der Krieg in der Ukraine schon 2014 mit dem Einmarsch Russlands im Südosten der Ukraine und der Annexion der Krim. Heute hat sich die Front auf den Großteil des Landes ausgedehnt, auch der Westen ist nicht mehr sicher.

Der Militärseelsorger im Dienst
Der Militärseelsorger im Dienst

Verwüstung und Gewalt

Pater Zelinskyy bedauert im Gespräch mit uns den Verlust von Menschenleben und die massiven Zerstörungen, die der Krieg verursacht hat. Dieser Krieg sei nicht nur grausam, sondern auch „einer der absurdesten und sinnlosesten Kriege in der Geschichte Europas", wie der Jesuit formuliert. Ihm zufolge gibt es „keinen Grund für die Gewalt", und Russlands Ausrede der Entmilitarisierung und „Entnazifizierung" seines Nachbarn sei nicht stichhaltig. Die Ukraine sei eine friedliche Nation, aber auch dazu in der Lage, sich gegen Aggressionen zu wehren.

„Wo haben wir versagt? ... Als Europäer? Als christliche Tradition?“

In seinen Jahren als Militärseelsorger, so vertraut uns der Pater an, habe er sich nicht vorstellen können, dass er im 21. Jahrhundert Zeuge solcher Gewalt werden würde. Der Militärseelsorger beklagt die Zerstörung großer Städte, darunter Mariupol, Charkiw und auch Kiew, wo Bomben massive Zerstörung, Tod und Vertreibung verursacht haben. All dies werfe philosophische Fragen für die Gesellschaft auf: „Wo haben wir versagt? ... Als Europäer? Als christliche Tradition? ..."

Dienst im Schützengraben

Auf die Frage, wie ein ukrainischer Militärseelsorger an der Front arbeitet, erklärte uns Pater Zelinskyy, dies hänge von der jeweiligen Einheit und der Ausbildung der Soldaten ab. Bei den Berufssoldaten, die für den Kampf ausgebildet und vorbereitet werden, ist der Ansatz ein anderer. Der Konflikt hat jedoch eine nationale Wehrpflicht erforderlich gemacht, und die Seelsorge muss auf die Bedürfnisse von Männern zugeschnitten sein, die bis vor acht Wochen Lehrer oder Elektriker waren und jetzt an der Front ihr Land verteidigen. 

Der Seelsorger strukturiert seinen Dienst entlang dreier großer Linien. Erstens geht es darum, die geistige und psychologische Widerstandskraft der Einheiten zu stärken. Ein weiterer Schwerpunkt des Dienstes ist die Teamarbeit und die Verantwortung füreinander. Ein entscheidender Punkt, betont Pater Zelinskyy, „denn dein Nachbar ist das wichtigste Mittel für deine Sicherheit", gerade auf dem Schlachtfeld. Daher ist es notwendig, Respekt und Verantwortung unter den Soldaten aufzubauen.

P. Andriy Zelinskyy, SJ
P. Andriy Zelinskyy, SJ

Der dritte Schwerpunkt ist die Hoffnung: Die Hoffnung auf ein Ende des Krieges und darauf, dass „das Böse niemals die Oberhand gewinnt", muss aufrechterhalten werden, vor allem angesichts des Todes und des Verlustes von Menschen, die einen Beitrag zur Kultur und Gesellschaft der Ukraine leisten; der Militärseelsorger nennt namentlich Schauspieler und Dichter.

Auch geistliche Mittel spielen im Krieg eine Rolle: Gebet, das Sakrament der Versöhnung und allgemein ein offenes Ohr für alle, die reden wollen.

Appell

Eigentlich sollte Europa seine Lektion aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben: „nämlich dass wir das Böse nur besiegen können, wenn wir zusammenarbeiten", so der Militärseelsorger. „Aber wir befinden uns in einer Zeit, in der das größte Geschenk, das wir haben, in Gefahr ist, nämlich unsere Menschlichkeit." Zelinskyy lädt alle ein, „zu diesem Geschenk der Menschlichkeit zurückzukehren".

In diesem Zusammenhang ruft er die Länder auf, der Ukraine beizustehen, und betont, dass der andauernde Krieg Folgen hat, die viele Prozesse und Völker betreffen werden, darunter auch europäische Länder und andere im Westen, von denen einige vielleicht das Gefühl haben, dass dies an ihnen vorbeigeht. „Bitte wachen Sie auf!", lautet der Appell von Pater Zelinskyy. „Gemeinsam sind wir stärker!"

(vatican news)

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21. April 2022, 12:14