Suche

Vatican News
Streikende Taxifahrer blockieren am 25. Oktober die Innenstadt von Beirut Streikende Taxifahrer blockieren am 25. Oktober die Innenstadt von Beirut  (ANSA)

„Mehr Interesse an Tierschutz als an Minderheiten“

Ein Kirchenführer aus dem Orient wirft den europäischen Regierungen mangelnden Einsatz vor, um die Auswanderung der Christen aus dem Nahen Osten zu stoppen.

Europa zeige mehr Interesse am Tierschutz und der Unterordnung unter den säkularen Mainstream, als an den religiösen Minderheiten. Das beklagte der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Younan aus dem Libanon jetzt bei einem Besuch in Königstein.

„Der Westen tut nicht das, was er tun sollte, um die Minderheiten im Nahen Osten zu verteidigen, vor allem die Christen. Man muss sich nur einmal die Probleme im Libanon ansehen, um den Politikern zu sagen: ,Genug ist genug’. Vielleicht interessiert das die westlichen Regierungen nicht mehr. Sie haben andere Prioritäten.“

„Wir können sie nicht zum Bleiben überreden“

Die Erfahrungen aus Syrien, dem Irak oder der Türkei zeigten, dass die ausgewanderten Christen nicht zurückkehrten. „Wir können sie nicht zum Bleiben überreden. Sie fragen sich: ,Warum sollten wir zurückkehren, wenn wir unseren Kindern weder ein anständiges Leben noch Religionsfreiheit garantieren können?’“ Dabei seien die Christen seit zwei Jahrtausenden Teil dieser Weltregion, betonte der Patriarch.

Patriarch Younan mit Papst Franziskus
Patriarch Younan mit Papst Franziskus

Migrationswelle hält an

Aufgrund der Wirtschafts- und Politkrise im Libanon halte dort auch die Migrationswelle an: Younan erzählte von einem Geistlichen seiner Kirche, der eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt habe. Auf der Behörde habe man ihm mitgeteilt, dass dort täglich 5000 neue Reisepässe ausgestellt würden. Etwa zwei Drittel davon seien für Christen, die ihre Auswanderung planen.

„Wir haben große Angst, dass die Christen für immer aus dem Libanon und dem gesamten Nahen Osten verschwinden, wenn die Krise anhält“, erklärte Younan.

Der Libanon befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise, die zu einer extrem hohen Inflation geführt hat. Rund 55 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze; die Zahl habe sich innerhalb eines Jahres nahezu verdoppelt, so die Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien (ESCWA).

Am Rand einer Schießerei in Beirut am 14. Oktober
Am Rand einer Schießerei in Beirut am 14. Oktober

55 Prozent der Libanesen leben in extremer Armut

Ein Großteil der libanesischen Bevölkerung leidet unter den Folgen der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020. Diese hat auch das christliche Viertel der Hauptstadt schwer getroffen.

Patriarch Ignatius Joseph III. Younan von Antiochien stammt aus dem Norden Syriens und leitet seit 2009 die mit Rom unierte syrisch-katholische Kirche, der über eine Viertelmillion Gläubige im Nahen Osten angehören. Sitz des Patriarchen ist Beirut.

(kirche in not – sk)
 

28 Oktober 2021, 11:39