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Reporter warten vor einem Gerichtssaal, in dem führende Politiker und Geschäftsleute im Nachgang zum tödlichen Attentat auf Präsident Moïse angehört werden Reporter warten vor einem Gerichtssaal, in dem führende Politiker und Geschäftsleute im Nachgang zum tödlichen Attentat auf Präsident Moïse angehört werden  (AFP or licensors)

Haiti: „Es braucht einen Neuanfang“

Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse durch Auftragskiller beschreibt der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Bischof Launay Saturné, im Interview mit uns die Lage im Land. Sein Fazit: Die politische Klasse hat versagt, die Bevölkerung ist frustriert und es braucht einen Neuanfang.

Adelaïde Patrignani und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Bald eine Woche ist seit dem Attentat auf den Präsidenten, bei dem fast auch seine Frau gestorben wäre, vergangen. Hinter der Tat soll ein Haitianer stecken, der als Arzt in Florida arbeitete und wohl die Macht in dem Karibikstaat an sich ziehen wollte, heißt es. Die Ermittlungen laufen, die genauen Hintergründe sind noch unklar und viele Fragen offen:

„Wie konnte das ausländische Söldner-Kommando ins nationale Territorium eindringen? Wo waren die Leute, die für die Sicherheit des Präsidenten verantwortlich waren? Wer hat das Attentat angeordnet? Wer profitiert von diesem Verbrechen? Und neben all diesen Fragen ist da die Angst, die Angst vor der Gefahr, dass das Land in Chaos und Anarchie versinkt. Die Bevölkerung erkennt, dass niemand mehr sicher ist. Es ist eine Tragödie, die das bestehende Chaos noch vergrößert. In diesem Klima erlebt die Bevölkerung die Ermordung des Präsidenten“,

„Gefahr, dass das Land in Chaos und Anarchie versinkt“

berichtet der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Haiti, Bischof Launay Saturné von Cap-Haïtien, im Gespräch mit Radio Vatikan.

Hier im Audio: Der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Haiti Bischof Launay Saturné zur Lage im Land

Die Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse verurteilt er als „abscheuliches und feiges Verbrechen“.  Zugleich sieht er auch ein Versagen des Staates. Dass die Regierung für mehr Sicherheit nun die USA und die UNO um Hilfe anrufen, sieht der Kirchenmann als letzten Beleg dafür, dass der Staat nicht in der Lage ist, das Land zu stabilisieren. Haiti sei von Korruption, schlechter Regierungsführung, Missmanagement und mangelnder Führung geprägt. Proteste gegen Moïse, der seit 2017 im Amt war, hatten Haiti zuletzt immer wieder lahmgelegt. Ihm wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und autokratische Tendenzen vorgeworfen. Im Februar ernannten Oppositionsparteien aus Protest einen Übergangspräsidenten, weil für sie Moïses Amtszeit abgelaufen war. Zuletzt trieben blutige Kämpfe zwischen Banden um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt mehr als 14.000 Menschen in die Flucht.

Sicherheitskräfte sichern das Gerichtsgebäude bei einer Anhörung zur Ermordung des Präsidenten
Sicherheitskräfte sichern das Gerichtsgebäude bei einer Anhörung zur Ermordung des Präsidenten

„Das haitianische Volk hat praktisch jegliches Vertrauen in seine Führer verloren, die in Korruption verstrickt sind. Die neuen Führungspersönlichkeiten werden viel zu tun haben, um das Vertrauen der Bevölkerung wiederherzustellen, die von einer Politik genervt ist, die sich mehr um ihren Machterhalt als um das Gemeinwohl zu kümmern scheint. Es gibt einen starken Wunsch nach einer radikalen Veränderung, einem Neuanfang. Die Wiederherstellung des Vertrauens erfordert Transparenz auf allen Ebenen, in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten und der Justiz.“

„Es gibt einen starken Wunsch nach einer radikalen Veränderung, einem Neuanfang. Die Wiederherstellung des Vertrauens erfordert Transparenz auf allen Ebenen, in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten und der Justiz.“

Bischof Launay Saturné fordert daher auch eine lückenlose Aufklärung des Präsidenten-Mords – und weiterer Vergehen: „Es muss Licht und Wahrheit in dieses Verbrechen gebracht werden. Die Behörden müssen daran arbeiten, die wahren Attentäter zu finden und vor Gericht zu stellen, und die Täter der Massaker und anderer Morde, die während seiner Präsidentschaft begangen wurden, zu finden.“

Papst Franziskus mahnte beim Angelus diesen Sonntag, aus der Gemelli-Klinik, Frieden in Haiti an
Papst Franziskus mahnte beim Angelus diesen Sonntag, aus der Gemelli-Klinik, Frieden in Haiti an

Danke, Papst Franziskus

Der Vorsitzende der haitianischen Bischofskonferenz mahnt weiter eine gute Beziehung zum Volk an, das endlich gehört werden müsse. Es brauche Verständigung und Dialog; das Volk habe schon viel zu viel gelitten. Die Kirche werde ihren Einsatz zum Aufbau einer Gesellschaft, „die auf der Achtung des Rechts auf Leben aller  ihrer Söhne und Töchter der Nation basiert“, verstärken, versichert der Bischof von Cap-Haïtien. Ganz ähnlich hatte sich auch Papst Franziskus diesen Sonntag nach seinem Mittagsgebet geäußert. Haiti müsse das Gemeinwohl wieder ins Zentrum rücken und die Gewalt beenden, lautete sein Appell.

„Papst Franziskus nutzt jede Gelegenheit, um seine Verbundenheit mit der haitianischen Nation und der Kirche in Haiti zu zeigen. In der gegenwärtigen Situation fühlen wir uns von der Weltkirche und von der spirituellen Solidarität aller Christen der Welt begleitet,“

„Von der Weltkirche und von der spirituellen Solidarität aller Christen der Welt begleitet“

nutzt der Vorsitzende der haitianischen Bischofskonferenz Bischof Launay Saturné das Interview mit uns zum Dank für die weltweite Solidarität. Die hat sein Land leider auch bitter nötig: Es ist das ärmste des amerikamischen Kontinents und auch von der Pandemie besonders getroffen. Die Fallzahlen stiegen zuletzt deutlich. Bleibt die Hoffnung auf Besserung: Für den 26. September sind Präsidenten- und Parlamentswahlen geplant.

(vatican news/diverse– sst)

13 Juli 2021, 12:01