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Ein bisschen Handel... gibt es noch im kurdischen Gebiet Syriens Ein bisschen Handel... gibt es noch im kurdischen Gebiet Syriens  (AFP or licensors)

Syrien: Bevölkerung leidet besonders unter den Sanktionen

In Syrien wird es aufgrund des Embargos immer schwieriger, Hilfe, auch wirtschaftliche, an die Bevölkerung zu bringen. Der Direktor von „Kirche in Not-Italien“, Alessandro Monteduro, sagt im Gespräch mit Radio Vatikan, dass die internationalen Wirtschaftssanktionen seit Jahren die neue Kriegsfront für die syrische Zivilbevölkerung seien.

Mario Galgano und Amedeo Lomonaco – Vatikanstadt

Die Wirtschaftskrise in Syrien habe zu einem totalen Chaos geführt. „Tag und Nacht müssen Familien in endlosen Schlangen anstehen“, um Essen zu bekommen, so der Leiter von „Kirche in Not-Italien“, Alessandro Monteduro. Er bezieht sich auf die Rückmeldung von Samir Nassar, maronitischer Erzbischof von Damaskus. Dieser habe veranschaulicht, welches Chaos in Syrien herrsche. Chaos sei in Syrien zur „Normalität“ geworden. Der Direktor der päpstlichen Stiftung „Kirche in Not-Italien“ (ACS) erinnert insbesondere an das Leid, das mit den internationalen Sanktionen verbunden sei: „Ausländische Gesetze, die Staaten und Menschen bestrafen, die es wagen, Hilfe nach Syrien zu schicken, fügen den ungerechten Sanktionen einen weiteren schweren Schlag hinzu und vervielfachen den Mangel an Gütern.“

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Zwischen Krise und Sanktionen

Die wirtschaftliche Situation im Land werde deshalb immer ernster. Eine Mischung verschiedener Faktoren führte zu steigenden Lebensmittelpreisen. Dazu zählt Monteduro neben den internationalen Sanktionen auch den finanziellen Zusammenbruch des Libanons, seines wichtigsten Handelspartners. Vor Beginn des Konflikts im Jahr 2011 kostete ein 2-Kilogramm-Laib Brot etwa 15 syrische Lira. Heute kostet ein 1 Kilogramm schwerer Laib zwischen 100 und 500 syrischen Pfund. Der griechisch-melkitisch-katholische Erzbischof von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart, betont ebenfalls, dass „die Sanktionen kein anderes Ergebnis haben, als die Menschen leiden zu lassen und sie arm und elend zu machen.“ „Sie werden keinen Einfluss auf die Regierung und ihre Politik haben, denn die Regierung ist von den Auswirkungen der Sanktionen weit entfernt“, so der Erzbischof.

„Die Regierung ist von den Auswirkungen der Sanktionen weit entfernt“

Der Direktor von „Kirche in Not-Italien“, Alessandro Monteduro, weist gegenüber Radio Vatikan darauf hin, wie die Sanktionen am Ende diejenigen treffen, die keine Schuld trifft, nämlich die Zivilbevölkerung:

„Internationale Wirtschaftssanktionen sind heute die neue Kriegsfront für die syrische Zivilbevölkerung. Eigentlich ist dies die neue Kriegsfront und zwar nicht seit heute. Das ist schon seit zu vielen Jahren so. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es notwendig ist, dass sich die internationale Gemeinschaft mobilisiert. Und sie muss auch darauf drängen, dass die Bankensysteme es ermöglichen, wieder Geld an die Diözesen zu schicken, die in diesen Jahren bei der Unterstützung der notleidenden Gemeinden unverzichtbar waren, zum Beispiel im Fall von ,Kirche in Not´. Heute blockieren sowohl die europäischen als auch die US-amerikanischen Banken Geldtransfers, die sich auf Syrien oder seine Städte beziehen. Leider gilt das gleiche Problem auch für den Import von Waren. Wir erleben also nicht nur ein Syrien, das nicht in der Lage ist, den Wiederaufbau zu beginnen, nicht zuletzt, weil in einigen Gebieten weiterhin geschossen wird, sondern wir sehen auch ein Land, das nicht einmal in der Lage ist, die minimalen humanitären Bedürfnisse zu erfüllen.“

„Nicht einmal in der Lage, die minimalen humanitären Bedürfnisse zu erfüllen“

Auch Hilfswerk betroffen

Selbst „Kirche in Not“ stoße auf Schwierigkeiten und Hindernisse beim Transfer von Wirtschaftshilfe nach Syrien, betont der Leiter des italienischen Hilfswerkes:

„Seit einigen Monaten haben wir enorme Schwierigkeiten, auch nur die Gelder zu überweisen, die von den vielen Wohltätern für die Christen in Syrien bestimmt sind. Unsere Partner sind die Bischöfe, die Diözesen, die Pfarreien. Wir müssen ganz komplizierte Vorgänge vornehmen, damit diese Hilfe sie erreicht. Die Bischöfe selbst sind gezwungen, mehrsprachige Verfahren mit enormen Schwierigkeiten zu durchlaufen, die das bürokratische System immer schwerfälliger machen. Es gibt das Embargo, aber jedes Embargo sieht Ausnahmen aus humanitären Gründen vor. In Syrien werden nicht einmal diese Ausnahmen respektiert. Das prangern wir schon seit Jahren an. Es ist an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft wieder an die Menschen denkt.“

„Es ist an der Zeit, dass die internationale Gemeinschaft wieder an die Menschen denkt“

Beim Angelus am 14. März erinnerte der Papst daran, dass vor zehn Jahren der blutige Konflikt in Syrien begann. Franziskus bezog sich dabei gerade auf den Krieg in diesem Land, den er als „eine der schwersten humanitären Katastrophen unserer Zeit“ bezeichnete, und bat um Gebete, dass so viel Leid nicht vergessen werde. Und dass sich „ein Hoffnungsschimmer für die erschöpfte Bevölkerung auftun kann“. An diese Worte erinnert nun Monteduro im Gespräch mit uns:

„Was wir brauchen, ist ein Blick der Hoffnung, des Trostes auch von Seiten der internationalen Gemeinschaft in Bezug auf Syrien...“

Die Führer der internationalen Gemeinschaft hätten sich zu einer Maßnahme entschlossen, die zwar ausschließlich darauf abziele, das zu beseitigen, was sie für ein Regime halten, „aber leider buchstäblich diejenigen auslöscht, die keine Schuld trifft, nämlich die Syrer“. Und zum Schluss fragt Monteduro verbittert: „Hat das noch irgendeine Logik? Hat es noch eine Logik, die wir menschlich nennen können?"

(vatican news)

03 Juni 2021, 11:27