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Kinder in Afrika Kinder in Afrika  (Vatican Media)

Kinderschutz in Afrika: Klerikalismus und Patriarchat begünstigen Missbrauch

Klerikalismus und Patriarchat gehören zu den Faktoren, die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche Afrikas wie auch in der Gesellschaft begünstigen. Diese Erkenntnis ist die Bilanz einer Tagung zum Kinderschutz in Afrika, die der Jesuitenorden vergangene Woche ausrichtete.

„Eine genaue Beobachtung der Situationen von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche und in allen Religionen zeigt, dass es leider eine enge Verbindung zwischen Patriarchat, Klerikalismus und dem Missbrauch von verletzlichen Personen gibt", sagte die kongolesische Dogmatik-Professorin Schwester Josée Ngalula bei der Veranstaltung.

Sexuelle Gewalt in der Kirche sei in mindestens dreifacher Hinsicht Missbrauch, so die Ordensfrau. Missbraucht werde das Vertrauen des Mädchens oder Jungen in den erwachsenen Täter sowie das Vertrauen von Laien in Sakramente spendende Geweihte. Der dritte Missbrauch sei „die Perversität, die körperliche, psychologische und soziale Verwundbarkeit von Kindern auszunutzen, um sie zu missbrauchen“.

Klerikalismus auch unter Laien verbreitet

Klerikalismus finde sich nicht nur unter Geweihten, sondern auch im Laienstand, fuhr die Dogmatikerin fort. Die betreffenden Gläubigen zeigten, wenn sie verantwortungsvolle Positionen in der Kirche hätten, „die gleichen anormalen Verhaltensweisen“ wie die Kleriker und seien am Verschweigen von sexueller Gewalt in der Kirche beteiligt: „Sie lehren, dass es eine Sünde und ein Angriff auf die Kirche ist, schlecht über einen Kleriker zu sprechen“, hielt die Professorin fest. „In der Kirche gibt es Verbrechen, die von Priestern begangen werden, die nicht angeprangert werden, weil die Laien den Klerikalismus assimiliert haben und sich weigern, ihre Stimme zu erheben."

Priesterausbildung überdenken

Im Kampf gegen den Klerikalismus schlug Ngalula vor, die theologische Ausbildung der künftigen Priester zu überdenken: „Wir müssen auf einem Verständnis und einem Leben des Amtspriestertums bestehen, das dem Leben Jesu Christi näher kommt, um die Art und Weise, wie das Amtspriestertum in der Kirche gelebt wird, zu 'entpatriarchisieren' und zum Geist des Evangeliums zurückzuführen."

Darüber hinaus hält die in Frankreich ausgebildete Dogmatikerin es für angezeigt, die Selbstverpflichtungen von Priestern zu erweitern. „Künftige Kleriker müssen ihre Bereitschaft erklären, anzuerkennen, dass ihr geistliches Priestertum in der katholischen Kirche nicht Macht bedeutet und dass sie die Gläubigen unter ihrer pastoralen Obhut nicht als minderwertig betrachten werden", formulierte die Ordensfrau. Kleriker müssten auch versprechen, „niemals den Körper eines anderen Menschen als ein Objekt zu betrachten, über das sie verfügen können; niemals ihre Vorrangstellung zu nutzen, um die Verletzlichkeit der Gläubigen auszunutzen oder zu missbrauchen; niemals die Gläubigen einzuschüchtern, die Missstände in der Kirche anprangern wollen", forderte das Gründungsmitglied der Vereinigung afrikanischer Theologen (AAT). Die Kirche müsse außerdem eine wirksame Strategie entwickeln, um die Gläubigen vor klerikalem Autoritätsmissbrauch zu schützen, unter anderem durch die Verschärfung der Zugangsvoraussetzungen zum Priesteramt und durch die systematische Verfolgung von sexueller Gewalt.

Afrika hinkt in Sachen Kinderschutz hinterher

Auch aus Sicht des Jesuiten Lawrence Daka behindert Klerikalismus den Prozess der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in der afrikanischen Kirche. In der Weltkirche seien inzwischen Strukturen des Kinderschutzes vorhanden, und das Problembewusstsein bei der Leitung sei vorhanden. In Afrika allerdings sei die Situation in der Kirche anders, beklagte der Rektor des St. Ignatius College Chishawasha der katholischen Erzdiözese von Harare, Simbabwe. Für Afrika diagnostizierte er in der Kirche „ein Gefühl von allgemeiner Angst, Scham und Protektionismus, verwoben mit einem gewissen Klerikalismus", verwoben mit Schweigen, sagte der Rektor des in Simbabwe ansässigen St. Ignatius College Chishawasha innerhalb der katholischen Erzdiözese von Harare. Eine Kultur des Kinderschutzes in der Kirche zu schaffen, sei aber auch nicht länger die alleinige Verantwortung der Kirchenleitung: „In Afrika kommen wir einen großen Schritt weiter, wenn wir mit der traditionellen Führung zusammenarbeiten, um zu verändern, wie wir Kinder sehen."

Missbrauch betrifft viele Ordensfrauen in Afrika

Über die Begleitung von Missbrauchsopfern, Kindern wie auch Frauen, sprach bei derselben Veranstaltung der nigerianische Jesuit Noel Nwadike. Als 2019 das Schreiben von Papst Franziskus „Vos estis lux mundi“ (2019) erschien, habe sich gerade erst ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass nicht wenige Ordensfrauen Opfer von Missbrauch durch Kleriker werden, hielt Pater Nwadike fest; der an der päpstlichen Gregoriana-Universität ausgebildete Psychologe ist heute Noviziatsleiter im nigerianischen Erzbistum Benin City und begleitet als Seelsorger Opfer sexueller Gewalt in der Kirche.

„Wie wir Opfer aus dem Trauma herauskommen, ist unsere Sache“

Was er bei diesem pastoralen Einsatz zu hören bekomme, „lässt einen sprachlos und am Boden zerstört zurück“, referierte der Ordensmann. „Diejenigen, die skeptisch und zweifelnd sind, sollen wissen, dass es zahlreiche Personen des geweihten Lebens gibt, die Opfer sexuellen Missbrauchs sind." Pater Nwadike brachte das Beispiel einer mehrfach von Seminaristen und Priestern vergewaltigten Ordensfrau zu Gehör, die beim Versuch, Gerechtigkeit zu erlangen, von ihrer Oberin mit dem Verweis auf den Ruf der Kongregation abgewiesen wurde. „Wie wir Opfer aus dem Trauma herauskommen, ist unsere Sache“, zitierte der Jesuit aus dem Protokoll der Schwester und fügte hinzu, das sei „die Realität einer großen Zahl von Ordensfrauen".

Einigen Ordensoberinnen fehle das Einfühlungsvermögen und das Mitgefühl, um ihre missbrauchten Mitglieder zu unterstützen, es gebe auch solche, die nicht bereit seien, ihren sexuell missbrauchten Mitschwestern Therapiesitzungen zu genehmigen. Die Unsensibilität setze sich bis hin zu den geistlichen Begleitern fort, „viele Überlebende leiden an einem Mangel an Mitgefühl von ihren Oberen, Ausbildnerinnen und Beichtvätern“, erklärte der Jesuit. Zwar ermutige und verpflichte Papst Franziskus in seinem Schreiben ausdrücklich die Betroffenen, ihre Peiniger anzuzeigen, „aber die Wirklichkeit unter den Ordensleuten hier in Afrika hat sich seither nicht viel geändert“.

Was brauchen Betroffene? Mitgefühl

Pater Nwadike riet Kirchenleuten, denen sich missbrauchte Ordensfrauen anvertrauen, die Betroffenen zu schützen, ihnen Empathie und Mitgefühl zu zeigen, ihnen zu glauben und der Versuchung zu widerstehen, die Aussagen anzuzweifeln. Die Opfer bräuchten ferner angemessene therapeutische Unterstützung, und es sei ein Verfahren zur Meldung an den Kinderschutzbeauftragten der Diözese oder des Ordens einzuleiten. „Stellen Sie sicher, dass das Opfer sehr gut vorbereitet und geschützt ist, bevor, während und nachdem der Untersuchungsprozess beginnt", sagte Pater Nwadike während des Seminars. „Es ist normalerweise ein sehr schmerzhafter Prozess für das Opfer und erschreckend beschämend für den Täter."

(aciafrica - gs)

03 Mai 2021, 16:34